Der alles weiß

„Frag doch mal die KI! („Künstliche Intelligenz“) – Diese Aufforderung hat im Sommer meinen Urlaub begleitet. Ich war mit zwei Freunden unterwegs und auf den langen Autofahrten haben wir uns gegenseitig Fragen zur Geschichte, zu Orten und Personen gestellt, an denen wir vorbeikamen. Wo wir früher gegoogelt hätten, wurde nun stattdessen die KI befragt. Die KI weiß alles, könnte man meinen. Zumindest lieferte sie uns zuverlässig ausführliche Antworten, die man sich etwa in Form eines künstlich generierten Podcasts vorlesen lassen konnte. Das ist technisch beeindruckend. Allerdings muss man sich klar sein, was passiert, wenn man die KI befragt. Die KI ist auf der einen Seite eine Suchmaschine, die in der Lage ist, aus den Weiten des Netzes scheinbar relevante Informationen herauszufiltern. Aus diesen Informationen gestaltet sie eigene Texte, die dann wieder mittels eines anderen Programms in Sprache umgesetzt werden. Die KI geht über die Sprachbarrieren hinweg. Sie übersetzt mühelos aus anderen Sprachen ins Deutsche und erweitert damit die potentielle Menge ihrer Quellen um ein Vielfaches. In der Theorie kann ein solches Programm auf alles zurückgreifen, was im Netz zu finden ist. Die KI macht dabei Fehler. Sie bevorzugt bestimmte Seiten, etwa Wikipedia oder Medienportale. Sie ist anfällig für Desinformation und Werbung. Man sollte ihr nie ganz vertrauen. Wenn man solche Fehler und interessengeleiteten Informationen ausblenden könnte, wäre die KI eine Art Superhirn, in der alles Weltwissen gespeichert ist, wie gesagt, sofern es digital festgehalten wurde. Die KI weiß alles.

Die Eigenschaft der Allwissenheit hat man in der klassischen Philosophie Gott zugeschrieben. Die Theologen des Mittelalters etwa haben versucht, die Allwissenheit Gottes näher zu beschreiben. Wenn Gott alles weiß, also auch unseren eigenen aktuellen Status kennt, ja sogar das Wissen über die Zukunft hat, die Gabe der Vorsehung, dann ist Gott uns nicht nur hoch überlegen. Er ist in seiner Macht derjenige, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Er ist ein gewaltiges Gegenüber zum Menschen.

Jetzt entwickelt Weihnachten und der Glaube an die Menschwerdung Gottes philosophisch ein Paradox. Ein kleines Kind ist von der Allwissenheit weit entfernt. Es weiß im Grunde noch nichts. Es hat zu Beginn noch nicht einmal ein Selbstbewusstsein. Wissensfragen kann es noch nicht beantworten. Die Menschwerdung Gottes bedeutet aber: Der allwissende unfassbare mächtige und überlegene Gott und das unwissende Kind sind eins.

Was will uns Gott mit seiner Menschwerdung, mit seiner Kindwerdung also zeigen? Es sind im Kern wohl zwei Dinge: Das Erste liegt auf der Hand: Gott ist eben keine KI. Er ist kein Supercomputer, keine Technik, kein umfassendes fernes Irgendetwas. Gott ist personal. Er teilt mit den Menschen, die er nach seinem Abbild schafft, das Personsein. Gott ist ansprechbar. Man kann in eine Beziehung zu ihm treten. Er antwortet mir persönlich.

Das Zweite geht auf eine Unterscheidung zurück, die etwa Thomas von Aquin, der große mittelalterliche Theologe trifft. Er unterscheidet beim „Wissen“ zwischen „Wissenschaft“ und „Vernunft“. „Wissenschaft“ ist dabei der Inhalt des Wissens, also die Daten aber auch die Methodik. Es ist der Teil des Wissens, den wir uns im Laufe des Leben ausschnitthaft aneignen können. „Vernunft“ dagegen ist nichts Erworbenes. Thomas sagt, dass bereits das kleine Kind Vernunft hat, also die Fähigkeit das Wissen aufzunehmen, zu sortieren, es kreativ zu erweitern und zu gestalten. In dieser Hinsicht ist das kleine Kind reine Vernunft, reine Fähigkeit, reines Potential.

Im Johannesevangelium steht, dass das Wort Gottes Fleisch wird. Gott zeigt uns sein Wort, auf Griechisch, den LOGOS. Ich habe mal die KI gefragt, was dieses Wort bedeutet. Sie sagt:

Das Wort „Logos“ hat seinen Ursprung im Griechischen und wird oft mit verschiedenen Bedeutungen in verschiedenen Kontexten verwendet. Grundsätzlich kann man sagen, dass „Logos“ meist „Wort“, „Rede“, „Vernunft“ oder „Prinzip“ bedeutet. In der antiken Philosophie, insbesondere bei Heraklit, bezieht sich „Logos“ auf das universelle Prinzip der Ordnung und des Wissens. Heraklit verstand den Logos als die zugrunde liegende Ordnung des Universums und als das Prinzip, das alles miteinander verbindet.

Der „Logos“ ist also das Potential Gottes, alles zu ordnen, man könnte sagen, der Logos ist seine Vernunft. Der Logos ist daher die Eigenschaft, nach der Gott die Welt ordnet.

Das Kind an Weihnachten, der reine Logos ist Gottes Weisheit unser Leben neu zu ordnen. Das Allwissen bekommt seine Form und seinen Platz. Es ist die Kraft der göttlichen Liebe, die die Welt umgestalten und neu ordnen soll, hin zu Vergebung und Erlösung.     

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