Das ständige Risiko

Amerikaner sprechen den Deutschen eine Eigenschaft zu, über die sich gerne wundern. Sie sagen es gebe etwas, das sie „German Angst“ nennen. Während Amerikaner eher grundoptimistisch sind, also in allen Entwicklungen eher die Chancen sehen, sind Deutsche eher grundpessimistisch und schauen eher auf die Risiken. Das sind natürlich Vorurteile, aber wie bei allen Vorurteilen sind sie nicht ohne Grund entstanden. Im Deutschen gibt es den Begriff „Bedenkenträger“. Ich vermute, Sie kennen solche Leute. Es sind Menschen, die immer noch eine Gefahr oder ein Risiko sehen und ihre Befürchtungen immer wieder vortragen. Solche Leute sind anstrengend, weil sie dazu neigen, jedem Enthusiasmus und so mancher guten Idee den Begeisterungsstöpsel zu ziehen. Ihre Botschaft ist: Wir leben in einer gefährlichen Welt. In allem steckt ein Risiko.

Im Land des TÜVs hat sich ein hohes Sicherheitsbedürfnis ausgeprägt. Jede Stufe ist hier nicht nur eine Gehhilfe um an einen höhergelegenen Ort zu gelangen, sondern zugleich eine Stolperfalle und Gefahrenquelle für schwere Verletzungen, jede Bastelei im Flur einer KiTa ist weniger eine Verschönerung als ein Brandschutzrisiko, jede Familienfeier nicht einfach ein schönes Ereignis sondern in dieser Zeit ein potentieller Ansteckungsherd. Jedes Ding hat zwei Seiten und es kommt darauf an, mit welchem Blick ich sie betrachte. Sehe ich sie eher unter positivem oder negativem Vorzeichen? Wir stehen in beständigen Aushandlungsprozessen zwischen Chancen und Risiken.

Wer letzten Sommer in der Eifel oder an der Ahr unterwegs gewesen ist, hätte mit Blick auf die kleinen Bächlein von einem angenehmen Plätschern und von einer kühlen Erfrischung gesprochen. Wer hatte in diesen Gewässern Gefahrenquellen gesehen? Angesichts der riesigen Katastrophe fragen jetzt wieder viele, wo die Bedenkenträger gewesen sind, die auf die Risiken aufmerksam gemacht haben, wo die vorsorgenden Sicherheitsbeauftragten, die schon früh für entsprechenden Schutz gesorgt haben. Eine solche Überflutung lag außerhalb des Vorstellbaren. Das Risiko eines solchen Ereignissen war kaum vorhersehbar.

Es ist angesichts der schrecklichen Bilder aus Westdeutschland, Belgien und den Niederlanden schwer, die richtigen Worte zu finden. Die Berichte der Anwohner sind dramatisch. Menschen, die ihre Häuser oder Betriebe verloren haben, die nach vermissten Angehörigen suchen oder die traurige Gewissheit haben, dass jemand aus ihrem Freundes- oder Familienkreis gestorben ist.

Ein solches Ereignis führt uns die Anfälligkeit unseres Lebens vor Augen. Von einem auf den anderen Moment kann uns die dünne Decke unserer Existenz weggezogen werden. Aus der gefühlten Sicherheit des Lebens wird ein Hochrisiko. Die Fundamente des Alltags sind verletzlicher als gedacht. Das Leben, dass wir so selbstverständlich optimistisch betrachteten kehrt sich ins Gegenteil. Die Krise kann jeden treffen.

Als Jesus die Menschen sieht, die im Evangelium (Mk 6, 30-34) unentwegt zu ihm kommen, hat er einen besonderen Blick auf sie. Während die Jünger, gerade von einer anstrengenden Reise zurückgekehrt ihre Ruhe suchen und in den Massen lästige Störer sehen, erkennt Jesus in ihnen die Menschen in potentieller Not. „Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Es sind Menschen, die Sicherheit suchen, Orientierung, praktische Hilfe. Sie brauchen einen Haltepunkt in den Unwägbarkeiten ihrer Existenz, jemand, der ihnen die Hand reicht, wenn sie Hilfe brauchen, der ihnen Trost gibt in der Trauer, der die sucht, die verloren sind und sie wieder zurückbringt.

In die Bilder der Zerstörung mischen sich mittlerweile andere Elemente. Es ist gut, dass Menschen sich für die Risiken verantwortlich fühlen, dass sie vorbeugen und im Hintergrund dafür bereit standen, die Not zu lindern. Es ist der unermüdliche Einsatz der vielen Freiwilligen in den Feuerwehren und im technischen Hilfswerk. Es sind die Rettungskräfte und Katastrophenhelfer, die Seelsorger und die Nachbarn, die jetzt gegen die Not ankämpfen. Es sind die Organisatoren der Krisenstäbe und auch die, die jetzt für Bedürftige spenden. Es ist gut, dass es diese Dienste der Vorbeugung gibt, manchmal auch den Dienst der Vorsichtigen, der Bedenkenträger und Schwarzseher. Sie werden jetzt zu Menschen, die die Verlorenen sammeln, die Hilfe organisieren, den Menschen beistehen, ihnen Struktur und eine Perspektive geben. Es ist ihr besonderer Hirtendienst, der von Sorge und Umsicht bestimmt wird und von dem Willen, Leben zu retten. Es ist gut, dass sie da sind.

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