Die Zeitmaschine

Wer kommt schon immer mir seinen Nachbarn gut aus? Es gehört zu den großen Herausforderungen des menschlichen Lebens, dass wir nie allein sind. Immer sind andere Menschen um uns herum, solche, die wir mögen und solche, die wir nicht mögen. Seine Nachbarn zum Beispiel kann man sich nicht aussuchen. Entweder, man kommt mit ihnen aus oder auch nicht. Wäre doch schön, wenn man sich nur mit Menschen umgeben müsste, die einem angenehm sind. Ein Freund von mir hatte die Verantwortung für ein Studentenwohnheim. Dort unternahm man alle möglichen Anstrengungen, um die Hausgemeinschaft gut zusammenzustellen. Wer sich für ein freies Zimmer bewarb musste einen Termin mit der Hausvertretung machen und sich dort persönlich vorstellen. Anschließend gab es intensive Gespräche, wer einziehen darf und wer nicht. Es waren Wochen voller hitziger Diskussionen. Am Ende zeigte sich: Ob das Zusammenleben klappte und ob sich die neuen Bewohner gut einfügten – dafür gab es nie eine Garantie. Ein erster Eindruck kann schnell trügen und die Eigenarten und teilweise Unarten der Bewohner stellten sich erst im Laufe der Zeit heraus.

Was also tun? Besser gar nicht zusammenwohnen? Wir sehen das in der Gesellschaft. Immer wieder wird von Segregation gesprochen, also von einer Trennung der Milieus oder man spricht von Bubbles, also Meinungsblasen, in die sich Menschen zurückziehen, weil sie andere Weltanschauungen oder Lebensstile nicht ertragen wollen oder können.

1895 schrieb Herbert George Wells einen bis heute viel gelesenen Roman mit dem Titel „Die Zeitmaschine“. Einen solchen titelgebenden Apparat hat die Hauptfigur des Romans erfunden. Er unternimmt eine gewagte Reise in die Zukunft, einige Tausend Jahre vom 19. Jahrhundert entfernt. Dort trifft der Mann auf eine merkwürdige Zukunft. Er findet sich in einer wunderbaren Landschaft wieder. Diese Landschaft ist von wundervollen, schönen, zarten, fast ätherischen Wesen bewohnt, die den Namen „Eloi“ tragen – übrigens das hebräische Wort für „Götter“. Nach wenigen Tagen bei den Eloi macht der Zeitreisende eine furchterregende Entdeckung. Die Eloi sind nicht allein. Koboldhafte hässliche Gestalten steigen des Nachts aus der Erde hervor. Diese Wesen, Morlocks genannt, bevölkern den Untergrund. Sie hausen in unterirdischen Höhlen. Dort betreiben sie riesige Maschinen, die die Existenz der Eloi-Welt sichern. Zugleich aber sind die Morlocks gefährlich. Sie ernähren sich von gefangenen Eloi, die sie auf nächtlichen Raubzügen erobern.

Der Autor, H.G. Wells hat hier die Entwicklungen seiner Zeit, der angehenden industriellen Revolution portraitiert. Er dachte die entstandenen Klassenunterschiede weiter. In einem evolutiven Prozess haben sich die sozialen Klassen zu eigenen Spezies weiterentwickelt und sind in einen unerbittlichen Kampf miteinander getreten. Sie leben buchstäblich in unterschiedlichen Welten.

Diese Vision ist erschreckend, wie auch heute noch sprechend. Das Denken in Unterschieden, in oben und unten ist nie wirklich verschwunden. Es hat sich in der Geschichte der Rassen und Klassen, der Nationen und Volksgruppen erhalten.

Das Christentum war in seiner frühen Zeit vor allem eine Religion der einfachen Leute und eine Religion der Sklaven. Aber eben nicht nur. Zum Christentum bekannten sich auch Adlige und Unternehmer, Philosophen und Pharisäer, es umfasste Juden, Griechen und andere heidnische Volksgruppen. Immer wieder mahnt etwa der Apostel Paulus dazu, dass diese Unterschiede in den Gemeinden keine Rolle spielen dürfen. „Einer ist Christus, ihr aber seid Schwestern und Brüder“ (Mt 23, 8) – so sagt es Jesus im Matthäusevangelium. Deshalb ist auch das Bild der vielen Wohnungen ein Bild für die Vielfalt derer, die Christus nachfolgen. „Ich bin der Weg“ – das heißt: im Glauben an mich seid ihr alle geeint. Ihr braucht euch nicht gegenseitig erwählen, sondern „ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16). Die große Vision ist, dass dieser Weg durch den Glauben allen offen steht. Und es ist kein exklusiver Weg, sondern immer einer, der dem Wohl der ganzen Welt dient, also auch denen, die nicht an Christus glauben. Dazu hat sich das II. Vatikanische Konzil ausdrücklich bekannt (Lumen gentium, Nr. 8). Auch daran muss man heute immer wieder einmal erinnern, in einer Zeit, in der sich auch in der Kirche Bubbels auftun, die genau das bestreiten und behaupten, man könne nur auf die eine oder andere bestimmte Weise des Christentums „selig werden“, oder, die Christentum mit nationaler Identität verbinden möchten.

Die große Vision der Abschiedsreden im Johannesevangelium ist universal. Das Wirken des Geistes kann durch menschliche Macht nicht begrenzt werden. Die Wege der Nachfolge sind unterschiedlich. Sie alle münden aber in der einen Aussage: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben – bei mir (also bei Christus) werdet ihr finden, was ihr sucht. Es ist eine Einladung, diesen Weg für sich immer wieder neu zu finden und dabei mit der Vielfalt leben zu müssen. Wir können uns unsere Mitmenschen nicht aussuchen. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass sie alle ihre Berufung haben und in der einen Liebe des Vaters geeint sind. Das gilt jetzt, auf dem Weg und dann, so hoffen wir, auch einmal in der himmlischen Herrlichkeit.     

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