Das Leben kehrt zurück [zum 5. Fastensonntag]

Papst Sixtus IV. lebte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Er beauftragte den Bau einer Wehrkapelle im entstehenden Apostolischen Palast am Vatikan, die nach ihm benannt wurde. Sie heißt seitdem Capella Sixtina. Weniger bekannt ist, dass der gleiche Papst an einer anderen Stelle ebenfalls eine Kapelle errichten ließ, einen Anbau an den Dom der Papststadt Orvieto. Diese Capella Sixtina wurde, wie ihr berühmteres römische Pendant, mit prächtigen Fresken ausgemalt. Bevor Michelangelo in Rom sein spektakuläres Alterswerk des jüngsten Gerichtes begann, hatte der Maler Luca Signorelli dort sein „Jüngstes Gericht“ bereits vollendet. In mehreren Episoden schildert er in großen Wandbildern die Ereignisse der Wiederkunft Christi. Auf der Westwand blasen im oberen Bildabschnitt zwei Engel die Posaune. Unten ist zu sehen, wie die Gräber der Verstorbenen sich öffnen. Skelette werden sichtbar, die Stück für Stück wieder Fleisch und Muskeln annehmen und sich mit ihren Händen aus der Erde herausarbeiten. So sammeln sich die Menschen in ihrer Auferstehung neu. Sie sind ins Leben zurückgekehrt.

Diese Vision von den Gebeinen, die von Gott zum Leben gerufen wieder neu Fleisch annehmen und lebendig werden, stammt aus dem Buch Ezechiel (Ez 37). Mit dem Bild der Totenauferweckung will Ezechiel die Neuentstehung des Volkes veranschaulichen. Was tot war, ist nicht mehr tot, was lebendig war, wird wieder lebendig. Das für mich Beeindruckende in Signorellis Fresko ist die Idee der Rückabwicklung. Was endgültig verloren schien, das Leben der Toten, es kehrt wieder zurück. Vor Gott ist eben nichts endgültig, zumindest, wenn es noch nicht zum Guten vollendet ist.

Unser eigenes Leben ist Bewegung. Der Gedanke der Endgültigkeit, also die Feststellung, dass etwas nicht mehr verändert werden kann, ist manchmal gut und manchmal erschreckend. Wenn mir etwas Gutes widerfährt, wünsche ich mir, dass es so bleiben könnte. Ich würde den schönen Moment oder den guten Zustand gerne einfrieren und endgültig machen. Das hat sich der eine oder andere sicher schon einmal im Urlaub gedacht, in unbeschwerten Tagen an schönen Orten. Auch der Zustand der körperlichen Gesundheit darf gerne unverändert fortbestehen. Von guten Phasen des eigenen Lebens wünschten wir manchmal, dass wir in sie zurückkehren könnten.

Widerfährt mir etwas Schlechtes, macht mir der Gedanke der Endgültigkeit Angst: Nie mehr gesund werden zu können, nie mehr jung sein zu dürfen, zu wissen, dass uns ein lieber Mensch durch den Tod verloren gegangen ist. Hier ist der Gedanke an die Endgültigkeit schwer, man wünscht sich die Dynamik der Bewegung zurück. Andere Religionen haben daher an eine ewige Wiederkehr gedacht. Der Mensch durchlebt in anderer Gestalt den Zyklus des Lebens einfach noch einmal und noch einmal. Allerdings ist auch hier die Bewegung nicht das Ziel, sondern die Endgültigkeit. Die Hoffnung ist, dem ewigen Zyklus irgendwann einmal zu entkommen in eine ewige Ruhe hinein, ein Nirwana, in dem dann nichts mehr ist. Die christliche Antwort ist eine andere.

Sieht man auf das Leben Jesu, wie es die Evangelien schildern, erkennen wir dieses Programm der Wiederbelebung wieder. Mit ihm beginnt die große Rückabwicklung. Was verloren schien, wird wiedergefunden. Wer sich in der Sünde verrannt hat, kann wieder Vergebung erfahren. Die unheilbar Kranken werden geheilt. Wer vor den Augen der Menschen für Gott als verloren galt, wird in die Gemeinschaft seines Volkes wieder integriert. Die Erweckung des Lazarus ist im Johannesevangelium dabei der Höhepunkt des Handelns Jesu. Nichts ist vor Gott verloren, nicht einmal durch den Tod. Alles bleibt in Bewegung und das Leben nimmt noch einmal einen neuen Anfang. Was am Anfang gut war, soll auch im Ende gut sein. Vorher wird das Rad der Geschichte nicht stillstehen. Das Leben kehrt zurück. Das ist die Botschaft von der Vollendung der Welt und des Lebens.

Was Luca Signorelli oder auch Michelangelo gemalt haben ist der Moment, an dem die scheinbare Endgültigkeit in eine ewige Endgültigkeit überführt wird. Die Vollendung des Lebens und der Schöpfung ist in ihren Bildern aber kein starres Geschehen. Es bleiben auch in der Vollendung die Dynamik und die Bewegung, allerdings eine Bewegung unter dem Vorzeichen des ewigen Guten. Die Endgültigkeit ist hier etwas Schönes, Erhoffenswertes. Es gibt neues Leben, mein Leben, dass aller Mühe und Entbehrung entkleidet reine Freude sein darf, Herrlichkeit.       

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