Papst Leo XIV. hat an Pfingsten seine erste Enzyklika, sein erstes päpstliches Lehrschreiben veröffentlicht. Schon bei seiner Namenswahl hatte der Papst an seinen Vorgänger Leo XIII. erinnert, der als Begründer der christlichen Soziallehre gilt, sich also mit den Fragen der gerechten Gesellschaft auseinandersetzte. Leo XIV. knüpft mit seinem ersten Lehrschreiben an diese Tradition an. Die Enzyklika trägt den Titel „Magnifica Humanitas“ (Die großartige Menschheit) und möchte die Soziallehre der Kirche mit Blick auf die neuen Techniken von KI, Big Data und Robotik fortschreiben.
Die Enzyklika ist auf der Homepage des Vatikan veröffentlicht.[1] Für alle, die eine Übersicht über den recht langen Text mit 245 Abschnitten bekommen möchten, habe ich hier die zentralen Aussagen und Gedanken zusammengestellt.[2]
Wie sollen wir unter den Vorzeichen des großen technischen Fortschritts unserer Tage die Gesellschaft, das Zusammenleben in der Weltgemeinschaft gestalten? Von welchen Leitgedanken lassen wir uns dabei führen? Papst Leo benennt zu Beginn zwei Modelle: Das erste Modell ist das des „Turms von Babel“. Leo sieht hierin ein Bild für eine Entwicklung, die von einigen wenigen Architekten erdacht wird und das Ziel einer vorgegebenen einheitlichen Entwicklung der ganzen Menschheit verfolgt. Dagegen steht das biblische Modell „Wiederaufbau von Jerusalem“ (7-10, 90). Hier wird der Aufbau von vielen Beteiligten als Gemeinschaftswerk vollzogen. Die beiden Modelle „Babel“ und „Jerusalem“ dienen Papst Leo für den weiteren Text der Enzyklika als Optionen für die Zukunft der Weltgemeinschaft. Nach biblischer Logik endet „Babel“ in der Katastrophe und „Jerusalem“ in einer friedlichen und pluralen Gesellschaft, in der sich die Menschen mit ihren Fähigkeiten entfalten können. Aus Sicht des Papstes ist daher diesem Modell der Vorzug zu geben.
Papst Leo ruft in einem nächsten Kapitel der Enzyklika die Grundzüge der Katholischen Soziallehre in Erinnerung, wie sie sich seit Leo XIII. entfaltet hat. Die Soziallehre ist eine sich fortentwickelnde Lehrmeinung der Kirche. Die Kirche bietet sie als Grundlage zur Unterscheidung und Reflexion der verschiedenen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle an, die dazu helfen sollen, einen gesunden und humanen Fortschritt zu fördern. Deutlich knüpft Leo an seinen Vorgänger Franziskus an, der in besonderer Weise die Vielgestaltigkeit der Kulturen und Lebenssituationen, in denen Menschen leben, betont hat. Die Frage nach dem „richtigen“ Fortschritt ist somit immer unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände und Gegebenheiten zu beantworten. Dennoch gibt es einige allgemeine Grundsätze, an denen sich die Soziallehre der Päpste orientiert. „Die Soziallehre der Kirche ist ein lebendiges Gebilde, das im Dialog mit der Geschichte, den Kulturen und den Wissenschaften steht und zugleich einen unvergänglichen Kern von Wahrheiten bewahrt“ (46).
Papst Leo XIII. etwa war wichtig, „der Vorrang der menschlichen Arbeit vor jeder rein produktiven oder finanziellen Logik, mit der daraus folgenden Aufmerksamkeit für die Menschen und Familien, die der Ausbeutung am stärksten ausgesetzt sind, und die untrennbare Verbindung zwischen der Verkündigung des Evangeliums und dem Streben nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung“ (30). Sein Nachfolger, Pius XI. entwickelte das „Subsidiaritätsprinzip“, nach dem jeder Teil der Gesellschaft mit möglichst großer Eigenverantwortung für seinen jeweiligen Bereich ausgestattet sein soll. Pius wandte sich damit z.B. gegen die Konzentration von Wirtschaftsmacht in großen Konzernen. Pius XII. übertrug dieses Prinzip auf die Gefahren des totalitären Staates (31). Verantwortung und Macht müssen geteilt werden. Die Freiheit des Einzelnen, sein Leben nach eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu gestalten, ist ein hohes Gut. „Pius XII. misst zudem den Berufsverbänden, den Arbeitnehmervereinigungen und den verschiedenen intermediären Körperschaften des wirtschaftlichen und sozialen Lebens eine entscheidende Rolle bei und erkennt in diesen organisierten Formen der Gesellschaft einen wesentlichen Garanten für das gesellschaftliche Gleichgewicht und den Schutz des Gemeinwohls. Er bekräftigt die Notwendigkeit eines stabilen Rechtsstaats, um Machtmissbrauch zu verhindern, und erkennt in der Demokratie ein Mittel, das eine korrekte Ausübung von Autorität fördert“ (32). Von dieser Grundlage entwickeln die folgenden Päpste und das II. Vatikanische Konzil eine optimistische Sicht auf die menschliche Realität, die den Grundsätzen der Menschenrechte, der Religionsfreiheit, der Bekämpfung von sozialer Ungleichheit verpflichtet ist und sich um eine weltweite Friedensordnung müht, welche die Grundlage menschlichen Fortschritts sein soll (37-44).
In den Lehrschreiben der Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus steht besonders das Solidaritätsprinzip im Vordergrund, also der Ausgleich und die gerechte Verteilung der Mittel. Ihre Texte beziehen sich auf ungerechte Arbeitsverhältnisse, Entwicklungsfragen, die Herausforderungen der Globalisierung und zuletzt auch auf die ökologische Gerechtigkeit in der Nutzung der Ressourcen der Erde. Franziskus lässt in „Fratelli tutti“ „den Traum von einer Menschheit wiederaufleben, die sich für soziale Freundschaft und universale Geschwisterlichkeit entscheidet“ (44).
Nach diesem geschichtlichen Rückblick entfaltet die Enzyklika noch einmal systematisch die Grundlagen der kirchlichen Soziallehre (48-85). Aus dem langen Text seien hier nur die zentralen Stichworte herausgegriffen: Ausgangspunkt ist die Gestalt Jesu, dessen Sendung die Würde und soziale Bindung des Menschen in unnachahmlicher Weise deutlich macht. Der Mensch ist auf Liebe und Beziehung hin ausgerichtet. Er besitzt eine intrinsische Würde und Personalität, vor der sich jede Über- oder Unterordnung in gesellschaftlicher Hinsicht rechtfertigen muss (49-53). „Keine Sünde, kein Versagen, keine Demütigung, kein Ausschluss kann den grundlegenden Wert eines menschlichen Lebens schmälern, das Gott gewollt und ins Dasein gerufen hat“ (52). Die Menschenrechte sind eine Reflexion über die Würde der Menschen und aus ihr abgeleitet (54). Die individuellen Rechte und Bedürfnisse müssen im Zusammenleben der Menschen die entsprechende Berücksichtigung finden. Dabei ist die große Aufgabe vor allem der staatlichen Ordnung, nicht allein die Einzelinteressen zu berücksichtigen, sondern sich am Gemeinwohl zu orientieren. „Es ist das Streben nach dem Gemeinwohl, das ein Volk entstehen lässt, verstanden nicht als bloße Summe von Individuen, sondern als lebendige Wirklichkeit, in der die Menschen lernen und anerkennen, dass sie aufeinander verwiesen und gemeinsam verantwortlich für die res publica sind (62).
In dieser Logik ist auch das Privateigentum nicht allein maßgebend. Wichtig ist, dass die wichtigen Güter im Sinne des Allgemeinwohls und zur allgemeinen Verfügung eingesetzt werden können. Zu diesen Allgemeingütern zählt Papst Leo auch „die neuen Formen des Eigentums […]: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten“ (67). Es geht im sozialen Miteinander immer um einen guten Ausgleich zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Wohl der Allgemeinheit. Das „Subsidiaritätsprinzip“ versucht hier, das rechte Verhältnis zu bestimmen, indem jeder für den jeweilig eigenen Bereich verantwortlich ist. „Dieses Prinzip ermutigt dazu, jede Form einer paternalistischen oder wohlfahrtsstaatlichen Verwaltung des gesellschaftlichen Lebens zu überwinden, und eine Kultur der Mitverantwortung zu fördern: also einen Staat, der die Initiative der Bürger wertschätzt, eine Zivilgesellschaft, die in der Lage ist, Bindungen zu schaffen und Kräfte für den Dienst am Gemeinwohl zu mobilisieren (70).“ Das Prinzip der Subsidiarität ist nach Papst Leo heute auch auf den digitalen Sektor hin auszubuchstabieren, der von heute von großen Wirtschaftskonzernen maßgeblich beherrscht wird (71). Im Sinne des Gemeinwohls muss das Subsidiaritätsprinzip durch das Solidaritätsprinzip ergänzt werden, dass die Akteure auf den unterschiedlichen Ebenen zu einem Ausgleich mit Blick auf die Schwachen und Unterprivilegierten verpflichtet (73-76). Es bedarf einer sozialen Gerechtigkeit, die ihren Ausgang von den Bedürfnissen der letztgenannten Gruppen nimmt, die Menschen zu einem geschwisterlichen Zusammenwirken verpflichtet und im letzten eine „ganzheitliche menschliche Entwicklung“ ansteuert (84). Auch hier steht die Digitalisierung neue Fragen: „Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker“ (80).
Leo weist darauf hin, dass die Prinzipien der Soziallehre auch innerkirchlich gelebt werden müssen. Die sakramentale Verfassung der Kirche bildet die Kirche als eine Einheit in Christus. Zugleich hat sie darauf zu achten, dass Subsidiarität und Solidarität auch in der Teilhabe an der Verantwortung für Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen, sowie für den caritativen Auftrag der Kirche (86-89).
Im dritten Kapitel der Enzyklika wendet sich Papst Leo den heutigen Herausforderungen durch den technischen Fortschritt zu. Er nennt Künstliche Intelligenz (KI), Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie (93). „Angesichts der Machtkonzentration in der digitalen Welt werden die großen Prinzipien der Soziallehre zu Maßstäben für die Beurteilung und Einordnung dieser neuen Situation“ (96). Technik kann ohne entsprechende Ethik leicht zu einem Herrschaftsinstrument werden (94, 108). Die KI birgt ein gewaltiges Potential, das zum Wohl der Menschheit, wie auch zu ihrem Schaden eingesetzt werden kann. Kennzeichen der KI ist, dass sie die Welt technisch erfasst. Ihr „Lernen“ unterscheidet sich maßgeblich vom Lernen des Menschen: „Es handelt sich nicht um die Erfahrung eines Menschen, der sich vom Leben formen lässt und im Laufe der Zeit durch Entscheidungen, Fehler, Vergebung und Treue wächst; vielmehr ist es eine statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen, die zwar sehr effektiv sein kann, aber kein inneres Wachstum impliziert (99).“ Die KI ahmt menschliche Vollzüge, wie etwas das Gespräch nach. Ihr fehlt es aber am spezifisch Menschlichen, vor allem an Empathie oder Mitgefühl (102). „Daraus ergibt sich eine einfache, aber zwingende Konsequenz: Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft“ (104). Es bedarf also eine Vergewisserung darüber, welchen ethischen Grundsätzen die KI folgen soll. Dies ist ein eminent politischer Prozess und kann nicht einzelnen Akteuren überlassen werden, deren Interesse ein möglichst großer wirtschaftlicher Nutzen oder ein schlichter Gewinn an Macht ist (107ff.). Es geht darum, die KI von solchen Einzelinteressen zu „entwaffnen“ (110). Auch hier gilt das am Eingang der Enzyklika beschriebene „Jerusalem“- Prinzip gegen eine einseitige Herrschaft des „Babel“-Prinzips (130).
KI beschränkt den Menschen auf seine Intelligenz und lässt seine affektiven und sozialen Fähigkeiten außer Acht. Papst Leo beobachtet hier, wie auch in Vorstellungen von Trans- und Posthumanismus, die Versuchung, das eigentliche Menschsein zu verneinen (116ff.). In den Ideen einer grenzenlosen Optimierung des Menschen steckt zugleich eine Abwertung menschlicher Schwäche, eine Entsolidarisierung mit dem Kranken, Schwachen und Mittellosen. In einem christlichen Menschenbild gehören die Aspekte der Krise menschlichen Lebens zum Prozess des Menschseins hinzu. Sie fördert zugleich die Nächstenliebe und die Fürsorge der Menschen untereinander (118ff.). „Wenn die Endlichkeit in Wahrheit angenommen wird, macht sie den Menschen nicht arm, sondern öffnet ihn für die Erkenntnis des Antlitzes Gottes und des Nächsten. Gerade weil er Begrenztheit erfährt – Verletzlichkeit, Schmerz und Versagen –, kann er die eigene Würde und die der Mitmenschen als unantastbar anerkennen“ (122). Gerade schmerzvolle Erfahrungen von Unterdrückung, Krankheit oder Krieg waren Auslöser, die humanitäre Situation der Menschheit zu verbessern (123f.). Der Wunsch des Menschen, seine Begrenztheiten zu überschreiten ist nicht durch eine „Technik ohne Herz“ zu lösen, sondern berührt klassischerweise die religiöse Frage – ein Gott, der die Versöhnung und Liebe ermöglicht (127).
Nach diesen Erwägungen zum Umgang mit der modernen Technik identifiziert Papst Leo im nächsten Kapitel der Enzyklika einzelne Felder, die durch die technologischen Entwicklungen betroffen sind. Hier nennt er als erstes die Gefahren der Desinformation und Manipulation durch digitale Medien. Realität und „Fake News“ sind u.a. durch den Einsatz von KI immer weniger zu unterscheiden. Medienkonsum formt das Weltbild und beeinflusst den demokratischen Prozess (132-136). Leo schreibt: „Wir müssen daher eine Ökologie der Kommunikation fördern. Auf der Ebene öffentlicher Regelungen bedeutet dies, Vorschriften zu erlassen, die die Logik hinter der Auswahl und Verbreitung von Inhalten transparenter werden lassen und den Schutz personenbezogener Daten gewährleisten. Auf sozialer und kultureller Ebene erfordert dies hingegen die Stärkung der intermediären Körperschaften, einen seriösen Journalismus sowie Orte des Austauschs, an denen Argumentation und Überprüfung mehr zählen als die unmittelbare Reaktion“ (137). Besonders ist der Bildungsbereich von der digitalen Revolution betroffen. Bildung erfordert Zeit und Reifung – Dinge, die unter dem Eindruck ständiger medialer Stimulation und Reizüberflutung immer schwieriger werden (140). Ausdrücklich nennt der Papst die negativen Auswirkungen des derzeitigen Medienkonsums auf Kinder und Jugendliche (141). Zu ihrem Schutz schlägt Leo ein gemeinsames Vorgehen von Eltern, Schulen und staatlichen Ebenen vor, um Jugendliche besser vor den Folgen schädlichen Medienkonsums zu schützen (142ff.).
„Wenn wir nicht aufpassen, kann ein Bildungssystem entstehen, dem die Liebe zur Wahrheit fehlt und in dem der unaufhörliche Informationsfluss Forschung, Reflexion und Unterscheidung ersetzt. Angesichts eines zunehmend fragmentierten Wissens wird es schwieriger, die Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen, Fragen nach dem Sinn zu stellen und ein authentisches, kritisches und kreatives Denken zu entwickeln. Viele Lehrkräfte bemerken bereits Anzeichen einer Entmenschlichung, bei der junge Menschen „viel wissen“, aber Schwierigkeiten haben, ihrem Leben eine Ausrichtung zu geben, was zum Teil auf die Unfähigkeit zurückzuführen ist, Informationen und Wissen miteinander zu verknüpfen und nicht den Sinnhorizont zu verlieren“ (146).
Der zweite untersuchte Bereich ist die Arbeitswelt. Die fortschreitende Digitalisierung verändert gerade in den westlichen Gesellschaften die Arbeitswelt drastisch und vergrößert zum Teil das Problem der Arbeitslosigkeit. Zugleich werden andere Länder bei dieser Entwicklung abgehängt. Die globale Kluft droht sich zu vergrößern. Die Enzyklika fordert daher einen menschlichen Umgang innerhalb der Transformationsprozesse, der einen Fortschritt ermöglicht, bei dem die bisherigen Arbeiter nicht einfach „auf der Strecke“ bleiben (148-156). Wirtschaftlicher Fortschritt muss gemeinwohlorientiert bleiben (157). Leo nennt Beispiele einer Wirtschaftsordnung, die sich mehr auf die Maximierung von Kennzahlen, als auf die Maximierung menschlichen Wohlergehens konzentriert (159-164). Leo nennt hier besonders die Gefahren für die Familien, die mit dem fortschreitenden Wandel der Arbeitswelt einhergehen (165-169).
In einem dritten Abschnitt warnt Papst Leo vor den Folgen der KI auf die menschliche Freiheit. Dies betrifft nicht nur die Abhängigkeit und Manipulation durch dauerhaften Medienkonsum, sondern auch die Tendenz, aus dem Menschen einen „gläsernen Kunden“ zu machen. Die durch die Internet-Aktivitäten erstellten Sozialprofile eines Menschen eröffnen Möglichkeiten zu Kontrolle und Ausgrenzung, wenn Menschen etwa aufgrund ihres online-Profils keinen Zugang zu bestimmten Leistungen erhalten (171). „Die Wurzel dieser Probleme liegt in einer technokratischen und posthumanistischen Mentalität, die dazu neigt, den Menschen als manipulierbares Objekt oder als zu optimierende Ressource zu betrachten, und dabei alles zu beseitigen, was der Gewinnmaximierung Grenzen setzt: Was zählt, ist Effizienz, nicht die Achtung der Freiheit und Menschenwürde“ (172). Auch hier identifiziert Papst Leo wieder einen Trend zur Entmenschlichung. Dieser betrifft auch nicht selten die Arbeitsbedingungen in der Digitalwirtschaft selbst, in denen ausbeuterische Praktiken keine Seltenheit sind (173). Wieder werden Lasten der Digitalisierung auf die Armen abgewälzt:
„In unseren Tagen zeigt der Kolonialismus ein neues Gesicht. Er beherrscht nicht mehr nur Körper, sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen. Ganze Gebiete, insbesondere jene mit geringerer geopolitischer Bedeutung und größerer struktureller Anfälligkeit, werden derzeit von einer neuen Logik der Ausbeutung durchzogen: Gesundheitsdaten, epidemiologische Profile, genetische Karten und demografische Daten. Dies sind die neuen „Seltenen Erden“ der Macht: lebenswichtige Informationen, die, sobald sie miteinander verknüpft sind, dazu genutzt werden können, Vorhersagemodelle zu trainieren, Investitionsstrategien zu lenken, Krisen vorauszusehen und vor allem auszuwählen, wer und was zählt“ (178).
Einmal mehr wird so deutlich, dass auch die Ressource „Daten“ ein Gemeingut werden muss und nicht Eigentum einiger weniger Konzerne sein darf (178).
Im fünften Kapitel widmet sich die Enzyklika der Frage des Krieges, der heute ebenfalls durch die moderne Technik maßgeblich beeinflusst wird. Hier geht es wieder um die Option „Babel“ oder „Jerusalem“ – um eine Kultur der Macht oder eine Zivilisation der Liebe. Papst Leo attestiert eine neue Normalisierung des Krieges als Mittel der politischen Macht (190). Die neuen Techniken tragen nicht unwesentlich zur heutigen Kriegsführung und Aufrüstung bei, weil sie als Mittel der Propaganda und bei der Entwicklung neuen Kriegsgeräts eingesetzt werden und auf diese Weise die Aufrüstung beschleunigen (193ff.). Durch den Einsatz von KI wird der Krieg zunehmend entmenschlicht und immer mehr der „Moral der Maschinen“ unterworfen (197). „Jede Technologie, die es einfacher macht, anzugreifen, ohne das Gesicht des anderen zu sehen, senkt die moralische Schwelle des Konflikts“ (199). Die internationalen Organisationen zur Wahrung des Friedens und multilaterale Bündnisse werden fragiler. Es gilt zunehmend das Recht des Stärkeren. Leo schreibt: „Hinter all dem steht ein falscher ‚Realismus‘, der nicht nur auf der vorherrschenden Logik der Stärke beruht, sondern auch auf kulturellen und anthropologischen Überzeugungen, als ob Krieg ein unvermeidlicher Bestandteil der menschlichen Natur wäre“ (205).
Die zunehmenden Ressentiments und die Abgrenzung gegenüber anderen müssen daher für eine neue Friedensordnung überwunden werden. Leo spricht hier von einer „Zivilisation der Liebe“ und bezieht sich damit auf ein Diktum von Papst Paul VI. Aus christlicher Perspektive gilt: „Wir interpretieren die Gegenwart nicht als ein feststehendes Schicksal, sondern als ein Feld, das der persönlichen und gemeinschaftlichen Umkehr offensteht. Und wir glauben an die Kraft des Reiches Gottes, das sich aus einem winzigen Senfkorn entwickelt […]“ (210). Die Zivilisation der Liebe besteht aus einer Summe einzelner Taten und Worte, die die herrschende Logik der Abgrenzung und Feindschaft überwindet (213). Dazu gehört, die Perspektive der potentiellen Opfer zu teilen und auch im eigenen Leben Gerechtigkeit zu leben (215ff.). Vor allem gilt es, die Kultur des Dialoges neu zu beleben. Dazu gehören auch Diplomatie und Multilateralismus als Gegenmittel der Eskalation von Konflikten (224-228).
Eine christliche Antwort setzt bei der Betrachtung Jesu an, der als Gottes Sohn die schwache menschliche Konstitution teilt. Papst Leo sagt: „Daher lade ich als ein Glaubender unter Glaubenden dazu ein, im Antlitz des Sohnes eine großartige Menschlichkeit zu betrachten, die auch das Zeitalter der KI erhellt. In Christus verstehen wir, dass der Mensch dazu berufen ist, am Werk der Schöpfung mitzuwirken, statt resigniert den technologischen Entwicklungen zuzusehen, die unsere Freiheit und Verantwortung einschränken. Die Würde, die der Heilige Geist jedem von uns verleiht, zeigt sich auch in der Fähigkeit, kritisch zu reflektieren, frei zu wählen, selbstlos zu lieben und echte Beziehungen einzugehen. Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt“ (233). Die Eucharistie als Zeichen der Einheit in der Verschiedenheit ist dabei Kerngeheimnis der christlichen Gemeinschaft (234). Sie verpflichtet dazu, die anderen als Schwestern und Brüder zu sehen. Es geht um einen menschlichen Weg des Fortschritts, der das Leiden durch Liebe und nicht allein durch Technik überwinden möchte (235). In dieser Weise können Christen Baumeister einer Zivilisation sein, die in eine gute Zukunft geht (236).
[1] Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026)
[2] Die Nummern hinter den Zitaten und Verweisen beziehen sich immer auf die Nummern der Abschnitte (Artikel) des Enzyklikentextes.