Das (verlorene) Paradies [zu Ostern]

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Auf der Erde legte er einen Garten an, das Paradies, eine Heimat für sein Geschöpf, den Menschen. Dieses Paradies ist nicht allein ein mythischer Ort. Die Bibel gibt eine Ortsangabe. Das Paradies ist dort gewesen, wo sich die großen Flüsse befinden, von denen zwei der Euphrat und Tigris sind (Gen 2,11). Es gibt verschiedene Hypothesen über den Ort des Paradieses. Eine der verbreitetsten ist: Das Paradies lag am Nordende des persischen Golfes, im heutigen Iran. Seine Flüsse greifen aus nach dem heutigen Irak und nach Syrien, über die arabische Halbinsel nach Äthiopien und östlich nach Indien. Die Flüsse umfließen den Golf, der an der heutigen Straße von Hormus endet. Dies ist die Gegend des Paradieses.

Dieses Paradies ist kein Paradies mehr. Wir schauen durch den Blick der Nachrichten auf eine Weltregion, die von Bomben und Drohnen erschüttert wird, von Feindschaft, Terror und Großmachtstreben. Paradise lost – das Paradies ist verloren.

John Milton schrieb im 17. Jahrhundert sein gewaltiges Gedicht mit dem Titel „Paradise lost“. Es ist ein Text über das Verhängnis der Welt und wie es dem Teufel und seinem Gefolge gelang, sich des Paradieses zu bemächtigen. In seinem Mythos vom verlorenen Paradies schildert Milton die Schönheit und Unschuld dieses Ortes. Dem Teufel gelingt es, die Mauern des Paradieses zu überwinden. Er sieht all die Schönheit und dann auf einer Anhöhe den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Dieser Baum entscheidet über Leben und Tod. „Wenn ihr die Früchte dieses Baumes esst, dann werdet ihr sterben“ – so lautet das Gebot, das einzige, das Gott dem Adam auf den Weg gibt (Gen 2, 17). Der Teufel erklettert den Baum. Milton schreibt:

„Auf zum Lebensbaum, des Garten höchstem, schwang er sich und saß hier als Rabe; doch nicht wahres Leben sog er aus ihm; er sann ja denen Tod, die lebten und gedachte nicht der Kraft in diesem lebensspendenden Gewächs. Zur Umschau braucht er nur, was, recht gebraucht, Unsterblichkeit verlieh. So wenig weiß ein anderer als Gott selbst das nächste Gut zu würdigen; auch das Beste wird missbraucht zu Kleinlichstem, wenn nicht zu schlimmstem Zweck“.[1]

Es braucht nicht viel. Nur ein wenig zu viel Neugier des Menschen, damit er die Kraft des Baumes versteht, annimmt und missbraucht. Wähle Tod oder Leben – er entscheidet sich für den Tod.

„Wähle Tod oder Leben“ – dieses Wort sagt Mose, als er den Israeliten auf der Wüstenwanderung das Gesetz vorliest, das Gott ihm am Sinai anvertraut hat (Dtn 30, 11-20). Aus Ägypten, dem Land des Todes und der Unterdrückung ist das Volk Gottes in die Freiheit aufgebrochen. Das gelobte Land soll ein wiedergefundenes Paradies werden. Die Wanderung ist zugleich eine innere Wanderung zu Gott als Quelle des Guten. In einem tragbaren Heiligtum, der Lade, werden die Gesetzestafeln mitgeführt. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse erhält hier im Wort Gottes eine neue Form. Bei Gott ist das Gute, bei ihm ist das Leben und du kannst wählen.

Auf einem Hügel kurz vor den Toren der Stadt am Heiligtum des gelobten Landes wird ein Baum aufgerichtet. Johannes von Damaskus (650-754) schreibt über das Kreuz Jesu:

„Siehe, der Tod Christi oder das Kreuz hat uns mit Weisheit und Kraft Gottes bekleidet. Das Wort vom Kreuz verheißt den Sieg über den Tod. Es offenbart die die Kraft Gottes, die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite in der alle sichtbare und unsichtbare Schöpfung zusammengehalten wird. […] Es ist Schild und Waffe und Siegeszeichen gegen den Teufel. Es ist Halt der Stehenden, Stütze der Schwachen, Stab der Geleiteten, Führer der Umkehrenden, Vollendung der Fortschreitenden, Heil der Seele und des Leibes, […] Tilgung der Sünde, reis der Auferstehung, Baum ewigen Lebens.“[2]

Hier unterscheidet sich Gut und Böse, Tod und Leben. Das Gute siegt. Das Leben siegt. Die Auferstehung bezeugt dieses Geschehen. Das Leben kehrt zurück. Der tote Stamm des Holzes treibt neu aus. Grüne Zweige und Früchte wachsen an den Ästen – so ist es in vielen mittelalterlichen Kreuzesdarstellungen zu sehen. Die Worte Jesu klingen an ihm nach: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,31f.) „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,34f.). „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).

Dies ist das österliche Dasein: Die Wahl des Guten und des Lebens. Es ist die Wahl für Jesus Christus. Er, von dem wir heute bekennen: Er ist wahrhaft auferstanden. Er hat den Tod besiegt und das Leben neu geschaffen. 

Beitragsbild: Das Kreuz als Lebensbaum, San Clemente, Rom.


[1] John Milton, Das verlorene Paradies, Viertes Buch, Verse 195-205.

[2] Johannes von Damaskus, Darlegung des Orthodoxen Glaubens, IV, 11.

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