Friede, den die Welt nicht gibt

Kaum ein Wort ist derzeit so häufig zu hören wie das Wort „Friede“. Das liegt natürlich an der Erfahrung des Krieges. Die öffentlichen Debatten sind davon geprägt, Lösungen für den Frieden zu finden. Dabei verstehen wir den Frieden dort erst einmal schlicht als „Schweigen der Waffen“. Ist der Krieg einmal vorbei, braucht es weitere Bemühungen. Wann ist ein tiefer Friede erreicht? Wahrscheinlich ist das erst der Fall, wenn auch die Feindschaft beigelegt ist und die Aussöhnung der Kriegsparteien stattgefunden hat. Das ist ein weiter Weg.

Im Evangelium unterschiedet Jesus zwischen verschiedenen Arten von Frieden (Joh 14,27). Er sagt zu den Jüngern: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“ Was soll man sich unter dem Frieden „den die Welt nicht gibt“ vorstellen? Um der Antwort darauf auf die Spur zu kommen, möchte ich einen Anweg über ein Lebenszeugnis wählen.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch in Straßburg im Elsass. Ich besuchte die beeindruckende gotische Kathedrale, schlenderte durch die Altstadt und gelangte schließlich auf eine größere Straße in einem der stadtnahen Viertel. An einem Haus wurde ich auf eine Gedenktafel aufmerksam. Ich war etwas überrascht, hier, an einer unscheinbaren Ecke auf das Geburtshaus eines der größten Glaubenspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu stoßen. Hier war das Geburtshaus von Charles de Foucauld, der in diesem Jahr, genauer am 15 Mai 2022 heiliggesprochen wurde.

Sein Leben lässt sich als eine Suche nach dem richtigen Ort der Nachfolge verstehen und auch als Suche nach dem Frieden „den die Welt nicht geben kann“. Charles de Foucauld wurde 1858 geboren und begann nach der Schule eine militärische Karriere.[1] Seine Kameraden erinnerten sich an ihn wie folgt: „Wer Foucauld nicht in seinem Zimmer gesehen hat, im tressenbesetzten Pyjama aus weißem Flanell, behaglich auf einer Chaiselongue ausgestreckt oder in einem bequemen Sessel, während er von einer Gänseleberpastete kostet, zu der er einen ausgezeichneten Champagner trinkt, der hat keine Vorstellung davon, was es heißt, ein Lebemann zu sein.“ Dieser Lebemann hatte sich nach allen Regeln der Annehmlichkeit in der Welt eingerichtet. Wie es kam, dass sein Lebensentwurf ins Wanken geriet, dazu gibt es einige Vermutungen. 1881 unternahm er eine Reise nach Marokko, in der er offensichtlich das erste Mal mit einer fremden Kultur, aber auch mit großer Armut konfrontiert wurde. Von dort beginnt sich sein Leben zu ändern. Er fragt offensichtlich neu nach dem Sinn und Ziel seines Daseins, sucht in der Philosophie und der Religion nach Antworten. Es kommt zu einer religiösen Bekehrung, die Foucauld zunächst in ein strenges Kloster führen wird. Sein besondere Einsicht ist, dass Gott für ihn nicht einfach „groß“ ist, wie er es in der Verkündigung immer wieder hört. Vielmehr ist Gott „klein“ indem er sich nicht scheut, unter den Einfachen und Verlorenen seinen Platz zu nehmen. So, wie Jesus die längste Zeit seines Lebens im Verborgenen gelebt hatte, so sollte sich die Nachfolge auch im Verborgenen vollziehen können. Fortan sucht Foucauld für sich diesen „letzten Platz“ und geht ab 1904 als Einsiedler zu den Touareg, Menschen die vom Christentum noch kaum etwas wissen und lebt unter ihnen.

Charles de Foucauld findet in diesem so eigenartigen Weg offenbar die Erfüllung seines Lebens und für sich „den Frieden, den die Welt nicht gibt“. Über dieses Wort Jesu schreibt er:

„Welches ist denn dieser Friede, den die Welt nicht gibt? Es ist der Friede, den Deine Liebe verleiht; der Friede der Welt ist der Friede abseits von Leiden, Feindschaften, Verfolgungen und Drangsalen; Dein Friede bedeutet Gleichmut in Leiden, in Feindschaft, in Verfolgung, in Drangsal, in allen schmerzlichen Erfahrungen des Übels, es ist der tiefe und überfließende Friede der Seele, die Dich liebt inmitten der Übel.“[2]

Der Friede wird hier zu einem innerlichen „Zu-Hause-Sein“ bei mir selbst und bei Gott. Er versteht sich als innere Kraft, das Leiden und die Fragen zu bestehen, als ein Wissen um die tiefe Geborgenheit in der göttlichen Liebe. Dieser Friede ist nicht einfach „machbar“, sondern ein Geschenk. Ich denke, es ist gut in diesen Tagen intensiv um den Frieden zu bitten: den äußeren Frieden, der den Krieg beenden soll und den inneren Frieden, der den verletzten Seelen neue Kraft gibt.


[1] Zum Leben Foucaulds: Michael Schneider, Wege des neuen Lebens, Freiburg 1989, 37-41. Von dort stammt auch das angeführte Zitat.

[2] Charles de Foucauld, Der letzte Platz, Freiburg 200, 78.

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