Warum treten so viele Menschen aus der Kirche aus?

Am 28. Juni veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz die neuen statistischen Zahlen für die katholische Kirche in Deutschland für das Jahr 2022.[1] Besonders auffällig: Mehr als eine halbe Million Katholiken haben im vergangenen Jahr ihren Kirchenaustritt vollzogen. Das ist ein neuer Rekordwert. Im Vergleich zu 2021 sind dies 44% mehr. Im Schnitt der vergangenen 10 Jahre hatte die Austrittszahl bei ca. 180 000 pro Jahr gelegen.[2] Rechnet man hinzu, dass 155 000 Taufen im vergangenen Jahr 240 000 Beerdigungen gegenüberstehen, wird der Verlust an Mitgliedern noch deutlicher. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Zahl der verstorbenen und nicht kirchlich beerdigten Katholiken nicht genannt wird (im Erzbistum Hamburg z.B. wird nur noch ein Drittel der verstorbenen Kirchenmitglieder auch kirchlich beerdigt). Nimmt man an, dass die Zu- und Wegzüge von Katholiken in die deutschen Bistümer statistisch keine großen Auswirkungen haben und sieht man, dass nur eine geringe Zahl von Wiedereintritten oder Konversionen zu verzeichnen ist (2022: ca. 5000 Personen), wird man attestieren müssen: Der Schwund an Kirchenmitgliedern ist gewaltig. In diesem Tempo verliert die Katholische Kirche jedes Jahr ein Bistum mittlerer Größe. In der evangelischen Kirche sieht es von der Tendenz her ähnlich aus. Auch sie verzeichnete 2022 mit rund 380 000 Austritten einen neuen Rekordwert. Die beiden großen Kirchen haben also im letzten Jahr durch Austritt und Tod mindestens 1,1 Millionen Mitglieder verloren. Wahrscheinlich sind es sogar mehr.

Der Kirchenaustritt in Deutschland ist weltkirchlich gesehen eine Besonderheit. Er hängt mit der Verbindung Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer zusammen.[3] Die Meldedaten werden über die kommunalen Meldeämter erfasst. Wer dort als „katholisch“ gemeldet ist, taucht in der Statistik auf. Wer in der Statistik auftaucht, wird tendenziell auch kirchensteuerpflichtig. Man könnte die Zahl der Mitglieder auch anders erheben, etwa nach der Gesamtzahl der Getauften oder über die Zahl der „aktiven“ Gläubigen. Etwa 1,2 Millionen Menschen besuchen statistisch gesehen den Sonntagsgottesdienst (auf die Katholikenzahl gerechnet 5,7 %). Diese Zahl wird über Zählsonntag ermittelt, „normale“ Sonntage im Jahr, bei denen die Pfarreien die Anzahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher erfassen. Diese Zahl ist nur ein Anhaltspunkt über die Beteiligung am kirchlichen Leben. Man kann nur darüber spekulieren, wie viele Menschen im Laufe eines Jahres mindestens einen Gottesdienst besuchen. Ihre Zahl dürfte allerdings kleiner sein als die derjenigen, die im Jahr keinen Gottesdienst besuchen oder auch sonst kein kirchliches Angebot wahrnehmen. Zudem gibt es natürlich noch andere statistische Ungenauigkeiten, etwa „verdeckte“ Kirchenaustritte (ein häufiges Problem bei Staatsbürgern aus anderen Ländern, die nach Deutschland kommen, katholisch getauft sind, sich aber nicht als „katholisch“ anmelden) und eine Reihe von Personen, die nicht getauft oder anderer Konfession sind, sich trotzdem in der katholischen Kirche beheimatet fühlen. Letzteres trifft sicher auch für eine Reihe formal ausgetretener Katholiken zu.

Die Statistik bildet also die Wirklichkeit des kirchlichen Lebens nur zum Teil ab. Sie folgt einzig dem Kriterium der formalen Zugehörigkeit und damit auch der Kirchensteuerverpflichtung. Die Ursachen für die große Zahl der Kirchenaustritte wird medial häufig sehr monokausal dargestellt. Als Hauptursache wird der Vertrauensverlust der katholischen Kirche genannt und die Unzufriedenheit der Menschen mit der Institution. Tatsächlich zeigt sich in den Jahren mit „kirchlichen Skandalen“ ein Anstieg der Austrittszahlen. Besonders eklatant weist etwa die Statistik des Erzbistums Köln eine Austrittswelle in den letzten beiden Jahren aus, die mit Sicherheit auch auf die umfangreiche Berichterstattung über die Aufarbeitung des Missbrauchs und das mögliche Fehlverhalten von Kardinal Rainer Maria Woelki rückschließen lässt.[4] So traten im Jahr 2021 rund 40 000 Menschen aus der Kirche im Erzbistum Köln aus, 2022 waren es sogar über 50 000. In den Jahren davor hatten die Austritte im Schnitt bei ca. 15 000 pro Jahr gelegen. Einen Anstieg der Austrittszahlen ließ sich aber z.B. auch bei der Diskussion um die Wiederaufnahme der Pius-Brüder beobachten oder bei der Limburg-Affäre um den Neubau des Bischofshauses unter dem damaligen Bischof Franz Peter Tebartz-zu Elst. Als weitere „Austrittstreiber“ gilt den Medien neben der Missbrauchskrise auch die ausbleibenden Reformen des Synodalen Wegs oder das Verhalten der Kirche in der Corona-Zeit.

Das Bild ist aber noch nicht vollständig. Wenn das Austrittsverhalten rein an den aktuellen kirchlichen Auseinandersetzungen und Krisen zu bemessen wäre, fragt sich, warum die weit weniger schlagzeilenpräsente evangelische Kirche ebenfalls Rekordaustrittszahlen zu verkraften hat. Auf der Homepage der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands) findet sich leider noch keine Stellungnahme zu den hohen Austrittszahlen. Im Portal „evangelisch.de“ findet man unter dem Stichwort „Austritte“ im Jahr 2023 keinen Artikel zu den evangelischen Austrittszahlen, dafür aber sechs aus dem Juni, die sich mit den Austritten in der katholischen Kirche befassen. Möglicherweise sind die Zahlen in der evangelischen Kirche noch nicht offiziell vorgestellt worden oder sie werden nicht offensiv thematisiert. In einem allgemeinen Artikel wird darauf verwiesen, dass Gründe für den Austritt häufig eine Unzufriedenheit mit der kirchlichen Institution maßgebend sei. Zum Thema Missbrauch heißt es dann: „Nicht immer wird dabei in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen katholischer oder evangelischer Kirche unterschieden.“ Dies deckt sich zwar nicht mit meiner Wahrnehmung, soll aber wohl heißen: Die Menschen treten wegen der „katholischen Schlagzeilen“ aus der evangelischen Kirche aus. Der Artikel versichert, dass in der evangelischen Kirche der Kinderschutz sehr große Bedeutung hat. Von eigener Problematik mit dem Thema „Missbrauch“ ist an dieser Stelle allerdings keine Rede. Die Unzufriedenheit mit der evangelischen Kirche basiere dagegen häufig auf Unwissen. Die Kirche gebe eigentlich keinen Grund zum Austritt.[5] Allerdings, so der Artikel auf EKD.de, habe eine Studie zum Kirchenaustritt aus dem Jahr 2021 ergeben, dass nur wenige einen konkreten Austrittsgrund nennen. Zu vermuten sei, dass der Kirchenaustritt häufig das Resultat einer biografischen Entfremdung sei, in der Kirche und Glaube persönlich an Plausibilität verlören.

Mit dem letzten Gedanken kommen wir dem Austrittsphänomen deutlich näher. Bei allen persönlichen und kirchenkritischen Erwägungen, aus der Kirche auszutreten, teils auch einfach aus Ärger über eine schlechte Erfahrung mit einem Amtsträger, einer Gemeinde oder Institution, liegt der Kern der Austrittszahlen in einem echten und besorgniserregenden Generationenproblem. Bischof Georg Bätzing analysiert in ihrem Jahresheft der Deutschen Bischofskonferenz zur kirchlichen Statistik:

„Studien zur Mitgliederentwicklung belegen es: Eine lange Phase der Entfremdung und Kontaktarmut motiviert die weit überwiegende Zahl der aus der Kirche austretenden Menschen zu ihrer Entscheidung. In einer vormals milieugestützten Sozialgestalt von Kirche (der „Volkskirche“) reichten die religiöse Sozialisierung in Kindheit und Jugend und unspezifische Elemente eines Zugehörigkeitsgefühls aus, um Mitglied der Kirche zu bleiben. Das Wissen um die sanktionierenden Folgen des formellen Kirchenaustritts leistete einen zweifelhaften Beitrag dazu. Heute ist das anders. In einer durch Individualität und Pluralität der Lebensentscheidungen gekennzeichneten Gesellschaft zeichnet sich unter anderen durchaus Besorgnis erregenden Phänomenen auch eine grundlegende Erosion religiöser und kirchlicher Bindungen ab. Es gibt nicht mehr genug tragende Gründe, Mitglied einer Kirche zu bleiben und deren weiterhin bestehende Plausibilität im Bereich von Bildung, Erziehung und karitativem Einsatz solidarisch durch einen finanziellen Beitrag zu unterstützen, wenn dem nicht die Glaubensentscheidung eines erwachsenen Menschen vorausgegangen ist. Wer nicht persönlich zum christlichen Gottesglauben gefunden hat, und wer dies auch nicht durch eine religiöse Praxis in spirituellen Formen und wertgebundenem Handeln realisiert, aus welchen Gründen sollte er oder sie Kirchenmitglied bleiben? Da kann bereits das jährliche Gespräch mit dem Steuerberater zum Auslöser werden, den Bilanzstrich zu ziehen. Aber immerhin treffen Menschen hier eine eigene Entscheidung. Das respektiere ich, auch wenn mich die erschreckend hohen Zahlen schmerzlich treffen“[6]

Bischof Bätzing spielt hier auf den gesellschaftlichen Wandel an. In einer Zeit, in der Religion und Kirche als soziale Faktoren ihre prägende Rolle verlieren und in der es gerade für jüngere Leute manchmal eher unangenehm ist, „noch“ in der Kirche zu sein, ist die Freiheit, aus der Kirche auszutreten, heute ein selbstverständlich akzeptierter Schritt. Die vielfach nur schwachen Bindungen an die Kirche tragen über die Jugendzeit häufig nicht weiter. Bätzing spricht von der „Glaubensentscheidung eines erwachsenen Menschen“, also die persönliche Glaubensüberzeugung, die für eine bewusste Mitgliedschaft in der Kirche wichtig ist. Es gibt kaum noch familiäre oder andere soziale Systeme, die sonst die Mitgliedschaft einfordern würden.

Charakteristisch scheint mir ein Motiv zu sein, von dem mir neulich eine Mutter berichtete. Sie erzählte mir, ihr 19jähriger Sohn habe ihr offenbart, aus der Kircher austreten zu wollen. Auf Nachfrage sagte er, dass er gar nichts gegen die Kirche habe (ich kannte ihn auch aus dem Gottesdienst). Vielmehr habe er eine Ausbildung begonnen und festgestellt, dass er Kirchensteuer zahlen müsse. Allein diese Tatsache hatte offenbar zum Nachdenken über den Kirchenaustritt ausgereicht, auch wenn, wie mir die Mutter sagte, die Summe derzeit monatlich kaum höher sei, als ein Bier in der Kneipe koste.

Zu dieser Geschichte passt der differenzierte Blick auf die Austrittszahlen. Das Erzbistum Hamburg veröffentlicht in seiner Statistik zugleich die Altersstruktur derjenigen, die aus der Kirche austreten.[7] 2021 waren rund die Hälfte aller Ausgetretenen zwischen 21 und 35 Jahre alt. 2022 machte diese Altersgruppe rund 45% aus. Auch 2012 waren bereits rund 40% der Ausgetretenen zwischen 22 und 36 Jahren alt. Ob das Erzbistum Hamburg hier den Regelfall abbildet, lässt sich leider nicht verifizieren, weil andere Bistümer die Altersstruktur häufig nicht mit veröffentlichen. Ich würde aber davon ausgehen, dass es in anderen Bistümern ähnlich aussieht.

Ein sehr häufiger Grund für den Kirchenaustritt scheint also schlicht die Kirchensteuer zu sein. Gerade in der Ausbildungs- und Studienzeit und bei Eintritt ins Berufsleben, sowie in der ersten Zeit der Berufstätigkeit spielt dieser Faktor wohl eine große Rolle. Zum sehr schlichten Grund „Kirchensteuer“ passt auch die Tatsache, dass die Zahl der Kirchenaustritte (hier wieder Erzbistum Hamburg) im Jahr 2014 plötzlich sprunghaft zunahm. Es war das Jahr, in dem die Kirchensteuer auch auf Kapitalerträge angerechnet wurde.

Zur Prävention von Kirchenaustritten, gerade in der jüngeren Generation würde eine Reform des Kirchensteuersystems sicher in erheblichem Maß beitragen. Zudem sollten die Kirchen ihr geistliches und seelsorgliches Angebot für Menschen in der Ausbildungs- und Studienphase überdenken. Es zeigt sich, dass der kirchenbiografische Bruch aus der Jugendzeit ins Erwachsenenalter eine große Rolle spielt und die Weichen für das zukünftige Verhältnis zu, Glauben und zur Kirche stellt. Es ist davon auszugehen, dass sich das „Generationenproblem“ nicht ergeben, sondern eher noch steigern wird. Einzelne kirchliche Reformen werden nur geringe Auswirkungen haben. Wenn nun die „Boomergeneration“ in diesen Jahren in den beruflichen Ruhestand tritt, werden sehr viele Kirchenmitglieder, die als wirtschaftlich tragende Schicht zum Erhalt der kirchlichen Strukturen beigetragen haben, deutlich geringere finanzielle Beiträge leisten.

Bei allen wirtschaftlichen Überlegungen: Der Selbsterhalt kirchlicher Strukturen kann nicht das Ziel des kirchlichen Handelns sein. Im Kern geht es um die Seelsorge und die Begleitung von Menschen in den unterschiedlichen Phasen ihres Glaubens. Eine sich immer weiter ausdünnende Pastoral wird nicht umhin kommen, hier qualitativ nachzulegen, wo es quantitativ nicht mehr geht. Die Kirchen werden auf absehbare Zeit klein, vielleicht sogar sehr klein werden.         


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[2] Eine Übersicht hier: Kirchenaustritte nach Konfessionen bis 2022 | Statista

[3] Siehe hierzu auch: Kirchensteuer: Fluch und Segen – Sensus fidei

[4] Kirchenstatistik: Zahlen, Daten und Fakten | Erzbistum Köln (erzbistum-koeln.de)

[5] Unzufriedenheit mit der Institution Kirche – Grund für einen Kirchenaustritt? – EKD

[6] Katholische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten 2017/18. Arbeitshilfen 306 (dbk.de) S.70f.

[7] Erzbistum Hamburg – Katholikenzahl, Taufen, Firmungen und mehr (erzbistum-hamburg.de)

Ein Kommentar zu „Warum treten so viele Menschen aus der Kirche aus?

  1. Der Grund für Kirchenaustritte liegt doch wohl eher daran, dass beide Kirchen in Deutschland zu politischen Vereinen geworden sind. Warum sollten Christen in einem politischen Verein verbleiben, der zuweilen sehr aggressive, zum Totalitarismus neigende Züge zeigt? Es gibt zwar in der evangelischen Kirche den Versuch des Aufbegehrens (hierzu: „Die evangelische Kirche hat Schuld auf sich geladen“, TE, Achijah Zorn, 29. April 2023, „Sanitzer Thesen zur Corona Krise“), doch hat dieses in der links-grün-woken Community keine Chance mehr. Meine Kinder haben den Kirchenaustritt auch schon auf Ihrer „To-Do-Liste“. Wie hat meine Tochter gesagt: „Hätten wir einen Pastor wie Father Brown“ (Anmerkung: Britische Krimi-Serie), dann würde ich auch in die Kirche gehen“.

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