Nochmal auf den See

Das Evangelium vom Fischfang im Johannesevangelium markiert eine Zeitenwende. Die Zeit vor und nach der Auferstehung Jesu wird hier noch einmal klar unterschieden. Das Evangelium kündigt dies in den Abschiedsreden an. Jesus sagt seinen Jüngern im Abendmahlssaal: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ (Joh 16,12f.). Beim ersten Wiedersehen nach der Auferstehung haucht Jesus die Jünger an und übergibt so den Geist. Jetzt bricht eine neue Zeit an. Die Erzählung vom Fischfang der Jünger (Joh 21,1-14) dient der Illustration. Wie sollen wir mit der neuen Zeit und der Wahrheit umgehen?

Die Jünger wissen es noch nicht. Sie versuchen zunächst, bei ihren gewohnten Dingen zu bleiben – weitermachen, wie wir es kennen. Sie fahren als erfahrene Fischer auf den See, machen alles richtig, was bisher richtig war – und fangen nichts. Dann kommt es zur Begegnung mit Jesus. Er weist sie an, nochmals auf den See zu fahren. Diesmal sollen sie aber etwas anders machen. „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es“ (Joh 21,6).

Im Johannesevangelium gibt es genau diese Theologie des Wortes. Die Zeichen geschehen kraft des Wortes Jesu. „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5) – das ist das Wort der Gottesmutter beim ersten Zeichen Jesu in Kana. „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,3f.) – so heißt es zum Beginn des Evangeliums. Dieses Wort ist „Geist und Leben“ (Joh 6,63). Der Geist ist hier also das lebendige und verstandene Wort Jesu, der selbst das lebendige Wort Gottes des Vaters ist. Deswegen gilt: Nicht aus eigener Kraft, nicht nach eigenem Plan, sondern nach Gottes Wort zu handeln – darin liegt das Leben.    

Das Wort Gottes hat also eine eigenständige Bedeutung, einen eigenständigen Wert. Es muss zuerst gehört und verstanden werden. Als der amerikanische Präsident neulich Papst Leo kritisierte, weil er sich gegen Krieg und Waffengewalt ausgesprochen hatte, erwiderte ihm der Papst mit einem ganz schlichten Satz: „Ich glaube nicht, dass die Botschaft des Evangeliums dazu da ist, missbraucht zu werden, wie einige Leute es tun.“ Er sagt nicht: „Ich sehe das ganz anders.“ Der Papst macht deutlich, dass er kein Politiker ist, sondern sich zuerst und vor allem dem Evangelium verpflichtet weiß. Er ist dazu da, das Wort Gottes zu hören und zu verkünden.

Dieser Auftrag gilt natürlich in besonderer Weise für die Kirche selbst. Leos Vorgänger, Papst Franziskus, hat in diesem Zusammenhang von der Versuchung zum „Pelagianismus“ gewarnt. Dieser theologische Begriff aus der frühen Kirche meint, zu glauben, dass das Heil von unserem eigenen Tun abhängt. Bezogen auf die Kirche meinte Papst Franziskus, dass es ihr nicht guttut, das kirchliche Leben und Wachsen von unseren eigenen Planungen und Aktivitäten abhängig zu machen. Franziskus schreibt:

„Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, und lediglich auf die eigenen Kräfte, die eigenen Methoden und die eigene Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten. Die Vergebung und das Heil sind nicht etwas, das wir erkaufen müssen, oder was wir durch unsere Werke oder unsere Bemühungen erwerben müssen.“[1] Der Ausweg liegt für Papst Franziskus darin, das Evangelium zu leben und auf das Wirken des Geistes zu vertrauen.

Das sind schöne Worte, so habe ich lange gedacht – vielleicht auch eine bloße geistliche Vertröstung. Ich denke mittlerweile etwas anders. In den vergangenen Monaten hatte ich immer wieder Begegnungen und Erfahrungen, die mir gezeigt haben, dass es sich lohnen kann, immer wieder auf den See geschickt zu werden und das Netz neu auszuwerfen. Eine ganz aktuelle Erfahrung will ich kurz erzählen. Am Freitag hatten wir das letzte Treffen von unserem Firmkurs. Aus früheren Firmkursen hatte ich manchmal die Erfahrung mitgenommen, dass die Zeit und Mühe, die wir investieren, nur wenig Frucht bringen. Im guten Fall erreichen wir die jungen Leute auf einer menschlichen Ebene, über Gemeinschaft und Aktivitäten.

Jetzt war unser Firmkurs ein wenig aus der Not geboren. Es war ein schlanker Kurs, die Treffen sehr simpel: Gemeinsames Abendessen, ein Glaubensimpuls über Video, ein wenig Austausch und schließlich ein gemeinsames Gebet oder eine Heilige Messe. In der Auswertung haben die Jugendlichen aber jetzt mit großer Mehrheit zurückgemeldet, dass sie der Kurs im Glauben gestärkt habe. Und die besten Bewertungen gab es für das gemeinsame Singen, Beten und Gottesdienstfeiern. Ich hatte den Eindruck: Die jungen Leute freuen sich auf die Firmung, nicht nur aus äußerlichen Gründen, sondern auch aus dem Glauben heraus. Offenbar war es gar nicht schlecht, nicht zu viel zu wollen oder zu planen, sondern dem Wirken des Geistes einfach nicht zu sehr im Weg zu stehen. Ich bin zuversichtlich, dass der Geist in ihnen weiterwirken wird, auch wenn wir dieses Wirken nicht in unseren gewohnten Strukturen, Gruppen und Aktivitäten kanalisieren werden. Es entsteht etwas Neues, aber es entsteht anders als in unseren Vorstellungen.

Die Jünger fahren also erneut auf den See, geben sich erneut Mühe. Ihr Erfolg allerdings hängt vom Wort ab, das sie sendet. Am Ende, nach dem wunderbaren Fischfang, erhalten die Jünger ein weiteres Wort. Jesus sagt zu ihnen: „Kommt und esst“ – die Begegnung mündet in der Gemeinschaft des Mahles – so wie jetzt bei uns, wenn wir das Wort gehört haben und uns dann mit Jesus um den Altar versammeln, als seine Jünger, als Gemeinschaft im Geist.     


[1] Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (29. Juni 2019)

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