Ist das auch echt?

2013 machten wir mit dem Hamburger Priesterrat eine Fahrt nach Danzig. Es war eine Studienfahrt, auf der wir mit verschiedenen kirchlichen Einrichtungen und Vertretern zusammenkamen. Daneben besichtigten wir natürlich auch die schöne Stadt. „Wenn ich schon einmal in Danzig bin“, dachte ich mir, „dann möchte ich auch ein paar Geschenke mitbringen.“ Danzig gilt als die Hauptstadt des Bernsteins. Das war im Stadtbild nicht zu übersehen. An allen zentralen Plätzen gab es Verkaufsstände, an denen Bernsteinschmuck angeboten wurde. Ich fragte also unseren Reisebegleiter, wo man am besten Bernstein kaufen könne. Bei dieser Frage war unser Guide ganz in seinem Element. „Kauf bloß nichts an den Ständen in der Stadt“, sagte er mir. „Warum?“ wollte ich wissen. „Die Sachen sehen doch sehr schön aus und günstig wären sie auch noch.“ „Bernstein ist nicht gleich Bernstein“, sagte er mir. An den Ständen werden manchmal Imitate angeboten, billiger Kunststoff. Häufiger wäre allerdings noch eine andere Ware. Der Bernstein, den ich an den Ketten, Ohrringen oder Schmuckdosen an den Ständen sehen würde, sei Importware aus China. Er habe mit dem echten Ostsee-Bernstein nichts zu tun. Schmuckqualität komme in der Natur selten vor. Für den billigen Schmuck werde sonst unbrauchbarer Bernstein eingeschmolzen und neu gepresst. Dieses Produkt sei zwar Bernstein, aber eben industriell gefertigt. Er könne mir aber zeigen, wo ich echte Ware bekommen würde. Wir gingen zu einem Juwelier in der Stadt. Der präsentierte uns Steine in kleiner Größe und in unterschiedlichsten Farben. Das also war der echte Bernstein. Ich merkte es an den Preisen. Ich kaufte ein paar kleine Stücke, diesmal allerdings in dem guten Gefühl, etwas Echtes und Wertvolles erworben zu haben. War das auch so? Es hätte ja sein können, dass mich auch der Schmuckhändler betrogen und mir billige Touristenware zu hohen Preisen angedreht hatte. War der Schmuck also echt? Ich weiß es bis heute nicht. Ich habe keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Ich glaube es einfach. Unser Reiseführer machte mir nicht den Eindruck, als wolle er mich betrügen. Ich hatte in einem seriösen Geschäft gekauft. Die Preise sprachen für echte Ware. Aber ganz sicher kann ich natürlich nicht sein.

Niemand möchte gern betrogen werden. Wir tun häufig gut daran, skeptisch oder misstrauisch zu sein. Es gibt ganze Berufszweige von Sachverständigen und Experten, die vom Zweifel leben. Gerade bei wertvollen Dingen, bei Edelmetall, Kunst, Luxusartikeln oder Antiquitäten ist die Quote an Fälschungen hoch. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Solche Dinge lassen wir lieber überprüfen. Ist der Händler vertrauenswürdig? Haben andere bei einem Kauf dort schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht? Entspricht das Produkt dem, was ich erwarten würde? Das gilt beim Kaufen genauso wie in anderen Lebensbereichen. Ist eine Information echt? Entspricht sie den Tatsachen? Das ist ein riesiges Thema. Es gibt viele Experten, aber welchen soll man trauen? Es gibt so etwas wie Kriterien für die Glaubwürdigkeit. Wir schauen zum Beispiel, wie seriös eine Quelle ist. Wir glauben einer Information aus einer großen Tageszeitung eher als einer Information aus einem Klatschblatt. Wir glauben einer Professorin einer anerkannten deutschen Universität eher als einem Dozenten aus einer kleinen mexikanischen Privathochschule. Vor allem richten wir uns nach Mehrheitsmeinungen. Ist eine bestimmte wissenschaftliche Erkenntnis allgemein anerkannt, oder nicht? Und trotzdem: Es könnte ja sein, dass in bestimmten Punkten die Mehrheit irrt und die Minderheit Recht hat. Das ist schließlich in der Wissenschaftsgeschichte schon häufiger vorgekommen. Manchmal glauben wir auch einfach etwas, weil wir es gerne glauben möchten, weil es besser in unser Weltbild passt.

Echt oder nicht? Der Glaube an die Auferstehung Jesu ist ein solcher Fall. War das wirklich geschehen? Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus gab es viele Zweifler. War das, was die Apostel berichteten wahr? Hatten sie den Auferstandenen gesehen? Die Evangelien berichten deshalb von vielen österlichen Begegnungen mit Jesus. Diese Begebenheiten wurden aufgeschrieben, um die Glaubwürdigkeit der Auferstehungsberichte zu stärken. Die Erzählungen folgen einem Muster. Sie sagen, dass auch die Frauen am Grab oder die Jünger zunächst die Auferstehung nicht glauben konnten. Im Text des heutigen Evangeliums (Lk 24, 35-48) erschrecken sie, als Jesus zu ihnen kommt. Wen sehen sie dort? Wirklich Jesus, oder eine Erscheinung, eine Halluzination, ein Gespenst? Jesus zeigt ihnen seine Wunden. Er isst ein Stück Fisch, um zu beweisen, dass er kein Geist ist, sondern eine wirkliche Person. Und er öffnet ihnen die Augen für die Heilige Schrift. Er beweist ihnen also aus der bisherigen Geschichte Gottes mit seinem Volk, aus den Büchern der Propheten, dass seine Auferstehung dort vorhergesagt wird. Der Messias, der kommende König wird ja dort beschrieben als jemand, der verstoßen, misshandelt und getötet wird, dem aber das Leben wieder zurückgegeben wird (Jes 52,13-53,12). Auch die Jünger brauchen also Kriterien, um an die Auferstehung zu glauben. Ist das also echt, ist es wahr? Wir können es nicht nachprüfen. Auch wir brauchen für unseren Glauben Kriterien. Sie können den Glauben selbst nicht ersetzen, aber stärken. Ein Kriterium ist die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Warum hätten die Jünger die Menschen betrügen wollen? Sie waren ja selbst offenbar nicht auf die Auferstehungsbotschaft vorbereitet. Wie kamen sie gemeinsam zu dieser Einsicht, wenn sie Jesus nicht begegnet wären? Warum hätten sie sonst ihr ganzes weiteres Leben für die Verbreitung dieser Botschaft einsetzen sollen und sogar bereit sein sollen, dafür zu sterben? Seitdem ist die Botschaft des Glaubens durch viele Generationen weitergegeben worden. Hätte eine solche Botschaft die Welt verändern können, wenn nicht Wahrheit in ihr wäre? Wären so viele bereit gewesen, aus dem Glauben ihr Leben zu verändern, wenn sie die Botschaft nicht als wahr anerkannt hätten? Ein weiteres Kriterium ist wichtig. Es wird im Evangelium nur angedeutet. Jesus wünscht den Jüngern zuerst immer den Frieden. Dieser Friede kann verstanden werden als eine innere Ruhe, als Trost, als Harmonie. Gläubige Menschen berichten, dass sie in ihrer Beziehung zu Gott diesen Frieden finden, dass sie sich als gestärkt und geliebt erfahren, dass der Glaube ihnen Hoffnung gibt. Wer so etwas spürt, wird dies als Bestärkung erfahren. Warum soll so etwas Gutes nicht wahr sein? Sie merken, es bleibt immer genug Platz für Zweifel. Aber es gibt auch genug Grund, dem Zweifel zu begegnen. Die Ostererzählungen setzen uns der Frage nach unserem Glauben aus. Beantworten können wir sie zunächst einmal für uns selbst

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