Nein-Sager Ja-Tuer

Kommt sie nun, die große Rentenreform? Es ist schon eine Weile her, dass der Bundeskanzler seine Pläne hierfür vorgestellt hat. Und dann kamen Landtagswahlen und mediale Diskussionen und interne Querelen und man fragt sich – was wird nun aus der Rentenreform? Klar scheint wohl schon, dass nicht das kommt, was angekündigt wurde. Das politische Geschäft der beständigen Kompromissfindung neigt dazu, angekündigte große Würfe zu kleinen Würfchen zu schrumpfen. In den Mühlen der Willensbildung geht es langsam und schwerfällig voran. Das Angekündigte und das Getane liegen häufig auseinander.

Dieses Gefälle ist der Stoff, aus dem der politische Journalismus seinen Honig zieht – die große Reform gescheitert, verhindert, die Autorität des Kanzlers in Frage gestellt? Einfacher wäre es, die politischen Erfolge erst zu verkünden, wenn sie auch umgesetzt sind – aber die Ankündigung ist nun einmal auch Teil des politischen Geschäfts. Dabei müsste jedem klar sein, dass das, was die Parteien etwa im Wahlkampf ankündigen, niemals so umgesetzt wird. Bestenfalls bleibt die Richtung oder ein Teil davon erhalten. Bei mir ist es mittlerweile so, dass ich für Ankündigungen und Versprechen zunehmend taub werde. Mich interessiert eher, was wirklich umgesetzt wird.

Dies ist keinesfalls bloß ein Phänomen im politischen Raum. Der Prozess des Verschleifens und der kleinteiligen Kompromisse ist vielmehr etwas Alltägliches. Versuchen Sie sich einfach einmal daran zu erinnern, wann Sie ein Vorhaben eins zu eins so umgesetzt haben, wie Sie es sich vorgenommen haben. Das kommt manchmal, aber nicht häufig vor. Sie nehmen sich vor, jetzt jeden Tag Sport zu machen, oder jede Woche eine Lektion in ihrem Fremdsprachenbuch zu bearbeiten. Sie versprechen einer Person, sie jetzt regelmäßig zu besuchen oder nehmen sich vor, sich jeden Abend Zeit für das Gebet zu nehmen. Nach kurzer Zeit gehen Sie dann doch meist Kompromisse ein und nicht selten verschwindet ihr gutes Vorhaben wieder im Strom der alltäglichen Geschäftigkeit.

Von der Diskrepanz zwischen Sagen und Tun handelt das Jesuswort aus dem Evangelium:

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt. (Mt 21,28-32)

Jesus spricht hier zu den Hohepriestern und den Ältesten, also zur religiösen Oberschicht seines Volkes. Die Beispielgeschichte richtet sich gegen sie. Jesus, der nicht zögerlich war, den Vorwurf der Heuchelei gegen die Frommen seiner Zeit zu erheben, klagt sie an. Ihr Reden und Handeln passen nicht zusammen. Sie haben Johannes den Täufer abgelehnt, weil dieser sich an die Sünder gewandt hatte. Dabei hätten sie sehen müssen, welche guten Früchte die Predigt des Täufers gebracht hat. Hier haben diejenigen, die vorher durch ihr Leben zu Gottes Gebot „Nein“ gesagt haben in ihrem Handeln zu einem neuen „Ja“ gefunden.

Es ist also nicht erstrebenswert, ein „Jasager“ zu sein. Dieses Wort hat ohnehin einen schlechten Klang. Auch aus bester Absicht reicht das Bekenntnis allein nicht aus, wenn es ohne praktische Folgen bleibt. Besser also, ein „Jatuer“ zu werden.

Auch abseits der religiösen Frage habe ich solche Erfahrungen durchaus machen können. Ich kenne das ganz gut. Sich gegen die eigene Neigung zu etwas Gutem verleiten zu lassen, hat noch nie geschadet. Sie kennen das vielleicht auch: Bei Beerdigungen etwa haben viele Scheu zu kommen, weil sie sich der Trauer nicht aussetzen möchten. Kommen sie aber doch, erfahren sie es häufig als etwas Gutes, dagewesen zu sein. Einem Bettler in der U-Bahn gebe ich ungern etwas, weil mich sein Betteln stört. Gebe ich aber doch etwas, empfinde ich es als besser, als wenn ich nichts gegeben hätte. Manchmal fühle ich mich abends zu müde zum Beten. Aber wenn ich es trotzdem tue, macht mich das zufrieden.

Man kann das Gleichnis Jesu so deuten, dass Glaube zuerst eine Praxis und dann erst ein Bekenntnis ist. Entscheidend ist, was am Ende geschieht.

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