Der richtige Platz [zum Karfreitag]

In der Fastenzeit haben wir in unserer Pfarrei einen besonderen Kreuzweg gebetet. In die Betrachtung des Leidensweges haben wir das Gebet für die Betroffenen der weltweiten Corona-Krise hineingenommen. Dabei wurde mir deutlich, wie viele Menschen in den unterschiedlichsten Situationen betroffen sind, angefangen von den Kranken und Sterbenden, über die Pflegekräfte und Familien bis hin zu denen, die die wirtschaftlichen und psychischen Folgen der verschiedenen Schutzmaßnahmen tragen müssen. Corona ist seit einem Jahr gefühlt überall und betrifft alle Lebensbereiche. Corona ist auch in den Medien überall. Fast jedes Gespräch in diesen Wochen läuft irgendwann auf dieses Thema zu. Wir sprechen über die Schule, das Impfen, das Testen, das Einkaufen, das Masketragen, den Urlaub und über die Gottesdienste. Es ist daher nur angebracht, auch heute, am Karfreitag, an die vielfältigen Leiden, Schwierigkeiten und die Trauer zu erinnern, die unsere Zeit bestimmen. Die Passion Jesu führt uns das Leid, den Schmerz, aber auch das Unrecht vor Augen. Die Wunden Jesu sind zugleich die Wunden der Welt, einer Welt, die nicht zum Stillstand kommt, sondern durchsetzt ist von Gewalt, Unrecht, Krankheit, Krieg und Katastrophen. Das hat dieses Jahr in besonderer Weise wieder gezeigt. Auch abseits von Corona war es ein Jahr voller Gewalt und Aufstand. Es war ein Jahr der oft so vergeblichen Proteste und Petitionen, der Resignation angesichts von Unrecht und Gewalt.

Sie haben vielleicht noch die Bilder der Massenproteste in den USA gegen rassistische Polizeigewalt im Kopf, wahrscheinlich auch die der Opposition in Hongkong. In Weißrussland gehen die Menschen gegen ihre diktatorische Regierung auf die Straßen. Wir können uns erinnern an die Solidaritätsbekundungen nach den islamistischen Gewalttaten in Frankreich oder angesichts rechtsradikaler Morde in Deutschland. Wir haben das Schicksal einzelner Personen verfolgt, des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, des hingerichteten iranischen Regierungskritikers Navid Afkari, oder der dortigen Bürgerrechtlerinnen Nasrin Sotoudeh und Mary Mohammadi. Auch in diesem Jahr ist das Mittelmeer zum Grab für Hunderte von Migranten geworden. Im Yemen tobt weiter ein schrecklicher Krieg mit Millionen, die hungern. Aus dem Krieg in der Provinz Tigray in Äthiopien werden zahlreiche Kriegsverbrechen gemeldet. Vor den Toren Europas war in diesem Jahr ein Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan entfacht worden. All das sind wahrscheinlich nur einige Namen, einige Orte der Leidensgeschichten, die sich in dieser Zeit ereignen. Es sind zu viele, um sie aufzählen zu können.

Was kann man gegen das Leiden tun? Eine der eindrücklichsten Geschichten der vergangenen Monate erzählt von den Demonstrationen in Myanmar[1]. Dort kam es in der nördlichen Stadt Myitkyina im März zu Demonstrationen gegen den Militärputsch. Bewaffnete Soldaten zogen gegen die Demonstranten auf. Aus ihren Reihen löste sich eine Ordensschwester, Sister Ann Rose Nu Tawng. Sie ging auf die Soldaten zu, kniete nieder, streckte die Arme aus und bat sie darum, keine Gewalt anzuwenden. „Es ging mir vor allem um die Kinder“, so sagte sie später: „Ich kniete nieder und flehte die Soldaten an, die Kinder zu verschonen, lieber mich an ihrer Stelle zu töten.“ Die Filmaufnahmen des Vorfalls zeigen, wie sich zwei der Soldaten zu Sister Ann auf den Boden knien und die Hände falten. Doch das Bild trügt. Die Bitte blieb unerhört. Einige Augenblicke später eröffnete das Militär das Feuer. Mehrere Menschen starben an diesem Tag.

Es ist diese Geste der Verzweiflung, die vielleicht für unsere Tage so symbolisch ist. Die Gewalt endet nicht. Wie in der Leidensgeschichte Jesu kann sie noch nicht einmal die erwiesene Unschuld des Verurteilten aufhalten, auch nicht das Bitten, das Verhandeln oder das Drohen. Die Geste der Verzweiflung demonstriert die Hilflosigkeit. Und doch zeigt sie eins ganz deutlich. Sie zeigt uns den richtigen Platz. Gerade am Karfreitag wird deutlich, dass Jesus diesen Platz einnimmt, den Platz in der Niedrigkeit, den Platz mitten im Leiden. Man kann über politische Vorgänge unterschiedlicher Meinung sein. Aber man kann nicht unterschiedlicher Meinung darüber sein, wo für Christen, für die Kirche der richtige Ort ist. Er muss an der Seite der unschuldig Leidenden sein. Mit Jesus den Kreuzweg zu gehen meint auch, die Bereitschaft, mit den Leidenden unserer Zeit den Kreuzweg gehen zu wollen. Ich denke, dass nur in dieser Weise die Saat der Hoffnung und der Erlösung nicht ganz verschwindet. Das zumindest ist das Versprechen der österlichen Tage.


[1] Der Fall ist unter anderem im „Guardian“ dokumentiert worden: https://www.theguardian.com/world/2021/mar/09/shoot-me-instead-myanmar-nuns-plea-to-spare-protesters

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