Wunder und Visionen – Der Vatikan kümmert sich neu um übernatürliche Phänomene

Im bunten Garten der Katholischen Kirche gedeihen so manche exotische Pflanzen. Abseits der wohlgeordneten Alleen lehramtlicher Verlautbarungen und der zuweilen sehr rationalistischen akademischen Theologie suchen sich Gläubige zur frommen Erbauung gerne auch abseits gelegene Winkel, in denen der unbeschnittene Wildwuchs so manche romantische Gartenerfahrung ermöglicht. Schon immer haben daher besondere Heiligenlegenden, mystische Schriften oder volkstümliche Frömmigkeitspraktiken eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Der Blick auf die Auslagen in katholischen Kirchen lässt den Kirchenbesucher zuweilen etwas verwundert zurück, wenn er zwischen Pfarrbrief, Veranstaltungsflyer und Kirchenzeitung auf ausgelegte wundersame Medaillen, fromme Weissagungen oder Marien-Magazine trifft, die versprechen, die ganze Wahrheit über aktuelle Krisen zu enthüllen, wie sie aus einer übernatürlichen Quelle überliefert wird.

Solche Schriften werden meist von Gläubigen in missionarischer Absicht ausgelegt. Es gibt aber auch Geistliche Gemeinschaften, die einen bestimmten Wallfahrtsort oder Frömmigkeitskult propagieren. Für einen ungeübten Leser ist meist schwierig zu beurteilen, ob es sich hier um ein kirchlich offizielles (also „empfohlenes“) Schriftgut handelt oder schlimmstenfalls um einen Betrug. Unter dem Dach des Katholischen flattert eine Vielzahl von Privatoffenbarungen, Botschaften und geistlichen Therapieprogrammen. Und ähnlich wie bei Vögeln oder Schmetterlingen im Kirchenraum ist es äußert schwer, sie einzufangen. Der Vatikan hat mit einer neuen Verordnung zur Überprüfung übernatürlicher Phänomene und Privatoffenbarungen nun hierzu einen neuen Versuch unternommen.[1]

Was viele nicht wissen: Die oberste Kircheninstanz in Rom steht übernatürlichen Phänomenen äußert kritisch gegenüber. Das war auch schonmal anders. Das 19. und frühe 20. Jahrhundert hatte die Volksfrömmigkeit in besonderer Weise gefördert. Die Bischöfe und teilweise auch Päpste empfahlen wundertätige Heilige zur Fürsprache, gaben fromme Gebetsandachten heraus und förderten insbesondere den volkstümlichen Marienkult. Die Kirche begab sich gegenüber der Welt um sie herum, die von Rationalismus, Kirchenkampf, Sozialismus und Nationalismus geprägt war auf die andere Seite und betonte die Fragen des Seelenheils und der übernatürlichen (sprich „göttlichen“) Bestimmung. Man war schneller als heute bereit, auf die gnadenhafte Zuwendung Gottes zu vertrauen und ihre Führung und Botschaft zu erwarten. Die katholische Kirche folgte hier etwas verspätet dem romantischen, gegenweltlichen Impuls des frühen 19. Jahrhunderts. Je unübersichtlicher oder seelenloser die Welt, desto höher das Bedürfnis nach gegenweltlicher Zuwendung. Das lässt sich auch in unserer Zeit wieder beobachten. Klassische Frömmigkeitsformen haben wieder mehr Zulauf, Wallfahrten und Pilgerreisen bleiben im Trend, der Wunsch nach religiöser Erfahrung (und weniger nach theologischer Diskussion) ist zumindest bei Teilen der Gläubigen und Nichtgläubigen groß.

Es ist nicht so einfach. Man denke nur an einen großen Wallfahrtsort wie das bosnische Medugorje. Seit den 80er Jahren empfängt dort eine Gruppe von Sehern Botschaften der Gottesmutter. Mit den Jahren hat sich der Ort zu einer riesigen Pilgerstätte entwickelt. Ich kenne einige, die in Medugorje waren und voller Begeisterung zurückkehrten. Sie hatten die charismatische Erfahrung eines Gnadenortes gemacht, an dem so intensiv gebetet und geglaubt wurde, wie sie es noch nie gesehen hatten. Die Schlangen vor den Beichtstühlen waren für sie besonders beeindruckend, aber auch die Stunden der Eucharistischen Anbetung oder der Gottesdienste. Der Vatikan hat die Marienerscheinungen und Botschaften der Seher nie anerkannt. Bis heute geht trotz zahlreicher römischer Untersuchungskommissionen der Streit um den Status des Wallfahrtsortes weiter.[2] Es ist eine eigenartige Mischung von großer Glaubenserfahrung, Charisma, Geschäft und Betrügereien, die sich mit den Berichten von Medugorje verbindet. Der Zustrom ist trotzdem ungebrochen. Die Befürworter des Wallfahrtsortes werfen dem Vatikan vor, gegenüber dem freien Gnadenwirken Gottes vernagelt zu sein. In der Tat darf man fragen, ob man die offensichtliche Stärkung im Glauben, die viele Pilger erfahren, zuweilen auch Heilung und Gebetserhörung in Frage stellen darf. In Frage steht allerdings die Echtheit der Erscheinungen und vor allem der Botschaften. Wenn Maria hier selbst zu den Sehern spricht, warum sollte man ihr nicht glauben? So habe ich es selbst schon von überzeugten Wallfahrern gehört.

Überhaupt die Marienerscheinungen! In seinem Lourdes-Roman listet Joris-Karl Huysmans die Liste der Vorgänger des südfranzösischen Wallfahrtsortes auf.[3] Er zeichnet nach, wie seit dem Mittelalter immer wieder „aktive“ Erscheinungsorte in Frankreich entstehen und durch andere abgelöst werden. Die Zuwendung der christlichen Pilger verlagert sich im Laufe der Zeit immer wieder. Lourdes, der übrigens auch vatikanisch anerkannte Wallfahrtsort, ist ein Glied in einer langen Kette marianischer Gnadenorte, die laufend entstehen. Besonders das 19. Jahrhundert war in dieser Hinsicht fruchtbar. Wie das Beispiel Medugorje zeigt, ist die Tradition der Marienerscheinungen längst noch nicht abgebrochen. Anfang des 21. Jahrhunderts etwa machte der kleine Ort Sievernich in der Eifel Schlagzeilen, als dort über Marienerscheinungen der Seherin Manuela Strack berichtet wurde.[4] Man erwartete Wunder und legte 2008 ein eigenes Wasserheiligtum an. In Sievernich entwickelte sich eine Wallfahrt. Die Seherin empfing die Offenbarungen in der Pfarrkirche, schrieb das Empfangene nieder und versandte die Botschaften per Fax an nahestehende Menschen. Die Gottesmutter verabschiedete sich bei der Seherin persönlich im Jahr 2005.

Was ist von solchen Phänomenen zu halten? Meistens enthalten die Marienbotschaften Ermahnungen zu mehr Frömmigkeit und Gebet. Dabei spielen vor allem die traditionellen Frömmigkeitsformen eine große Rolle: Beichte, Eucharistische Andacht, Rosenkranz, Gebetsnovenen, Sakramente. Allerdings beziehen sich Botschaften charismatischer Personen auch auf das aktuelle Weltgeschehen, das meist apokalyptisch gedeutet wird. Papst Franziskus äußerte sich, zu Medugorje befragt, in einer Pressekonferenz ungewöhnlich scharf und erklärte, die Muttergottes sei keine „Chefin eines Telegrafenamtes, die täglich eine Nachricht schickt.“[5]

Sein Vorgänger, Benedikt XVI. drückte sich etwas vornehmer aus. In einem Schreiben von 2010 nahm er zu Frage der Privatoffenbarungen Stellung:

„Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns. Der Maßstab für die Wahrheit einer Privatoffenbarung ist ihre Hinordnung auf Christus selbst. Wenn sie uns von ihm wegführt, dann kommt sie sicher nicht vom Heiligen Geist, der uns in das Evangelium hinein- und nicht aus ihm herausführt. Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist. Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im Wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken. Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen. Sie kann einen gewissen prophetischen Charakter besitzen (vgl. 1Thess 5,19-21) und eine wertvolle Hilfe sein, das Evangelium in der jeweils gegenwärtigen Stunde besser zu verstehen und zu leben; deshalb soll man sie nicht achtlos beiseiteschieben. Sie ist eine Hilfe, die angeboten wird, aber von der man nicht Gebrauch machen muss. Auf jeden Fall muss es darum gehen, dass sie Glaube, Hoffnung und Liebe nährt, die der bleibende Weg des Heils für alle sind.“[6]  

Der Abschnitt enthält die wesentlichen theologischen Grundsätze, auf die auch die neue vatikanische Verfahrensordnung verweist. Es gilt zum einen der im Zweiten Vatikanischen Konzil definierte Grundsatz, dass die Offenbarung Gottes in Jesus Christus abgeschlossen ist (Dei Verbum 4). Dies bedeutet, dass es nachbiblisch keine neuen Offenbarungen Gottes geben kann, die den katholischen Glauben ergänzen oder verändern. Privatoffenbarungen sind also abzulehnen, wenn sie (wie zum Beispiel im Fall des Mormonengründers Joseph Smith) zusätzliche Offenbarungsschriften propagieren. Damit sind Privatoffenbarungen niemals notwendig, sondern können allenfalls eine Hilfe sein, wenn sie den Glauben stärken. Dies gilt auch für anerkannte Marienerscheinungen.

Der Vatikan setzt sich daher für eine sorgsame und zugleich strengere Prüfung von übernatürlichen Phänomenen ein. Die alte Verfahrensordnung von 1978 wurde überarbeitet. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Victor Fernandez, erläutert in seinem Vorwort zu den neuen Normen die Gründe. Es sei grundsätzlich Skepsis angebracht. Zuweilen werde mit übernatürlichen Glaubensphänomenen Schindluder auf Kosten leichtgläubiger Menschen getrieben. Der Kardinal schreibt: „Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass es bei solchen Ereignissen zu Irrtümern in der Glaubenslehre, zu einer unangemessenen Verkürzung der Botschaft des Evangeliums, zur Verbreitung eines sektiererischen Geistes usw. kommen kann. Schließlich besteht auch die Möglichkeit, dass die Gläubigen in den Bann eines einer göttlichen Initiative zugeschrieben Ereignisses geraten, das aber lediglich Frucht der Phantasie, des Strebens nach etwas Neuem, der Mythomanie oder der Neigung zur Verfälschung ist.“

Die FAZ berichtete anlässlich der Neuordnung der Normen von einem Fall in Trevignano Romano, einem malerischen Ort am Lago Bracciano, nördlich von Rom (der mir wegen eines hervorragenden Restaurants mit Seeblick in bester Erinnerung ist). Dort hatte eine selbsternannte Mystikerin für einiges Aufsehen gesorgt, als sie behauptete, eine von ihr aus Medugorje mitgebrachte Marienstatue würde regelmäßig weinen. Sofort hatte sich ein reges religiöses Treiben am Wohnort der Seherin entwickelt. Dem zuständigen Ortsbischof riss nun kürzlich der Geduldsfaden. Er verbot alle kirchlichen Handlungen, die mit dem neu entstandenen Verehrungsort in Verbindung gebracht wurden.[7]

Nicht jeder Bischof ist in dieser Weise konsequent. Oft (und auch dies schreibt Kardinal Fernandez in seiner Einleitung zum vatikanischen Schreiben) ist die Anerkennung oder Nichtanerkennung eines Phänomens wenig eindeutig. Er berichtet von einem Fall, in dem der zuständige Bischof ein Wunder anerkannte, der Vatikan es nach Untersuchungen nicht anerkannte, worauf der nächste Bischof sich diesem Urteil anschloss, während dieses im Vatikan wieder revidiert wurde etc. Im Klartext: Man wusste in diesem Fall nicht, was eigentlich Sache ist. Die neuen Verfahrensregeln wollen dieses Zusammenspiel von Ortsbischöfen und vatikanischen Behörden besser regeln und Verfahren beschleunigen. Am Ende einer Untersuchung steht ein Urteil. Ein Phänomen, eine Erscheinung, eine charismatische Person erhält ein Nihil obstat („lat: „nichts dagegen“) und ist damit anerkannt. Es kann aber auch zu anderen Ergebnissen kommen, etwa, dass man das Phänomen „im Auge behalten müsse“, da sich noch nicht klären lässt, ob es zu einer „guten“ Entwicklung führen wird. Das Prädikat „curator“ erhält ein Ort oder ein Phänomen, das nachweislich gute Glaubensfrüchte bringt, zugleich aber nicht kirchenoffiziell gefördert werden soll. Beim Prädikat „sub mandato“ sieht man betrügerische Absichten am Werk. Die Verehrung verboten wird unter dem Siegel „prohibetur et obstruatur“. Ebenfalls möglich ist, dass schlicht die Übernatürlichkeit nicht anerkannt wird. Dies gilt zumindest so lange, bis sich eine andere Beweislage ergibt.

Wie auch immer: Der Versuch, geistlichen Wildwuchs einzudämmen und schädliche Frömmigkeitstendenzen zu bekämpfen ist ehrenwert. Die Arbeit des Gärtners allerdings bleibt schwierig. Es wird immer wieder Ecken und Winkel des Gartens geben, die sich der Pflege entziehen. Diese, teils ja sehr romantischen Winkel werden bei einigen Gläubigen immer Zufluchtsorte bleiben. Da helfen die besten Regelungen nicht. Auch die Schriftenstände der Kirchen füllen sich immer wieder mysteriös mit zweifelhaften religiösem Schriftgut. Man muss es aber nicht unbedingt mitnehmen und lesen.

Beitragsbild: Altarraum und Gnadenbild der Wahlfahrtskirche von Orcival (Frankreich)


[1] Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmasslicher übernatürlicher Phänomene (17. Mai 2024) (vatican.va)

[2] Eine Dokumentation der vatikanischen Untersuchungen liefert: Marienerscheinungen in Međugorje – Wikipedia

[3] Joris-Karl Huysmans, Lourdes – Mystik und Massen, Düsseldorf 2020, 271-287.

[4] S. hierzu: Helmut Zander, Maria erscheint in Sievernich, in: Geppert/Kössler (Hg.), Wunder, Berlin 2011, 146-171.

[5] Papst: Maria keine „Chefin eines Telegrafenamtes“ – katholisch.de

[6] Benedikt XVI., Nachapostolisches Schreiben „Verbum Domini“ (2010), Nr. 14. Der Gesamtkontext hier: Verbum Domini: Nachsynodales Apostolisches Schreiben über das Wort Gottes in Leben und Sendung der Kirche (30. September 2010) | BENEDIKT XVI. (vatican.va)

[7] Umstrittene Wallfahrtsorte: Neue Regeln des Vatikans für Marienerscheinungen (faz.net)

Ein Kommentar zu „Wunder und Visionen – Der Vatikan kümmert sich neu um übernatürliche Phänomene

  1. Sehr schön! Sehr einleuchtend! Danke! Und – wenn Erscheinungen, dann doch offenbar immer Marienerscheinungen?! Warum nicht mal Johannes Baptist, Philippus, Stephanus oder Joseph. Warum wird nur der Mutter Maria die Gabe der Erscheinung zugeschrieben ?

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