Am nächsten Sonntag endet die Osteroktav. An diesem sogenannten „Weißen Sonntag“ (die Bezeichnung geht auf die Taufkleider der zu Ostern Neugetauften zurück) wird traditionell die Erstkommunion gefeiert. So wird es auch in unserer Pfarrei St. Anna sein. Der Anlass gibt Gelegenheit, auf die immer wieder diskutierte Frage nach einer angemessenen Vorbereitung und Feier der Erstkommunion zu stellen – auch mit einem Blick auf die Vorbereitung der Firmung.
Nun ist über diese Frage seit Jahrzehnten viel Tinte vergossen worden. Seit dem kirchlichen Neuaufbruch im Nachgang des II. Vatikanischen Konzils sind die unterschiedlichsten Konzepte und Methoden der Sakramentenkatechese (inhaltliche Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente) erprobt worden. Jede Pfarrei stellt sich regelmäßig die Frage nach einer angemessenen Gestaltung. Ich will mich in diese Diskussion nicht zu stark einmischen. Religionspädagogische Moden kommen und gehen. Die perfekte Lösung hat wohl noch niemand gefunden. Zudem stellt sich unter den Bedingungen des abnehmenden kirchlichen Personals die Frage nach den zeitlichen Ressourcen für die Katechese neu.
Als die Würzburger Synode (1971-75) in der Hochphase des kirchlichen Neuaufbruchs über die Gestaltung der Katechese nachdachte, war das Schlagwort der Stunde „Gemeinde“. In seiner Einleitung zur offiziellen Veröffentlichung der Synodentexte machte Franziskus Eisenbach darauf aufmerksam, dass man im Laufe der Synode sehr intensiv über die Rolle der Gemeinde bei der Feier der Sakramente gestritten habe. Er schreibt: „Gelegentlich wurde der Gemeindebegriff so übersteigert, dass der Eindruck entstehen konnte, als könne nur der ein Sakrament empfangen, der fest in einer konkreten Gemeinde verwurzelt und engagiert sei.“[1] Eisenbach spricht von einer „Gemeindeideologie“, der sich die Schlussfassung des Synodentextes allerdings widersetzt habe. Die Vorstellung von der „Gemeinde“ triggert allerdings noch heute viele. Ziel der Erstkommunion- und Firmkatechese müsse es doch sein, Kinder und Jugendliche zu „Mitgliedern der Gemeinde“ zu machen. Ich erinnere mich an eine lebhafte Diskussion über den Ort der Firmung, die nach Willen der Pfarrgremien unbedingt in den jeweiligen Kirchen der großen Pfarrei stattzufinden habe, damit die Jugendlichen „auch wissen, wo sie hingehören und sich aktiv in der Gemeinde einbringen“. Mit einem solchen Anspruch geht zugleich eine große Frustration einher: Die Kinder und Jugendlichen werden häufig nicht zu „Gemeindemitgliedern“, sondern gehen nach der Erstkommunion und Firmung wieder ihrer Wege. Wer vorher nicht am Gottesdienst und am Gemeindeleben teilnahm, tut es auch nach dem Katechesekurs meist eher nicht. Die erste Antwort auf dieses Phänomen war häufig die Intensivierung der Anstrengungen. Es wurde mehr Zeit und Aufwand in die Katechese investiert. Erfahrene Katechetinnen berichten allerdings: Egal, mit welcher Methode und mit welchem Aufwand wir arbeiten: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die auch nach den Feiern noch zu sehen sind, bleibt immer gleich.
Mit dem Anspruch der Gemeindebindung erhielt die Katechese häufig auch eine neue inhaltliche Ausrichtung. Der eigentliche Inhalt, also die Glaubensvermittlung, trat in den Hintergrund. Stattdessen wurden die gemeinschaftsbildenden Elemente verstärkt. In meiner eigenen Firmvorbereitung verwendeten wir die Hälfte des einjährigen Kurses auf gruppendynamische Maßnahmen. Zudem gab es drei gemeinsame Wochenenden. Die Vorbereitung wurde also mit einem großen Aufwand gestaltet.
Anspruch und Wirklichkeit treffen also aufeinander. Die Würzburger Synode weist an mehreren Stellen darauf hin, dass es sich bei der Feier der Sakramente nicht um „Privatfeiern“ der Familien handeln dürfe. Häufig werden sie aber als genau solche empfunden: „Ein schöner Tag für unser Kind“. Der eigentliche Festinhalt, die stufenweise Eingliederung in die Kirche und das altersgerechte Wachsen in Glauben und Glaubenspraxis treten bei vielen in den Hintergrund.
Der Synodentext lenkt daher das Augenmerk auf die Eltern. Die Feier der Eingliederungssakramente ist ein besonderer Akzent in der Glaubensentwicklung. Die Katechese verstärkt im Grunde nur punktuell, was die Kinder von ihren Eltern erfahren und lernen sollen: Wie man glaubt, was man glaubt und wie man seinem Glauben Ausdruck verleiht. Meine Vermutung ist, dass dies von den Kindern und Jugendlichen, die in ihren Familien eine Glaubenspraxis kennenlernen, auch so empfunden wird. Wo diese familiäre Grundlage fehlt, schweben die kirchlichen Feiern der Erstkommunion und Firmung als Sondermomente in einer sonst glaubensfernen Lebenswirklichkeit.
Es war ein Ansatz der Religionspädagogik, besonders in der Erstkommunionvorbereitung die Eltern verstärkt mit einzubeziehen und neben der Kinderkatechese auch eine Elternkatechese anzubieten. Dieses Vorhaben scheitert oft an den knappen Zeitressourcen von Eltern und Katecheten und ist von seinem Ausgang her ungewiss. Meine Erfahrung mit Elternabenden im Rahmen der Sakramentenvorbereitung ist, dass sich bei allen Versuchen, auch inhaltliche, theologische Fragen zur Sprache zu bringen, doch die praktischen organisatorischen Fragen in den Mittelpunkt drängen. Über die Frage nach der angemessenen Erstkommunionkinderkleidung wird regelmäßig intensiv diskutiert, über die Eucharistie nicht.
Für die Firmung ist anzumerken: In dem Moment, wo sich die Fragen des Glaubens im menschlichen Reifungsprozess existenzieller stellen, ist die Firmung meist schon gewesen. Aus diesem Grund gibt es immer wieder Ansätze, das Firmalter heraufzusetzen und zur Katechese Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren einzuladen. Dieser Ansatz hat sich aber aus praktischen Erwägungen meist nicht durchgesetzt. „Dann geht ja nur noch die Hälfte zur Firmung“ – so hat es ein Bischof einmal einem Freund gesagt, der das Experiment mit dem späten Firmalter gewagt hatte. Das ist wohl ein volkskirchlicher Reflex: Wir versuchen immer noch, möglichst viele zu erreichen.
Man wird als Zwischenfazit sagen können: Unsere Ansprüche dürften realistischer sein. Wir müssen damit leben, dass nur ein kleinerer Teil der Kinder und Jugendlichen, die wir mit der Katechese erreichen, einen Weg mit der konkreten Kirche gehen wird. Entsprechend sollte man sich die Frage stellen, mit welchem zeitlichen Aufwand wir die Katechese bestreiten wollen. Wichtig wäre doch, die Zielgruppe der glaubensinteressierten älteren Jugendlichen und Erwachsenen im Blick zu behalten und auch ihnen Möglichkeiten zur Katechese zu geben. Dabei würde ich immer noch vertreten, dass es auch darum geht, Kindern und Familien ein schönes kirchliches Fest zu ermöglichen und ihnen zumindest die Chance zu geben, sich neu mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen. Die Sakramentenkatechese ist nicht einfach sinnlos geworden.
Es haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zwei Trends in der Sakramentenvorbereitung herausgebildet. Zum einen (vor allem bei der Firmvorbereitung) der „freiheitliche“ Trend: Die Jugendlichen können sich hier zur Teilnahme an verschiedenen Angeboten im Rahmen der Firmvorbereitung entscheiden. Wer mehr Interesse hat, kann mehr tun, wer wenig Interesse hat, wenig. Ich habe diese Form der Vorbereitung in einer Pfarrei erlebt. Das Ergebnis war wenig zufriedenstellend. Der häufig stärker ausgeprägten Trägheit von Teenies folgend, nahmen viele der Teilnehmer nur ein Mindestmaß an Angeboten mit und kamen zur Firmung, nachdem sie die Veranstaltungen „Biblisch Backen“, „Osterkerzen verzieren“ und „Filmabend“ besucht hatten. Zudem beklagten sich die Jugendlichen darüber, dass sie sich untereinander nicht kennengelernt hätten. Jugendliche freuen sich über feste Freunde und Bekannte, die sie im Firmkurs dann häufig treffen und fühlen sich in eher anonymen Gruppen weniger wohl.
Der zweite Trend hieß: „Mystagogie“. Mit diesem geheimnisvollen Wort ist gemeint, sich von der christlichen Praxis des Gebets, des Gottesdienstes, der Tradition leiten zu lassen und Zugänge zum Glaubensleben zu schaffen. In der Erstkommunion gibt es häufig sogenannte „Weggottesdienste“, also liturgische Feiern, die auf die gemeinsame Feier der Eucharistie hinführen und ihre Bedeutung abschnittsweise erschließen. Meiner Beobachtung nach wächst so tatsächlich langsam das Verständnis für den Gottesdienst. Wer Kindern oder Jugendlichen das Beten nahebringen möchte, muss ihnen dazu Riten und Worte anbieten, die für sie hilfreich sein können.
Wie also können wir die Katechese im Moment gut gestalten? Ich glaube, es ist hilfreich, sich zunächst vor Augen zu führen, dass ein wachsender Anteil von Kindern und Jugendlichen keine Glaubenspraxis mehr kennt und wenig Glaubenswissen hat. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass sich immer noch ein recht hoher Anteil der katholischen Kinder eines Jahrgangs zur Vorbereitung auf die Sakramente anmeldet. Unsere Firmkurse waren häufig so angelegt, dass sich Jugendliche „kritisch“ mit dem Glauben und der Kirche auseinandersetzen sollten, also ein eigenes Bewusstsein entwickeln, das die bisherigen Glaubensausdrücke hinterfragt. Ich glaube, dass diese Zeit vorbei ist. Die Jugendlichen haben häufig gar keine Grundlage, mit der sie sich kritisch auseinandersetzen können. „Kirche“ z.B. ist für sie, abgesehen vom Kirchgebäude, ein relativ abstraktes Wort, weil sie kirchliches Leben kaum kennen. Was sie häufig kennen, sind Internetbeiträge, TikToks zu kirchlichen Themen. Der Pastoraltheologe Hubertus Brantzen wies vor Kurzem darauf hin, dass es in der Katechese zunehmend um Erstverkündigung gehe, also darum, überhaupt ein Grundwissen zu den Themen des Glaubens zu vermitteln.[2] Gerade die Jugendlichen sind dafür übrigens offener, als so mancher vermutet.
Bei Firmkurs des letzten Jahres, den ich personalgeschuldet auf der Hälfte der Strecke übernahm, kamen am letzten Firmkurstreffen einige aus der Gruppe zu mir und baten mich um einen Sondertermin. Sie wollten „Glaubensthemen“ besprechen, die für sie noch nicht ausreichend behandelt worden waren. Ich habe daher in diesem Jahr etwas Neues versucht und den Firmkurs als offenen Glaubenskurs für Jugendliche ausgeschrieben. Wir arbeiten mit dem Alpha-Jugendkurs. Jedes Treffen hat drei Abschnitte: Gemeinsam essen, Glaubensimpuls durch das Video mit Austausch und dann eine gemeinsame liturgische Feier. Es geht also um eine Mischung aus Gemeinschaft, Glaubensinhalt und Mystagogie. Ich bin weit davon entfernt, diese Form als optimal anzusehen, allerdings geben mir die Jugendlichen das Feedback, dass sie sich auf die Kurstreffen freuen – tatsächlich ist die Fehlquote gering. Das ist zumindest ein ermutigendes Signal. Andere haben mir von Kursen berichtet, die sie mit Hilfe des „Youcat“ gestaltet haben, einem Katechismus für Jugendliche, in dem die zentralen Fragen des Glaubens behandelt werden. Ebenfalls interessant fand ich die Methode, als Kernstück des Firmkurses ein Evangelium gemeinsam abschnittsweise zu lesen und zu reflektieren.
Ich glaube, die Mischung aus Gemeinschaft, Glaubensinhalt und Mystagogie ist in anderer Weise auch für die Erstkommunionkatechese gut. Hier werden sich die Inhalte wohl eher darauf ausrichten, die zentralen Passagen des Evangeliums kennenzulernen, Gebetsformen auszuprobieren, Weggottesdienste und vor allem auch die Heilige Messe, um die es ja zentral in der Erstkommunion geht, miteinander zu feiern.
Dies sind nur einige Überlegungen aus der Praxis, die für mich derzeit leitend sind. Gute Beispiele gibt es sicher noch viel mehr. Unter dem Einfluss zunehmend mangelnder personeller Möglichkeiten müssen wir schauen, wie wir kompakte, inhaltsreiche und fröhliche Katechesekurse konzipieren, die mit überschaubarem Aufwand auf das Wesentliche konzentriert sind: Die Verkündigung des Glaubens und die zentralen Zeichen der Sakramente selbst. Alles weitere haben wir wohl nicht in der Hand.
[1] Franziskus Eisenbach, Einleitung zum Synodenbeschluss „Sakramentenpastoral“, in: Gemeinsame Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland, Offizielle Gesamtausgabe, Freiburg 2012 (original 1976), 231.
[2] Pastoraltheologe sieht Umbrüche bei Vorbereitung auf Erstkommunion – katholisch.de