Wanderer unterm Genderstern – Teil 4

Widersprüche

„Identität“ ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Die verschiedenen Richtungen einer „starken“ (d.h. weltanschaulichen) Identitätsposition rufen auf unterschiedlichen Seiten Kritik und Widerstand hervor. Rechtsnationale Identitätsbewegungen tragen ihre weltanschauliche Gefährlichkeit bereits in sich. Diese hat sich mit Blick auf die Geschichte immer schon erwiesen. In neuem „bürgerlichen“ Gewand können sie allerdings eine gefährliche Zuflucht nehmen. Die Vorstellung, globale Entwicklungen durch nationalistische Eigenwege eindämmen zu können, hat sich an verschiedenen Stellen schon als fataler Irrtum herausgestellt. Eine „deutsche“ Identität wie sie die Romantik sich vorstellte, ist in einer bereits internationalisierten und europäisch ausgerichteten Gesellschaft eine Illusion.

Auf der anderen Seite des Spektrums gehen vielen die vehement geführten „linken“ Debatten zu weit, etwa die, ob bestimmte Kunstwerke vergangener Epochen noch gezeigt werden dürfen, oder ob in Büchern die als problematisch identifizierte Beschreibung oder Benennung von Personen gestrichen werden müssen. Ein Streitfrage, die die Gemüter erhitzt ist etwa, ob Kinder sich beim Karneval noch als Indianer verkleiden dürfen. Der Vorwurf ist, dass in dieser Verkleidung bereits implizit die Diskriminierung amerikanischer Ureinwohner mitschwingt und wir mit den Kostümen die verzerrte Perspektive weißer Amerikaner und Europäer auf die von ihnen bekämpften und unterdrückten indigenen Völker an kommende Generationen weitergeben. Es geht also nicht darum, den Kindern den Spaß zu nehmen oder ihnen eine rassistische Haltung zu unterstellen. Vielmehr soll der Verständnisrahmen, das unbewusst mitgelieferte „Weltbild“ verändert werden. Stereotype Abbildungen von Menschengruppen sollen vermieden werden. Dies gilt allerdings nur für bestimmte Gruppen, die als machtlos oder strukturell diskriminiert identifiziert worden sind. So ist etwa völlig klar, dass stereotype Darstellungen von Juden, wie sie bis ins 20. Jahrhundert gängig waren, angesichts des unbeschreiblichen Verbrechens der Shoa heute berechtigterweise als rassistisch und antisemitisch identifiziert werden. Liegt dies bei der Darstellung von Afrikanern oder amerikanischen Ureinwohnern in ähnlicher Weise vor? Ist jede Darstellung eines „Schwarzen“ durch einen Europäer (etwa in Shakespeares „Othello“) schon unbewusst oder bewusst rassistisch? Über diese Frage wird in der Theaterwelt tatsächlich gestritten. In die berechtigten und einsichtigen Anliegen identitätspolitischer Diskurse mischen sich schrille Töne. Der Kunstwissenschaftler Jörg Schöller, der sich intensiv mit Identitätsfragen auseinandergesetzt hat attestiert in einem Interview im Deutschlandfunk:

„Aktivistische Logiken sind mit einer gewissen Notwendigkeit schrill, sonst schenkt man Menschen kein Gehör. Was wir heute erleben ist, dass diese Zuspitzungen noch einmal überdreht werden, auch durch demagogische Verzerrungen von politischen Gegnern, die die teils berechtigten Anliegen hinter diesen Forderungen ausblenden.“[1]

Es gibt tatsächlich Tendenz, den Diskurs zu überdrehen. Und er ist längst ein Mittel der politischen Diskreditierung (von links und rechts) geworden, der dazu neigt anderen Menschen sofort die moralische Eignung abzusprechen und zum Feind zu erklären. Ist jeder, der sich gegen die „Homo-Ehe“ ausspricht, gleich ein Homophober, dem die Menschenrechte egal sind? Und ist umgekehrt, jeder, der sich für die Rechte Homosexueller einsetzt, gleich ein Zerstörer des Abendlandes, der andere für eine links-grüne Propaganda vereinnahmen möchte? Im politischen Bereich wird die Identitätspolitik (wie bei der Fußball-Europameisterschaft gesehen) schnell zu einem ideologischen Kampfplatz. Populistische Regierungen setzen Verbote und Restriktionen gegen sexuelle Minderheiten als bewusste Provokationen und zur Stärkung nationalistischer Diskurse ein. Man hat zuweilen den Eindruck, einem „Kampf der Systeme“ beizuwohnen. Gibt es dabei eigentlich noch Zwischentöne und abwägende Positionen, bzw. sind diese eigentlich noch erlaubt und gewollt? Kann es noch darum gehen, berechtigte Anliegen von Minderheiten und wichtige Anregungen der Identitätsdiskurse aufzunehmen, ohne dabei den ganzen philosophischen Überbau dieser Denkrichtungen zu übernehmen?

Am heftigsten tobt der Streit um die „richtige“ Form der Identitätspolitik vielleicht innerhalb der Communities selber. Die Autorin Mithu Sanyal gibt in ihrem Roman „Identitti“[2] einen zwar fiktiven aber wahrscheinlich nicht unrealistischen Blick in die „Identitäts“-Szene. In ihrem Buch geht es um eine Kulturwissenschaftlerin, die um eine radikale Veränderung der postkolonialen Perspektive kämpft. Die vermeintlich indischstämmige Professorin verursacht einen handfesten Skandal, als herauskommt, dass sie selbst eigentlich eine „Biodeutsche“ ist, die sich zur Inderin und damit zu einer „person of colour“ gemacht hat. Hat sie damit ihre eigenen Werte verraten? Ist es möglich, sich für die Interessen von Menschen anderer Hautfarbe einzusetzen, wenn man selbst eine „Weiße“ ist, also die Folgen der unterstellten latenten Diskriminierung gar nicht selbst erfahren hat? Die Pointe des Romans besteht darin, dass er empfiehlt, unsere Konzeption von Hautfarbe und Herkunft zu überdenken. Wäre es nicht möglich, dass sich Menschen so, wie sie sich als „Transgender“ definieren können (also als Menschen, die sich einem anderen Geschlecht als ihrem biologischen zuordnen), auch als „trans-race“ erfahren können? Ist die Zuordnung zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe nicht vielleicht ebenso eher eine Frage der sozialen, gefühlten Verortung statt der „angeborenen“? Die Identitäts-Diskussion dreht sich hier einige Windungen weiter. Das Zielbild ist vielleicht eine völlige Freiheit in der persönlichen Selbstbestimmung. Kann ich meine Identität tatsächlich komplett selbst festlegen? Im Kern führt die Debatte hier wieder auf die von Judith Butler erhobene Forderung nach der Aufhebung der geltenden Normen zurück. Eine Gesellschaft, die ohne vorgegebene Konzepte des Menschseins auskommt, scheint ein verlockendes Angebot zu sein. Ist sie allerdings realistisch? Die großen ethischen Fragen, die durch den dekonstruktivistischen Denkansatz aufgeworfen werden, habe ich an anderer Stelle bereits besprochen.[3] Zudem erscheint es unrealistisch, eine solche Umformatierung der Weltgesellschaft tatsächlich zu erwarten. Das Problem der identitätspolitischen Diskurse ist häufig, dass sie sich gegenseitig behindern. Das ständige Entlarven und Verdächtigen von Gesprächspartnern schaltet an vielen Stellen den rationalen Diskurs aus, da stets vermutet wird, Menschen würden bestimmte Aussagen nur treffen, weil sie sich ihres im Kern veralteten Weltbilds nicht bewusst wären. Darf man einen Staat wie Uganda für seine Anti-Homosexuellen-Gesetze kritisieren oder ist eine solche Kritik im Kern kolonialistisch verunreinigt? Wie soll man damit umgehen, wenn Angehörige aus sozialschwachen Milieus sich ausländerfeindlich äußern? Ist eine Zurückweisung solcher Positionen berechtigt, oder ist das bereits „klassistisch“ (das bedeutet, diskriminierend gegenüber Angehörigen solcher Milieus)?[4] Die Fragen ließen sich weiter entwickeln. Mein Eindruck ist, dass sich der identitäre Diskurs viel zu leicht in sich selbst verhakt. Er produziert zumindest in der Mehrheit der Bevölkerung eher Unverständnis oder Ablehnung.

Wanderer unterm Genderstern

Dieser kleine Essay handelte von Romantik und Identität. Er zeigte in ein paar kurzen Ausschnitten eine gewisse Verwandtschaft zwischen Strömungen, die vordergründig wenig miteinander zu tun haben. Mein Anliegen war ein doppeltes. Zum einen wollte ich ein wenig Orientierung bieten und erklären, was ich von den laufenden Identitätsdiskursen verstanden habe, zum anderen auf ihre Gefahren hinweisen.

Die Auswirkungen der Identitätsdebatten sind in ihren volkstümlichen Varianten in der Frage um das Hissen von Regenbogenfahnen, im Streit um gendergerechte Sprache oder in Symbolhandlungen gegen Rassismus überall zu finden. Werden solche Fragen in den Medien behandelt, wird schnell damit argumentiert, dass es sich hier um Fragen von Grundrechten und Menschenrechten handele. Wer könnte schon dagegen sein? In der Tat werfen die identitätspolitischen Debatten wichtige Fragen auf und sensibilisieren vor allem für den Umgang mit gesellschaftlichen Randgruppen und Minderheiten. Sie verweisen auf eingefleischte Vorurteile und langjährige Ressentiments und stellen die berechtigte Forderung nach der vollen gesellschaftlichen Anerkennung vormals randständiger Gruppen. Die Idee eine „vielfältigen und bunten“ Gesellschaft fordert den Respekt gegenüber den verschiedensten Lebensentwürfen und Lebensverläufen ein. Die Erfahrungen von Ausgrenzung und Ablehnung durch eine Mehrheitsgesellschaft sollen überwunden werden. An dieser Stelle hat der Identitätsdiskurs seine starken Seite. Ob man allen aus diesem Denken entwickelten Mitteln und Methoden folgen muss, ist eine andere Frage. Schließlich produziert jede Veränderung wieder neue Probleme. Wer bis vor ein paar Jahren das generische Maskulinum gebrauchte, also etwa von „Ärzten“ sprach und damit auch die weiblichen Vertreterinnen dieses Berufes meinte tat das meist ohne die Absicht, Frauen zu diskriminieren. Da man einer solchen Redeweise allerdings latenten Sexismus unterstellte, hatte sich eingebürgert, von Ärztinnen und Ärzten zu sprechen. Wer das nicht mehr tut, dem wird ein bewusster Sexismus unterstellt. Da aber auch diese Redeweise heute als diskriminierend gilt, weil sie geschlechtlich anders zugeordnete Personen angeblich ausschließt, wird gefordert, man müsse von „Ärzt_innen“ oder „Ärzt*innen“ sprechen. Wer das nicht tue, sei wiederum bewusst diskriminierend. Die Welt wird so von häufig unbewussten moralischen Missetätern gefüllt. Und hier liegt das zentrale Problem. Ich glaube nicht, dass sich identitätspolitische Fragen ganz ohne ihren weltanschaulichen Unterstrom behandeln lassen. Im Kern liegen zumindest bei gebildeten Vertreter*innen des Diskurses dekonstruktivistische und liberalistische Gesellschaftsvorstellungen zugrunde, die in ihrer Konsequenz häufig nicht gut bedacht werden. Der Identitätsdiskurs ist nie unschuldig, sondern immer auch missionarisch. Er fordert im Kern ein anderes Denken, eine andere Leitphilosophie.

Auf der „rechten“ Seite werden die Identitätsdiskurse mit nicht weniger intensiven Mitteln geführt. Dabei geht es um den Stolz auf nationale Errungenschaften und Symbole, um den Schutz der deutschen Sprache, um die Wahrung nationaler Interessen vor internationalen Einflüssen, um die Ablehnung der Europäischen Union, die ostentative Problematisierung von Einwanderung und viele Themen mehr. Als marginalisierte Gruppen und damit Opfer einer „Entfremdung“ werden etwa die Verlierer der Globalisierung identifiziert. Der Autor Ingo Schulze hat in seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“[5] den Weg seines Protagonisten in das rechte Denkspektrum skizziert. Der Held des Romans ist Inhaber eines Antiquariates, der in der DDR durch die Rettung von Büchern das unzensierte literarische Erbe bewahrt. Nach der politischen Wende ist dies dank freier Presse, großer Verlage und kapitalistischen Marktprinzipien alles nicht mehr gefragt. Das Ringen um den eigenen Lebensentwurf verstärkt das Gefühl der Ausgrenzung. Das Ringen um den eigenen Platz in der Gesellschaft äußert sich hier in der Ablehnung von Fremdeinflüssen und von globalistischen und kapitalistischen Tendenzen. Der verheißene Ausweg besteht in der Schaffung einer national-protektionistischen Gesellschaft, die sich gegen vermeintlich schädliche Einflüsse von außen abriegelt.

Die Romantik hat daran ihre Unschuld verloren. Sie beginnt harmlos mit ein wenig Sehnsucht und Waldeslust, mit der Idee der freien Entfaltung des menschlichen Wesens. Sie lehnte den Universalismus der aufklärerischen Denkmodelle ab und betonte die Individualrechte. Im Verbund mit der idealistischen Philosophie allerdings reihte sie die Menschen wieder in System ein. Die Aufhebung der „Entfremdungszustände“ wurde zur Triebfeder großer gesellschaftlicher Bewegungen, die sich in den Extremen im Kommunismus und im Nationalismus wiederfanden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich unterstelle den Vertreter_innen des Identitätsdiskurses erst einmal nur die besten Absichten. Die Gefahr eines neuerlichen weltanschaulichen „Kampfes der Systeme“ ist allerdings nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die besten Absichten können leicht in einer neuen Frontenbildung enden. Ein wenig mehr Universalismus und Realismus täten gut, etwas weniger Weltanschauung und dafür mehr praktische Arbeit an der Seite derer, die Unterstützung brauchen, wäre sinnvoll.  

Der romantische Blick in den Sternenhimmel weckt eine ferne Sehnsucht. In einem Gedicht schreibt Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ von 1882:

Vorausbestimmt zur Sternenbahn, /Was geht dich, Stern, das Dunkel an?

Roll‘ selig hin durch diese Zeit! / Ihr Elend sei dir fremd und weit!

Der fernsten Welt gehört dein Schein: / Mitleid soll Sünde für dich sein!

Nur ein Gebot gilt dir: sei rein!

Der Sternenhimmel steht für die Idealität der Gedanken. Unter seinem Firmament soll sich die Erde verwandeln hin zur ersehnten und erträumten Erneuerung. Diese Erneuerung folgt der reinen Lehre, die aus dem „Elend“ und der Verwirrung der Zeit herausführen soll. Ideen sollen uns leiten. Der (Gender-)sternenübersäte Himmel der Identitätsdiskurse ist eine Gedankenwelt dieser Art. Die Verheißung ferner Ideale soll im alltäglichen politischen und kulturellen Kampf Wirklichkeit werden. Man darf skeptisch bleiben.


[1] Das ganze Interview: https://www.deutschlandfunk.de/identitaetspolitik-menschen-sind-moeglichkeitswesen.911.de.html?dram:article_id=499305.

[2] Mithu Sanyal, Identitti, München 2021.

[3] https://sensusfidei.blog/2019/07/23/wie-kann-man-moral-begrunden-teil-2/.

[4] Zum „Klassismus“ der hörenswerte Beitrag des Zeit-Podcasts: https://www.zeit.de/kultur/2021-04/klassismus-ijoma-mangold-lars-weisbrod-soziale-ungleichheit-umverteilen-klassenkampf?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F.

[5] Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder, Frankfurt 2020.

Ein Kommentar zu „Wanderer unterm Genderstern – Teil 4

  1. Ich finde folgenden Beitrag sehr interessant: Von Friedrich Lang „Sie gendern, um zu herrschen“, von 31.07.2021, achgut.com . Und Apropos „Indianer“, ich finde den Beitrag des bekannten Spiegel-, heute Focus-Journalisten, Jan Fleischauer, sehr gelungen: hier aus 9 Minuten netto Ausschnitt auf seiner Facebook Seite: „9 Minuten netto Die Indianer und der Rassismus“ (2,3 Minuten), vom 02. April 2021.
    Also, mit Bezug auf die offizielle Seite der Ureinwohner Amerikas: Der Begriff „Indianer“ ist korrekt, völlig unproblematisch. Was führen wir eigentlich für Luxus-Diskussionen in Deutschland? Und von wem und mit welcher Intention werden solche Debatten initiiert? Mich interessiert zurzeit eher: Darf ich als ungeimpfte Christin noch in Ihren Gottesdienst? Und warum schweigen die Kirchen zu dem wirklich wichtigen Thema „Gentechnik-Impfen und Ethik“

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