In den Morast [zum Gedenktag des Heiligen Ansgar]

Vor einigen Jahren zeigte das archäologische Museum Hamburg eine Sonderausstellung über die Ursprünge der Stadt. Grundlage waren neue Ergebnisse der Altertumsforscher, die eine bessere Rekonstruktion der ursprünglichen Siedlung an der Elbe ermöglichten. Hamburgs Geschichte ist mit dem Heiligen Ansgar verbunden, der als Mönch und Missionar im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts auf dem Rückweg von einer Skandinavienreise im bereits bestehenden Handelsort  „Hammaburg“ Station machte und dort ein Kloster und eine Bischofskirche gründete. Zugleich wurde er erster Erzbischof von Hamburg, 845 allerdings von einfallenden Wikingern vertrieben. Immerhin bildet seine kurze Zeit an der Elbe und damit die kurze Periode des Bischofssitzes in Hamburg die historische Reminiszenz für die spätere Neugründung des Erzbistums Hamburg vor 25 Jahren. In der archäologischen Ausstellung zeigte sich die Schwierigkeit der angemessenen Darstellung der Hamburger Frühzeit. Der morastige Untergrund am ständig mäandernden Fluss hat nicht viel der meist aus Holz gebauten Strukturen und Gebäude konserviert. Es sind überaus bescheidene Relikte alter Zeiten, die sich im Untergrund erhelten haben. Statt verehrungswürdiger Ruinen einer goldenen Vorzeit bleiben in Hamburg nur ein paar alte Tonscherben von Gebrauchsgegenständen. Für das Erzbistum Hamburg sieht es ähnlich aus. Können andere Bistümer aus ihrer Frühzeit auf römische Münzen, germanischen Schmuck oder frühromanische Kapitelle verweisen, zeigen die Hamburger Vitrinen einige Reste verwitterter Backsteine aus dem alten Mariendom. Diese Kirche, immerhin noch das deutlichste Zeichen einer geschichtlichen Kontinuität zur Zeit Ansgars, wurde im 19. Jahrhundert in Schutt und Asche gelegt, weil sie den Hamburger Kaufleuten als ein unnützer und reparaturanfälliger Großbau zu teuer geworden war. Die Geschichtsbegeisterung des vorvergangenen Jahrhunderts war offensichtlich nicht unbedingt mit einer Begeisterung für den Denkmalschutz verbunden.

Ich denke, es ist realistisch, sich Ansgar, den umherziehenden Missionar mit kaiserlichem Auftrag, als einen Apostel des Morastes vorzustellen, der die norddeutsche Tiefebene prägt. Es sind Sümpfe und Feuchtwiesen gewesen, durch die sich Ansgar seine Wege bahnen musste, Gelände, das schwer zu bebauen und zu bewirtschaften ist. Mit der Mission selbst war es auch so. Das angetroffene einheimische Heidenvolk hatte keineswegs auf die Missionare gewartet. Und so verschluckte das Land nach ebenso kurzer Zeit die provisorisch gefestigte Botschaft des Evangeliums wie es die ersten in den Moorboden gerammten Balken zum Kirchbau vermodern ließ.

Noch heute zeigt eine Wanderung durch das Moor die Unwegbarkeit des Geländes. Das Wasser bearbeitet kontinuierlich das Land. Es verschluckt mit der Zeit einmal gelegte Wege, flutet trockengelegte Flächen, verschiebt den Untergrund. Es bildet faulige Tümpel und sumpfige Wiesen, auf denen der Wanderer einsinkt, verschlingt mit der Zeit die Dinge auf dem Boden, fällt ganze Bäume und bringt auf der anderen Seite die verwesenden Relikte alter Zeiten wieder an die Oberfläche; gluckerndes schwarzes Wasser unter Moosen und Farnen. Wer in das Moor geht, sollte nicht zimperlich sein. Das Erzbistum Hamburg ist in den Sumpf gesetzt. Das gilt nicht nur für seine Frühzeit, sondern auch für seine Gegenwart. Erst im späten 19. Jahrhundert gab es die ersten Ansätze nach der Reformation, sich wieder um eine kleine Schar Katholiken in den nordischen Gebieten zu bemühen. Verglichen mit den fruchtbaren Äckern des Emslandes war für das Bistum Osnabrück die pastorale Situation nördlich der Elbe eher die einer unfruchtbaren Kuhweide und damit eine Sache für ein paar Einheimische, für Idealisten oder für Leute, die zu echter Feldarbeit nichts taugten. Es war gerade in den Anfängen des neuen Erzbistums wichtig, langsam und vorsichtig das Gebiet zu durchmessen. Wege und Strukturen sind in diesem Gebiet nur mühselig anzulegen. Der Sumpf erfordert die beständige Arbeit und zugleich die Bescheidenheit, sich der begrenzten Möglichkeiten bewusst zu bleiben. In dem Augenblick, wo man versucht, mit der Größe und Tradition anderer Bistümer mitzuhalten, beginnt das moorige Gelände, die neu errichteten Großbauten sofort wieder anzugreifen. Es ist dann ein wenig wie bei unserer Schweriner Propsteikirche, deren Mauern wegen des sandigen Unterbaus beständig auseinanderdriften. Eine Erhaltung ist hier der dauernde Kampf gegen die sich bildenden Risse. Schaut man auf die Gegenwart, sieht man, wie sich der Sumpf langsam wieder seine Bereiche zurückholt. Auf einmal angelegte Wege ist kein Verlass mehr. Das ganze Konstrukt der Kirchen, Gemeinden, Einrichtungen und Projekte, dass doch Kontinuität, Festigkeit, sogar Wachstum suggerierte, kommt in eine Schieflage. Die modrigen Pfützen breiten sich so rasch aus, dass für die Beseitigung der Schäden meist keine Kraft bleibt. Moor bleibt Moor.  

Die Herausforderung ist die gleiche wie die des Heiligen Ansgar. Wie kann eine realistische Form der kirchlichen Arbeit aussehen? Im Augenblick gibt es eine große Verheißung: Es sind Schwärmer, die ins Moor ziehen und ausrufen „Was für ein herrliches Biotop“. Sie versuchen eine Symbiose mit der Natur. Das Moor als Missionsland ist nicht zuerst ein Problem, sondern ein Lebensraum. Die Kirche müsste es aufgeben, Wege und Strukturen bauen zu wollen, sondern selbst Feuchtwiese unter Feuchtwiesen sein. Bislang allerdings ergaben sich die Schwierigkeiten dieser Missionare dort, wo sie die gesicherten Pfade der bisherigen Wege verlassen mussten und mit den neuen Treckingsandalen das erste Mal eine Stunde in der Feuchtwiese standen. „Was für eine wunderbare Erfahrung“, riefen sie und eilten in die wohligen Räume kirchlicher Fortbildungen zurück um von ihren Erlebnissen zu erzählen. Diejenigen, die das Moor für einen wunderbaren „Andersort“ gehalten hatten – die hippere Variante von „Biotop“ – ärgerten sich nach den Moorerfahrungen über die verschmutzen Sneaker und kehrten in nassen „Happy socks“ an ihre Schreibtische zurück.

Die Wahrheit ist einfach, aber unattraktiv. Für die kirchliche Mission im Moor braucht es Gummistiefel. Es geht um eine beständige und mühsame Arbeit der Evangelisierung und Mission in einem Umfeld, das darauf nicht gewartet hat. Angelegte Wege müssen begangen und gewartet werden, Umwege gebaut, Bohlen befestigt, Pfeiler ausgetauscht werden. Dies alles geschieht im Bewusstsein, dass im Moor nicht für die Ewigkeit ist und nichts für immer fest und solide bleibt. Im letzten geht es um ein Mindestmaß an kirchlichem Leben. Es geht um ansprechende Verkündigung, würdige und schöne Gottesdienste, solide Theologie, Zeit zur Begleitung und zum Gespräch, Gebet und Kontemplation, konkrete Hilfe für Menschen in Not und Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs. Das ist ein großes Programm, aber notwendig, um begehbaren Boden zu bewahren. Im Augenblick haben wir eher die Tendenz, schöne Bauten für Grundstücke zu entwerfen, in denen das schwarze Moorwasser schon längst die einstige Festigkeit wieder aufgeweicht hat. Das Geschäft im Sumpf bleibt mühsam.

Ludwig Averkamp, der nach Ansgar wieder erste Erzbischof von Hamburg skizzierte für das neue Bistum drei Prioritäten.[1] Die erste nannte er „Bekehrung der Verkünder des Evangeliums“ und meinte damit eine intensive Pflege des geistlichen Lebens und der Christusbeziehung bei allen Mitarbeitenden des neuen Bistums. Zum zweiten nannte er die Förderung kirchlicher Berufe. Als drittes sprach er (bereits 1995!) von der Neuevangelisierung. Averkamp sagte: „Die kirchliche Hauptfrage in unserer Zeit heißt nicht in erster Linie: Wie können wir Kirchenaustritte stoppen? Die Hauptfrage heißt vielmehr: Woher kommen heute neue Christen? Wie sollen wir ihnen entgegengehen? Wo gibt es wirkliche Mission in unserem Bistum?“ Es mag sein, dass diese Forderungen heute veraltet sind. Die drei Prioritäten allerdings umschreiben eine missionarische Qualität. Vielleicht sind dies Qualitäten, die unsere Zeit mit der des Heiligen Ansgar verbinden. Die Arbeit im Moor erfordern sie.           


[1] Ludwig Averkamp, Aufgaben und Herausforderungen des neuen Erzbistums (1995), in: Ders., Im Dienste des Evangeliums, Hamburg 2002, 12-31, 21ff.

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