Eine Nachricht aus dem Vatikan versetzte unser römisches Studienkolleg in helle Aufregung. Anlässlich einer Audienz des Papstes mit den Theologiestudenten der Gregoriana-Universität wurde unser Kollegschor angefragt, die musikalische Gestaltung zu übernehmen. Die Nachricht brachte auch einige unser Mitstudenten in die Chorprobe, die sonst wenig oder gar nicht kamen. Neben der ehrenhaften Aufgabe reizten uns natürlich vor allem die guten Plätze, die wir in der Audienzhalle bekommen würden – auf der Bühne, dicht am Papst Johannes Paul II. mit der Aussicht auf ein Foto, das später in vielen Zimmern hängen würde. Was sollten wir also singen? Unser Chorleiter traf eine sehr konventionelle Auswahl. Neben einigen Stücken im „Vorprogramm“ der Audienz, sollte beim Eintreffen des Pontifex ein geschmettertes „Tu es, Petrus“ im dreistimmigen Satz erklingen. Der Text des Chorstücks war das bekannte Bibelzitat: „Du bist Petrus, der Fels und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwels werden sie nicht überwinden“ (Mt 16,18). Das Zitat wurde in lateinischer Sprache im 17. Jahrhundert in den inneren Ring der Kuppel des Petersdoms geschrieben. Es diente traditionell zur Begründung der Vorrangstellung des Papstes vor allen anderen Bischöfen und Ortskirchen des Erdkreises. Jesus übergibt in der zitierten Szene des Matthäusevangeliums die Schlüssel und zeichnet ihn so vor den anderen Aposteln aus. Daraus ergibt sich die Tradition, dass dem Bischof von Rom, der als Nachfolger des Petrus gilt, eine herausragende Rolle in Lehrfragen zukommt. Der Hauptaltar des Petersdoms erhebt sich über der Grabstelle des Petrus, der nicht bloß der Legende nach, sondern auch gemäß der historischen Forschung ziemlich sicher in Rom als Märtyrer gestorben ist.
Zurück in die Audienzhalle. Wir hatten tatsächlich gute Plätze bekommen, standen singend mitten auf der Bühne. Nach einigen Begrüßungen und Ansagen öffnete sich relativ unauffällig eine kleine Tür an der Seite der Bühne. Der Papst kam und wir hatten unseren Einsatz verpasst. Die kleine, von Alter und Krankheit gezeichnete Gestalt Johannes Pauls näherte sich in langsamen Schritten. Jubel brandete auf. Unser Chorleiter versuchte, im Lärm von seiner Stimmgabel den richtigen Ton abzunehmen. Er musste mehrmals dazu ansetzen. Bis wir den Ton übernommen hatten, dauerte es noch eine Weile. Im allgemeinen Rufen und Klatschen aus den Weiten des Raumes war kaum noch etwas zu verstehen. Wir sangen, spät, wie wir waren los. „Tu es Petrus“. Die meisten von uns schauten dabei natürlich nicht auf den Dirigenten, der mit weiten Bewegungen sein bestes gab, um den Chor zu lenken. Stattdessen sahen wir auf den Papst. Wie es geklungen hat, möchte ich lieber nicht wissen. Es ist auch egal, weil in der Aula ohnehin niemand den Gesang zur Kenntnis nahm. Immerhin: Ein schönes Foto mit Papst gab es für den Chor später schon noch. Ich erinnere mich noch gut. Ich stand relativ dicht hinter dem Stuhl, auf dem Johannes Paul Platz genommen hatte. Ich sah den alten, gebrechlichen Mann, der mit schütterer Stimme zu uns sprach. Seine weiße Soutane war im Laufe der Zeit schon leicht gelblich angelaufen. Ich empfand den Widerspruch in diesem Moment relativ deutlich. Unser triumphaler Gesang über Petrus, den Felsenmann, den Stellvertreter Christi und seine konkrete Gestalt passten nicht richtig zusammen.
Ich glaube im Nachhinein, dass Johannes Paul diese Diskrepanz auch selber empfunden hat. Schon 1995, also etwa 6 Jahre vor der Begegnung in der Audienzhalle hatte er in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ über die Bedeutung des Petrus geschrieben. Er zeichnete damals das folgende Bild:
„Das Matthäusevangelium beschreibt und präzisiert die pastorale Sendung des Petrus in der Kirche: »Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (16, 17-19). Lukas hebt hervor, dass Christus dem Petrus aufträgt, die Brüder zu stärken, ihn aber gleichzeitig seine menschliche Schwäche und die Notwendigkeit seiner Bekehrung erkennen lässt (vgl. Lk 22, 31-32). Es ist gerade so, als würde vor dem Hintergrund der menschlichen Schwachheit des Petrus voll offenkundig werden, dass sein besonderes Amt in der Kirche vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat; es ist, als würde sich der Meister ganz besonders seiner Bekehrung widmen, um ihn auf die Aufgabe vorzubereiten, die er sich anschickt, ihm in seiner Kirche anzuvertrauen, und würde ihm gegenüber sehr anspruchsvoll sein. Dieselbe Aufgabe des Petrus, gleichfalls verbunden mit einer realistischen Aussage über seine Schwachheit, findet sich im vierten Evangelium: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Weide meine Schafe« (vgl. Joh 21, 15-19).
Wichtig ist festzuhalten, dass die Schwachheit des Petrus und des Paulus offenbar macht, daß die Kirche auf der unendlichen Macht der Gnade gründet (vgl. Mt 16, 17; 2 Kor 12, 7-10). Gleich nach seiner Einsetzung wird Petrus von Christus mit seltener Strenge gerügt, der zu ihm sagt: »Du willst mich zu Fall bringen!« (Mt 16, 23). Sollte man nicht in dem Erbarmen, das Petrus braucht, einen Bezug zu dem Amt jener Barmherzigkeit sehen, die er als erster erfährt? Dennoch wird er Jesus dreimal verraten. Auch das Johannesevangelium hebt hervor, dass Petrus die Aufgabe, die Herde zu weiden, in einem dreifachen Liebesbekenntnis (vgl. 21, 15-17) empfängt, das dem dreifachen Verrat entspricht (vgl. 13, 38). Lukas seinerseits beharrt in dem bereits zitierten Wort Christi, an dem die erste Überlieferung in der Absicht, die Sendung des Petrus zu beschreiben, festhalten wird, darauf, dass dieser, »sobald er sich bekehrt hat, seine Brüder stärken« soll (vgl. Lk 22, 32).“ (Ut unum sint 91).
Im Gegensatz zu so mancher Überhöhung und Idealisierung nennt Johannes Paul Petrus einen schwachen Menschen, der genau so wie alle anderen der Zuwendung, Barmherzigkeit und Vergebung bedarf. Die Kirche ist nicht auf einen Menschen gegründet. Sie lebt aus der Gnade Gottes. Es ist für Johannes Paul ein Ausdruck der manchmal unbegreiflichen göttlichen Liebe, dass er sein Werk in die Hände schwacher Menschen legt.
Betrachtet man die Matthäus-Stelle wird deutlich, dass Jesus sich bei seinem Auftrag an Petrus auf dessen Bekenntnis bezieht. Er ist der erste der Jünger, der offen ausspricht, dass er in Jesus den Sohn Gottes, den Messias erkennt. Der Felsengrund, auf dem die Kirche errichtet wird, ist im Grunde nicht mehr als dies: Ein Bekenntnis, ein Versprechen, ein Akt des Glaubens.
Es hat unendliche Untersuchungen zu dieser Bibelstelle gegeben und jede Menge Interpretationen. Schließlich sahen sich ja die Christen anderer Konfessionen herausgefordert, die zunächst weitgehend unwidersprochene Tradition des Vorrangs des römischen Bischofs in ihre Lehre und Kirchenordnung einzuordnen. Auf einem Höhepunkt der Konfessionsstreitigkeiten im 19. Jahrhundert hatte Rom, die herausragende Bedeutung des Papstamtes noch einmal besonders betont. In den anderen Kirchen wurde sie bewusst heruntergespielt.
Papst Franziskus hat nun durch den Einheitsrat, seine „Ökumene-Abteilung“, ein Papier erarbeiten lassen, dass die Bedeutung des Petrusdienstes noch einmal neu beleuchtet und in ökumenischer Perspektive öffnet. Johannes Paul II. hatte dafür die Grundlage gelegt. Der Hinweis auf die „Gnade“ in dessen zitierter Enzyklika ist sehr wichtig. Sie öffnet den Dialog. Im nun veröffentlichten Dokument werden die verschiedenen Deutungsarten der Matthäusstelle genannt und zur Diskussion gestellt.[1] Ist das Bekenntnis des Petrus im Grunde das Bekenntnis, zu dem jeder Christ aufgerufen ist? Dann wäre der Glaube der tragende Grund der Kirche. Oder legt Petrus das Bekenntnis stellvertretend für die anderen Jünger ab? Dann ließe sich das „Petrusamt“ als gemeinsame Aufgabe der Bischöfe (und evt. auch Konfessionen) deuten. Oder ist das Bekenntnis tatsächlich rein ein persönliches des Petrus? Dann wäre wiederum zu klären, ob die Verheißung des „guten Grundes“ der Kirche in seiner Person liegt oder genau in diesem Bekenntnis. Petrus wäre dann eher der „erste Zeuge“ und eine „verlässliche Instanz“ des Glaubens, nicht aber ein Herrscher über den Glauben. Mein Eindruck ist, dass der Vatikan derzeit der letztgenannten Deutung zuneigt.
Wenn der Papst, genau wie jeder andere von der „Gnade“ abhängig ist und auf sie in seinem Bekenntnis des Glaubens antworten muss, relativiert sich seine Rolle. Er ist, wie das II. Vaticanum deutlich macht, der Leiter der Kirche. Allerdings ist diese Kirche keine „perfekte Gesellschaft“. Sie ist in ihrer menschlichen Gestalt niemals makellos, sondern immer auch von Schwäche und Versagen geprägt. In der Kirchenkonstitution des Konzils heißt es: „So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschlicher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern, um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten“ (LG 8). Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Trotzdem ist die Selbstvergewisserung der Kirche anhand des Konzils wahrscheinlich enorm wichtig.
Man darf also beides zusammenbringen. Das kräftige „Tu es Petrus“ darf weiter gesungen werden. Es ist ein Wort Christi, dass sich biblisch an Petrus aber auch im übertragenen Sinn an alle richtet, die es singen und hören. Wo ist dein Bekenntnis? Welches ist dein Auftrag in der Kirche als Werk des Heiligen Geistes. Das Wort geht an schwache Menschen. Mit „Gnade ist genau dies gemeint: Gott ist bei dir auch wenn du selbst nicht perfekt bist. Im Gegenteil: Er will gerade durch deine Schwachheit sprechen. Paulus hat das im 2. Korintherbrief sehr eindrücklich ausgedrückt: „Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2Kor, 12,9-10).
[1] Päpstlicher Rat für die Einheit der Kirche, The Bishop of Rome (2024), Nr. 37. Das ganze Dokument hier: The Bishop of Rome.pdf (christianunity.va)