Der Verzweiflung entgegenwirken

Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13) ist von den Kirchenkünstlern immer wieder dargestellt worden. Eine Darstellung findet sich z.B. an unserer St.-Marienkirche in Rehna. Die vielleicht berühmteste ist die am Nordportal des Magdeburger Doms. Dort stehen die 10 Frauen auf den Säulen vor dem Eingang in die Kirche, auf der einen Seite die klugen, auf der anderen die törichten. Die Bildhauer haben sich große Mühe gegeben, den Frauen ihre Gefühle ins Gesicht zu schreiben. Die klugen Jungfrauen stehen mit einem seligen Lächeln und Ausdrücken echter Freude da, ihre brennenden Lampen in der Hand. Auf der anderen Seite sind dann die, denen das Öl ausgegangen ist. Die Hände mit den Lampen sind gesenkt. In den Gesichtern der Frauen sieht man Erschrecken, Schmerz und Weinen. Bei einer hat man den Eindruck tiefster Verzweiflung. Hier hat jemand sein Ziel verfehlt, ist der größte Wunsch nicht in Erfüllung gegangen. Mit der Flamme der Lampe scheint ein ganzer Mensch erloschen zu sein.

Ich habe diesen Ausdruck schierer Verzweiflung erst neulich gesehen. Es war bei einer Beerdigung. Eine große Zahl von Verwandten und Freunden war zusammengekommen. Am Grab verabschiedeten sie sich von dem Verstorbenen. Ein älterer Herr löste sich nach der Abschiednahme am Grab von der Gruppe und ging zu einem benachbarten Gräberfeld. Nachdem ich den Angehörigen kondoliert hatte, kam ich an diesem Teil des Friedhofs vorbei. Der Mann stand dort und weinte bitterlich, mehr noch, er klagte laut. Ich ging zu ihm hin. Da zeigte er auf eine Grabstelle: „Hier liegt meine verstorbene Frau und daneben meine verstorbene Tochter. Und ich, jetzt habe ich niemanden mehr. Ich bin ganz allein.“ Die Verzweiflung schüttelte seinen Körper und er begann wieder zu weinen und seine Klage zu wiederholen. Es war darin mehr als die bloße Trauer, schließlich waren die Angehörigen schon vor einigen Jahren verstorben. Es war sicher der immer noch vorhandene Schmerz des Abschieds, der ihn so erschütterte, aber scheinbar auch das Bewusstsein über seine eigene Verlorenheit in dieser Situation. Er schien in diesem Augenblick in den Abgrund zu schauen. Das Licht verloschen, die Hoffnung verloren – und dann ist in diesem Augenblick nichts mehr da. Ich versuchte ihn zu trösten und es kamen auch einige seiner Verwandten aus der Trauergesellschaft zu ihm. Ich hoffe, dass er den Moment der Verzweiflung wieder überwunden hat. Aber in diesem Augenblick als wir uns begegneten war er untröstlich gewesen.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat in seiner Schrift „Die Krankheit zum Tode“ einmal verschiedene Arten der Verzweiflung beschrieben. Eine davon nennt er die „Verzweiflung darüber, dass der Mensch ein Selbst hat, und zwar ein ewiges Selbst“.[1] Kierkegaard verstand darunter das mangelnde Wissen und Vertrauen eines Menschen auf das Unzerstörbare in ihm selbst, also auf den Geist, die eigene Person und auf Gott. Einen solchen Menschen charakterisierte er als jemandem, der ganz im Sinnlichen lebt. Er findet sein Glück in dem, was ihm ganz irdisch als erstrebenswert erscheint und ihm das Gefühl des Glücks verleiht. Sein Glück hängt also an Dingen außerhalb seiner selbst, an Besitz, Ruhm, Kontakten, vielleicht auch Beziehungen zu anderen Menschen. Was aber geschieht, wenn das Äußerliche vergeht, wie alles Äußerliche vergänglich ist? Es bleibt dann nichts mehr. Der Mensch hat keinen Selbststand mehr, keine Achtung mehr vor sich, keine Hoffnung, die ihn noch trägt, keinen Glauben, der über das Dasein hinausreicht. Diese Verzweiflung ist vielleicht die alltäglichste, der wir begegnen können.

Die Jungfrauen am Domportal sind in dieser Weise gedeutet worden. Am Eingang der Kirche sollten sie den Eintretenden zur Reflexion dienen. Was ist es das weiter brennt, auch wenn alles Äußerliche meines Lebens, oder auch das Leben selbst zu Ende gehen würde. Man kann das Öl in den Lampen als Vorrat an Glaube, Hoffnung und Liebe verstehen, der das schwankende Schiff des Daseins wieder in die richtige Spur zurückführen kann und vor dem Kentern bewahrt. Das Problem der Jungfrauen im Gleichnis war nicht, dass sie kein Öl gehabt hätten. Ihr Problem war vielmehr, dass sie die Zeit des Wartens falsch eingeschätzt haben. So lange wird das Öl in den Lampen schon noch reichen, werden sich die einen gedacht haben, während die anderen noch Reserven hatten, auf die sie zurückgreifen können.

Im echten Leben werden wir wahrscheinlich wie beim Eintritt durch das Portal zwischen den beiden Seiten stehen, zwischen denen, denen ein schier unerschöpflicher Vorrat zur Verfügung steht und denen, denen das Öl bereits ausgegangen ist. Es wird wohl keinem gegeben sein, niemals zu verzweifeln. Mich wird das Leben, auch die Welt zuweilen durchschütteln und auf die Probe stellen. Ich kann diese Position zwischen den Frauen des Gleichnisses zum Bedenken nutzen. Welche Achtsamkeit will und kann ich auf das legen, was meinem Leben auch über das Vergängliche hinaus Stand und Wert gibt? Was kann ich von einem Gott sagen, der mir nicht immer nah, aber immer verheißen ist, auch wenn ich manchmal lange auf ihn warten muss? Ich trete durch das Portal noch lange nicht als ein besserer Mensch, aber vielleicht als einer, der wieder auf den tragenden Grund seines Lebens aufmerksam geworden ist.   


[1] Sören Kiekegaard, Die Krankheit zum Tode, in Ders. „Die Krankheit zum Tode“ (Sammelband), München 2005, 22-177, 67ff.

Ein Kommentar zu „Der Verzweiflung entgegenwirken

  1. Besser wäre
    er hätte den Mut gehabt
    seinen eigenen Schatten
    anzunehmen
    anzuerkennen
    den Fluch
    gegen den Zweifler
    für sich selbst
    umgedeutet
    für sich zu behalten
    um die Wirklichkeit
    des göttlichen Bösen
    als einfacher Mensch
    besser zu verstehen

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