Auf See – im Hafen [zum Gemeindejubiläum von St. Marien, Röbel]

„Vor Gericht und auf hoher See ist man ist Gottes Hand“. Das ist ein altes Sprichwort. Es war schon bei den Römern bekannt. Mit dem Sprichwort sollte ausgedrückt werden, dass es Situationen gibt, bei denen ich den Ausgang nur sehr begrenzt selbst beeinflussen kann. Jede Seefahrt birgt das Risiko, unvorhergesehen in Not zu geraten. Bei aller Erfahrung und aller guten Planung bleibt das Meer unberechenbar. In gewisser Weise erfahren das die Jünger im heutigen Evangelium:

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? (Mk 4,35-41)

Man kann sich die Situation gut vorstellen. Ich vermute, Sie können sich die Situation noch besser als ich vorstellen. Sie schauen hier in Röbel jeden Tag auf den See, kennen die Schönheit, aber auch die Tücken der Müritz und wundern sich vielleicht so manches Mal über den Leichtsinn oder auch die Unerfahrenheit der vielen Freizeit-Kapitäne, die „Ihren“ See gerade jetzt im Sommer mit ihren Haus-, Segel- und Paddelbooten befahren. Die Jünger waren keine Freizeit-Kapitäne. Einige von ihnen waren Fischer, die jeden Tag auf dem See unterwegs gewesen waren. Sie kannten „ihren“ See, den See Genezareth seht gut. Es ist ein Gewässer, dass sehr friedlich wirkt. Mit rund 166 km2 Wasserfläche ist es sogar noch um einiges größer als die Müritz. Die Überquerung in einem Fischerboot dürfte schon einige Stunden dauern. So legen die Jünger mit Jesus am Abend zu einer Fahrt über den See ab. Nach einiger Zeit, mitten auf dem Wasser kommt ein Sturm auf. Das Boot wird von den Wellen hin und her geworfen. Wasser schwappt in das Boot. Die Jünger geraten in Panik. Das Boot droht zu sinken. Sie verlieren den Kopf. Hätten sie nicht selbst eigentlich das Wissen und die Erfahrung gehabt, die Situation zu meistern? Waren unter ihnen nicht erfahrene Seeleute, die ähnliche Gefahren schon häufig bestanden hatten? „Jetzt sind wir in Gottes Hand“. Und sie rufen nach Jesus, der hinten im Boot schläft. Nur er allein kann sie in dieser Situation noch retten.

In der Kirche „Maria Meeresstern“ in Warnemünde gibt es ein eindrucksvolles Altarbild. Es zeigt Maria, die ihren Schutzmantel ausbreitet. Diese Darstellung gibt es häufig. In Warnemünde haben allerdings die Gemeindemitglieder ihre Geschichte mit in das Bild gebracht. Es sind Kirchtürme zu sehen, Schiffe und Menschen, die Gott danken. Das Bild ist eine Erinnerung der Flüchtlinge, die damals mit Schiffen aus Danzig und Pommern geflohen waren. Sie kamen aus der Katastrophe der brennenden und verwüsteten Heimat, aus dem Sturm des Krieges. Aus zahlreichen Erzählungen sind mir die Szenen berichtet worden: der Bombardierung, der Räumung der Städte, des plötzlichen Aufbruchs im Winter, der verzweifelten Versuche, in Danzig ein Schiff zu bekommen, der Flucht über das Haff. „Wer konnte uns hier noch retten?“. In Warnemünde fanden viele von ihnen einen sicheren Hafen. Hier überlebten sie das Ende des Krieges, bauten sich eine neue Heimat auf. Im Nachhinein sagten sie: „Wir waren wieder in Gottes Hand“. Der Sturm hatte sich gelegt und es wurde Frieden und es wurde Sommer und unser Leben bekam langsam wieder festen Grund.

Ich erzähle das, weil es hier in Röbel nicht anders war. Wie viele andere Gemeinden in Mecklenburg auch, ist auch hier das katholische Leben nach der Katastrophe des Krieges entstanden. Nachdem der Sturm vorbei war, entstand auf neuem Grund 1946 eine Seelsorgestelle, wurde ein Jahr später im ehemaligen Bürgermeisterhaus eine erste kleine Kapelle errichtet. Die katholische Gemeinde hier entstand aus einem Sturm und einer Rettung. Und mit dem alltäglichen Leben fand auch das religiöse Leben wieder eine neue Heimat. Mit dem heutigen Jubiläum denken wir zugleich an die vergangenen Generationen zurück, die ihre Lebensgeschichte, ihre Arbeit, ihr Herzblut, ihren Mut aber auch ihre Improvisationskräfte, ihre Kreativität und ihre Freude in diesen Ort eingebracht haben. Das Schiff ist vor Anker gegangen, der Sturm besiegt. Ein Werk menschlicher Arbeit und göttlicher Gnade ist entstanden. Mit dem neuen Kirchbau von 1995 hat sich der provisorische Zustand zudem sichtbar gefestigt.

Das können wir heute feiern, natürlich immer im Wissen, dass es keinen Zustand vollständiger Sicherheit gibt. Der Blick auf den See zeigt Beständigkeit aber auch Veränderung. Der innere Zustand unseres Lebens, aber auch unserer Kirche wird immer wieder von Stürmen, Herausforderungen und Unsicherheiten bedroht. Sicherheiten lassen sich nicht vererben. Heute sorgen wir uns vor allem darum, ob künftige Generationen das kirchliche Leben weiterführen werden. Wir zweifeln zuweilen daran, ob wir die Zuversicht aufbringen werden, mit Gottes Hilfe zu rechnen, ob Glaube, Hoffnung und Liebe weiter wachsen, oder nicht langsam verschwinden. Es braucht die Menschen mit Erfahrung und Improvisationskraft, um das Schiff einer Gemeinde weiter lenken zu können. Es ist die Ungewissheit unserer Zeit, die dieses Schiff heute im Spiel der Wellen hin- und herschwanken lässt. Wieder sind wir auf dem See auf der Suche nach einem festen Hafen. Wieder sind wir „in Gottes Hand“, sehen uns mit einer Situation konfrontiert, die wir aus eigener Kraft nur schwer beherrschen können.

Das Evangelium des Seesturms ist bleibend aktuell. Es zeigt im Verhalten der Jünger zwei Dinge, die zugleich Ratschläge sein können. Das erste: Nicht den Kopf verlieren! Es braucht Ruhe und Überlegungen, Erfahrung und Gelassenheit um mit schwierigen Situationen umzugehen. Das zweite: Vertrauen. Wir sind nicht allein. Gott ist bei uns. Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist nicht allein unser menschliches Werk, das uns im Sturm bestehen lässt. Vielmehr brauche ich heute mehr denn je die Weite und Offenheit, mich führen zu lassen, ein gläubiges Vertrauen, auch wenn uns die Fahrt vielleicht in eine Richtung bringt, die wir selbst so nicht gewollt haben, an einen Hafen, den wir selbst nicht angesteuert haben. Wir sind unterwegs und doch zu Hause, in den provisorischen Heimaten unseres Lebens, die der beständigen Veränderung unterworfen sind und zugleich aufgefangen und behütet in der Zuwendung und Liebe Gottes, die für unser Leben das Gute möchte.

Blicken wir also am heutigen Jubiläumstag auf den See, in Dankbarkeit für die Jahrzehnte der Geschichte, in Dankbarkeit für die Menschen, die diesen Ort zu einer Heimat gemacht haben, in Dankbarkeit für die Menschen, die heute an diesem Ort arbeiten, beten, feiern und die Gemeinde tragen. Zugleich sehen wir die Unstetigkeit, die Herausforderung, vielleicht auch die Vorfreude auf neue Aufbrüchen mit Respekt vor den kommenden Aufgaben, mit Sorge, aber zugleich mit Gelassenheit und Vertrauen. Wir sind in Gottes Hand.

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