Free Timmy

Der Film „Free Willy“ war 1993 ein großer Kinohit. Es geht um einen kleinen Jungen, der sich mit einem Schwertwal, einem Orca namens Willy anfreundet. Dieser Wal lebt unter schlechten Bedingungen in einem Freizeitpark. Durch den Jungen gelingt ihm schließlich die Flucht ins offene Meer. Diese Mischung aus einer Freundschaftsgeschichte und Tierliebe hatte großen Erfolg. Und sie wirkt noch immer.

Im Augenblick erleben wir live das Drama „Free Timmy“ über einen Buckelwal, der sich in der Ostsee verirrt hat und dort im seichten Gewässer gestrandet ist. Die Aufmerksamkeit ist so riesig, dass man ihr zur Zeit in kaum einem Gespräch entgehen kann.

Ich sah neulich ein Wahlkampfvideo unserer Ministerpräsidentin und habe mir einmal den Spaß gemacht, in die Kommentarspalten zum Video zu schauen. Dort hieß es in ziemlich vielen Posts sinngemäß: „Wie können Sie, Frau Ministerpräsidentin es wagen, fröhliche Wahlkampfveranstaltungen zu machen, während vor ihrer Küste ein Wal verendet.“ Offensichtlich wird die Befreiung des Wals von vielen als eine dringliche, sogar sehr dringlich politische Mission verstanden.  

Hier geht es, so meine Vermutung, nicht bloß um Tierliebe. Ein intelligentes Säugetier wie etwa das Wildschwein, hätte nur wenig Chancen, mit der gleichen Sympathie behandelt zu werden, wenn es sich in einer Kleingartensiedlung verirrt.

Die Operation „Free Timmy“ hat sich längst symbolische Bedeutung: Es muss doch möglich sein, mit den schier unbegrenzten Mitteln eines staatlichen Apparates mit seinen zahlreichen Experten, seinen finanziellen und logistischen Möglichkeiten, einen Buckelwal aus seiner Klemme zu befreien. Das Scheitern in dieser Mission wird vielleicht als ein Symbol für das Scheitern des großen staatlichen Apparates in der Lösung der vielen politischen Krisen angesehen. Es muss doch möglich sein, die Spritpreise zu senken, oder die Migration besser zu regeln, das Rentensystem zu verbessern oder die Kriege auf der Welt zu beenden. Warum gelingt das nicht?

Das Problem liegt teilweise darin, dass der Wal offensichtlich nicht rein technisch zu retten ist. Es bedarf seiner Mitwirkung. Er selbst muss den Weg ins offene Meer auch finden wollen (um es mal ganz menschlich zu sagen). Im Film „Free Willy“ gelingt das. Das freundschaftliche Band zwischen Willy und dem Jungen ist so groß, dass der Wal durch den Jungen dazu gebracht werden kann, sich am Schluss mit einem gewaltigen Sprung ins Meer zu retten.

Das Bild vom guten Hirten entwirft eine ganz ähnliche Vision. Jesus begleitet und rettet die Menschen nicht durch technische Möglichkeiten, nicht durch Gesetze und einen großen Apparat. Der Weg Jesu mit den Menschen muss ein Weg des Vertrauens sein. Ein Freund, ein Bruder, eine Mutter oder ein Vater haben auf mich einen ganz anderen Einfluss als ein System, ein Gesetzeswerk oder eine Verwaltung. Auf Menschen, denen ich vertraue, verlasse ich mich mehr, weil ich weiß, dass ihre Freundschaft, ihre Zuwendung, ihre Liebe nur das Beste für mich will. Wie anders sollte ich sonst den Sprung in den Glauben wagen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass dort, im weiten Meer der richtige Platz für mich ist? Deshalb hängt so viel, fast alles an einem Vertrauen, das ich Gott gegenüber aufbringen kann.

Deswegen gelingt die Mission, also das Werben für Gott, nicht über Konzepte und Strukturen. Sie gelingt über glaubhafte Zeugen der frohen Botschaft. Der Weg in den Glauben verläuft doch meist über solche Menschen, die Großmütter und Eltern, die Freunde, dann über Menschen, die von ihrem Glauben erzählen, von Katecheten und auch über geistliche Persönlichkeiten. Zunehmend treffen junge Leute diese Personen auch in den Weiten des Internets. All dies hilft den Menschen, letztlich in die Nähe Jesu, in die Nähe Gottes zu kommen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, mit ihm zu sprechen. Der Ruf Gottes ist ein Ruf in die Tiefe und in die Weite. „Du führst mich hinaus ins Weite. Du befreist mich, denn du hast mir Gefallen“ – so heißt es im Buch der Psalmen (Ps 18,20). Also: „Komm heraus aus den seichten Gewässern, aus den Sandbänken deines Lebens, an denen du dich festsetzt oder schon zu lange aufhältst. Es gibt jenseits dessen die Weite des unendlichen blauen Meeres, in die du hinausgeführt werden kannst, wenn du dies möchtest, wenn du meiner Stimme vertraust.“ Das ist die Stimme des guten Hirten, der uns das Leben in Fülle verspricht, ein Leben, das gelingen kann und schön wird, das dir Freiheit verspricht, wenn auch keine Mühelosigkeit. Bist du bereit zum Sprung in den Glauben?      

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