Gestalt annehmen [zum Weihnachtsfest]

Die alten Bahnhöfe hatten einen Wartesaal. Das war ein warmer Ort, an dem einem die Wartezeit verkürzt wurde. Es gab bequeme Sitze, eine Gaststätte und Zeitungen. Leute gingen manchmal bewusst früh zum Bahnhof, um es sich vorher im Wartesaal bequem zu machen. Der Wartesaal steht für die Sehnsucht des Reisens. Es ist der Ort, sich auf das Kommende zu freuen, sich auszumalen, wie die Fahrt wohl sein wird und was mich am Zielort erwartet, oder wie es sein wird, wenn der Besuch aus dem einfahrenden Zug steigen wird. Von hier ging es in die Ferne, zu den Freunden und Verwandten, die weit weg waren, in den Urlaub, die Erholung und auf Geschäftsreise in fremde Städte. Es soll Leute gegeben haben, die gar nicht verreisen wollten, sondern nur wegen des Fernwehs und der Vorstellung des Reisens in den Wartesaal kamen.

Zu bestimmten Punkten meines Lebens, erschien dieses mir wie ein Wartesaal. Es sind die Zeiten der kommenden Veränderungen gewesen. Nach der Schulzeit träumte ich mich von hier aus in die Zukunft hinein. Ich erwartete, dass das Leben überwältigend, abenteuerlich und unendlich schön sein würde. Der Wartesaal ließ meine Phantasie schweifen. Eine wunderbare Zukunft würde mir bevorstehen. Wie würde es erst sein, wenn ich einmal studieren würde, oder wenn ich fremde Länder bereiste, wie wird es sich anfühlen, wenn ich meine Ziele erreiche, oder wenn ich berühmt würde? Wie wäre es, einmal alt zu werden und glücklich? Der Wartesaal, dieser Zustand des sehnsüchtigen Erwartens war schön und behaglich. Gab es einen Grund, den Saal zu verlassen? Doch dann musste ich aufbrechen und alles änderte sich.

Ich weiß nicht, ob sie den Zustand des Wartesaals kennen? Sie können ihn erleben, wenn Sie sich die großen Ziele ihres Lebens vor Augen halten. Mit welchen Hoffnungen sind sie gestartet, welche Bilder hatten sie im Kopf, wo sollte sie die Reise einmal hinführen? Doch das Leben ist meist anders. Man startet mit einer Idee und landet eher nicht am Ziel seiner Träume, sondern in der Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit sieht meist ganz anders aus als, dass, was ich mir von ihr erhofft hatte. Deshalb mag es Leute geben, die lieber im Wartesaal sitzen bleiben, weil die Konsequenz ihrer Reise sie schreckt oder weil sie nicht enttäuscht werden wollen.

Ich möchte Ihnen eine kleine Begebenheit aus meiner Studienzeit erzählen. Damals sprach man in Rom in den höchsten Tönen von einer neu gebauten Kirche am Stadtrand. Die Kirche „vom barmherzigen Vater“ wurde vom Stararchitekten Richard Meier entworfen. Ich hatte Bilder gesehen und war ganz begeistert: Eine Stilikone des modernen Kirchbaus. Ich musste sie unbedingt sehen. Eines Nachmittags fuhr ich mit einigen Studienfreunden hin. Wir brauchten mit dem öffentlichen Nahverkehr fast anderthalb Stunden. Währenddessen sinnierten wir über die Architektur und waren festen Willens, uns überwältigen zu lassen. Als wir ankamen, empfing uns ein heruntergekommener, gesichtsloser Stadtteil. Dicht an dicht standen die Häuser, die Straßen verödet. Es regnete. Als wir vor der Kirche standen, erkannten wir sie zunächst nicht. Sie war viel kleiner, als wir sie uns vorgestellten hatten. Das leuchtende Weiß ihrer Außenhaut, das auf den Fotos zu sehen war, war in Wirklichkeit schon ein fahles Grau geworden. An den Mauern hatte sich der Regen in grünlichen Schlieren verewigt, die vom Dach aus die Wände herunterliefen. Das Kirchengelände, das durch einen hohen Eisenzaun eingeschlossen wurde, wirkte verwahrlost. An einigen Stellen brachen Pflanzen durch den Beton. Eine Stunde gingen wir immer wieder um die Kirche herum, bis sie endlich geöffnet wurde. Innen die nächste Enttäuschung: Die Kirche war niedriger als gedacht. Und dort, wo die Architektur einen freien, transzendenten Raum vorgegeben hatte, war die italienische Volksfrömmigkeit in Form billiger Heiligenfiguren aus Plastik eingezogen. Ungeordnet standen Blumen herum, an den Wänden bunte Plakate und Pfarrnachrichten. Der Besuch war eine einzige Enttäuschung. Was war geschehen? Die Kirche war nicht das, wofür ich sie gehalten hatte. Sie war keine Stilikone, kein architektonisches Meisterwerk, kein Museum, an dem sich Besucher mit Hornbrillen und Rollkragenpullovern berauschen konnten. Die Kirche war von den Menschen der Pfarrei in Besitz genommen worden. Sie war eine Pfarrkirche, wie viele andere auch. Es dauerte einige Zeit, bis ich dieses Zusammentreffen von Idee und Realität verkraftet hatte. Dann aber fing die Kirche an zu wirken. Ich fing an, sie neu zu verstehen. In ihrer Großartigkeit ließ sie Platz für die Wirklichkeit um sie herum. Sie war von den Menschen vor Ort angenommen worden und wurde geliebt. Der Bau hatte sich geerdet. Die Menschen kamen nicht wie wir, um ein Bauwerk zu bewundern, sondern um zu beten und den Gottesdienst zu feiern, zur Kinderkatechese, zur Jugendstunde, zum Seniorenkaffee. Dafür war der Ort geschaffen worden. Noch heute erinnere ich mich gerne an den Besuch zurück und ich würde jedesmal wieder hinfahren.

Der Besuch hat mich etwas gelehrt. Zwischen der Idee des Lebens im Wartsaal und dem Leben selbst gibt es einen Unterschied. Wir erwarten dass uns die Dinge des Lebens begeistern, überwältigen, überzeugen, vereinnahmen, dass alles schön, glücklich und harmonisch werden wird. Aber wenn es Wirklichkeit wird, kommt zunächst die große Enttäuschung. Alles ist kleiner, mühsamer, komplizierter, anstrengender, fordernder als gedacht. Wenn die Idee Gestalt gewinnt, ist diese Gestalt nie vollkommen. Aber dann kommt der zweite Schritt. Ich habe dafür zwei Möglichkeiten: zurück in den Wartesaal, sich in etwas Neues hineinträumen, nochmal anfangen, ein anderes Ziel zu wählen, das mich nicht enttäuschen wird – oder ich nehme die Wirklichkeit an. Wenn ich sie umarme, kann sie ihre verborgene Schönheit und Größe zeigen.

Das ist die Bewegung des Weihnachtsfestes. Was hatten sich die Menschen alles ausgemalt, wie es sein würde, wenn Gott zu ihnen kommt! Diese Wiederkunft müsste herrliche Zeichen tragen, sie würde die Menschen überwältigen, es gäbe kein Zweifeln mehr, ein neues Großreich Israel würde entstehen, die Feinde würden vertrieben, es gäbe nichts anderes als Glück, Liebe und Frieden. Und dann nimmt Gott Gestalt an. Ein kleines Kind in einer schäbigen Unterkunft am Rande eines kleinen Dorfes, mehr nicht. Die Geschichte einer großen Enttäuschung, bis, ja bis ich auf das Kind schaue. Wie es friedlich schläft, die kleinen Hände als Fäustchen an seiner Seite. Wie es sich an seine Mutter schmiegt, wie es gähnt oder erste Laute von sich gibt. Wie es mit großen Augen auf mich schaut, auf mich zeigt oder das erste Mal lächelt. In diesem Augenblick ist alle Herrlichkeit in ihm. Gibt es tatsächlich etwas Größeres oder Schöneres? Überwältigt mich nicht gerade seine Kleinheit, seine Unbeholfenheit und Hilflosigkeit? Hätte Gott sich in schönerer Weise zeigen können? Ist es nicht Zeit, diese Wirklichkeit zu umarmen und an mich zu drücken? Es war nicht Idee, sondern die Wirklichkeit, die mich überzeugen möchte. So regt mich Weihnachten an, die Wirklichkeit des Kindes, aber auch die Wirklichkeit meines Lebens anzunehmen. Wo das geschieht, kann sich der verborgene Glanz der Gnade zeigen. Es ist der Moment, an dem das Licht aufscheint oder die Engel singen, weil das Leben sich mit sich selbst und mit Gott versöhnt hat.

 

 

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