Heilige Öle [zur Karwoche]

In der Passionserzählung des Matthäusevangeliums, die dieses Jahr am Palmsonntag gelesen wurde, kommt es beim Tod Jesu zu einer eigenartigen Szene. Matthäus berichtet: „Jesus schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus“ (Mt 27,50). Dieses Aushauchen des Geistes ist hier nicht bloß der letzte Seufzer eines strebenden Menschen. Es entfacht geradezu einen Sturm, der über Jerusalem hinweggeht. In seiner Folge reißt der Tempelvorhand entzwei, so dass die rituelle Trennung zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre aufgehoben wird. Weiter heißt es, dass die Erde zu beben beginnt und die Felsen sich spalten. In dieser Weise öffnet sich die Unterwelt. Die Gräber öffnen sich und die Toten kommen aus ihnen heraus (Mt 27, 51f.). Es ist ein chaotischer Moment, in gewisser Weise ein Zurückkehren in das Geschehen der Schöpfung. Alles beginnt von vorne. In der Schöpfungserzählung bewirkt der Geist Gottes, sein „pneuma“ die Ordnung und Belebung des Kosmos. Der Hauch Jesu setzt diesen Geist und mit ihm das Schöpfungswerk neu in Kraft. Es ist die Zeit der Gottesunmittelbarkeit und des neuen Lebens, das den Tod überwinden kann. Matthäus schildert hier einen Vorgriff auf Ostern und Pfingsten. Es ist ein Moment der Ausgießung des Geistes.

An dieser Stelle nimmt Matthäus die Lebensgeschichte Jesu wieder auf. In der Taufszene Jesu heißt es: „Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ (Mt 3, 16f.). Im Moment des Aushauchens des Geistes wiederholen die heidnischen Soldaten unter dem Kreuz genau dieses Wort. Sie sagen: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn“ (Mt 27,54).

Das Innewohnen des Geistes ist eng mit dem Zeichen der Salbung verbunden. So zitiert Jesus bei seiner ersten öffentlichen Rede im Lukasevangelium den Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt.“ (Lk 4, 18). Der Prophet, der König und der Priester sind die „Gesalbten“. Dies ist daher der Ehrentitel Jesu, da er die Fülle des Geistes und die Fülle dieser Ämter in sich vereint. „Christus“ ist die griechische Übersetzung von „Messias“, was auf Deutsch „Der Gesalbte“ bedeutet.

In der ostkirchlichen Theologie, die viel mehr Aufmerksamkeit auf das Wirken des Geistes legt als ihr westkirchliches Pendant, ist hier besonders aufmerksam. Nikolaos Kabasilas (1320-1391) sagt, dass Jesus, über den der Heilige Geist ausgegossen ist in seiner menschlichen Gestalt zur „Schatztruhe aller pneumatischen Wirkkräfte“ geworden sei. „Somit ist er nicht nur ‚Christus‘ (Gesalbter), sondern auch ‚Chrisma‘ (‚Salböl‘)…“[1]   

Bei der Feier der Sakramente nutzt die Kirche Salböle. Sie sind Ausdruck der Vermittlung des Geistes und fortwährenden Wirkens Christi am Menschen. Einmal im Jahr werden diese Salböle feierlich durch den Bischof geweiht. Diese sogenannte „Chrisammesse“ soll am Gründonnerstag gefeiert werden, wird aber aus pastoralen Gründen auch häufig auf einen anderen Tag der Karwoche gelegt, damit die Priester an der Messe teilnehmen können. In den Segens- bzw. Weihegebeten wird auf die lange biblische Tradition der Salbung verwiesen. Im Mittelpunkt steht dabei der Chrisam, das Öl, dass bei der Firmung (und Taufe) und bei der Priesterweihe verwendet wird. Die mit diesem Öl gesalbten sollen selbst Geistträger sein, erfüllt von der Gegenwart Christi. Bei der Weihe des Chrisam wiederholt der Bischof den Akt der Hauchung und bläst seinen Atem über das Öl. Damit erinnert er an den Lebensatem, den Gott dem Menschen in der Schöpfung eingibt, zugleich aber auch an das Aushauchen des Geistes, wie es in den Passions- und Ostererzählungen berichtet wird (vgl. Joh 20,22).  

Die Christen sollen Geistträger sein, begabt mit einer eigenen christlichen Berufung und Beauftragung. An die Seite des Chrisam treten zwei weitere Salböle. Sie betrachten zwei Charakteristika der Sendung Jesu. Das erste ist die Heilung (Krankenöl). Hier wird an die Nutzung von Öl als Salbe, also zur medizinischen Anwendung erinnert. Das zweite Öl ist das Öl für die Salbung der Taufbewerber. Es wird verstanden als Schutz vor dem Bösen. Die Analogie ist: Wie Ringkämpfer sich einölten, damit der Gegner an ihrer Haut abrutschen kann, so soll der Teufel, das Böse zu ihnen keinen Zugriff mehr haben. Heilung und Exorzismus deuten auf die befreiende, versöhnende und lebensstiftende Kraft Gottes hin.  

Es ist leicht, sich an einer solchen uralten und auch ein wenig archaischen Symbolik zu stören. In ihr liegen zwei Aussagen über die Kirche, die heute leicht in Vergessenheit geraten. Die erste Aussage: Die Kirche ist sakramental begründet. Zum Christen wird man nicht allein durch einen Glaubenskurs oder aufgrund innerer Überzeugung. Man wird zum Christen durch die Hineinnahme in die sakramentale Gemeinschaft der Kirche. Die Salbung ist neben der Taufe dafür das zentrale Zeichen. Der Gesalbte ist der „Besiegelte“ (Firmierte), in dem das Wirken Jesu durch den Geist Raum finden soll. Neben dieser gemeinsamen Salbung ist die Salbung der Priester und Bischöfe Ausdruck einer besonderen apostolischen Sendung der Verkündigung, Sammlung und Leitung.

Die zweite zentrale Aussage: Die Kirche ist kein Menschenwerk. Papst Franziskus hat dies in einer Predigt zur Chrisammesse im Jahr 2023 wie folgt ausgedrückt:        

Über ihn möchte ich heute mit euch nachdenken, […], über den Geist des Herrn. Denn ohne den Geist des Herrn gibt es kein christliches Leben, und ohne seine Salbung gibt es keine Heiligkeit. Er ist der Hauptakteur, […]. Tatsächlich lehrt uns die Heilige Mutter Kirche zu bekennen, dass der Heilige Geist »lebendig macht«, wie Jesus sagte: »Der Geist ist es, der lebendig macht« (Joh 6,63); eine Lehre, die vom Apostel Paulus aufgegriffen wurde, der schrieb: »der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig« (2 Kor 3,6), und der vom »Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus« (Röm 8,2) sprach. Ohne ihn wäre die Kirche auch nicht die lebendige Braut Christi, sondern allenfalls eine mehr oder weniger gute religiöse Organisation; sie wäre nicht der Leib Christi, sondern ein von Menschenhand errichteter Tempel. Wie also kann die Kirche aufgebaut werden, wenn nicht ausgehend von dem Umstand, dass wir „Tempel des Heiligen Geistes“ sind, der „in uns wohnt“ (vgl. 1 Kor 6,19; 3,16)? Wir können ihn nicht außen vor lassen oder ihn in irgendeiner Andachtszone parken, nein, er gehört ins Zentrum! Wir müssen jeden Tag sagen: „Komm, denn ohne dein Wirken kann im Menschen nichts bestehen“.

Die Feier der Chrisammesse bringt hier die kirchliche Sendung in einem Zeichen besonders zum Ausdruck. Es ist der Geist, der uns leiten soll.

Beitragsbild: Ölgefäße der Chrisammesse im Hamburger Mariendom


[1] Nikolaos Kabasilas, Das Buch vom Leben in Christus, Deutsche Übersetzung Einsiedeln, 1991, 98.

Hinterlasse einen Kommentar