Es ist der 30. Juni. Bei uns ist es schon fast halb zwei in der Nacht. In Boston geht das Weltmeisterschaftsspiel zwischen Deutschland und Paraguay auf seinen Höhepunkt zu. Nach 120 Minuten voller unansehnlichem Fußball steht es eins zu eins. Das Elfmeterschießen muss entscheiden. Zwei Spieler der deutschen Nationalmannschaft verschießen. Doch dann vergibt Paraguay ebenfalls zwei Elfmeter. Manuel Neuer hält. Auch das Elfmeterschießen geht in die Verlängerung. Die Spieler schauen sich an. Wer will die Verantwortung für den sechsten Elfmeter übernehmen? Schließlich lässt sich Jonathan Tah den Ball geben und legt ihn auf den Elfmeterpunkt. Spieler die so eine Situation schon einmal erlebt haben sagen: Das ist die Hölle. In diesem Augenblick schlottern dir die Knie. Du musst versuchen, alles auszublenden und darfst dich nur auf diesen Schuss konzentrieren. Das Tor vor dir wird plötzlich sehr klein und der gegnerische Torwart riesengroß. „Da liegt die Last einer ganzen Nation auf seinen Schultern“ – so sagt es der Reporter. Die Erwartungen von Millionen vor den Fernsehern verdichten sich auf diesen Moment. Der Druck ist riesig. Dann läuft Tah an – und er verschießt. Der Ball fliegt über die Latte des Tores in den amerikanischen Nachthimmel. Die Mannschaft scheidet aus.
Ich erzähle das nicht, um die Fußballfans unter Euch zu retraumatisieren. Ich erzähle das, weil man an dieser Situation verdichtet erkennen kann, was Druck ist, was es bedeutet, wenn eine riesige Last auf deinen Schultern liegt. In einem einzigen Moment kannst du zum Retter oder zum Buhmann werden.
Dieser Moment des entscheidenden Elfmeters ist eine Metapher. Der italienische Sänger Tiziano Ferro hat dieses Bild einmal für ein Video zu einem Song verwendet. Das Lied heißt „Alla mia etá“[1] – In meinem Alter. Jetzt war Tiziano Ferro noch nicht so furchtbar alt, als er den Song geschrieben hat. Aber dennoch hatte er das Gefühl, dass sich in seinem Leben etwas verändert. Er sah sich offenbar an einem Wendepunkt. Er spürte den Druck des Lebens und vor allem wohl die Angst vor dem Versagen. Er schreibt im Text:
„Ich bin ein großer Heuchler, während ich Fröhlichkeit vortäusche, du bist der große Misstrauische, während du Sympathie vortäuschst, wie ein Erdbeben in der Wüste, das alles zum Einsturz bringt, und ich bin tot, und niemand hat es bemerkt. Jeder weiß, dass sich bei Gefahr nur der retten kann, der gut fliegen kann. […] Nur du bleibst übrig und ich frage mich nun, was du tun wirst, wenn niemand kommen wird, um dich zu retten, Glückwünsche für dein Leben als Champion, Schmach für den Fehler bei einem Elfmeter.“
Was also rettet dich und führt dich zum Guten? Wie kannst du den Druck besiegen?
Tiziano Ferro spricht im Text mit sich selbst. Man kann den Text aber auch als ein Gebet lesen: Nur du bleibst übrig – was wirst du tun, um mich zu retten? Im Evangelium spricht Jesus von der großen Last. Und er macht ein Angebot: Ich nehme dir deine Last ab. Wir tauschen: Ich nehme das große Gewicht von deinen Schultern und ich gebe dir dafür mein leichtes Gewicht. Das Bild vom „Joch“ stammt aus der Landwirtschaft. Das Joch fügt das Gespann beim Pflügen zusammen. Es verweist auf eine Lebensgemeinschaft, in der Jesus an meiner Seite mitträgt, ja sogar die Hauptlast übernimmt.
Zur Zeit bereite ich meinen Abschied aus Schwerin vor. Ich werde die Aufgabe als Pfarrer und Dekan abgeben. Eine Frage, die mir gerade manchmal gestellt wird ist, ob ich froh bin, die Last abgeben zu können. Ich habe überlegt. Ehrlich gesagt: Eine große Last habe ich gar nicht empfunden. Natürlich gab es auch schwierige Zeiten mit Trauer, Sorgen und intensiver Arbeit. Aber ich wusste mich immer gut eingespannt. Es waren immer Menschen um mich herum, in unserem Team und in unserer Gemeinde, die mitgetragen haben durch ihren Einsatz, ihre Anteilnahme, ihr Gebet. Und es war mir immer klar. Ich tue hier nicht mein Werk, sondern Gott trägt die Verantwortung. Die habe ich ihm regelmäßig abgegeben, im Vertrauen, dass er im Zweifel die Dinge zum Guten führen wird. Die Last war sicher da, aber sie hat nicht schwer gewogen.
Das ist meine persönliche Erfahrung – man kann sie sicher nicht verallgemeinern. Aber es ist eine Erfahrung, die ich anderen für ihren Glauben und ihr Leben wünsche, die Erfahrung der geteilten Last, die mich die Dinge nicht so schwernehmen lässt.
Tiziano Ferro löst in seinem Song den Komplex der Angst und des Drucks in einer Art Dankgebet auf, dem ich mich gut anschließen kann. Es ist nicht so, dass dir alles gelingt und dass du vor allem verschont wirst. Aber er sagt dann:
„Und ich fühle mich wie jemand, der in meinem Alter noch weinen kann, und ich danke immer denen, die in meinem Alter nachts weinen können, und meinem Leben, das mir so viel geschenkt hat:
Liebe, Freude, Schmerz, einfach alles, aber danke an diejenigen, die in meinem Alter an der Tür immer noch vergeben können.“