„Alles geht den Bach runter“ – so erzählen es mir viele in den Gesprächen der letzten Monate: Die allgemeine Weltlage, die deutsche Wirtschaft, die Renten, das Gesundheitssystem, die deutsche Bahn… „Alles wird schlechter.“ Ganz unbegründet ist der Pessimismus ja nicht. Aber ganz neu ist er auch nicht. „Alles geht den Bach runter“ – das ist das Gleiche wie „Früher war alles besser“. Diesen Satz kennen wir auch schon von vorherigen Generationen. Und die haben ihn schon von ihren Eltern oder Großeltern gehört. Irgendwas wird immer schlechter. Würde also die pessimistische Zeitdiagnose stimmen, dann wäre es mit der Welt in den letzten Jahrhunderten beständig bergab gegangen. Das allerdings kann man nun wirklich nicht behaupten. Es gibt offensichtlich Kräfte, die trotz des herrschenden Pessimismus die Dinge zum Guten wenden können. Es gibt und gab immer auch ein Zutrauen darin, dass es wieder besser werden wird und auch, dass wir mit Tatkraft und Mut etwas dafür tun können, dass es besser wird. Auch wenn es jetzt gerade nicht gut läuft – irgendwann wird es wieder aufwärts gehen. Wir streben danach, dass wir wieder „selig“ sein können oder „glücklich“ oder zumindest „zufrieden“. Das Evangelium von den Seligpreisungen (Mt 5) teilt diesen Optimismus. „Freut euch – was auf euch zukommt, wird gut sein!“
Was können wir tun, damit es besser wird? Auf diese Frage hin würden wir wahrscheinlich zuerst sagen: „Wir müssen die Probleme, die wir haben, analysieren und eine gute Lösung für sie finden.“ Aber, um welche Probleme geht es da?
An diesem Wochenende war ich zu einem Studienwochenende nach Frankfurt eingeladen. Es ging um Glaubenskurse. Wir haben in die Videos des sogenannten Alpha-Kurses hineingeschaut. Der Kurs möchte einen neuen, positiven Zugang zum Glauben ermöglichen. In den thematischen Videos des Kurses berichten Menschen von ihren Glaubenserfahrungen. Eine dieser „Zeuginnen des Glaubens“ war eine junge Frau. Sie erzählte im Video von einer Krisensituation. Sie hatte geplant, ihren 18. Geburtstag mit ihren Freunden groß zu feiern. Sie hatte sich ein schönes neues Kleid gekauft, ein Restaurant gebucht und einen Friseurtermin vereinbart. Alles sollte perfekt sein. Und dann ging alles schief. Das Restaurant sagte ab und dann auch der Friseur. Die Party war geplatzt. Der Geburtstag würde so nicht stattfinden. „Nicht mal meine Haare konnte ich noch glätten lassen“ – so sagte die Frau im Video.
Bei dieser Stelle mussten wir als Zuschauer lachen. Was soll das für ein Problem sein, das ein Mädchen in eine Krise stürzt. „Die Haare sich nicht glätten können“ – das ist doch nichts Schlimmes. Das ist doch ein echtes Luxusproblem. Luxusprobleme allerdings sind für die Betroffenen echte Probleme. Es sind nur solche Probleme, die anderen mit etwas Abstand betrachtet als nicht so relevant erscheinen. De facto versprechen wir uns eine Verbesserung aber sehr häufig durch die Lösung von Luxusproblemen: Mir wird es besser gehen, wenn nach einer Störung mein Internet endlich wieder läuft, wenn die neuen Folgen meiner Lieblingsserie verfügbar sind, wenn mein Auto, das gerade in der Werkstatt ist, wieder repariert wird, wenn ich meinen anstrengenden Abendtermin überstanden habe etc.. Die Lösung dieser Probleme schafft tatsächlich Erleichterung, aber grundsätzlich verändert sich dadurch nichts.
Die Geschichte des Mädchens im Video ging dann aber noch weiter. Sie nahm einen guten Ausgang. Die junge Frau erzählte davon, wie ihre Freunde sie am Geburtstag dann spontan abgeholt haben. Statt ins Restaurant ging es zu einer spontanen Party an den Strand. Das hat wunderbar geklappt und das Geburtstagskind glücklich gemacht, auch ohne neues Kleid und auch ohne geglättete Haare. Das Mädchen sagte im Video: „Ich habe gemerkt, dass die Freundschaft und die Zuwendung meiner Freunde viel entscheidender gewesen ist, als alles andere. Das war das eigentliche, was mich an diesem Tag glücklich gemacht.“ Und auf den Glauben bezogen sagte sie: „Ich habe verstanden, dass Gott so zu mir ist, dass er mein Freund ist, egal, was sonst gerade passiert. Das ist der eigentliche Grund zur Hoffnung und zur Freude, seine Freundschaft und Liebe, die nicht aufhört.“
Es gibt also Quellen des Glücks und der Freude, die wirklich wichtig sind. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die schnell vergessen wird. Theologisch würden wir sagen: Erfüllung, Glück und Seligkeit sind Früchte des Heiligen Geistes oder sie sind ein Bestandteil des Reiches Gottes. Die Seligpreisungen kommen auf diese Dinge zu sprechen. Sie widersprechen manchmal unserer innerweltlichen Logik – Selig, die ein reines Herz haben, die Frieden stiften, die Barmherzig sind, selig die gerade verletzt sind oder die verfolgt werden – ihnen ist das Glück verheißen.
Luxusprobleme, also dieses ständige manchmal auch etwas verzweifelte Operieren an der Oberfläche, in der Hoffnung, Dinge zum Guten wenden zu können – das kenne ich sehr gut. Manchmal bringen mich die Luxusprobleme zur Verzweiflung. Manchmal grübele ich lange über technische Fragen: Wie kann ich was gerade gut organisieren, wie kriege ich für dieses oder jenes eine Finanzierung hin. Kleinere Auseinandersetzungen mit anderen, fordern mich zu einem langen Grübeln über die besten Wege zur Lösung der Situation heraus. Nach manchen Sitzungen gehen mir die Beratungsinhalte noch stundenlang nach. Das Beste in dieser Situation ist es, erfahrungsgemäß nicht zu lange bei solchen Dingen zu verharren. Für sie eröffnen sich im Laufe der Zeit eigentlich immer wieder recht einfache Lösungswege. Das Bessere in einer solchen Situation ist es, einen Krankenbesuch zu machen, oder eine Beerdigung zu halten, etwas zusammen mit Kindern zu unternehmen oder schlicht sich mit Menschen zu verabreden, mit denen ich nicht über dienstliche Fragen sprechen muss.
Es gibt eine Kraft zum Besseren, die uns gegeben ist. Die Seligpreisungen geben einen Hinweis darauf, wo sie zu finden ist. Es ist nicht alles gut. Es ist immer etwas zu verbessern. Aber es liegt hinter all dem eine Verheißung des Glücks. „Du wirst selig sein“.