Alles Nostalgie? – Warum die Schließung von Kirchen so schmerzhaft ist

Drei Buchstaben versetzen derzeit die Pfarreien im Erzbistum Hamburg in Aufregung. Die drei Buchstaben „VIR“ stehen für „Vermögens- und Immobilienreform“. Die unterschiedlichen Bereiche innerhalb des Bistums sind dazu verpflichtet worden, ihren Gebäudebestand kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dafür gibt es zwei Auslöser. Zum einen geht das Bistum von der durchaus wahrscheinlichen Annahme aus, dass sich die Kirchensteuereinnahmen in den nächsten Jahren verringern werden. Hauptursache ist neben den Austrittszahlen das Erreichen der Pensionsgrenze in der Generation der sogenannten „Babyboomer“. Die geburtenstarken Jahrgänge der heute Sechzig- bis Siebzigjährigen sind im kirchlichen Engagement und in der Finanzierung der Kirchen eine tragende Gruppe. Der zweite Auslöser der Immobilienreform liegt im pastoralen Bereich. Über die letzten Jahrzehnte ist die Zahl der kirchlich (oder besser: gemeindlich) Engagierten zurückgegangen. Auch nehmen weniger Menschen regelmäßig am kirchlichen Leben teil. Die Statistik des Erzbistums Hamburg spricht eine deutliche Sprache.[1] Verzeichneten die Gemeinden im Jahr 2000 im Durchschnitt etwa 54 000 Menschen, die den Sonntagsgottesdienst besuchten, waren es 2019 (im letzten Vor-Corona-Jahr) nur noch rund 30 000 (ca. 8% der Katholiken). Ob sich dieses Niveau nach Corona wieder einstellen wird, ist noch offen. Im Jahr 2021 waren es, sicher auch pandemiebedingt, nur 13 000 Gottesdienstbesucher, die statistisch erfasst wurden, obwohl die Pfarreien die Anzahl der Sonntagsgottesdienste erhöht hatten.

Wie viele Kirchenstandorte, wie viele Gemeindehäuser oder Pfarrhäuser braucht es also auf Zukunft und wie viele werden wir uns leisten können? Der Prozess der VIR soll die Pfarreien dazu bringen, eine Immobilienplanung bis zum Jahr 2030 vorzulegen und darin zu vermerken, welche Gebäude auf Dauer wie genutzt werden sollen. Ziel ist es auch, die Pfarreien bei zurückgehenden Kirchensteuermitteln finanziell über Mieten, Pachten oder Erlöse aus dem Verkauf von Immobilien wirtschaftlich besser abzusichern. Soweit der Plan. Die Umsetzung ist an den einzelnen Orten zum Teil schwierig. Zum einen gibt es ein Ungleichgewicht innerhalb der Pfarreien. Eine große Flächenpfarrei mit mehr als 2000 Quadratkilometern Pfarreigebiet hat andere Erfordernisse als eine Stadtpfarrei mit kleinem Gebiet aber hohen Katholikenzahlen. Zudem ist die wirtschaftliche Situationen unterschiedlich. Einige Pfarreien sind in der Vergangenheit sparsam gewesen und haben etwa wenig Personal beschäftigt. Andere haben schwere Baulasten zu schultern, da an Gebäuden aufwändige Renovierungen durchgeführt werden mussten, die die Rücklagen aufgezehrt haben. Wieder andere haben seit Jahren über ihre Verhältnisse gelebt. Einige besitzen schon jetzt Renditeobjekte (z.B. Wohnhäuser), die positiv zum Pfarreihaushalt beitragen.

Ein Grundproblem ist aber das Folgende: Die Immobilienplanung der Pfarreien wird nicht von denjenigen vorgenommen, die nicht zur Kirche kommen, sondern von denjenigen, die derzeit da sind und sich in ihren Gemeinden einbringen. Das verändert notwendig die Perspektive. Es geht weniger darum, was sich sachlich gesehen an Zahlen und Fakten für den Gebäudebestand ergibt. Vielmehr verlagert sich die Diskussion dahin, das mir Wichtige und Liebgewonnene zu verteidigen. Sachargumente sind dagegen nur bedingt einsetzbar. Die Aufgabe, Umnutzung oder Schließung eines Gebäudes soll trotz der sachlichen Zwänge nach Möglichkeit verhindert werden. Dies trifft vor allem zu, wenn es um Kirchen geht.

Im März berichtete der NDR über die geplanten Kirchenschließungen in der Pfarrei St. Ansverus in Schleswig-Holstein.[2] Der Bericht folgte der üblichen Dramaturgie, zeigte traurige und erboste Kirchenbesucher, die die mögliche Schließung ihrer Kirche nicht verstehen oder akzeptieren möchten und sich kämpferisch für einen Erhalt einzusetzen versprachen. Dann zeigte der Bericht einen dunklen Raum, in dem um einen Tisch herum einige Männer über Unterlagen gebeugt saßen. Diese Kommission, so hieß es, habe sich die Schließungen ausgedacht. Das vermittelte Bild: Hier ist in Hinterzimmern irgendetwas ausgeheckt worden, das jetzt die armen Menschen vor Ort ausbaden müssen. Dass die Prozesse zum Immobilienkonzept in Wirklichkeit etwas anders verlaufen und sich Proteste häufig erst ergeben, wenn die Entscheidungen getroffen sind und nicht, wenn man noch im Beteiligungsverfahren ist, kann an dieser Stelle beiseitegelassen werden. Es lohnt allerdings ein Blick auf das Immobilienkonzept der Pfarrei[3]. Die pfarrliche Immobilienkommission hat hier die Entwicklung der einzelnen Standorte beschrieben. Für die im Beitrag erwähnten Kirchen in Großhansdorf und Bad Oldesloe gibt es jeweils Alternativvorschläge. Die Gottesdienste sollen, wenn auch an einem alternativen Kirchort erhalten bleiben.

Jetzt kenne ich die genaue derzeitige Situation in der Pfarrei St. Ansverus nicht so gut. Ich vermute aber, dass die Gründe für die geplante Schließung der Kirchen nicht sehr von den üblichen Gründen abweichen. Diese sind: 1. Die Kirche hat größere Bauschäden und das Geld für die Sanierung ist nicht aufzubringen. 2. Die am Gottesdienst teilnehmende Gemeinde hat sich verkleinert, so dass ihr die Kirche eigentlich zu groß geworden ist. 3. Die Zahl der Standorte soll mit Blick auf die schwindende Zahl von Priestern, Mitarbeitern und Ehrenamtlichen verringert werden. 4. Der Haushalt der Pfarrei ist defizitär, so dass bei Betriebs- und Unterhaltskosten von Gebäuden eingespart werden muss. 5. Die Gemeinde kann an einem anderen Ort weiter bestehen. Aus der Sicht der Menschen vor Ort lassen sich gegen alle diese sachlichen Argumente Einwände formulieren, etwa, wie es sein könne, dass gerade hier gespart werden müsse, wo das Bistum doch für andere Projekte viel Geld ausgebe. Zudem sei der Mangel an Priestern ein hausgemachtes Problem, dem die Kirche mit einigen Reformen beikommen könne. Im Zuge einer Neubelebung lasse sich auch die Zahl der Gemeindemitglieder wieder steigern usw. Zudem lassen sich gegen Ersatzorte viele Bedenken vorbringen, etwa, dass die Zusammenarbeit mit einer evangelischen Gemeinde zu kompliziert sei, dass der geplante neue Standort nicht gut erreichbar sei, oder dessen Nutzung im Vergleich zum Erhalt der alten Kirche wenig finanzielle Vorteile bringe.

Im Kern aber, so glaube ich, geht es gar nicht so sehr um Sachargumente. Die bevorstehende Schließung einer Kirche hat eher mit Emotionen zu tun. Diese sind durch sachliche Begründungen nur schwer aufzufangen. Die erste Emotion dürfte ein Gefühl der Kränkung sein. Aus Sicht der aktiven Gemeindemitglieder muss die Schließung als Ungerechtigkeit empfunden werden. Mein Beitrag am Standort A, also mein Einsatz im Gemeindeleben, mein Gottesdienstbesuch, mein Kirchensteuerbeitrag, auch meine gewachsene Geschichte, die mit dem Kirchort verknüpft ist, wird niedriger geachtet, als der gleiche Beitrag der Gemeindemitglieder an Standort B, der erhalten oder sogar noch ausgebaut wird. Warum wird bei mir nicht mehr investiert, bei anderen aber schon? Dieser Eindruck kann sich noch verstärken, wenn Standort A auch im außerkirchlichen Bereich mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, etwa, weil er in einem abgelegenen Gebiet liegt, in einem sozial schwierigen Umfeld oder wenn er strukturell benachteiligt wird. In vielen kleinen, ländlichen Orten erleben die Einwohner ja, dass nach dem Verschwinden der örtlichen Post, des örtlichen Kinos oder Krankenhauses nun auch die Kirche auf dem Rückzug ist. Tendenziell dürften aufstrebende Orte mit wachsender Bevölkerung, vor allem mit Zuzug jüngerer Leute bei den kirchlichen Planungen im Vorteil sein. Auch aus diesem Grund schließen sich Menschen einem Protest gegen eine Kirchenschließung an, die nicht zur Gemeinde, wohl aber zu den Bewohnern eines Stadtteils oder Ortes gehören und sich Sorgen um die Entwicklung ihres Wohnorts machen.

Ein zweites Gefühl kommt dazu, das sicher eher unbewusst ist. Es spielt auch für Menschen eine Rolle, die schon lange nicht mehr am Ort wohnen, oder lange keinen Gottesdienst besucht haben. Es handelt sich um einen Zusammenhang, den sicher viele kennen. Ich selbst aber bin erst kürzlich wieder darauf gestoßen. In der Lokalzeitung meiner Eltern wurde berichtet, dass das Gebäude meiner ehemaligen Schule durch einen Neubau ersetzt werden soll. Diese Notwendigkeit leuchtete mir sofort ein, schließlich waren auch vor 30 Jahren die Mängel des 70er-Jahre-Fertigteilgebäudes deutlich zu spüren und wir schwitzten als Schüler im Sommer in schlecht belüfteten Räumen mit defekten Jalousien und saßen im Mief ausdünstender Teppichböden. Man kann künftigen Schülergenerationen nur wünschen, dass sie bald bessere Räume haben. Dass das Gebäude aber komplett abgerissen werden soll, behagte mir gar nicht. Ich habe mit der Schule nichts mehr zu tun. Es ist ewig her, dass ich das letzte Mal dort gewesen bin. Und trotzdem habe ich irgendwie das Bedürfnis, meine Vergangenheit geordnet zu bewahren und hätte gerne das Schulgebäude bei einem nächsten Besuch zumindest weitgehend so vorgefunden, wie ich es kannte. Der Neubau, so positiv ich ihn finde, ist ein Eingriff in meine Geschichte. Man reißt gewissermaßen Seiten aus meinem inneren Fotoalbum. Dieses Beispiel ist banal, weil es keinen Grund gibt, der mir ein Anrecht gäbe, gegen die geplanten Bauveränderungen vorzugehen. Im Gegenteil: Ich würde damit einer positiven Entwicklung der heutigen Schülerinnen und Schüler entgegenstehen.

Ein kirchliches Gebäude ist ein Speicher für emotionale Erinnerungen, sei es, dass ich es als Kind mit meiner Oma betreten, oder als Jugendlicher dort einen Teil meiner Freizeit verbracht habe, eine Taufe, Trauung oder Beerdigung an diesem Ort erlebt habe, oder einfach nur das Glockengeläut zum vertrauten „Sound“ einer Lebensepisode gehörte. Erstaunlicherweise ist es für einige tröstlich, wenn zumindest die äußere Gestalt des Gebäudes erhalten bleiben kann oder vertraute Gegenstände aus einer aufgegebenen Kirche in einer anderen wiederzufinden sind.

Die Situation ist schwierig. Natürlich hat die Vergangenheit kein Anrecht darauf, die Zukunft dauerhaft zu blockieren. Die geschilderte emotionale Seite von Kirchenschließungen zeigt aber, dass Veränderungen viel mehr ein seelsorgliches Thema sind als ein Thema von Strategie und Planung. Problematisch ist, dass der zuständige Seelsorger und der Verantwortliche für die Planung in der Gestalt des Pfarrers meist die gleiche Person ist. Es wird darauf ankommen, langsam und behutsam vorzugehen und in einem gemeinsamen Weg um eine emotionale Zustimmung zu werben. Jede Schließung oder Aufgabe eines Standorts hinterlässt Verletzungen, die nur begrenzt durch flankierende Maßnahmen zu kompensieren sind. Der Vorschlag des Vatikans war ja, Kirchengebäude einfach stehenzulassen, selbst wenn keine Feier von Gottesdiensten mehr stattfindet.[4] Dagegen stehen vielfach wirtschaftliche oder bauliche Notwendigkeiten. Eine allzu straffe Planung allerdings darf der notwendigen seelsorglichen Betreuung von Gemeinden in Abschiedsprozessen nicht zu forsch vorgreifen. Zudem braucht es positive Ausblicke. Dort, wo man keine Zukunft mehr sieht, wird die Vergangenheit umso bedeutungsschwerer.

Beitragsbild: Ehemalige Kirche in Obidos (Portugal), heute eine Buchhandlung


[1] Kirchliche_Statistik_2021.pdf (erzbistum-hamburg.de)

[2] Mehrere katholische Kirchen in Südholstein sollen schließen | NDR.de – Nachrichten – Schleswig-Holstein

[3] Reinfeld >> St. Marien (sankt-ansverus.de)

[4] S. dazu die vatikanische Instruktion zur Pastoralen Umkehr in den Pfarreien: Im Wortlaut: Die Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien – Vatican News, eine Zusammenfassung hier: Wer darf Pfarreien leiten? – Kontroverse um eine neue römische Instruktion – Sensus fidei

2 Kommentare zu „Alles Nostalgie? – Warum die Schließung von Kirchen so schmerzhaft ist

  1. Das Problem ist doch, dass das Erzbistum es offensichtlich nicht schafft, die Menschen in den Gemeinden vor Ort mitzunehmen in diesem Prozess. Bei uns vor Ort hat sich der Pfadfinderstamm bereits aus der Gemeinde verabschiedet, weil völlig unklar ist, ob nach Abriss des Gemeindehauses noch Platz für deren Arbeit ist. Kommunikation mit der Gemeindeleitung nicht möglich. Andere verabschieden sich frustriert aus den Gottesdiensten, die zu immer merkwürdigeren Zeiten gefeiert werden und suchen sich neue kirchliche Heimat in der Ökumene in der Nachbarschaft. Wenn der Prozess so geführt wird, beschleunigt das Erzbistum den Schrumpfungsprozess weiter, anstatt der Austrittswelle etwas entgegenzusetzen.

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