Am 31. Januar fand in Stuttgart die sechste und letzte Synodalversammlung des „Synodalen Wegs“ der deutschen Bischöfe und des ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) statt. Nach sechs Jahren ist damit ein langer Prozess der Neuausrichtung der Katholischen Kirche in Deutschland zu Ende gegangen. Wenn auch die Diskussion zuletzt weniger in der Synodenaula stattfand (hier schien man sich inhaltlich weitgehend einig), wurde sie doch umso heftiger über den „Synodalen Weg“ selbst geführt. Gleich mehrere römische Interventionen begleiteten die deutsche Versammlung. In der Gemeinschaft der deutschen Katholiken gab es kein einheitliches Bild. Meine persönliche Wahrnehmung war, dass das synodale Geschehen auf eher wenig Interesse an der Basis stieß.
Einige Bischöfe blieben der Abschlussversammlung gleich demonstrativ fern. Der Kölner Kardinal Rainer Wölki begründete dies mit formalen Gründen, ließ aber in einem Interview auch durchblicken, dass die Synodalversammlung nicht das erfüllt habe, was Papst Franziskus von ihr forderte. Auf Nachfrage sagte Wölki: „Synodalität heißt für mich: gut aufeinander hören, jeder kann seine Sicht einbringen. Und vor allem: gemeinsam auf das hören, was der Heilige Geist uns sagt, gemeinsam beraten und unterscheiden. Die Entscheidung aber trifft am Ende derjenige, der das Amt dafür übertragen bekommen hat und der sich vor allem dem Glauben der Kirche verpflichtet wissen muss – idealerweise einmütig, nachdem wirklich aufeinander und auf Gott gehört worden ist.“[1] Die Kritik an der Art und Weise der Diskussion, auch an den Inhalten der Beratungen klingt deutlich durch. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele der Bischöfe, vielleicht auch der sonstigen Teilnehmer ein wenig synodenmüde geworden sind und nicht mehr mit voller Begeisterung nach Stuttgart fuhren.
Auf der anderen Seite bemühten sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing und die Co-Vorsitzende der Synodalversammlung Irme Stetter-Karp um ein ausgewogenes Resümee. Der Synodale Weg habe ihrer Meinung einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Katholischen Kirche in Deutschland geleistet, auch wenn sich nicht alle Reformerwartungen verwirklichen ließen. Es war aus meiner Sicht von vornherein unrealistisch, gesamtkirchliche Fragen durch ein deutsches Gremium entscheiden oder zumindest beeinflussen zu wollen. Die katholische Kirche in Deutschland ist aus der Sicht Roms längst aus der Reihe der „Schwergewichte“ herausgefallen und spielt eher in der zweiten Liga.
Allerdings glaube ich auch, dass der Synodale Weg die Katholische Kirche in Deutschland verändert und geprägt hat, wenn auch vielleicht anders, als es in den Schlussverlautbarungen deutlich wurde.
Frau Stetter-Karp verwies auf die Notwendigkeit, als Kirche in einer politisch und gesellschaftlich gespaltenen Welt einen Gegenakzent zu setzen. Sie sagte: „Von daher ist es ein Zeichen der Zeit, dass wir Katholikinnen und Katholiken in Deutschland mehr Demokratie in unserer Kirche etablieren wollen. Gerade jetzt sagen wir damit: Menschenwürde und Teilhabe, Solidarität und die Verlässlichkeit des Rechts dürfen nicht auf dem Altar der Macht geopfert werden. Wir brauchen ein Gegengewicht zu dieser Entwicklung! Mit dem Synodalen Weg sind wir ein solch lebendiges Gegengewicht.“[2] Inwiefern ein Diskussionsforum deutscher Katholiken die allgemeine Weltlage beeinflussen kann, erschließt sich mir spontan nicht. Aber auch innerkirchlich darf man sicher nach der Neuheit demokratisch organisierter Gesprächsformate fragen.
Bischof Bätzing verwies auf die Synodalkonferenz, der als Beratungsgremium der Bischofskonferenz nun den eingeschlagenen Weg weiterführen soll. Bätzing sagte: „Wir kreisen mit dem Synodalen Weg nicht um unseren eigenen Kirchturm. Die künftige Synodalkonferenz will und soll ja gerade zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung beziehen – Laien und Bischöfe gemeinsam. Das ist eine kraftvolle Allianz, mit der wir in der Öffentlichkeit wahrnehmbar sein können.“ Dieses Statement wirkt recht defensiv. Schließlich ist noch offen, mit welchen Kompetenzen das neue Gremium nach römischer Prüfung ausgestattet sein wird. Abgesehen davon, scheint dessen Einrichtung nicht besonders innovativ. Bislang gab es mit dem „Gemeinsamen Ausschuss“ bereits ein gemischtes Gremium aus Bischofskonferenz und ZdK. Schon die Würzburger Synode von 1968, in deren geistiger Nachfolge der Synodale Weg sich der Synodale Weg zum Teil epigonenhaft bewegte, hatte im Beschluss „Räte und Verbände“ die Strukturen von Mitbestimmungsgremien umrissen. Wir bewegen uns also auf vertrautem Terrain.
Das Abschlussdokument der Stuttgarter Versammlung knüpfte an den Ausgangspunkt des Synodalen Weges an und betonte das Ziel, durch strukturelle Veränderungen bei Kontrolle und Beschneidung bischöflicher Vollmacht präventiv im Sinne der Verhinderung von sexueller Gewalt innerhalb der Kirche zu wirken. Die MHG-Studie, die den Missbrauch dokumentierte, hatte hier Empfehlungen gegeben. Allerdings hat die in der Zwischenzeit erschienene vergleichbare Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland gezeigt, dass synodale Strukturen als solche keine automatische eindämmende Wirkung haben. Die Wirksamkeit hinsichtlich der Prävention wird sich also noch bewähren müssen.
Aus meiner Sicht hat der Synodale Weg eher auf anderen Feldern als den genannten tatsächliche Wirkung erzielt, welche die Kirche nachhaltig prägen wird. Dies betrifft vor allem drei Punkte:
- Neuformulierung der kirchlichen Sexualmoral: Auch wenn das entsprechende Grundsatzpapier zu diesem Thema knapp an den nötigen Mehrheiten in der Synodalversammlung vorbeischrammte, haben die Bistümer weite Teile bereits in ihre „policy“ übernommen. Dazu gehört vor allem eine nun moraltheologisch positive Bewertung nicht-heterosexueller Identitäten und Lebensformen, sowie insgesamt nicht-ehelicher Partnerschaften. Dies entspricht den Forderungen der weitgehend gendersensiblen Verbände und nicht-heterosexueller kirchlicher Mitarbeiter (auch Priester), die sich z.B. in der Aktion „Out in church“ artikulierten.
- Neufassung des kirchlichen Arbeitsrechts: Auch mit Blick auf die eben erwähnten moraltheologischen Bewertungen wurde das kirchliche Arbeitsrecht verändert. Dies war aus Sicht vieler Bischöfe auch aufgrund der Konflikte mit dem staatlichen Arbeitsrecht nötig geworden. Durch die Erfindung der „institutionellen Katholizität“ koppelte man das kirchliche Arbeitsverhältnis in weiten Teilen vom persönlichen Glaubens- und Lebenszeugnis der Mitarbeiter ab. In einer Zeit rapide abnehmender Glaubenspraxis und damit einer Verknappung des Angebots potentieller katholischer Arbeitnehmer, setzte man hier das Zeichen, die bisherige Arbeit der kirchlichen Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und sozialen Einrichtungen fortzusetzen.
- Zusatzinstanzen: Neben den schon erwähnten zusätzlichen oder neuen Gremien, die mit mehr Befugnissen zur Mitarbeit an der bischöflichen Leitung ausgestattet sein sollen, etabliert sich in vielen Bistümern gerade eine neue Leitungsstruktur. Die Bischöfe setzen bei der Leitung der Verwaltung, aber auch der Pfarreien zunehmend auf Leitungsteams. Dabei ist die in vielen Verbänden bereits praktizierte Leitung durch eine „Doppelspitze“ ein beliebtes Modell geworden. In einigen Bistümern wird als Entscheidungsinstanz schon jetzt nicht mehr der Bischof genannt, sondern die „Bistumsleitung“. Die Hoffnung ist, dass die Leitung kirchlicher Institutionen so gerechter, ausgewogener und damit qualitativ besser wird. Ob dies angesichts schrumpfender Kennzahlen effektiv ist, kann bezweifelt werden. Teurer ist es auf jeden Fall. Aus dem Bistum Limburg ist bereits zu vernehmen, dass die überall angestrebten Doppelspitzen bereits aus finanziellen Gründen wieder kassiert werden.
Wer hat also vom Pastoralen Weg profitiert? Als erstes scheint mir, dass der Synodale Weg ein Erfolg des ZdK ist. Vor 10 Jahren hatte man den Eindruck, dass die Bedeutung des ZdK bereits deutlich zurückgegangen war. Beim Dialogprozess der Bischöfe um das Jahr 2010 hatte man als Vertretung der Kirchenbasis auch andere Gruppen, etwa geistliche Gemeinschaften, fremdsprachige Gemeinden oder auch konservativere Gruppierungen eingeladen. Sie bildeten ein Gegengewicht zum eher akademischen und gesellschaftlich weitgehend liberal gesinnten ZdK. Das Zentralkomitee hat es vermocht, nun wieder einen Alleinvertretungsanspruch für die „Laien“ zu beanspruchen. Dabei haben es gerade die im ZdK stark vertretenen katholischen Verbände (Kolping, kfd, ND, BDKJ etc.) vermocht, viele ihrer verbandlichen Ideen von demokratischen Verfahren und Ämtern im Synodalen Prozess zu etablieren. Es ist kein Wunder, dass der Synodale Weg von anderen kirchlichen Gruppierungen viel Gegenwind erfuhr und längst nicht mit breiter Akzeptanz in der Weite des „Volkes Gottes“ aufgenommen wurde. Profitiert haben zudem die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Einfluss durch die neuen Leitungsstrukturen stark gestiegen ist.
Verloren hat im Synodalen Weg das kirchliche Amt. Dies war auch zu erwarten gewesen. Dabei ist auffällig, dass in der Synodendiskussion häufig nicht mehr zwischen jurisdiktioneller und sakramentaler Vollmacht von Bischöfen oder Priestern unterschieden wurde. Dass es einer verbesserten Kontrolle in Bereichen der Finanzverwaltung, der Personalführung, auch der pastoralen Gestaltung von Bistümern, Pfarreien und Einrichtungen bedurfte, war zu Beginn des Synodalen Wegs auch unter Bischöfen weitgehend unstrittig. Im Kern zielte der Synodale Weg aber auch auf eine Neuverteilung sakramentaler Vollmachten. Diese betrifft die geistliche Leitung, aber auch die Feier des Gottesdienstes, die Verantwortung für die Verkündigung und die Feier der Sakramente. Dass es hier weiter Vorrechte des geistlichen Amtes geben sollte, schien zunehmend anfragbar. Zudem wurde die Diskussion um die Empfänger des Weiheamtes neu befeuert. Die Bischöfe wirkten hier offener als je zuvor – oder hilfloser, je nachdem, wie man es beurteilen möchte.
Ob das nun angestrebte neue Gremium der Synodalkonferenz tatsächlich substantiell etwas zum Wachsen der Katholischen Kirche in Deutschland beitragen kann, ist unwahrscheinlich. Die Bischofskonferenz (DBK) ist in puncto Entscheidungen keine wichtige Größe. Es gibt keine „nationale“ katholische Kirche. Alle Entscheidungen müssen in den einzelnen Bistümern von den jeweiligen Ortsbischöfen umgesetzt werden. Die Bischofskonferenz kann ihnen keine Vorschriften machen. Schaut man, was der Gegenstand der Beratungen der DBK ist, dann geht es hier um Auseinandersetzungen mit aktuellen Fragen, um Grundsatzpapiere die als Arbeitshilfen von gemischten Expertenkommissionen erstellt werden. Ob die besser werden, wenn sie in noch größerer Runde besprochen werden? Zudem gibt es einige Personalfragen zu klären. Wichtiger ist eigentlich, was die Bistümer über den VDD (Verband der Diözesen Deutschlands) beschließen. Hier geht es um Finanzen und Recht. Vielleicht wäre es eher sinnvoll, dem VDD ein Kontrollgremium der Kirchensteuerzahler an die Seite zu stellen, um die sinnvolle Verwendung von Kirchensteuermitteln für überdiözesane Aufgaben zu überwachen. Die „Synodalkonferenz“ steht in der Gefahr, ein reiner Papierproduzent und teurer Zeitfresser zu werden. Es ist doch jetzt schon abzusehen, dass es kein „starkes“ Gremium werden wird. Das wird Rom verhindern. Schwache Gremien allerdings haben wir schon genügend. Schon jetzt zeigt sich in den Bistümern ja deutlich, wie eine im Vergleich zur schrumpfenden Zahl an Akteuren immer größer werdende Bürokratie und lange Entscheidungswege über Beratungen und Gremien das kirchliche Leben an der Basis deutlich verkomplizieren. Man hätte sich vom Synodalen Weg eher gewünscht, dass er wenigstens eine Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau hervorgebracht hätte, statt immer mehr Gremien einführen zu wollen.
Die beschriebenen Veränderungen oder „Verschiebungen“ in der Kirchenarchitektur mögen von den einen als Fortschritt, von anderen als Rückschritt in die 70er Jahre angesehen werden. Auf jeden Fall vergrößern sie derzeit die Abstände zur Weltkirche. Darauf hat Papst Franziskus im Laufe des Prozesses immer wieder hingewiesen. Er wollte die Deutschen gerne in seinen weltweiten synodalen Prozess einbinden und nationale Sonderwege vermeiden. Damit bleibt es offen, ob die Errungenschaften des Synodalen Wegs zum Modell für die Gesamtkirche werden, oder lediglich eine Episode bleiben.
Wie also ist der Synodale Weg zu bewerten? Ich möchte den Vorschlag machen, die Ergebnisse der Versammlungen nun synodal an der Kirchenbasis zu diskutieren. Ich könnte mir dabei die folgenden Leitfragen vorstellen:
- Fühlen Sie sich als Kirchenmitglied durch den Synodalen Weg gut repräsentiert?
- Glauben Sie, dass die Ergebnisse des Synodalen Wegs eine Hilfe bei der Prävention von sexueller Gewalt in der Kirche sein werden?
- Glauben Sie, dass der Synodale Weg mehr Menschen den Zugang zum Glauben ermöglichen wird?
- Ebnet der Synodale Weg einen guten Weg für die Zukunft der Katholischen Kirche?
- Halten Sie es für richtig, dass hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (auch Priester) in der Pastoral in Zukunft mehr Leitungs- und Koordinierungsaufgaben erhalten werden?
- Sehen Sie in den Beschlüssen des Synodalen Wegs für die Zukunft eine gute Orientierung in gesellschaftlichen Fragen?
- Braucht es noch Priester und Bischöfe?
Ich würde vorschlagen, die Rückmeldungen der Kirchenbasis abzuwarten, die derzeit vor allem mit Kompensation des Personalmangels beschäftigt ist, mit der Gestaltung neuer Großpfarreimodelle und der Schließung von Kirchen und Einrichtungen. Nur was sinnvoll ist, sollte auch gemacht werden. Im Augenblick sieht es eher so aus, als würde die Kirche derzeit eher in eine Verkomplizierung ihrer Strukturen investieren, statt die letzten Kräfte für die seelsorgliche Arbeit zu mobilisieren. Man sollte dem jetzt zu Ende gegangenen Synodalen Weg quälende Fortsetzungsprogramme ersparen.
[1] Kardinal Woelki erläutert Ausstieg vom Synodalen Weg
[2] Sechste Synodalversammlung in Stuttgart beendet: Deutsche Bischofskonferenz