Hans Küng und das II. Vatikanische Konzil

Anlässlich des Todes von Hans Küng erschienen in allen wichtigen Medien Berichte und Würdigungen zum Leben und Werk des Schweizer Theologen. Immer wieder wurde dabei Hans Küngs besonderes Verhältnis zum II. Vatikanischen Konzil hervorgehoben.[1] In der Tat darf das Konzil wohl als Schlüsselereignis in Küngs theologischem Wirken betrachtet werden. Dies lässt sich auch aus seiner Biografie leicht erkennen. Küng wurde 1954 zum Priester geweiht. Er studierte als Mitglied des Priesterseminars „Collegium Germanicum et Hungaricum“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. 1960 wird der aufstrebende Wissenschaftler Professor für Fundamentaltheologie in Tübingen. Küng hatte also aus eigener Erfahrung profunde Einblicke in die Lehre und die Organisation der Kirche vor dem Konzil gewonnen. Nicht zuletzt durch seine Schweizer Herkunft und die theologische Auseinandersetzung mit dem Werk des reformierten Theologen Karl Barth ist er intensiv an ökumenischen Fragestellungen interessiert. In Tübingen trifft er auf den evangelischen Bibelwissenschaftler Ernst Käsemann. Die Auseinandersetzung mit den damals neuen Erkenntnissen der Exegese (Bibelforschung) bringen Küng dazu, die Fragen der Lehre von der Kirche auf deren Basis neu zu überdenken. Das sich anbahnende Konzil verspricht eine grundlegende Revision der kirchlichen Lehre. In dieses Ereignis setzt Küng seine Hoffnung auf eine Modernisierung. Am Konzil nimmt Küng als theologischer Berater des Rottenburger Bischofs Carl Joseph Leiprecht teil. Der Schwung des Konzils wird für Küng zur Triebfeder seiner eigenen Lehre. Aber schon wenige Jahre nach dem Konzil wandelt sich das Bild. 1967 kommt es zu ersten Reibereien mit der Glaubenskongregation. Dabei geht es um Passagen aus Küngs Werk „Die Kirche“, in dem er seine Überlegungen zur Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) darlegt. Als Papst Paul VI. 1968 die Enzyklika „Humanae Vitae“ über Fragen der Sexualmoral und Empfängnisverhütung veröffentlicht, eskaliert der Streit. Küng macht seinem Ärger 1970 in seinem Buch „Unfehlbar?“ Luft. Er wirft dem Papst vor, von der Linie des Konzils abzuweichen und die Beschlüsse des Konzils nicht umzusetzen. Dieser Vorwurf durchzieht Küngs Werk bis zum Schluss. Nach seiner Lesart habe Rom das Konzil verraten. Der verheißene Aufbruch sei gestoppt worden. Es lohnt sich, dieses Verhältnis Küngs zum II. Vaticanum zu beleuchten. Wie konnte es innerhalb weniger Jahre zu einem solchen Stimmungsumschwung kommen?[2]

Bereits kurz nach der Ankündigung des Konzils durch Papst Johannes XXIII. verfasst Hans Küng mit „Konzil und Wiedervereinigung“[3] eine programmatische Schrift zum bevorstehenden Ereignis.  Das Buch geht auf Küngs im Januar 1959 gehaltenen Vortrag über das Diktum „ecclesia semper reformanda“ (sich stetig erneuernden Kirche) zurück. Dabei ist ihm der ökumenische Ausgangspunkt ist wichtig. Angesichts der Herausforderung durch die Reformation ist es nach Küng an der katholischen Kirche, in einem Veränderungsprozess eigene Schritte in Richtung der wiederherzustellenden Einheit der Kirche zu gehen (127f.).  Das angekündigte Konzil bietet die Chance, im Dienste der echten Einheit aller Christen hierzu einen Beitrag zu leisten. Diese Perspektive ist Küngs Ansicht nach durchaus nicht unrealistisch und entspricht den Intentionen des Papstes (11, 234).  Die Möglichkeit einer „ecclesia semper reformanda“ erfordert ein Kirchenverständnis, das die Kirche nicht in zu idealer Weise als rein, heilig und unantastbar ansieht (47, 24). Küng plädiert daher für einen nüchternen Blick auf die Kirche. Sie ist zwar auf der einen Seite Gottes Werk, durch Christus im Geist gnadenhaft beschenkt und geheiligt, besteht auf der anderen Seite aber aus Menschen, konkret, sündigen Menschen (41). Die Kirche kann sich also unter den verschiedenen geschichtlichen Gegebenheiten unterschiedlich ausgestalten und bleibt auf der Suche nach der für ihre jeweilige Zeit angemessenen Form (24).  Der Weg der beständigen Beweglichkeit und Reformierbarkeit der Kirche gegenüber der Welt (72) verläuft für dieses Volk zwischen den Irrtümern der „Verweltlichung“ und „Verkirchlichung“ (33-36). Von einem Reformkonzil ist daher eine neue Gestalt und Lehre der Kirche als Antwort auf die Herausforderungen der eigenen Zeit zu erwarten (37, 69). Ein Reformkonzil solle die Vereinigung der Kirche anstreben (128f.). Dabei ist vor allem die Lehre vom „gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen“ wichtig. Die konkrete Form der Kirche, insbesondere die amtlich-hierarchische Struktur bildet ein derzeit noch schwer zu überwindendes Hindernis. Vor allem dem Papstamt kommt für Küng hier eine entscheidende Bedeutung zu (165). Ein monarchisches Papsttum, das der Kirche einen römischen Zentralismus „wie eine Art geistige Zwangsjacke“ (169) überstülpt, steht einer Einheit der Christen im Weg (172). Für Küng ist daher eine Kirchenstruktur wünschenswert, die die einzelnen Teilkirchen als wirkliche Repräsentationen der Gesamtkirche ernst nimmt (170f., 204), sowie der Kollegialität der Bischöfe größeren Raum gibt. Küng fordert vom kommenden Konzil den Mut, im Sinne einer Dezentralisierung die Eigenverantwortung der verschiedenen Glieder der Kirche ob Bischöfe, Priester oder Laien zu stärken (202, 213). Das Papstamt selber muss wieder stärker als ein pastorales, integrierendes Amt wahrgenommen werden (175f.), wie es bei Papst Johannes XXIII zu spüren ist (177-182). Eine anzustrebende Einheit kann als „Einheit im Sinne der lebendigen biblischen Gemeinschaft, das ist Einheit der Mannigfaltigkeit, Einheit in der Vielfalt der Riten, Sprachen, Gebräuche, des Denkens, Handelns und Betens“ (235) verstanden werden.

Mit diesen Ideen kommt Hans Küng zum Konzil. Er wollte sich nach eigener Aussage nicht an der Redaktionsarbeit an „Lumen gentium“ (Dokument über die Lehre von der Kirche) beteiligen[4], sondern legt seinen Schwerpunkt auf andere Tätigkeiten für das Konzil: Forschung, Expertise und Unterstützung der medialen Berichterstattung, Vorträge für Bischöfe und interessierte Personen, sowie die Beratung und Abfassung von Konzilsreden für verschiedene Bischöfe.[5] Küngs Einfluss auf die Kirchenkonstitution ist nach seiner eigenen Darstellung beträchtlich. Immer wieder habe er Bischöfe dafür gewinnen können, von ihm geteilte zentrale Anliegen vorzubringen und den Konzilsvätern die entsprechenden Reden geschrieben. Küng beobachtet die Entstehung der Kirchenkonstitution kritisch. Rückblickend urteilt er in seiner Autobiografie über den Entwurf zur Kirchenkonstitution:

„Wie konnte es in der Zwischensession zu einem solchen zutiefst zwiespältigen zweiten Dekretsentwurf kommen? […] Heute erkenne ich es noch deutlicher als damals: Hier ging und geht es nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um die Grundfrage, ob sich das biblisch-orientierte Communio-Modell von Kirche oder aber wieder das mittelalterlich-absolutistische Pyramiden-Modell durchsetzt.“[6]

Küng sagt also, dass sich in dem entstehenden Dokument zwei Kirchenbilder finden: Ein biblisch-gemeinschaftliches Grundverständinis und ein amtlich-hierarisches, das eine „mittelalterliche Herrschaftsstruktur“[7] zementiere. So ist es kein Wunder, dass die Bewertung des endgültigen Textes von „Lumen gentium“ nicht allzu positiv ausfällt. Küng bemerkt, er sei über die Konstitution glücklich und unglücklich zugleich:

„Glücklich, weil es mir gelang, über bischöfliche Konzilsreden viele meiner Anliegen in die Konstitution einzubringen: Jesu Verkündigung des Gottesreiches, Kirche als Ortskirche, die charismatische Dimension der Kirche, die historische Relativität der Drei-Ämter-Ordnung Bischöfe-Priester-Diakone; die Sündhaftigkeit und bleibende Reformbedürftigkeit der Kirche und schließlich, mit vielen anderen Interventionen zusammen, die Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst – die Grundvorstellung von der Kirche als Gottesvolk überall vorausgesetzt. Unglücklich bin ich, weil dies alles nicht konsequent vom Neuen Testament her entwickelt wird. Weil die biblisch orientierten Texte über die Kirche als Geheimnis und Gottesvolk von juristischen Erwägungen über die Hierarchie konterkariert werden.“[8]     

Diese mit einem zeitlichen Abstand von fast 40 Jahren geschriebenen Sätze veranschaulichen neben dem Selbstbild des Verfassers allerdings auch in knapper Form seine Erfahrungen und Enttäuschungen über die nachkonziliare Entwicklung.[9] 1966, also kurz nach Abschluss des Konzils, herrscht bei Küng eher eine optimistische Sicht vor. „Lumen gentium“ habe, so schreibt Küng, das Verständnis der Kirche als Obrigkeitsstaat mit dem Papst an der Spitze hinter sich gelassen.[10] In verschiedenen Vorträgen und Aufsätzen während des Konzils bringt Küng seine zentralen Anliegen hinsichtlich der ekklesiologischen Entwicklung immer wieder vor.[11] Sie betreffen: 1. Die Notwendigkeit der Reform der katholischen Kirche als Schritt zur Einheit der ganzen Christenheit. 2. Ein biblisches und ökumenisches Grundverständnis der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und Volk Gottes aus göttlicher Berufung. 3. Eine menschlich-realistische Betrachtung der geschichtlichen Wandelbarkeit und Fehlbarkeit der Kirche in ihrer Lehre und ihrer Struktur. 4. Die Anerkennung des gemeinsamen Priestertums als Basis aller Gläubigen und damit die Möglichkeit zur freiheitlichen Entfaltung der Individuen in der Kirche. 5. Ein Abrücken von der Uniformität der römischen Kirche, für die die päpstliche Zentralgewalt stilbildend ist und eine Hinwendung zur vielfältigen Tradition der Ortskirchen und Gemeinden als Repräsentationen des einen Gottesvolkes. 6. Eine Reform der kirchlichen Ämter im Sinne des „Dienstes“ für die Glieder der Kirche. Diese Grundsätze entfaltet Küng dann ausführlich in seinem Werk „Die Kirche“ von 1967. Mit der Abfassung hatte er schon während des Konzils begonnen.

Hans Küngs Verhältnis zum Konzil ist also ambivalent. Auf der einen Seite lobt er die Ergebnisse des Konzils in den höchsten Tönen, auf der anderen Seite kritisiert er, dass eine im Konzil bereits angelegte „rückwärtsgerichtete Tendenz“ später die Oberhand gewinnt. Küng schreibt in seiner Autobiografie:

„Ein neuer Geist ist in der katholischen Kirche [im Konzil] lebendig geworden, der wichtiger ist als das in den Dekreten Formulierte. […] Ein neues, geschichtlich-existentielles Verhältnis zur Wahrheit ist Wirklichkeit geworden. Die Bruchstückhaftigkeit und historische Kontingenz aller kirchlichen Lehrdokumente wurde konkret erfahren. […] Ein neues Ideal der Kirchenleitung ist sichtbar geworden (statt Einmannregierung gemeinsame Verantwortlichkeit).[…] Die berechtigten Anliegen der östlichen Kirchen und der Reformation haben in der Kirche Einzug gehalten.“[12]

Damit macht Küng deutlich: Man muss zwischen dem unterscheiden, was das Konzil wollte und dem, was im Konzil aufgeschrieben wurde. Diese Lesart, mit der Hans Küng die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums bewertet, wird in der Folge gerade im deutschsprachigen Raum stilbildend. Dabei legt Küng die Konzilsdokumente nicht aus, sondern rezipiert sie, insoweit sie seinem eigenen ekklesiologischen Ansatz entsprechen[13] und urteilt die Textpassagen, aber auch häufig die Personen ab, die seinem ekklesiogischen Ansatz nicht entsprechen.[14] Es gibt eine im Sinne Küngs richtig verstandenen modernen Theologie und Praxis der Kirche, das vom Konzil „eigentlich“ angestrebte Kirchenverständnis[15], dass genau das aussagt was der Tübinger Professor immer schon gesagt hatte. Da jedes andere Kirchenverständnis zugleich als klerikal, mittelalterlich und kurial abqualifiziert wird, überholt Küng bereits während des Konzils das selbige, indem er das Konzilsergebnis schon gegenüber seiner Theologie als rückständig darstellt.[16] Das Konzil ist also dort tadelnswert, wo es nicht das geschrieben hat, was Küng wollte. Küng hat, soweit ich sehe, andere Auslegungen des Konzils nie wirklich akzeptiert. Wenn er also vom „Konzil“ spricht, spricht er eigentlich von seiner eigenen Theologie. Man darf Küng hier nicht auf den Leim gehen. Sein Beitrag zur erneuerten Ekklesiologie darf als wichtiges Ergebnis eines theologischen Aufbruchs gewertet werden. Es ist aber nicht das einzige Ergebnis. Wer das II. Vaticanum erforschen und kennenlernen möchte, braucht weitere Quellen.


[1] S. z.B. die ausführliche Würdigung im Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunk.de/zum-tod-des-theologen-hans-kueng-ein-reiches-und-spannendes.886.de.html?dram:article_id=495288

[2] Die folgenden Ausführungen habe ich ausführlich dargelegt in: Bergner, Volk Gottes, Bonn 2018, 151-165.

[3] Küng, Konzil und Wiedervereinigung, Freiburg 1960 (Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf diesen Text).

[4] Küng berichtet in seiner Autobiographie, Karl Rahner habe ihn in der zweiten Session eingeladen, an den Sitzungen der Theologischen Kommission teilzunehmen. Nach langem Abwägen habe er sich dagegen entschieden, so Küng, da er befürchte, an dieser Stelle keinen entscheidenden Einfluss nehmen zu können, stattdessen aber bei eigener Mitwirkung seine kritische Distanz als Gegenüber und persönliche Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. S. Küng, Hans, Erkämpfte Freiheit – Erinnerungen, München 2002, 465f.

[5] Ruddy, Christopher, Yves Congar and Hans Küng at Vatican II – Differing Paths of Church Reform, in: Ecclesiology 10 (2014), 159-185, 171.

[6] Küng, Erkämpfte Freiheit, 459.

[7] Küng, Erkämpfte Freiheit, 464.

[8] Küng, Erkämpfte Freiheit, 484f.

[9]S. Küng, Wahrhaftigkeit – Zur Zukunft der Kirche, Freiburg 1968, 9f.

[10] Küng, Konzilsergebnis – Dokumente der Erneuerung, Kevelaer 1966, 16..

[11] Eine Zusammenstellung findet sich in: Küng, Hans, Kirche im Konzil – zweite Auflage mit Bericht von der zweiten Session, Freiburg 21964 (1963)

[12] Küng, Konzilsergebnis, 27.

[13] S. Küng, Die Kirche des Evangeliums, 195.

[14] S. Küng, Erkämpfte Freiheit, 261, 292, 396, 466, 229, 336.

[15] Küng, Wahrhaftigkeit, 10f.

[16] „Welche Theologie wird auf Dauer repräsentativ für die Kirche sein? Welche Theologie wird sich in besonderer Weise gegen alle Wiederstände immer wieder als repräsentativ für die Kirche erweisen und durchsetzen? Nicht diejenige, die sich besonders modern gibt. Auch nicht die, die sich besonders traditionell gibt. Sondern diejenige, die das Evangelium Jesu Christi selbst hinter sich hat; die ihr Fundament nicht im Menschenwort, sondern im Gotteswort hat.“ Küng, Theologe und Kirche, 57. Küng sieht seinen theologischen Ansatz, wie er in „Die Kirche“ zeigt, in besonderer Weise durch die Schrift und die Erkenntnisse der Exegese gedeckt. Insofern ist der Vorwurf der exegetischen Unsauberkeit, den er zuweilen auch in Bezug auf die Konzilsdokumente äußert in dieser Sichtweise sehr schwerwiegend.

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