Die Leere füllen

Mitte des Monats machten die Senioren von St. Anna einen Ausflug. Sie besuchten einige Mecklenburger Klosteranlagen, unter anderem Neukloster und Tempzin. Aus der Erfahrung der Klosterführungen berichtete mir eine Teilnehmerin: „Die Klosteranlagen sind alle schön und wieder gut restauriert worden. Allerdings merkt man doch deutlich, wo sich noch etwas kirchlicher Geist findet. Einige Klöster sind heute eher Museen. Man merkt zwar, dass sich die Führerinnen Mühe geben, etwas über das Kloster zu sagen, aber so richtig von innen her verstanden haben sie es nicht.“ Es ist wohl so, dass ein christlicher, gerade auch ein katholischer Besucher ein Kloster wie dieses hier in Rehna[1] mit anderen Augen sieht als ein Nichtgläubiger. Nicht, dass er von sich aus immer schon mehr über die Geschichte der Gebäude oder über das Klosterleben im Mittelalter wüsste. Es ist wohl eher ein Gefühl der Vertrautheit, das sich bei ihm einstellt. Der Besucher oder die Besucherin wird nicht nur den Aufbau und die Gegenstände der Klosterkirche erkennen und benennen können. Vielmehr werden sie oder er ein Gefühl dazu haben, ein Bewusstsein für den Sakralraum, vielleicht ein intuitives Erfassen eines Ortes, an dem viele Jahrhunderte gebetet und der Gottesdienst gefeiert wurden. Was aber sieht ein Besucher, der das Christentum nicht kennt? Wenn er hier in die Klosterkirche kommt, wird er sich vielleicht wundern, dass in einem verhältnimäßig kleinen Ort wir Rehna einmal eine so große Kirche gebaut wurde, die sicherlich mehr als 500 Leute aufnehmen kann. Er wird den prächtigen Altar, das Chorgestühl oder die Fresken als Kunstwerke sehen, als Zeugen einer vergangenen Zeit. Die Bilder zu den biblischen Erzählungen, die auf den Altartafeln zu finden sind, werden sie für ihn etwas anderes sein, als eine alte Geschichte, eine Anekdote, ein Märchen? Ich stelle mir den Besuch eines Nichtgläubigen in dieser Kirche so ähnlich vor, wie mein Gefühl, wenn ich einen griechischen Tempel, eine mittelalterliche Burg, ein römisches Theater oder ein slawisches Hünengrab besuche. Ich sehe die Bauwerke, ich bin vielleicht an ihrer Geschichte interessiert, aber ein wirkliches „Gefühl“ dazu habe ich nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, eine Opfergabe zu einem Tempel zu bringen, auf den Zinnen einer Burg Wache zu schieben, eine römische Komödie zu verfolgen oder bei einem altslawischen Begräbnis dabei zu sein. Die Gebäude sind noch da, aber sie sind ohne Leben, ohne Seele. Da ist etwas gewesen, das unwiederbringlich verschwunden ist. Über die Stätten wachen nicht mehr Priester, Ritter oder Stammesfürsten, sondern Historiker, Archäologen und das Denkmalamt.

Das „Entschwinden“ charakterisiert den Himmelfahrtstag. Er bezeichnet einen Übergang, zugleich einen Bruch. Bislang kannten die Jünger die körperliche Gegenwart Jesu, zuerst als Mensch mit dem sie einige Jahre in Gemeinschaft verbracht haben, dann in anderer Form als Auferstandener, der sich ihnen allerdings noch in seiner Gestalt gezeigt hat. Und nun entzieht sich diese Gestalt. Die Auffahrt Jesu in den Himmel ist ein eindrucksvolles Bild. Eben noch steht er bei ihnen auf der Erde, nun wird er den Blicken entrückt. Und die Engel sagen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Doch der Blick in den Himmel ist allemal trostvoller als der Blick auf die Erde – denn dort ist niemand mehr. Wie soll diese Leere gefüllt werden? Ist dort etwas zu Ende gegangen oder hat es eine Zukunft?

Was also angesichts der Leere? Der Philosoph Bruno Latour hat versucht, seine Gefühle zu beschreiben, als er eine Dorfkirche in seiner französischen Heimat besucht.[2] Er versucht, zu beten, aber er sagt: [..] leider fehlen mir die Worte, denn keines der Gebete, die dem Pilger auf von Feuchtigkeit zermürbten Pappkärtchen empfohlen werden, entspricht mehr dem Sprachspiel, auf das ich mich einlassen möchte. […] Wenn man von mir verlangt, in der Stille einer ländlichen Kirche die gleichen Worte hervorzubringen wie vor tausend Jahren die Bauern […], wenn sie in der Bittwoche kamen, um ihre Ernte schützen zu lassen. Die Welt hat ‚den Glauben verloren‘ heißt es? Nein, der Glaube hat die Welt verloren.“ Die Welt dieser Kirche, so könnte man übersetzen, sie ist untergegangen. Die Worte treffen nicht mehr, sie haben für Latour ihre Bedeutung, ihren Geist eingebüßt. „Was also tun?“, fragt er, „Weggehen? Das romanische Gewölbe bewundern? […] Den Touristen spielen? […] Nein, nehmen wir uns Zeit, versuchen wir es noch einmal, setz dich wieder hin. Zitternd vor Angst und Lächerlichkeit schaffe ich es zu murmeln: ‚Ich wende mich an dich, der du nicht bist‘.“ Das ist das zögerliche Beten eines Nichtgläubigen und zugleich der Anfang, die Leere zu überwinden.

Wir können uns über solche Versuche wundern. Wie soll man zu Gott beten, wenn man von seinem Dasein nicht überzeugt ist? Wie sollen wir es einschätzen, dass jemand keine Worte für ihn hat, wo wir doch souverän mit den überlieferten Worten des Gebets umgehen?

Die Bildtafeln der mittelalterlichen Altäre folgen einem Muster. Sie stellen ein Geschehen aus der Bibel oder aus einer Heiligenlegende dar. Aber sie zeigen keinen Hintergrund. Im Hintergrund ist die Leere. Aber diese Leere ist zugleich ein Goldgrund. Wenn man es so deuten mag, wird hier im Bild gleichzeitig das Ausgesprochene, Explizite, eben eine Handlung der Heilsgeschichte gezeigt und zugleich das Verborgene, Verschwiegene, Implizite, das dahinter steht. Die Bilder öffnen sich in einen goldenen Gnadenraum der göttlichen Gegenwart, die hinter allem steht, was auf den Bildern zu sehen ist. Es ist das Unfassliche, schwer Begreifliche, etwas das tastend erahnt werden muss. Es ist das Gefühl der Anwesenheit Gottes, ohne, dass ich dieses Gefühl gleich in Worten oder Formeln einfangen ließe. Für einen Glaubenden verbindet sich beides, für einen Nichtglaubenden sind die Dinge noch getrennt. Das Ausgesagte, die Figuren im Vordergrund, kann für ihn noch nicht geglaubt werden, das Unausgesagte, der Goldgrund steht für sich als ein vages Fühlen oder Sehnen. Wie, wenn dort tatsächlich ein Gott wäre? Das Geglaubte oder Erhoffte kann noch nicht gesagt werden. Wir könnten dem Nichtglaubenden helfen, das Ausgesagte zu verstehen. Und er könnte uns helfen, das Unausgesagte neu zu entdecken.

Es ist das Werk der Apostel gewesen, die Anwesenheit Gottes auch nach der Himmelfahrt wieder neu zu erfassen. Sie beginnen tastend und langsam den Glauben neu auszusagen. Sie finden neue Worte für ihr Gefühl, sie beginnen die Bedeutung Jesu über seine Gestalt hinaus zu entdecken. Sie entdecken seine zeichenhafte Gegenwart im Wort und in der Eucharistie. „Was schaut ihr zum Himmel?“ – was schaut ihr in die Leere? Was ihr gehört und gesehen habt ist nicht einfach vergangen, es ist weiter da, hinter der Leere und hinter dem Schweigen. Eure Aufgabe ist es, ihm Ausdruck zu geben. Und das ist unsere Aufgabe bis heute.      


[1] Das Kloster in Rehna (zwischen Lübeck und Schwerin) wurde im 13. Jahrhundert als Benediktinerinnenkloster gegründet. In der Reformation wurde es aufgelöst. Die Klosterkirche wird heute von der evangelischen Gemeinde als Gottesdienstraum genutzt. Ein Klosterverein bemüht sich um die Erhaltung der Gebäude.

[2] S. für das Folgende: Bruno Latour, Jubilieren, Berlin 2011, 20ff.

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