The Crown

Eine der weltweit meistgesehenen Serien ist zur Zeit „The Crown“. Die Serie erzählt das Leben von Elisabeth II. von England. Sie verfolgt die Geschichte der englischen Monarchie über fast ein ganzes Jahrhundert. In der Geschichte der königlichen Familie spiegelt sich der Wechsel der Zeiten. Zu Beginn zeigt sich die Monarchie als festgefügtes Gebäude, staatstragend und in voller Pracht. Aber der Blick hinter die Kulissen zeigt, dass alles bereits ins Wanken gekommen ist. Politisch haben die Könige und Königinnen Englands schon lange keine Macht mehr. Die wöchentlichen Treffen der Queen mit dem jeweiligen Premierminister sind ein Ritual. Es wird über Politik gesprochen, aber nur so, dass die Queen in keinem Fall Einfluss auf die Politik der Regierung nimmt. Sie hört sich alles an, macht selten eine Bemerkung, aber höchstens im Sinne einer persönlichen Meinung oder eines Ratschlags und dann auch nur mit aller Vorsicht. Das Commonwealth, der englische Kolonialverbund löst sich auf und bleibt eine rein symbolische Größe. Gesellschaftlich ist alles im Fluss. Die unbestrittene Bedeutung der Krone wird immer mehr in Zweifel gezogen. Die englische Standesgesellschaft verwandelt sich in eine liberale Demokratie. Mit diesem Wandel geht auch ein langsames Dämmern des höfischen Zeremoniells, der festen Riten und Ordnungen einher. Die Kirche, deren Oberhaupt die Queen ist spielt in der königlichen Familie anfangs noch eine große Rolle, wird aber zunehmend nur noch zur zeremoniellen Umrahmung gebraucht. Die Queen hat alle Mühe, ihre freiheitsliebenden Verwandten auf ein Mindestmaß an Standesbewusstsein und Moral zu verpflichten. Das Könighaus wird mehr und mehr zum Liebling der Klatschpresse. Am Ende der bisherigen Serienstaffeln hat man den Eindruck, mehr und mehr nur noch eine Hülle alten Glanzes zu sehen. Die Königin ist nicht mehr als Institution wichtig, sondern mehr als Persönlichkeit. Überzeugt die Persönlichkeit irgendwann nicht mehr, droht die völlige Bedeutungslosigkeit.

Was ein richtiger König oder eine richtige Königin ist, wissen wir heute nur noch aus Geschichtsbüchern. Wir können es uns nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, einen einzigen Menschen, durch Geburt zum Herrscher bestimmt. an der Spitze des Staates zu haben. Könige konnten souverän entscheiden. Sie waren Gesetzgeber, Regierende und oberster Richter zugleich, in einigen Fällen sogar religiöses Oberhaupt des Landes.

Man muss das Christkönigsfest in diesem Zusammenhang sehen. Es entstand 1925. Spätestens der erste Weltkrieg hatte die starken Monarchien in Europa zu Fall gebracht. Richtige Könige, also solche mit voller Machtfülle. gab es kaum noch. Indem Papst Pius XI. damals den Katholiken Christus in Gestalt des Königs vor Augen führte, erinnerte er an ein alternatives Konzept von Königsherrschaft. Zwar stammt das Bild vom endzeitlichen König aus der Bibel, vor allem aus den Prophetenschriften und der Offenbarung des Johannes und war mit Vorstellungen eines endzeitlichen Reiches, also einer absoluten Herrschaft Gottes verbunden, aber zugleich brach sich das Bild des machtvollen Königs in einem ganz anderen.

In der Geschichte Jesu tritt dieser ja gerade ohne Machtfülle auf. Das einzige, was er hat ist sein Wort, seine Verkündigung und die Zeichen, die er unter den Menschen tut. Sein Lebensweg ist ein beständiger Abstieg bis hin zum Kreuz, wo er als Zerrbild eines Königs mit Dornenkrone und rotem Mantel über dem nackten gefolterten Leib endet. Dieser König scheint machtlos und doch ist sein Königtum machtvoller, als man es für möglich gehalten hatte. Es ist das Königreich der Machtlosen, es sind die Gesetze und die Ethik der Machtlosen, die für die Christen zu Leitprinzipien ihrer Lebensform erhoben werden. Texte wie das heutige Evangelium von den Werken der Barmherzigkeit (Mt 25, 31-46) haben die Geschichte des Christentums geprägt oder eben auch sein Versagen an vielen Stellen offenbar gemacht. Die Lehre Jesu ist Maßstab zur Unterscheidung und für die gute Herrschaft geworden. Die Frage ist immer nur, ob sie sich durchsetzen können.

Spielen diese Überlegungen heute noch eine Rolle, oder ist das Christkönigsfest ebenfalls zu einer bedeutungsleeren Behauptung geworden? Es ist leicht, das anzunehmen. Aber Vorsicht. Mich hat eine Begegnung vor mehreren Jahren diesbezüglich nachdenklich gemacht. Es ging damals um eine politische Frage. Der Landtag von Schleswig-Holstein beriet über eine neue Verfassung. Strittig war neben vielen anderen Dingen, ob die neue Verfassung wieder mit dem Gottesbezug beginnen sollte, also einer Formulierung wie: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen…“. Die Mehrheit im Landtag war dagegen. In einem säkularen Staat, so die gängige Meinung, brauche man solche religiösen Anleihen nicht mehr. Es gab damals ein Bündnis, das sich für den Gottesbezug einsetzte. Das Erzbistum Hamburg war darin mit vertreten. Bei einer Sitzung mit einigen prominenten Persönlichkeiten, die sich ebenfalls für den Gottesbezug einsetzten, meldete sich ein ehemaliger Spitzenpolitiker zu Wort. Er selbst war überzeugter Protestant. Er berichtete aus seiner Amtszeit und sagte: „Wenn du in einem hohen politischen Amt bist, hast du es ständig mit schwierigen Entscheidungen zu tun. Es gibt meist gute Gründe für die eine wie auch für die andere Seite. Und du weißt: Mit jeder Entscheidung verärgerst du viele Menschen. Manchmal greifst du sogar in ihr Leben ein, wenn du Sozialleistungen streichen musst oder Arbeitsplätze abgebaut werden, weil Firmen keine Unterstützung bekommen oder wenn du Soldaten in einen Krieg schicken musst oder du über Abschiebungen entscheiden sollst. Wenn solche schweren Entscheidungen kamen, ging es mir oft tagelang schlecht. Dann habe ich mich, wenn die Gelegenheit da war, zurückgezogen und intensiv mit meinem Gewissen gerungen. Und ich muss sagen: In diesen Stunden war mir mein Glaube eine wichtige Stütze. Er gab mir Orientierung, den richtigen Weg zu finden. Er hat mein Gewissen geformt, den Glauben an das Gute und auch das Wissen, dass ich selbst immer noch vor einer höheren Instanz Rechenschaft ablegen muss. Das war mir sehr wichtig, auch wenn sicher im Rückblick gesehen nicht alle meine Entscheidungen nur gut und richtig waren. Aber ich konnte sie vor meinem Gewissen verantworten.“

In diesem, sehr vorsichtigen Sinn der Herzens- und Gewissensbildung bleibt das Königtum Christi von Bedeutung. Als Zielbild des Guten, als hoffnungsvolles Zeichen einer positiven Veränderung der Welt und des eigenen Lebens, weniger als Institution, aber doch als Instanz. In diesem Sinn kann das Christkönigsfest gefeiert werden. Es ist eine Rückversicherung an einen Gott, der in der Schwäche seine Stärke zeigen kann und mich zu ihm führen möchte auf einem Weg der Güte, der Treue und der Liebe.

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