Aufbruch und Rückschritt – Papst Leo über ein zeitgemäßes Priesterbild

Letzte Woche fand ich auf dem Medienportal der deutschen Bischöfe, „katholisch.de“ einen Artikel über das Priesterbild von Papst Leo XIV.[1] Der Autor, Fabian Brand, bezog sich auf ein Apostolisches Schreiben des neuen Papstes, das dieser im Dezember veröffentlicht hatte. Anlässlich des 60. Jahrestages der Dekrete über das Priestertum und die Ausbildung der Priester, die das II. Vatikanische Konzil vorgelegt hatte, versucht Leo, die heutige Situation der Priester im Licht der Konzilstexte zu betrachten.[2]

Ich bin für den Artikel dankbar, weil er mich auf diesen Text des Papstes aufmerksam gemacht hat. Die Analyse des Textes hat mich jedoch nicht zufriedengestellt. Mein Eindruck ist, dass der Diskurs über das Priestertum in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist. Im Vergleich zwischen offiziellen Schriften deutscher Bischöfe und dem Synodalen Weg auf der einen Seite und Rom auf der anderen, bekomme ich zunehmend den Eindruck, dass wir hier in zwei verschiedenen Welten unterwegs sind.

Der „katholisch.de“-Artikel spiegelt dabei den in Deutschland vorherrschenden Mainstream innerhalb der Pastoraltheologie wider, der sich auch im Synodalen Weg deutlich artikulierte. Fabian Brand lobt in seiner Besprechung des Papstschreibens auf der einen Seite den wachen Blick Leos für die gegenwärtigen Herausforderungen, denen sich die Priester und eine zeitgemäße Priesterausbildung ausgesetzt sehen. Auf der anderen Seite findet er allerdings Hinweise auf ein nach seiner Sicht weiter fortgeschriebenes „veraltetes“ Priesterbild. Einem neutralen Leser leuchtet dies nicht sofort ein, rezipiert der Papst doch vor allem die Konzilsdokumente und gibt einige Hinweise zu deren Auslegung in der heutigen Zeit. Dass er dabei aber weiterhin selbstverständlich von einer besonderen priesterlichen Sendung ausgeht und die „Brüderlichkeit“ der Priester als Teil ihres Lebens hervorhebt, erregt bei Brand Argwohn: Wird hier unter der Hand nicht doch der „Klerikalismus“ gefördert?

„Klerikalismus“ ist längst zum Kampfbegriff der kirchlichen Erneuerung geworden. Es war besonders Papst Franziskus, der hinsichtlich des geistlichen Amtes immer wieder deutliche Warnungen an Priester und Bischöfe ausgegeben hatte. Priester sollten sich, so Franziskus, nicht entfremden, nicht durch ein Standesdenken abheben wollen und Privilegien für sich beanspruchen. Sie sollen nicht heuchlerisch sein, sondern ehrlich leben, was sie verkünden. Im deutschen Kontext wurde „Klerikalismus“ zum Schlagwort für eine Haltung, die den Missbrauch an Kindern und Erwachsenen in der Katholischen Kirche befördert hat. Weil Priester eine herausragende Stellung in den Gemeinden haben, galten sie in den Augen vieler Gläubiger als „unhinterfragbar“. Es gab einen Vertrauensvorschuss gegenüber Geistlichen, der einigen von ihnen dazu gedient hat, Missbrauchstaten zu verschleiern oder mögliche Betroffene oder Zeugen unglaubwürdig zu machen. Das hat es tatsächlich gegeben, wie die Missbrauchsstudien beweisen. Es war daher ein Anliegen des Synodalen Weges, unter dem Vorzeichen der „Missbrauchsprävention“, die Stellung, den Einfluss und die Macht von Priestern und Bischöfen besser zu kontrollieren. Die Diskussion weitete sich schnell dahingehend aus, die besondere Stellung der Amtsträger in der Katholischen Kirche insgesamt zu beschneiden und Leitungsfunktionen in den Bistümern, Pfarreien und Einrichtungen zunehmend Nicht-Priestern zu übertragen. Dieser Prozess ist seit einigen Jahren auch aufgrund des Fehlens von Priestern im Gang.

Die Tendenz geht, so mein rein subjektiver Eindruck, dahin, das geistliche Amt auf längere Sicht in seiner bestehenden Form zu überwinden, also eine priesterlose Form der katholischen Kirche zu entwickeln, in der die klassischen priesterlichen Funktionen, der Leitung der Gemeinden, der Feier der Sakramente und der Verkündigung auf andere Personen übergehen. Im Bereich der Verkündigung ist dies in den letzten Jahrzehnten längst geschehen. Für die Leitung der Pfarreien wird mit allerhand kirchrechtlichen Klimmzügen versucht, den eigentlich verbindlichen Standard der priesterlichen Leitung auszuhebeln. Dies wird angesichts des Priestermangels nach meiner Wahrnehmung nicht bloß als „notwendige Anpassung“ in schwierigen Zeiten gesehen, sondern grundlegend als Transformationsgeschehen (um mal wieder ein anderes Buzz-Word zu verwenden) der gesamten Kirche.

Dabei ist eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung zu beobachten. Was ich eben zitierte, sind Tendenzen, die von der Pastoraltheologie, von Gremien und Verbänden innerhalb der katholischen Kirche unterstützt werden, zunehmend auch von Bischöfen. In den Gemeinden sieht es noch etwas anders aus. Das Gespräch mit Personalverantwortlichen der Bistümer offenbart, dass auch durchaus liberal gesinnte Engagierte in Pfarreien doch immer noch vom Pfarrer als Gemeindeleiter ausgehen. Anders ist es kaum verständlich, warum die Reaktionen auf Mitteilungen der Personalabteilungen, dass offene Priesterstellen nicht besetzt werden können, selten Begeisterung hervorrufen – um es vornehm zu sagen. Man könnte nun argumentieren, dass sich die Gemeinden halt noch nicht auf dem aktuellen Stand des geistlichen Fortschritts befinden. Sie werden auf jeden Fall zunehmend ohne Priester auskommen müssen.

Muss also nur der „Klerikalismus“ in den Köpfen der Leute verschwinden, um der neuen, reformierten katholischen Kirche zum Durchbruch zu verhelfen? Dagegen sprechen zwei Dinge: Zum einen die jahrhundertelange Tradition der Kirche, die ihre Lehre von den Sakramenten und damit auch den Priestern zwar immer wieder angepasst aber nie grundsätzlich verändert hat. In dieser Tradition steht (notwendigerweise) Papst Leo, wenn er auf die Lehrdokumente des Vaticanums verweist. Zum anderen sprechen aber auch praktische Erwägungen gegen eine baldige Verdrängung des priesterlichen Dienstes. Es ist ja keineswegs so, als würde diese durch den priesterlichen Dienst geprägte sakramentale Dimension der Kirche an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil. Dort, wo die katholische Kirche in Europa derzeit wächst, tut sie es in ihrer traditionellen Form. Ein Bekannter drückte es vor Kurzem so aus: „Alles was Aufbruch in der Kirche ist, ist derzeit liturgisch grundiert.“ Er meinte: Menschen, die sich neu für den katholischen Glauben interessieren, tun dies, gerade weil die Kirche ihre historisch geprägte sakramental- amtliche Form bewahrt hat. Das soll nicht heißen, dass diese Form unkritisch hingenommen werden sollte und keine Änderungen erfahren darf.    

Papst Leo hebt in seinem Apostolischen Schreiben zwei Schwerpunkte hervor, die ihm für die Ausübung des priesterlichen Dienstes in unserer Zeit besonders wichtig erscheinen. Es geht zum einen um die Dimension der Gemeinschaft.[3] Priester sollen keine Einzelkämpfer sein. Sie stehen in der Gemeinschaft mit vielen Menschen, in den Gemeinden, aber eben auch und in besonderer Weise mit anderen Priestern. Als Gemeinschaft, „Kollegium“, ergänzen sich Stärken und kompensieren sich Schwächen der Einzelnen. Bezogen auf die Zusammenarbeit mit den Gläubigen schreibt Leo:

„Um eine Ekklesiologie der Gemeinschaft immer besser zu verwirklichen, muss der Dienst des Priesters das Modell eines exklusiven Führungsstils überwinden, der zu einer Zentralisierung der Pastoral und zur Last all der ihm allein übertragenen Verantwortlichkeiten führt. Stattdessen muss der Dienst des Priesters zu einem immer kollegialeren Führungsstil gelangen, in Zusammenarbeit zwischen den Priestern, den Diakonen und dem gesamten Volk Gottes, in jener gegenseitigen Bereicherung, die das Ergebnis der Vielfalt der vom Heiligen Geist geweckten Charismen ist.“ (Nr. 22).

Diese Aussage beinhaltet eine klare Absage gegen den Klerikalismus. Leo führt hier, wenn auch in mäßigerem Ton, das Erbe von Papst Franziskus weiter. Dies tut er auch in seinem zweiten Schwerpunkt, wenn er von der priesterlichen Mission spricht.

Hier kommen wir an den vielleicht entscheidenden Punkt, an dem sich die Sichtweisen Roms und der pastoraltheologischen Sicht in Deutschland deutlich gegenüberstehen. Leo schreibt in Nr. 24:

„In unserer heutigen Welt, die von einem rasanten Tempo und dem Drang zur Hyperkonnektivität geprägt ist, was uns oft hektisch macht und zu Aktivismus verleitet, gibt es mindestens zwei Versuchungen, die der Treue zu dieser Mission entgegenstehen. Die erste besteht in einer auf Effizienz ausgerichteten Mentalität, bei der der Wert des Einzelnen an seiner Leistung gemessen wird, d.h. an der Menge der durchgeführten Aktivitäten und Projekte. Nach dieser Denkweise ist das, was man tut, wichtiger als das, was man ist, und damit wird die wahre Hierarchie der geistlichen Identität umgekehrt. Die zweite Versuchung hingegen ist eine Art Quietismus: Eingeschüchtert durch die Umstände zieht man sich in sich selbst zurück und verweigert sich der Herausforderung der Evangelisierung, indem man eine träge und defätistische Haltung einnimmt. Im Gegensatz dazu kann und muss ein freudiger und leidenschaftlicher Dienst – trotz aller menschlichen Schwächen – mit Eifer die Aufgabe annehmen, jeden Bereich unserer Gesellschaft zu evangelisieren, insbesondere Kultur, Wirtschaft und Politik, damit alles in Christus vereint wird (vgl. Eph 1,10).“

Leo möchte zu einer missionarischen Ausrichtung des Dienstes ermutigen, der in der persönlichen Überzeugung, im Glaubenszeugnis und hingebungsvollen Dienst der Christen insgesamt und der Amtsträger im Besonderen begründet ist. Das Heil, so könnte man sagen, liegt also nicht in einer „Professionalisierung“ des Dienstes, sondern in seiner „Personalisierung“. Im Gegensatz zu einer Kirche, die versucht, über Strukturen ihre effektive Arbeit sicherzustellen, ist eine Kirche im Sinne des Papstes wohl eher eine Kirche des persönlichen Glaubenszeugnisses. Damit folgt Leo Papst Franziskus, der im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg in Deutschland von einem Neo-Pelagianismus gesprochen hat, also von der Irrlehre, allein durch die eigene Leistung und Planung gute Ergebnisse in der Evangelisierung erzielen zu wollen. Franziskus schrieb dazu 2019 in seiner Botschaft an „Das Volk Gottes in Deutschland“:

„Das gegenwärtige Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu verlieren, dass unsere Sendung sich nicht an Prognosen, Berechnungen oder ermutigenden oder entmutigenden Umfragen festmacht, und zwar weder auf kirchlicher, noch auf politischer, ökonomischer oder sozialer Ebene und ebenso wenig an erfolgreichen Ergebnissen unserer Pastoralplanungen. Alles das ist von Bedeutung, auch diese Dinge zu werten, hinzuhören, auszuwerten und zu beachten; in sich jedoch erschöpft sich darin nicht unser Gläubig-Sein. Unsere Sendung und unser Daseinsgrund wurzelt darin, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben» (Joh 3,16). «Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben». Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationen-wechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungsprozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisierung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit «dem grauen Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt». Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft gerufen sind in Gang zu setzen gerufen sind; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche.“[4]

Die Mission soll so zur Antriebsfeder der kirchlichen Erneuerung werden. Dies sind Passagen der verschiedenen Papstschreiben, die in den Reaktionen des „Synodalen Weges“ gerne weggelächelt wurden. Hier herrschte das Vertrauen in strukturelle Veränderungen vor.

Die Bischöfe stehen mal wieder vor schwierigen Fragen. Auf der einen Seite sehen sie sich herausgefordert, die gewachsene Organisation des gemeindlichen Lebens im Zuge von Priester- und Gläubigenschwund trotzdem weiter zu bedienen. Auf der anderen Seite kommt dabei das Bewusstsein für die sakramentale Struktur der Kirche deutlich ins Wanken. Priester haben die Schwierigkeit, sich zwischen diesen Ansprüchen wiederzufinden. Ihr Selbstbild gerät tatsächlich in Bewegung. Im Augenblick herrscht hier eine große Unsicherheit. Insofern bietet das Schreiben von Papst Leo wertvolle Anhaltspunkte und sendet auch das Signal aus, dass der priesterliche Dienst auch weiterhin geschätzt und wichtig bleiben soll.    

Beitragsbild: Der Pfarrer von Ars, Kirchenfenster in Vichy (Frankreich)


[1] Zwischen Aufbruch und Rückschritt: Das Priesterbild Papst Leos – katholisch.de

[2] Apostolisches Schreiben Eine Treue, Die Zukunft Schafft Des Heiligen Vaters Leo XIV. Anlässlich des 60. Jahrestages der Konzilsdekrete Optatam Totius und Presbyterorum Ordinis (8. Dezember 2025)

[3] Apostolisches Schreiben, Nr.

[4] Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (29. Juni 2019), hier Nr. 6.

2 Kommentare zu „Aufbruch und Rückschritt – Papst Leo über ein zeitgemäßes Priesterbild

  1. Haben Sie sich einmal jenseits von der heutigen katholischen Lehre und Praxis gefragt, wie eine Stellenbeschreibung aussehen würde, wenn Jesus sie geschrieben hätte? Urlaub? Gehalt? Dienstwohnung?

    Was wären Ihre Aufgaben? Zu wem müssten Sie gehen, um die Botschaft zu verkünden?

    Die Kritik von Franziskus war grundlegend und elementar. Der synodale Weg kratzt noch nicht einmal an der Oberfläche dessen, was Franziskus für seine Kirche wollte.

    Die Kritik am Klerikalismus bezog sich nicht nur auf das Priesteramt. Es geht viel mehr um die Entfernung des Klerus vom Sendungsauftrag.

    Christliche Autorität resultiert nicht aus Hierarchie sondern aus vorbildlichem Verhalten.

    Der synodale Weg doktert nur an Symptomen – für eine Heilung braucht es einen Neuanfang.

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  2. Diesem wachsamen Bekannten stimme ich zu, wenn er meint: Menschen, die sich neu für den katholischen Glauben interessieren, tun dies gerade deshalb, weil die Kirche ihre historisch geprägte sakramental-amtliche Form bewahrt hat.Ergänzend zu meiner Beobachtung bei jungen Menschen(wichtige Säulen einer gestlichen Grundhaltung):Eine priesterliche Funktion ohne Priester [würde für meine geistliche Grundhaltung eine weiterere wichtige Säule wegbrechen].Priester, die unsicher sind, Sakramente, die ins Wanken geraten – verständlich. Kein einfacher Weg.

    Meine tägliche Bitte im Gebet zu Gott:Gib, dass alle, die Du von Ewigkeit her zum Dienst auserwählt hast, Deinem Ruf folgen. Stärke alle Priester in ihrem schweren Beruf, segne ihre Mühen und Arbeiten. Lass sie das Salz der Erde sein, ein Licht, das den Gläubigen durch Wort und Beispiel voranleuchtet. Verleihe ihnen Weisheit, Geduld und Festigkeit. Amen.

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