E Levve lang

Auf der Homepage des 1. FC Köln fand ich unter dem Stichwort „Mitglied werden“ den folgenden Text. Er beschreibt ein Angebot für eine lebenslange Mitgliedschaft („FC – E Levve lang“).

„Spüren Sie auch die Gänsehaut, wenn Zehntausende mit […] unserer Hymne dem 1. FC Köln die Treue schwören? Den Kloß im Hals, den Stolz in der Brust und das Glück, dazu zu gehören, zu dieser einzigartigen Familie? Jedem FC-Fan ist völlig klar: „Op Treu un op Iehr“, das gilt nicht nur für den Moment, nicht nur beim Heimspiel, nicht nur im Falle großer Siege. Das gilt in guten wie in schlechten Tagen. Für immer. Mit der lebenslangen Mitgliedschaft ist das möglich. […] [Sie gehören dann] zu jenem kleinen, besonderen Kreis derjenigen, die sich dem FC für immer und ohne Wenn und Aber verschrieben haben.“[1]

Stellen Sie sich einmal vor, wir würden einen solchen Text schreiben, bei dem statt „FC Köln“ „Katholische Kirche“ steht und ihn, etwa zur Taufe überreichen. Wir sind im Anpreisen einer lebenslangen Mitgliedschaft durch dick und dünn etwas weniger euphorisch. Warum eigentlich? Kann es nicht auch in der Kirche dieses emotionale Zugehörigkeitsgefühl geben? Kann es nicht auch bei uns sein, dass einem beim Singen der Hymnen das Herz aufgeht und man das Glück spürt, dazuzugehören? Warum sollte der Stolz auf einen mittelmäßigen Bundesligaclub, der sich in der Vergangenheit zahlreiche Skandale, Führungskrisen und jede Menge miese Stimmung zwischen Fans und Vereinsführung geleistet hat weniger ausgeprägt sein, als der Stolz auf die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche?

Einen Hinweis darauf gibt das Evangelium des Sonntags. Es tritt gewissermaßen auf die Euphoriebremse.

In jener Zeit zog Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken, und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten. (Lk 13,22-30)

Natürlich spricht Jesus hier nicht von der Katholischen Kirche, sondern vom Reich Gottes, also von der endzeitlichen Gemeinschaft des Volkes Gottes, auf die die Kirche der nachbiblischen Zeit gemeinsam mit Israel hinweisen und hinwirken soll. Der Text verhandelt die Frage der Mitgliedschaft, die Frage von Exklusion und Inklusion. Wer gehört eigentlich dazu? Wer wird eigentlich gerettet, also kann sich der göttlichen Zuwendung und Barmherzigkeit sicher sein? Die Antwort Jesu, die er in zahlreichen Auseinandersetzungen etwa mit den Pharisäern und den Schriftgelehrten findet, ist eindeutig. Er sagt: Die formale Zugehörigkeit, etwa, dass ein Mensch durch die Geburt Jude ist und damit zur Gemeinschaft Israels gehört, reicht nicht aus. Es ist nicht einmal sicher, dass die treue Befolgung des Gesetzes automatisch in das Reich Gottes führt. Jesus weist immer auf die Wichtigkeit der individuellen Bekehrung hin, wie sie beispielhaft etwa beim Zöllner Zachäus geschieht oder auf die Bedeutung der Gottes- und Nächstenliebe, die schließlich auch jenseits des Volkes Israel zu finden ist. Hierzu erzählt er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder heilt den Diener eines römischen Hauptmanns. So kann es sein, dass einige, von denen man es nicht gedacht hat, zur Gemeinschaft des Reiches Gottes gehören und andere, die sich der Zugehörigkeit sicher waren, ausgeschlossen sind. Die positive Botschaft Jesu ist: Jede und jeder kann zum Volk Gottes gehören. Es gibt allerdings keinen Automatismus, sondern es bedarf einer Anstrengung, dem Willen, durch die enge Tür zu gehen, sich um den Zutritt ernsthaft zu bemühen.

Die alte Kirche des 2.-4. Jahrhunderts nahm diese Bestimmungen sehr ernst.[2] Um in die Kirche aufgenommen zu werden und die Taufe zu erhalten, bedurfte es einer intensiven Vorbereitung, die manchmal jahrelang dauern konnte. Die Taufbewerber lernten in dieser Zeit nicht nur alles Wichtige über den Glauben, sondern mussten auch ihren Lebenswandel anpassen. So wurde bei den Taufskrutinien (Überprüfungen) gefragt, ob sich die Taufbewerber etwa durch Werke der Barmherzigkeit empfohlen hätten. Die Taufbewerber blieben im Vorraum der Kirche. Die schmale Tür zur vollen Teilnahme an der kirchlichen Gemeinschaft blieb ihnen bis zur Taufe verschlossen. Ebenso war es bei den Büßern. Wer sich schwer gegen die Gebote versündigt hatte, war über längere Zeiten von der Gemeinschaft ausgeschlossen und musste durch Bußwerke und Gebete seine Umkehr glaubhaft machen, um den vollen Zugang zur christlichen Gemeinschaft erst langsam wieder erhalten.

Eine solche Praxis übersetzt gewissermaßen das heutige Evangelium von dem Bemühen um den Eintritt und die enge Tür, durch die es zu gelangen geht. Sie erscheint uns heute problematisch und war es tatsächlich auch, so dass sie laufend verändert und in dieser Form aufgegeben wurde.

Heute betonen wir mehr die positive Seite der biblischen Botschaft, nämlich, dass alle Menschen zum Heil berufen sind, dass es auch außerhalb der formalen Zugehörigkeit zur Kirche Spuren des Gottesreiches gibt. Wir machen kirchlich die Schwellen eher niedrig und die Tore eher weit, auch wenn immer teils berechtigte, teils unberechtigte Kritik daran geäußert wird, dass es überhaupt noch Schwellen und Türen gibt, oder, dass sie vielleicht an den falschen Stellen angebracht sind oder von den falschen Leuten geöffnet und geschlossen werden. Aus meiner Sicht wird es allerdings dann schwierig, wenn der Aspekt der bewussten Entscheidung, des eigenen Lebenswandels, der Verantwortung für das eigene Handeln überhaupt keine Rolle mehr spielen soll. Das Evangelium gibt das meines Erachtens nicht her. Die Frage „Wer gehört eigentlich dazu?“ begleitet uns weiter. Letztlich kann sie in menschlicher Perspektive auch nur sehr begrenzt beantwortet werden. Die Souveränität Gottes lässt sich einschränken. Es bleibt uns also der Weg des Bemühens, der sich an der Botschaft Jesu orientieren soll.


[1] https://fc.de/fc-info/mitglieder/lebenslange-mitgliedschaft/informationen/

[2] Eine Überblicksdarstellung bei: Klaus Schatz, Lebensformen und Strukturen der alten Kirche, Frankfurt 1993, 45-89.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s