Der religiöse Sinn des Fastens

„Worauf möchtest du fasten?“ Diese Frage gehört zum Standardrepertoire von Schulgottesdiensten zur Fastenzeit.[1] Gerade den Kindern und Jugendlichen wird nahegelegt, die 40 Fastentage zu nutzen, um auf bestimmte Dinge, die von Erwachsenen als schädlich angesehen werden, zu verzichten: Süßigkeiten, Computer, Handy, Cola, Eis usw. Das Fasten dient hier offenbar als erzieherisches Mittel zur Mäßigkeit und zu einem gesunden Lebensstil. In dieser Weise wird das Fasten auch von Erwachsenen praktiziert. Die Fastenzeit erscheint als günstige Gelegenheit, lästige, problematische oder ungesunde Praktiken zu unterbrechen. Im Kern geht es um eine Korrektur oder Optimierung des eigenen Lebens. Gegen ein solches Verständnis ist im Grunde nichts zu sagen. Es hat ja durchaus sein Gutes, auf fettes Essen, Alkohol, Zigaretten, Autofahren oder das Fernsehen zu verzichten, bzw. bewusst andere Dinge zu fördern, mehr Sport zu treiben, mehr Zeit für Freunde zu haben oder das ökologische Bewusstsein zu stärken. Fasten, ist, wie ich gelernt habe zudem sehr gesund. Es stärkt die körperliche Fitness, indem es den Körper weniger mit Verdauungsarbeit beschäftigt. Dadurch steigert sich auch die Leistungsfähigkeit und die geistige Aufmerksamkeit. Wir leben in einer Zeit, in der wir in der Regel zu viel und zu ungesund essen. Auch wer fastet (etwa beim Intervallfasten), leidet deswegen noch keinen Hunger. Menschen, die ein Intensivfasten mitgemacht haben, berichten von erstaunlichen Effekten, von einer erhöhten Sensibilität und besserem Schlaf. Kein Wunder, dass das Fasten zum festen Bestandteil von Lifestyle-Angeboten gehört. Klöster sind in ihren Bildungsprogrammen längst auf diesen Zug aufgesprungen und verbinden Fasten und Beten zu einer neuen Form der körperlichen und seelischen Regeneration. Fasten tut dem Menschen offenbar gut.

Warum allerdings, sollte man aus religiösen Gründen fasten? In allen Religionen taucht das Fasten als Element auf, gibt es reservierte Zeiten und Gelegenheiten, zu denen es empfohlen oder auch gemeinschaftlich praktiziert wird. Im Christentum etablierten sich die zwei großen Fastenzeiten vor Ostern und vor Weihnachten. Ursprünglich hatten sie beide das 40tägige Fasten Jesu in der Wüste zum Vorbild. Die Adventszeit begann nach dem St. Martins-Tag am 11.11., die österliche Fastentag wie heute noch am Aschermittwoch, wobei ihr bereits eine „kleine“ Fastenzeit vorausging, die drei Wochen vor Aschermittwoch begann. Auf vierzig Fastentage kommt man, da die Sonntage in katholischer Tradition nicht mitgerechnet werden. Zudem ist jeder Freitag in Erinnerung an Leiden und Tod Christi ein Fasttag. Die Sitte, an diesem Tag zumindest auf Fleisch zu verzichten, rührt aus dieser Tradition. An ihnen wird das Fasten unterbrochen. Die strengsten Fastentage sind der Aschermittwoch und der Karfreitag, an dem empfohlen wird, nur eine sättigende Mahlzeit zu sich zu nehmen.

Der eigentliche religiöse Sinn des Fastens ist allerdings etwas verlorengegangen. Warum soll man fasten, wenn es nicht in erster Linie um eine Frage des persönlichen Lebensstils geht? Was ist also der „geistliche Sinn“ des Fastens? Die biblische und kirchliche Tradition kennen hierzu (mindestens) drei Antworten, auf die ich näher eingehen möchte.

Die erste Antwort erschließt sich mit Blick auf die Texte der Lieder, die für die Fastenzeit getextet wurden. Die Fastenzeit trägt ja offiziell den Titel: Bußzeit. Das Lied deutet den Sinn der Bußzeit relativ klar aus: Es geht um ein Bedenken der eigenen Sünden, um eine biografische Kurskorrektur. Diese geschieht mit Blick und mit der Verinnerlichung des Leidens und Sterbens Christi. Theologisch gesprochen: Wie Christus als Sohn Gottes sich erniedrigt und unsere menschliche Schwachheit auf sich nimmt, auch die Folgen der Sünde erduldet, so sollen auch wir uns dieser Schwachheit und Sünde bewusst werden, umkehren und die Gebote neu beachten. Diesen Vorgang nennt man mit einem alten Wort „Buße“.

Mit der Buße, dem ersten Fastenziel, ist es so eine Sache. Das Wort ist aus dem aktiven Wortschatz fast verschwunden und hat sich lediglich im Strafrecht erhalten, wenn etwa für Verkehrsdelikte Bußgelder verhängt werden. Grundsätzlich ist die Buße ein Mittel, um Unrecht auszugleichen. Dabei sind Bußleistungen häufig symbolische Ersatzhandlungen für Dinge, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Es ist wie bei einer Wage: Wenn auf der „Schuldseite“ ein Gewicht aufgelegt wird, soll die auf die „Bußseite“ ein anderes gelegt werden, so dass die Wage wieder in das Gleichgewicht kommt. Buße und Strafe lassen sich oft nicht gut auseinanderhalten. Im Kern ist die Buße eine freiwillige Leistung, juristisch gesprochen, „unterhalb der Strafbewährung“, die Strafe eine Leistung zu der ich von einer höheren Autorität verpflichtet werde. In diesem Sinn wird die Buße biblisch als Handlung verstanden, um eine mögliche Strafe Gottes für die eigenen Vergehen abzuwenden. Man zeigt Reue, Einsicht und guten Willen. Die klassische Stelle hierfür ist das Auftreten des Propheten Jona in Ninive. Im Buch Jona heißt es:

Das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde! Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der HERR es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Als die Nachricht davon den König von Ninive erreichte, stand er von seinem Thron auf, legte seinen Königsmantel ab, hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche. Er ließ in Ninive ausrufen: Befehl des Königs und seiner Großen: Alle Menschen und Tiere, Rinder, Schafe und Ziegen, sollen nichts essen, nicht weiden und kein Wasser trinken. Sie sollen sich in Bußgewänder hüllen, Menschen und Tiere. Sie sollen mit aller Kraft zu Gott rufen und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt, die an seinen Händen klebt. Wer weiß, vielleicht kehrt er um und es reut Gott und er lässt ab von seinem glühenden Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht. (Jon 3)

Jona hat den Auftrag, der Stadt für das Vergehen ihrer Bürger das Strafgericht Gottes anzukündigen, was in diesem Fall die Vernichtung der Stadt bedeuten würde. Allerdings kommen die Einwohner Ninives diesem Urteil zuvor, rufen ein allgemeines Fasten aus und bedecken sich mit Bußgewändern. Sie zeigen in einem symbolischen Akt ihre Bereitschaft zur Umkehr und wenden so das drohende Gericht ab (Jon 3). Das Fasten wird an dieser Stelle besonders stark herausgehoben. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere sollen nicht essen oder trinken. Die Vorstellung dabei ist: Je strenger das Fasten, desto deutlicher der Wille zur Umkehr. Die Buße soll also die Verfehlungen der Vergangenheit aufwiegen.

Das Fasten, verstanden als demütiger Verzicht und als Einschränkung kann so als Zeichen des Menschen verstanden werden, sich in seinem Schicksal ganz in Gottes Hand zu geben und Vergebung zu erbitten. In diesem Sinn greift Jesus an einer Stelle des Evangeliums die Jona-Stelle auf, um die mangelnde Bereitschaft seiner Zeitgenossen zu kritisieren, sich zu Gott zu bekehren (Lk 11, 29ff.). Die Fastenzeit wird daher häufig mit dem Gesang begonnen. „Bekehre uns, vergib die Sünden, schenke, Herr, uns neu dein Erbarmen“. Fasten, Beten und Almosengeben, die klassische Trias der Fastenzeit wird so als Bußleistung verstanden, in der die Menschen Einsicht, Reue und Bekehrungsbereitschaft in symbolischen Handlungen ausdrücken.

Allerdings scheint Jesus diese Art des Fastens zugleich zu kritisieren. In der Bergpredigt heißt es über das Fasten:

Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. (Mt 6, 16f.)

Jesus kritisiert hier nicht das Fasten als Buße an sich. Er kritisiert allerdings das Zur-Schau-Stellen des eigenen Bußwerkes. Dies hat mit der Grundintention der Bergpredigt zu tun. Jesus geht es in ihr um ein verinnerlichtes Verständnis des Gesetzes. Er verlegt die Ursache der Sünde tiefer in die Absichten und damit in das Herz des Menschen. Was nach außen sichtbar wird, ist eine Folge der inneren Einstellung oder kann als „Blendwerk“ über die innere Einstellung täuschen. Gott sieht das Herz der Menschen und kennt daher ihre Absichten. Wer also das Bußfasten ernst nimmt, soll weniger auf die äußere Erfüllung seines Fastenvorsatzes achten. Wichtiger ist die innere Haltung, mit der Das Fasten geschieht.

Der zweite Aspekt des Fastens ist die Askese. Dieser Aspekt ebenfalls schwer verständlich. Der Gedanke der Selbstbeschränkung um eines höheren religiösen Ziels wegen, leuchtet gerade nichtreligiösen Menschen nur schwer ein. In einer Präfation (einem gottesdienstlichen Gebet) zur Fastenzeit heißt es: „Durch das Fasten des Leibes hältst du die Sünde nieder, erhebst du den Geist.“ Im Kern geht es darum, durch das Fasten, aber auch z.B. durch sexuelle Enthaltsamkeit, die geistigen Kräfte zu sammeln. Der christliche Theologe Tertullian (2. Jh.) empfiehlt das Fasten aus diesem Motiv.[2] Sein Argument: Das Essen, vor allem das unmäßige Essen, versetzt den Körper in einen Zustand der Trägheit. Ein träger Mensch ist aber für die geistlichen Dinge viel weniger empfänglich. Zudem bewirkt die Trägheit eine Nachlässigkeit auch in anderen Lebensbereichen. Das aufmerksame christliche Leben erfordert also u.a. das Fasten für eine gesteigerte Aufmerksamkeit im geistlichen Leben und eine Verminderung der Sündenanfälligkeit im weltlichen Leben. Biblisch ist diese Form des Fastens gut bezeugt, etwa im Ersten Buch der Könige, wo eine Gerichtsverhandlung, bei der ein göttliches Urteil getroffen werden soll durch ein Fasten eingeleitet wird. Alle Anwesenden sollen so im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sein (1Kön 21). Als die Israeliten nach der Exilszeit wieder nach Jerusalem kommen, wird das Verlesen des Gesetzes durch ein mehrtägiges Fasten eingeleitet, in dem Sündenvergebung erbeten wird und die Aufmerksamkeit für Gottes Wort erhöht werden soll (Neh 9). Wörtlich heißt es dort:

Am vierundzwanzigsten Tag dieses Monats kamen die Israeliten zu einem Fasten zusammen, in Bußgewänder gehüllt und das Haupt mit Staub bedeckt. Die, die ihrer Abstammung nach Israeliten waren, sonderten sich von allen Fremden ab; sie traten vor und bekannten ihre Sünden und die Vergehen ihrer Väter. Sie erhoben sich von ihren Plätzen und man las ein Viertel des Tages aus dem Buch der Weisung des HERRN, ihres Gottes, vor. Dann bekannten sie ein Viertel des Tages ihre Schuld und warfen sich vor dem HERRN, ihrem Gott, nieder.

Auch aus dem Neuen Testament gibt es Beispiele: Bevor die Apostel in der Apostelgeschichte Vorsteher in den Gemeinden einsetzen, werden diese in einer Zeit des Fasten und des Gebets ausgewählt (Apg 14,23.). Das Fasten ist hier ein Mittel des geistlichen Lebens. Es soll die Konzentration stärken, die Aufmerksamkeit für die Botschaft Gottes erhöhen. Auch das Fasten Jesu in der Wüste kann man in diesem Sinne verstehen. Es ist eine Zeit, in der die Entsagung die Offenheit für das Gespräch mit Gott öffnet (und den Kampf gegen die Versuchung), unterstrichen zudem durch die Wüste als „Ort ohne Ablenkung“.

In der christlichen Tradition spielt diese Art des Fastens, das asketische Fasten eine starke Rolle. Es hat, wie etwa Augustinus im „Gottesstaat“ betont, immer auch den Aspekt der Weltflucht. Der asketische Mensch scheidet gewisse Teile des weltlichen Lebens ab, er zieht sich aus dem Treiben der Welt, aus den Bezügen seiner Familie und Freunde, schließlich auch aus der belebten Gegend zurück. Je weniger „Welt“ um ihn herum ist, desto mehr „Gott“ kann Platz finden. Im Sinn der von Jesus verkündeten rechten und falschen Sorge (Mt 6, 19-34) lenkt den Asketen nur noch das Allernötigste von seinem geistlichen Dasein ab. Kleidung, Körperpflege, Schlaf oder auch das Essen werden auf ein Minimum beschränkt. Ein klassisches Beispiel für diesen Lebensstil bietet der Heilige Nikolaus von der Flüe. Er war ein angesehener Bürger und hatte eine große Familie. Sein Leben gerät an einen Kipppunkt. Es gibt die Vermutung, dass er mit der Welt, wie sie sich in der angehenden Renaissance veränderte und eine alte gesellschaftliche und geistliche Ordnung des späten Mittelalters ablöste, nicht mehr zurecht kommen wollte. Zunächst begab er sich daher auf Pilgerschaft, merkte aber bald, dass dies für ihn nicht das Richtige war. Mit Einverständnis seiner Frau zog er sich daher in der Nähe seines Heimatdorfes in eine Einsiedelei zurück und begann, nach einem strengen asketischen Lebensstil zu leben. Damit war er übrigens nicht der einzige in seiner Umgebung, aber wohl der berühmteste. Von Nikolaus wird erzählt, dass er über viele Jahre gar nicht gegessen haben soll, sondern ausschließlich die Eucharistie zu sich genommen hat. Es lässt sich viel darüber spekulieren, wie der Einsiedler diesen Lebensstil so lange überleben konnte. Er empfiehlt sich aus medizinischem Blickwinkel nicht zur Nachahmung. Man sollte aber beachten, dass diese Berichte in bildhafter Sprache eine ideelle Wirklichkeit ausdrücken wollen. Nikolaus ist ganz aus der profanen Welt in die geistliche Sphäre hinübergegangen. Seine einzige Nahrung (im wörtlichen, wie im übertragenen Sinn), ist das Brot des Lebens, als das Jesus sich selbst bezeichnet. Der Einsiedler steht also ganz „in der Gnade“, ist gewissermaßen schon ein „jenseitiger Mensch“ und damit Begegnungsort mit der göttlichen Wirklichkeit.

Im evangelischen Bereich, hat die Askese ebenfalls einen Platz gefunden. Hier sind die Askese und mit ihr das Fasten weniger eine körperliche Angelegenheit als eine Einstellungssache. Sich im eigenen zurückzunehmen bedeutet, dem Anderen, im geistlichen Sinn Gott mehr Platz zu lassen. Die Askese besteht in einem Verzicht auf eine gewisse Selbstwirksamkeit. Nicht ich werde die Welt verändern. Ich überlasse mich stattdessen der Führung durch Gott. Die Selbstbeschränkung besteht darin, die „Herrschaft“ über sein Leben übergeben zu können.

Der Aspekt der gesteigerten Aufmerksamkeit spielt auch im dritten Fastenmotiv eine Rolle. Hier geht es um die Aufmerksamkeit für die Not der Armen. Eine (andere) Präfation sagt es so: „Die Entsagung mindert in uns die Selbstsucht und öffnet unser Herz für die Armen. Denn deine Barmherzigkeit drängt uns, das Brot mit ihnen zu teilen.“ In diesem Sinn gehört das Almosengeben zum festen Bestandteil der Fastenzeit. Es wird hier mit dem Fasten unmittelbar in Verbindung gebracht. In einem leicht verständlichen Sinn kommt diese Verbindung dadurch zustande, dass der Fastende die Situation des Mangels am eigenen Leib erfährt und somit ein tieferes Verständnis für die Not der Armen bekommt. Des Weiteren spart er durch die eigene Zurückhaltung Mittel ein, die er nun anderen zur Verfügung stellen kann. Zum dritten allerdings liegt in dieser „sozialen Ausrichtung“ des Fastens noch ein tieferer Sinn. In der großen alttestamentlichen Stelle über das Fasten beklagt der Prophet Jesaja dessen reine Symbolik. Er fordert, die Bekehrungsbereitschaft nicht bloß in rituellen Handlungen auszudrücken, sondern das Fasten, die Bekehrungsbereitschaft, stattdessen durch gute Werke zu bezeugen. Was nützt ein Fasten ohne ethische Auswirkungen? In Jes 58, 5-8 heißt es:

Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt? Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach.

Die Anfrage der Propheten ist berechtigt. Welche Wahrheit soll das Bußwerk haben, wenn es auf der Seite der Nächstenliebe so viel zu tun gibt. In der Oper „Saint Francois de Assis“ von Olivier Messiaen begegnet der Heilige Franziskus (selbst ein großer Asket im vorher beschriebenen Sinn) den Leprakranken. Da heißt es dann sinngemäß: Ja, ja, die Buße. Aber solange wir krank sind und unsere Wunden uns schmerzen ist die Zeit dafür noch nicht da. Nach der Heilung können wir Buße tun. In diesem Sinn kann auch das Evangelium verstanden werden:

Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten? Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten. (Mt 9,14f.)

Man kann die Stelle so interpretieren: Solange die Zeit des Heiles da ist, also solange die Zeit zur Lehre und zur konkreten Heilung des Körpers und der Seele besteht, ist die Bußleistung hintanzustellen. Die Nächstenliebe schlägt das Fasten. In einer der sehr alten Schriften der christlichen Tradition, im zweiten Klemensbrief heißt es: „Gut ist nun Almosen als Buße für die Sünde; Fasten ist besser als das Gebet, mehr als beides ist das Almosen; denn die Liebe deckt eine Menge Sünden zu…“ Im Grunde haben wir es beim dritten Aspekt des Fastens zum Zwecke des Almosens mit einer Verbindung von Buße und Askese zu tun. Die Askese zeigt sich in der Selbstbeschränkung, hier nicht in erster Linie, um Gott mehr Raum zu geben, sondern um dem Nächsten mehr Raum zu geben. Ich setze meine freigewordenen Mittel (sowohl materiell als auch immaterielle wie Zeit oder Aufmerksamkeit) für den anderen ein, um seine Not zu lindern.

Von dieser Stelle ist es nicht weit zu den „Werken der Barmherzigkeit“ (Mt 25), die Jesus als den wahren Gottesdienst und als Kernpunkt des religiösen Lebens verkündet. Das Fasten löst sich hier vom Gedanken der Enthaltsamkeit und wird stattdessen zu einer Frage der Nächstenliebe. In Mt 25 fallen Gottes- und Nächstenliebe dann zu einer einzigen Wirklichkeit zusammen.

Beitragsbild: Refektor (Speisesaal) im ehemaligen Kloster von Tomar (Portugal)


[1] Der hier vorliegende Text ist ein Vortrag zum geistlichen Sinn des Fastens. Er ist eine überarbeitete und erweiterte Version eines früheren Beitrags auf „sensus fidei“, der mit dem Titel „Wozu ist das Fasten gut?“ 2022 erschienen ist.

[2] Tertullian, Über das Fasten, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 24 (Tertullian II), 519-559.

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