Plazo vencido [zu Christi Himmelfahrt]

Im Oktober war das große Aufräumen. Das Erzbischöfliche Amt in Schwerin wurde aufgelöst. In den Schränken hatte sich über die Jahrzehnte einiges angesammelt. So gab es gleich mehrere Fächer mit Kunstdrucken, Büchern und Gegenständen, die wohl als Geschenke gedacht gewesen waren. So stießen wir beim Durchsehen auf einen Karton mit Pyxiden – eine Pyxis ist ein kleines goldenes Gefäß, in dem die Krankenkommunion zu den Menschen nach Hause gebracht wird. Die Gefäße waren wohl einmal als Geschenk für neue Kommunion- oder Diakonatshelfer gedacht gewesen. Jetzt verfügt unsere Pfarrei bereits über einen reichen Schatz an solchen Dingen. So dachte ich mir, die Pyxiden als Geschenk an unsere Freunde in Argentinien, in unserem Partnerbistum Iguazú weiterzugeben.

Also packte ich ein Paket für den Bischof in Iguazú, brachte es zur Post, wo ich zunächst einmal eine Zollerklärung ausfüllen musste und dann ein horrendes Porto bezahlte. Dann wartete ich. Aus Argentinien kam keine Nachricht. Mir war klar, dass es sicher einige Wochen dauern würde, bis das Paket ankommt. Zu Weihnachten keine Nachricht, auch nicht im Januar. Ich vergaß das Ganze. Letzte Woche klingelte der DHL-Bote an der Pfarrhaustür. Er habe ein Paket für mich. Ich erwartete eigentlich keine Sendung. „Wirklich für mich?“, „Ja, ja“, sagte der Bote und drückte mir das Paket in die Hand. Es war das Paket für Argentinien, leicht eingedrückt und übersät mit allerhand Aufklebern und Strichcodes. Es ist ein halbes Jahr durch die Weltgeschichte gereist. Auf dem Paket stand handschriftlich „Plazo vencido“ – „Frist abgelaufen“ – also dann, zurück zum Absender. Ich kann mir bis heute schwer vorstellen, dass die Post in der kleinen Stadt Puerto Iguazú nicht weiß, wo der Sitz des Bischofs ist. Wahrscheinlich ist das Paket nie dort angekommen, sondern hat über Monate in irgendwelchen Regalen argentinischer Hauptpostämter verbracht.

Wenn man etwas losschickt, möchte man eigentlich, dass es eine Wirkung hat. Ich hätte gern das Paket gegen eine Empfangsbestätigung und einen Gruß aus Argentinien getauscht. Aber so etwas passiert häufig. Die Dinge kehren nicht so zurück, wie geplant. Das weiß jeder, der schon einmal eine gute Idee gehabt hat und sie anderen mitteilt, in der Hoffnung, dass die anderen die Idee gut finden und umsetzen helfen. Meist heißt es auch hier „Plazo vencido“ – zurück zum Absender, etwas verbeult und mit zahlreichen Bedenken und Einsprüchen beklebt. Umsetzung leider nicht möglich. Zum Glück kann es bei der nächsten Idee schon anders sein. Sie wird vielleicht sogar begeistert angenommen – „Regalo aceptado“ – Geschenk angenommen. Oder sie wird sogar gleich umgesetzt: „Regalo procecado“. Deswegen lohnt es sich, es immer wieder zu versuchen.

Glaubt man dem Zeugnis der Bibel, geht es Gott in seiner Geschichte mit den Menschen nicht viel anders. Er sendet sein Wort, seine Weisung – aber die Menschen entscheiden in ihrer Freiheit, nicht darauf zu hören – „Plazo vencido, Regalo rechazado“ – Geschenk zurückgewiesen: Das ist die Erfahrung so manches Propheten, der sich in seinen Schriften wortreich darüber auslässt. Aber so ganz ist die Ablehnung nie. Es gibt immer einige, die das Wort annehmen, die sogar ihr Leben darauf aufbauen. Jesus erzählt nicht umsonst das Gleichnis vom Sämann, der sehr reichlich säen muss, damit wenigstens ein Teil der Saat aufgehen kann.

Der prophetische Zuspruch ist, dass das Wort Gottes die Kraft hat, den Menschen und die Welt zu verändern. Im Buch Jesaja gibt es den schönen Vers:

„Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes 55,10f.)

Jetzt wird das Wort Gottes Mensch (Joh 1,1), wird auf die Erde gesandt, spricht sich aus, wird abgelehnt und angenommen, stirbt, ersteht zu neuem Leben und kehrt wieder zum Vater zurück. Das ist das Ereignis, das wir am Himmelfahrtstag betrachten. Dieses Wort Gottes hat Gewaltiges bewirkt, nicht weniger als Erlösung, Vergebung, Versöhnung mit Gott. Es ist gekommen, um zu bleiben. Der verheißene Heilige Geist hält es lebendig und gegenwärtig.

Wer nimmt das Geschenk an? „Regalo aceptado“, „Regalo procecado“, aber eben auch „Plazo vencido“ – zurück ohne Wirkung. Daher der Auftrag an die Jünger, weiter zu verkünden, die Botschaft weiter zu tragen, so dass alle sie hören können. Nicht aufgeben, nicht deprimiert sein, sondern mutig. Das Wort kommt schon an und dort wo es ankommt, ist es wirksam und wertvoll.

Mit den Jüngern empfangen auch wir diesen Auftrag, weiter zu hören, zu betrachten, zu verstehen, umzusetzen und zu verkünden. Das Wort Gottes ist lebendig. Also nicht aufgeben, „vamos!“ – und nebenbei werde ich auch noch versuchen, mein Paket irgendwie doch noch nach Argentinien zu bringen.

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