Blinde Seher [zum 4. Fastensonntag]

In meiner damals noch sehr analogen Kindheit spielten Hörspiele eine wichtige Rolle. Ich besaß einige Schallplatten und Kassetten, die ich, auch wegen der begrenzten Auswahl immer wieder hörte. Umso mehr hat sich das Gehörte in meinem Gedächtnis festgesetzt, so dass ich noch heute auswendig Passagen aus den Hörspielen zitieren kann.

Zu den besonders eindrücklichen Hörerfahrungen zählten „Die Abenteuer des starken Wanja“ – ein Kinderbuch von Otfried Preußler. Es geht um einen russischen Bauernjungen, der jüngste von drei Brüdern. Er gilt als Nichtsnutz. Während seine Brüder hart auf dem heimischen Hof mitarbeiten, entzieht sich Wanja immer wieder seinen Pflichten. Eines Tages erscheint am Hof ein unheimlicher Gast. Es ist ein alter Mann. Mit einem Stecken, den er vor sich herführt, bahnt er sich langsam den Weg zum Haus, denn er ist blind. Angekommen fragt er nach Wanja. Er nimmt ihn zur Seite und teilt ihm eine unglaubliche Botschaft mit: Wanja, so sagt er, habe eine große Zukunft vor sich. Er sei bestimmt, einmal Zar, also Herrscher über das ganze Land zu werden. Zu diesem Dienst müsse er sich nun vorbereiten. Sieben Jahre lang dürfe er keine Arbeit tun, sondern müsse faul auf dem Ofen liegen. Lediglich Sonnenblumenkerne dürfe er essen. In diesen sieben Jahren würden in ihm die Kräfte wachsen, um seiner Bestimmung folgen zu können. Der Blinde entfernt sich wieder. Im Hörspiel vernahm man das Auftippen seines Stabes. Wanja beginnt seinen Auftrag, sieben Jahre liegt er faul auf dem Ofen wird dafür verspottet und verachtet. Doch der Blinde soll schließlich recht behalten. Er hatte in Wanja, dem unscheinbaren Bauernjungen mehr gesehen, als alle die physisch sehen konnten.

Diese Figur des blinden Sehers erscheint in der Mythologie und im Märchen immer wieder. Er verkörpert die philosophische Einsicht, dass die Wahrheit selten an der Oberfläche zu finden ist. Der Blick auf das Sichtbare lenkt davon leicht ab. Und so ist es eben der Blinde, der über eine tiefe Einsicht verfügt.

Die Texte des Sonntags nehmen dieses Motiv des inneren Sehens auf. Der Prophet Samuel wird ausgeschickt, um den neuen König Israels zu identifizieren (1Sam 16). Dabei soll er sich laut göttlicher Anweisung nicht an dem orientieren, was er vom Augenschein her wahrnimmt, sondern soll auf das Innere schauen. So wählt er schließlich unter den kräftigen und wohlgeratenen Söhnen Isais ausgerechnet David, den jüngsten und schwächsten aus. In der Erzählung vom Blindgeborenen, der von Jesus geheilt wird (Joh 9), spielt das Motiv des inneren Sehens ebenfalls eine wichtige Rolle. Wenn hier auch vordergründig einem Menschen das physische Augenlicht zurückgeschenkt wird, so ist dieses Geschehen zugleich Symbol für einen inneren Prozess. In langen Verhandlungen wird der ehemals Blinde befragt, wer ihn sehend gemacht habe. Der Mann tastet sich von der sachlichen Antwort auf diese Frage („ein Mann namens Jesus“) zu einem Glaubensbekenntnis vor. Dieser Jesus ist tatsächlich der Menschensohn, der Sohn Gottes. Aus dem „ich sehe“ wird ein „ich glaube“ (Joh 9, 38). Jenseits der sichtbaren, vielleicht eher unscheinbaren Gestalt erkennt der Mann die verborgene Wirklichkeit Jesu, sein wahres Sein und seine Sendung. Man könnte also von einem inneren, „mystischen“ Erkennen sprechen, das jenseits des physischen Erkennens liegt.

Ich habe diesen Gedanken besonders eindrücklich bei einer großen Glaubenspersönlichkeit des 20. Jahrhundert wiedergefunden. Der chilenische Jesuit Alberto Hurtado (1901-1952) arbeitete zunächst als Lehrer. Er gründete ein Heim für Kinder, Arme und Obdachlose und arbeitete für sie mit ganzem Einsatz. Daneben galt er als begnadeter geistlicher Lehrer. Hurtado fragt in einem seiner Vorträge nach der wahren Nachfolge. Wo und wie kann ich Christus erkennen, so dass ich ihm nacheifern kann? Hurtado spricht von der Notwendigkeit, dem „mystischen Christus“ nachzufolgen. Das ist ein geistlicher Ratschlag, keine theologisch-dogmatische Lehre. Er schreibt:

„Der historische Christus war ein Jude, der zur Zeit des römischen Reiches in Palästina lebte. Der mystische Christus ist ein Chilene des XX. Jahrhunderts, ein Deutscher, Franzose, Afrikaner… Er ist Professor, Kaufmann, Ingenieur, Advokat, aber auch Arbeiter, Gefangener, Monarch… Er ist in jedem Christen, der in der Gnade Gottes lebt und sich bestrebt, sein Leben nach den Vorgaben, nach den Herzenswünschen Christi auszurichten, und der immer nur das eine will: das, was er tut, so zu tun, wie Christus es an seiner Stelle tun würde: die Ingenieurwissenschaften so zu lehren, wie Christus sie lehren würde […], reisen, so wie Christus heute reisen würde, beten, wie Christus beten würde, so […] handeln, wie Christus handeln würde.“[1] Man darf Hurtado nicht falsch verstehen. Er hält den historischen Christus für wichtig. Aber die Betrachtung des historischen Christus geht über das Wahrnehmen und Wissen um ihn hinaus in ein inneres Begreifen und Verstehen. Aus diesem inneren Begreifen und Verstehen (ein Akt des Glaubens) wird ein adaptieren, ein Lernen, das meine Person prägen kann, so dass andere hinter der Oberfläche meines Daseins wieder die Person Christi erkennen können, nicht, als ob ich selbst Christus wäre, aber doch so, dass ich auf ihn verweise. Dies ist für Hurtado Nachfolge und Umkehr, eine Bewegung hinter der Oberfläche, das Sehen jenseits des Sichtbaren.

Beitragsbild: Der Seher, Fresko in der Villa D’Este in Tivoli (Italien)


[1] Zitiert nach: Alberto Hurtado, Gelingendes Leben (Textsammlung, herausgegeben von Peter Henrici), Einsiedeln 2015, 27.

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