„Gib acht, kleines Auge, was du siehst“. Mit dieser Zeile beginnt ein Kinderkirchlied, das mir von früher noch recht geläufig ist. Es handelte sich um die Übersetzung eines amerikanischen Kinderliedes aus den 50er Jahren. „Gib acht, kleines Auge, was du siehst, denn der Vater im Himmel, der begleitet dich, ja, der Vater im Himmel hat dich lieb.“ Die nächsten Strophen widmeten sich dann wenig überraschend den anderen Sinnen: „Gib acht, kleines Ohr, was du hörst; gib acht, kleiner Mund, was du sprichst; gib acht, kleine Hand, was du tust; gib acht, kleiner Fuß, wohin du gehst.“
Das Lied ist heute aus dem Kirchenrepertoire verschwunden. Dies hat wahrscheinlich mit dem pädagogisch unpopulär gewordenen Gedanken zu tun, dass Gott alles sieht, was wir als Menschen tun. Dieser Gott, der uns beobachtet, kommt nur noch wenig zur Sprache. Und tatsächlich: So harmlos der Text und die simple Melodie klingen, sie enthalten eine implizite Drohung: „Gib acht“, also „Pass auf!“, warnt schließlich vor den negativen Folgen eines falschen Blicks, einer falschen Handlung oder eines falschen Wortes. All das könnte sich für mich zum Schlechten hin auswirken und eine Strafe oder zumindest einen eigenen Schaden zur Folge haben.
Dabei ist das Muster dieser Form der Achtsamkeit in der Erziehung von Kindern eine Selbstverständlichkeit. Eltern tun das Beste, um ihr Kind vor Schaden zu bewahren. Sie bringen ihm bei, vorsichtig zu sein, etwa beim Überqueren der Straße. Sie halten es von unbedachten Handlungen ab („Nicht hauen!“) oder halten Dinge von ihm fern, die nicht für das Kind geeignet sind, vom spitzen Gegenstand bis zum Erwachsenenfilm. Ich vermute einmal, dass die Verfasser des Liedes ein solches Verhalten im Sinn hatten: Gott passt auf uns auf, so wie Eltern auf uns aufpassen, damit uns nichts geschieht. Im Umkehrschluss heißt dies auch: Auf die Anweisungen Gottes (welche auch immer das sein mögen) ist unbedingt zu achten.
An diesem Sonntag steht in den Tagestexten das Gleichnis von den zehn Jungfrauen im Mittelpunkt. Auch hier geht es um die Aufmerksamkeit. In der Nacht sollen sie wachen und auf die Ankunft des Bräutigams warten. Mit brennenden Lampen sollen sie ihn empfangen. So ergeht die Aufforderung an sie, achtsam zu sein: auf das Signal und darauf, dass sie genug Öl mitführen, damit die Lampen zum richtigen Zeitpunkt noch brennen. Bei fünf der Frauen gelingt dies, bei den anderen fünf sind die Lampen bereits erloschen.
Origenes, einer der ganz frühen Theologen (3. Jahrhundert), hat in seiner Kommentierung des Gleichnisses den Aspekt der Achtsamkeit noch weiter ausgelegt.[1] Er deutet die „Jungfrauen“ des Gleichnisses als die Verstandeskräfte. Menschen, die zum Glauben gekommen sind, sollen ihr Leben auf diesen Glauben hin ausrichten. Sie sollen dafür sorgen, dass ihre Sinnesfähigkeiten auf „das Kommen des Bräutigams“, also auf die Begegnung mit Christus am Ziel ihres Lebens ausgerichtet bleiben. Die brennenden Lampen stehen dann für die Fähigkeit, mit seinen Sinnen und seinem Verstand in einer Welt voller Ablenkung und Irrtümer die Wahrheit Gottes nicht aus dem Blick zu verlieren. Man könnte etwas freier übersetzt sagen: Gib acht, dass dir die Freude, aber auch die Wahrheit des Glaubens nicht abhandenkommt. Gib acht, dass du das gute Ziel deines Lebens im Blick behältst. Gib acht, dass du dich nicht im Getriebe der „Welt“ wieder verlierst.
Damit gibt Origenes dem Gleichnis einen moralischen Sinn. Dieser ist im biblischen Original natürlich auch zu erkennen. Das „Gib acht“ durchzieht die Erzählung Jesu.
Handelt es sich hier also um eine religiöse Bevormundung? Man kann das durchaus so lesen und aus diesem Grund den Text ablehnen. Auf der anderen Seite würde ich ihm doch auch in einem ganz weltlichen Sinn durchaus zustimmen. Wenn es so etwas gibt wie einen moralischen Kompass, dann würde ich dieses „gib acht!“ auch als Mittel der Erziehung doch unterstützen. Ich würde mir für mich, aber auch für andere doch wünschen, dass ich achtsam bin: Dass ich hinschaue und wahrnehme, wenn etwas falschläuft; dass ich zu jemandem gehe, der gerade meine Hilfe braucht; dass ich einen anderen nicht durch unangemessene oder unbedachte Worte verletze; dass ich mich in meinem Leben nicht verrenne in Situationen, die mir und meiner Seele Schaden zufügen. Es wäre doch wünschenswert, in einer Welt zu leben, die von Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit und Mitgefühl geprägt ist. Dass wir als Christen diesem Verhalten eine religiöse Fundierung geben, ist dabei doch nichts Schlechtes. Wenn ich davon ausgehe, dass Gott das Beste für mich und für diese Welt möchte und mir durch seine Offenbarung Wege dahin zeigt – warum sollte ich dies nicht annehmen?
[1] Leider liegt mir der Kommentar nicht in der Originalquelle vor. Ich beziehe mich daher auf die Widergabe der Auslegung des Origines, wie sie von Thomas von Aquin in der „Catena Aurea“ zitiert wird. https://ccel.org/ccel/aquinas/catena1.ii.xxv.html.