Wann haben Sie den Satz „Das haben wir immer schon so gemacht!“ zum letzten Mal gehört? Dieser Satz begegnet mir in unterschiedlichen Variationen recht häufig, etwa bei Hausbesuchen oder im Zusammenhang mit unseren Gemeinden. Jede Familie, jede Organisation, jedes Gemeinwesen prägt mit der Zeit eigene Riten und Traditionen aus. Gewohnheiten schleifen sich ein oder setzen sich mit der Zeit durch. Wir wachsen mit Traditionen selbstverständlich auf. Sie geben uns eine gewisse Sicherheit und eine Verlässlichkeit, markieren Grundlinien des Zusammenlebens – und sind derzeit gesellschaftlich auch wieder stärker gefragt. Ganz traditionslos geht es offenbar nicht. Und zugleich markiert der Satz „Das haben wir immer schon so gemacht“ natürlich auch ein Revier. Die Pflege von gemeinsamen Überzeugungen, Riten und Bräuchen grenzen die Mitglieder einer Gruppe von Mitgliedern einer anderen Gruppe ab.
Das Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen kann als eine Auseinandersetzung über die Tradition gelesen werden. Dazu ist es nützlich, sich die Stelle etwas genauer zu erschließen:
Kleine Unterschiede führen manchmal zu großem Streit. Wenn man versucht, zu ergründen, weshalb Juden und Samariter miteinander verfeindet waren, der trifft auf allerhand geschichtliche Hypothesen.[1] Jedenfalls wird von diesem Konflikt mehrfach in den Evangelien gesprochen. Man kann davon ausgehen, dass die Feindschaft zur Zeit Jesu tatsächlich bestand. Juden wollten mit Samaritern nichts zu tun haben und umgekehrt. Bei den Samaritern handelte es sich um eine Gruppe von Menschen jüdischer Religion, die auf dem Gebiet der Provinz Samarien siedelten, dem Landstreifen zwischen Galiläa und Judäa. In der Zeit nach dem babylonischen Exil (5. Jh. v. Chr.) oder auch erst zur persischen Zeit (2. Jh. v. Chr.) hatte sich dort eine eigene jüdische Gemeinde gebildet. Sie baute ein eigenes Heiligtum für den Gott Israels auf dem Berg Garizim, ganz in der Nähe des Ortes Sychar, wo die Szene des heutigen Evangeliums (Joh 4) spielt. Samariter und Juden unterscheiden sich also nicht im Glauben an den Gott Israels. Sie halten sich an die gleichen heiligen Schriften. Sie haben lediglich unterschiedliche Heiligtümer. In Wirklichkeit war es wohl noch etwas komplizierter, weil wie so oft religiöse, kulturelle und politische Komponenten miteinander verflochten haben, die letztlich über eine längere Zeit zu einer solchen Rivalität führen.
Jesus trifft also auf eine samaritanische Frau. Sie begegnen sich am Jakobsbrunnen. Das ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier hatte Jakob auf seiner Flucht vor seinem Bruder Halt gemacht und seine spätere Frau Rahel kennengelernt. Wenn man so möchte, ist hier das spätere Volk Israel entstanden, das auf Jakob und seine zwölf Söhne zurückgeht. An diesem Ort entspinnt sich zwischen Jesus und der Frau ein Gespräch. Es ist ein Fachgespräch. Es geht um die Gegensätze zwischen der jüdischen und der samaritischen Tradition. Und es geht um den Glauben an den Messias. Das Johannesevangelium komponiert die Szene nach seiner eigenen Theologie. Kurz vorher war die Tempelreinigung erzählt worden (Joh 2), in der Jesus symbolisch die Zeit des Jerusalemer Tempels für beendet erklärt hat, da die neue Gemeinschaft des Volkes mit seinem Gott nicht mehr von einem bestimmten Ort ausgeht, sondern vom Glauben an Jesus Christus als dem Sohn Gottes. „Allen, die an ihn aufnehmen gab er Macht Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Jesus nimmt diesen Gedanken im Gespräch wieder auf. Nicht Jerusalem und auch nicht Garizim sind künftig mehr der Ort, um Gott anzubeten. „Die wahren Beter beten Gott an im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23). Und Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass er der verheißene Messias ist, der diese neue Zeit des Geistes anbrechen lässt (Joh 4,26). Der Messias wird immer als der „Geistträger“ verstanden (vgl. die Taufe Jesu).
Daher gilt: Nicht mehr das Wasser der Tradition bringt mehr das Leben, sondern das lebendige Wasser, das Christus bringt (Joh 4,10). Jesus kündigt einen Bruch mit der Tradition an. Mit dem Beginn einer neuen Zeit, der Zeit des Messias wird es nötig, verliert die überkommene Tradition ihre Wahrheit. Hier kommt etwas Neues. Zugleich führt dieses Neue die Menschen aus den Umgrenzungen ihrer bisherigen Volkszugehörigkeit heraus. Das Alte steht in Frage.
In den klassischen Bekehrungsgeschichten vieler großer Glaubenszeugen (z.B. Augustinus) spielt dieser Moment eine wichtige Rolle. Ein Mensch begegnet in Christus der Wahrheit, die sein bisheriges Leben hinterfragt und auf den Kopf stellt. Ich musste an die Exerzitien, an die Geistlichen Übungen des Ignatius denken. In ihnen geht es darum, sich die Gestalt Jesu immer wieder neu vor Augen zu stellen. Wenn ich sein Leben betrachtet – welche Wahrheit für mein eigenes Leben erkenn ich daraus? Was könnte mein Auftrag sein, mein Aufbruch, das Neue, was mir verheißen ist?
Im Evangelium zeigt diese Begegnung mit Jesus unter den Samaritern deutliche Früchte. Viele kommen zum Glauben an ihn. Sie brechen aus ihren alten Sicherheiten auf.
Vielleicht ist im Evangelium ein kleines „Exerzitium“ für die Fastenzeit verborgen. Ich könnte mir einfach einmal drei Traditionen, drei Sicherheiten meiner eigenen Lebensgeschichte vornehmen und sie im Licht des Evangeliums neu befragen. Sprechen sie noch zu mir? Sind sie noch sinnstiftend, oder wäre es Zeit die Dinge noch einmal anders zu betrachten und anzugehen. Die in der Fastenzeit angemahnte „Umkehr“ trägt diesen Zug – immer auf der Spur zu sein des Lebens in Fülle (oder eben auch des „lebendigen Wassers“), die meinem Leben immer wieder eine gute Richtung geben kann.
[1] Bei Interesse: Samaritaner – die-bibel.de