Auf Kriegsfuß? – Der Papst und westliche Zivilisation

Am 3. Oktober veröffentlichte Papst Franziskus die Enzyklika „Fratelli tutti – Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“. Das Lehrschreiben kann in eine lange Tradition von Sozialenzykliken eingereiht werden, in denen die Päpste zu den drängenden wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Zeit Stellung nehmen. „Fratelli tutti“ sorgt in der deutschsprachigen Presse aus zwei Gründen für Aufsehen und für überwiegende Ablehnung. Zum einen begann schon vor der Veröffentlichung ein reger Diskurs über den nicht gendergerechten Titel („Fratelli“ = Brüder). Inhaltlich aber nahmen die Kommentatoren überwiegend an der erneuten Kapitalismuskritik des Papstes Anstoß.

Einen gewichtigen Einspruch erhob Daniel Deckers in einem Kommentar für die FAZ.[1] Er warf Franziskus vor, für die positiven Effekte des marktwirtschaftlichen Systems blind zu sein. Franziskus bediene sich bei der Zustandsbeschreibung der „apokalyptischer Metaphern“ und sei weitgehend frei von wissenschaftlichen Argumenten. Der Lauf der Welt werde von ihm als „ein Prozess sozialer Entfremdung und moralischer Verwahrlosung“ beschrieben, der die guten Entwicklungen etwa bei der Erreichung der „Millenium-Ziele“ ausblende. Der Papst weiche in seinem Lehrschreiben von den bisherigen Grundsätzen der christlichen Soziallehre ab. Diese hatte den Kapitalismus im Grundsatz stets bestätigt, ihn allerdings auf „mäßigende“ soziale Grundsätze verpflichtet. Die „soziale Marktwirtschaft“ galt lange als Idealbild einer ausgeglichenen und gerechten Wirtschaftsordnung. An dieser Stelle Zweifel an der politischen und ökonomischen Ordnung zu säen, so Deckers, verstärke nur Ressentiments von Demokratiegegnern oder Verschwörungstheoretikern. Insgesamt sei das Abweichen von bisherigen Denkmustern in diesem Fall also eher schädlich als nützlich, so dass die Enzyklika als ein „intellektueller und theologischer Offenbarungseid“ zu werten sei.

Die hier geäußerte Kritik wiegt schwer. Unzweifelhaft vollzieht Franziskus in seinem Pontifikat in Fragen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung einen gewissen Traditionsbruch. Auch wenn man zugesteht, dass Kritik am Kapitalismus insbesondere in den Texten Johannes Pauls II. eine wichtige Rolle spielt (der Papst fand etwa deutliche Worte über die Vorstellung eines rein wirtschaftlichen Fortschritts[2]), wird bei Franziskus doch eine neue Qualität erreicht (z.B. Nr. 33). Er wendet sich gegen neoliberale Wirtschaftstheorien (Nr. 168), gegen die aus seiner Sicht zerstörerischen Auswirkungen des internationalen Finanzmarktes, der die Nationen ihrer Eigenständigkeit beraubt (170ff.) oder gegen eine Politik, die sich allein von wirtschaftlichen Gesichtspunkten leiten lässt (Nr. 177). Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die Ausführungen zur Wirtschaft und Wirtschaftsordnung im Gesamt der Enzyklika nur einen Teilaspekt abbilden. Sie sind in eine grundsätzliche Kritik herrschender Grundeinstellungen zur Gesellschaft und Kultur eingebettet. Die These der Enzyklika lautet: „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich zunehmend entsozialisiert.“ Allerorten begegnet uns die Tendenz zur Absonderung und Abschottung gegen unseren „Nächsten“. Die von Franziskus zum Beleg seiner These gewählten Beispiele sind vielfältig. Er wendet sich gegen populistische Strömungen, die aus der Abgrenzung der eigenen Interessengruppe von den anderen leben (Nr. 15, Nr. 155f.), gegen die Bildung von Meinungsblasen in den sozialen Netzwerken (Nr. 43) oder gegen die Ausgrenzung von Migranten und Fremden (Nr. 37-41). Diese Beispiele sind für Franziskus Teil einer schädlichen Grundeinstellung:

„Man nimmt das Vordringen einer Art von „Dekonstruktivismus“ in der Kultur wahr, bei dem die menschliche Freiheit vorgibt, alles von Neuem aufzubauen. Aufrecht bleibt nur das Bedürfnis, grenzenlos zu konsumieren, und das Hervorkehren vieler Formen eines inhaltslosen Individualismus.“ (Nr. 13).

So haben wir es mit einem kulturellen Mainstream zu tun, der an vielen Stellen eine „soziale Verantwortung“ vorgibt, ohne sie wirklich zu praktizieren:

„[…] In der globalisierten Gesellschaft gibt es einen eleganten Stil, sich abzuwenden, der gegenwärtig praktiziert wird: Unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit oder ideologischer Modeerscheinungen schaut man auf den Leidenden, ohne ihn zu berühren; er wird live im Fernsehen übertragen. Es wird sogar eine scheinbar tolerante Sprache voller Euphemismen benutzt.“ (Nr.76).

Der herrschende Individualismus, vor allem aber der Relativismus führt „unter dem Deckmantel von vermeintlicher Toleranz […] letztendlich dazu, dass die Mächtigen sittliche Werte der momentanen Zweckmäßigkeit entsprechend interpretieren“ (Nr. 206). Die Wahrheitsfrage bleibt also im herrschenden Diskurs ausgespart, ebenso wie eine wirkliche „Gemeinschaft“ im Widerstreit der Interessen nicht mehr herzustellen ist. Die Liste der Zitate ließe sich noch beliebig fortsetzen. Zusammengefasst findet sich grundpessimistische Beurteilung der derzeitigen Situation in Nr. 14:

„Das sind die neuen Formen einer kulturellen Kolonisation. Wir wollen nicht vergessen, dass »die Völker, die ihre eigene Tradition veräußern und aus einem Nachahmungswahn, einer aufgezwungenen Gewalt, einer unverzeihlichen Nachlässigkeit oder einer Apathie dulden, dass ihnen die Seele entrissen wird, neben ihrer geistlichen Physiognomie auch ihre moralische Festigkeit und schließlich ihre weltanschauliche, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit verlieren«. Eine wirksame Weise, das geschichtliche Bewusstsein, das kritische Denken, den Einsatz für die Gerechtigkeit und die Kurse zur Integration aufzulösen, sind die Sinnentleerung oder die Änderung großer Wörter. Was bedeuten heute einige dieser Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Einheit? Sie sind manipuliert und verzerrt worden, um sie als Herrschaftsinstrumente zu benutzen, als sinnentleerte Aufschriften, die zur Rechtfertigung jedweden Tuns dienen können.“

Dieser Zustand kann nach Ansicht des Papstes nur durch eine neue Kultur der Barmherzigkeit überwunden werden. Am Beispiel des Barmherzigen Samariters illustriert Franziskus, worauf es ihm ankommt: Eine wirkliche Kultur der Aufmerksamkeit gegenüber den Schwachen, ein konkretes Handeln im Nahbereich, das unabhängig von politischen Programmen zu einer wirklichen Veränderung des menschlichen Miteinanders führt (Nr. 56-86). Diese Aspekte scheinen nicht neu. Auch vergangene Päpste, vor allem Johannes Paul II. hatte immer wieder auf die Notwendigkeit einer moralischen und sozialen Weiterentwicklung gesellschaftlichen Zusammenlebens gedrängt. Neu ist allerdings, dass Papst Franziskus offenbar auf eine Neuordnung auch des politisch-wirtschaftlichen Systems drängt. Seine Generalabrechnung mit den herrschenden Verhältnissen endet nicht mit dem Versuch, das bestehende System zu verbessern, sondern mit einem Systemwechsel, der allerdings im Text offenbar nicht so klar herauskommt.

Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn Daniel Deckers von „apokalyptischen“ Untertönen spricht. Hier wird wirklich der Abgesang auf die westliche Kultur gesungen. Zugleich hätten diese Untertöne Deckers aber nicht überraschen müssen. Er selbst hatte in seiner lesenswerten Franziskus-Biographie[3] auf die besondere Prägung des Papstes durch den argentinischen Kontext verwiesen. Dies betrifft sowohl seine Einbettung in die argentinische Philosophie und Theologie der 50er und 60er Jahre, als auch die politische Zeit des Peronismus. Es handelt sich um einen ideengeschichtlichen Kontext, in dem ein solcher politisch-ökonomischer Systemwandel praktisch erprobt wurde. Deckers schreibt über den Peronismus, dass dieser versucht habe, die katholische Soziallehre praktisch umzusetzen. Perons Programm kreiste um einen nationalen, religiös beeinflussten und sozialen Staat. Allerdings dürfte dabei der Einfluss der katholischen Soziallehre dabei nicht überschätzt werden, vielmehr kamen auch eigene, lateinamerikanische Denkweisen zum Zuge. Die zutiefst fortschrittskritische Stimmung (im Sinne eines europäischen Ansatzes) wurde von argentinischen Denkern entwickelt, die einen eigenen lateinamerikanischen Weg für Kultur und Gesellschaft entwickeln wollten und eine Hegemonie westlicher Ideen ablehnten. Der Philosoph Rodolfo Kusch (1922-1972) suchte „nach einer Verwurzelung der Philosophie auf amerikanischem Boden in der Volkskultur Argentiniens“.[4] Beispielhaft macht er dies in seinem Essay „America profunda“ von 1962 deutlich. Kusch skizziert hier die Lebens- und Wirtschaftsordnung indigener Völker und sucht nach einer Übersetzungsmöglichkeit für die moderne Gesellschaft. Dabei verkommt die europäisch-westliche Kultur des beständigen Fortschritts, des „Seins“, wie Kusch es nennt zum Gegenbild zu einer Kultur des „Daseins“. Dieses „estar aqui“ habe eine Wirtschaftsordnung der „Vorsicht und des Schutzes“ bewirkt. Gegen die als feindlich empfundene Natur haben sich die indigenen Völker eine Ordnung geschaffen, in der alles vom konkreten Standpunkt, der Erde, der kleinen Gemeinschaft, der Anwesenheit von Göttern und Geistern, ausgehe. Sie haben so eine soziale, fürsorgliche und ressourcenschonende Gesellschaft entwickelt, die in der Lage war, auf die konkreten Bedürfnisse zu reagieren, vor allem aber die Gemeinschaft schützte. Wirtschaftliches, geistliches und soziales Leben hätten so zu einer harmonischen Einheit zusammengefunden[5]. Es ist kein Zufall, dass dieser Grundgedanke von Juan Carlos Scannone, einem engen Vertrauten und Weggefährten des heutigen Papstes aufgenommen und verstärkt wurde. Das „estar“ ist bei ihm das vorreflexive Verbundensein des Volkes mit seiner eigenen Umwelt. Dies ist sowohl vom Lebensumfeld als auch von der „Weisheit“ und Religiösität des Volkes her gedacht. Mystik, Weisheit, Umwelt und Gemeinschaft verbinden sich aus dieser dann reflektiert aufgenommenen Situation zu einer eigenen Ethik.[6] Der Gesellschaftsentwurf der „Argentinier“ geht also von einer glückenden Symbiose von Gemeinschaft, Solidarität, Religion und Ethik aus. Eine Wirtschaftsordnung entwickelt sich aus diesem Zusammenhang heraus und steht nicht für sich oder jenseits der Verpflichtung für die jeweilige Gemeinschaft.

Dieser Grundentwurf lässt sich in der Enzyklika „Fratelli tutti“ leicht wiederfinden. Bereits der Titel verweist auf die existenzielle Bedeutung der „Geschwisterlichkeit“ als Haltung gegenüber allen Menschen der Gemeinschaft, eine Haltung der „Inklusion“, die aus dem täglich wahrgenommenen Bedürfnis an Menschlichkeit entsteht und Abschottungen vermeidet (vgl. Nr. 103ff.) Es darf daher nicht verwundern, wenn in den Ausführungen des Papstes zu einer „alternativen“ Gesellschaft Stichworte zu finden sind wie „Moral“ (Nr. 91), „Geistliche Gestalt (Nr.92), „Soziale Funktion des Eigentums“ (Nr. 118) oder „Solidarische Entwicklung der Völker (Nr. 138). Auch der „Standort“ der eigenen Kultur wird besonders erwähnt. Es geht Franziskus dabei nicht um einen „lokalen Narzissmus“ oder eine „globale Oberflächlichkeit“, sondern um den spezifischen Beitrag der Kulturen ohne hegemoniale Vorentscheidungen, aus denen die Weltgemeinschaft dialogisch lernen kann (Nr. 143-150). Auch der im üblichen Diskurs eigentlich verschmähte Ausdruck „Volk“ taucht an zentraler Stelle wieder auf. Der Einfluss der „argentinischen Schule“ ist hier besonders deutlich im Text der Enzyklika zu finden. In Nr. 163 heißt es:

„Die Kategorie des Volkes mit ihrer positiven Wertung der gemeinschaftlichen und kulturellen Bindungen wird für gewöhnlich von den liberalen individualistischen Visionen abgelehnt, innerhalb derer die Gesellschaft als eine bloße Summe von koexistierenden Interessen betrachtet wird. Sie sprechen von der Achtung der Freiheit, aber ohne die Wurzel eines gemeinsamen sprachlichen Hintergrunds. In bestimmten Kontexten wird oftmals des Populismus bezichtigt, wer aller die Rechte der Schwächsten in der Gesellschaft verteidigt. Für diese Sichtweisen ist die Kategorie des Volkes eine Mythologisierung von etwas, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Aber hier entsteht eine unnötige Polarisierung: weder jene des Volkes noch jene des Nächsten sind rein mythische oder romantische Kategorien, welche die gesellschaftliche Organisation, die Wissenschaft und die Institutionen der Zivilgesellschaft ausschließen oder verachten“

Das „Volk“, verstanden als regionale solidarische Gemeinschaft und Träger kultureller Werte, wird für Papst Franziskus zu einem entscheiden Faktor in der Entstehung einer neuen Gesellschaft, die den derzeitigen Status der Entfremdung überwinden kann.

Der kurze und lange noch nicht erschöpfende Blick in die Enzyklika stellt gerade einen Europäer vor gewaltige Herausforderungen. Als Teil eines etablierten gesellschaftlich-wirtschaftlichen Systems versteht er die päpstliche Kritik als Anklage an seine eigene Weltanschauung. Genau dies ist beabsichtigt und hat, wie man an der Kritik sehen kann, die das Lehrschreiben hervorgerufen hat, seine Wirkung nicht verfehlt. Der Papst liest an dieser Stelle vor allem den westlichen Kulturen die Leviten. Ob seine Kritik im Einzelnen angemessen ist oder über das Ziel hinausgeht, muss sicher diskutiert werden. Wichtig scheint es aber, genau diesen Dialog zu führen. Wie bereits in „Laudato si“ entwirft Franziskus eine alternative Weltsicht, die zunächst ungewohnt, vielleicht auch anmaßend oder feindlich daherkommt. Die Frage allerdings, ob eine wirkliche menschliche Entwicklung innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsrahmens eine Chance hat, darf zumindest gestellt werden. Die Alternative klingt sicher einigermaßen utopisch oder zu optimistisch. Was hier allerdings geschieht, ist, dass gerade wir Europäer es aushalten müssen, „vom anderen Ende der Welt“ kritisiert zu werden. Es ist eine Kritik, die im sonstigen politischen Diskurs zu selten erscheint. In der Gestalt des Papstes hat sie eine prominente Stimme gefunden.


[1] Deckers, Ein theologischer Offenbarungseid, FAZ online am 17.10.20.

[2] Johannes Paul II., Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“, 30.12.1987, 28ff.

[3] Deckers, Papst Franziskus -Wider die Trägheit der Herzen, München 2014 besonders 53-74.

[4] S. hierzu: Schelkshorn, Hans, Kapitalismuskritik und „Inkulturation“, in: Appel/Deibl, Barmherzigkeit und zärtliche Liebe, Freiburg 2016, 71-84, hier 81.

[5] Kusch, America profunda, 1962, Buch 1, Kapitel 6.

[6] Scannone, Weisheit des Volkes und spekulatives Denken, in: ThPh 60 (1985), 161-187.

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