Ich glaube, kaum ein Evangelium passt besser zum heutigen Anlass als das Evangelium der Emmausjünger. Wir nehmen Abschied von einer Kirche, von St. Martin. Dies ist ein Ort, der wahrscheinlich allen, die heute hierhergekommen sind, auf die eine oder andere Weise wichtig geworden ist, ein Ort des Gottesdienstes, des Gebetes und der Gemeinschaft.
Das Evangelium trägt die Elemente des heutigen Tages in sich. Es beginnt mit der Trauer, mit dem Bewusstsein der Jünger, dass mit dem Tod Jesu eine wichtige, vielleicht entscheidende Episode ihres Lebens zu Ende gegangen ist. Dann spricht das Evangelium von der Wanderung. Die Jünger machen sich auf den Weg. Sie suchen eine Veränderung, vielleicht auch einen neuen Ort, um neu zu beginnen. Dann ist es das Evangelium der Begegnung. Die Jünger bleiben auf ihrem Weg nicht allein. Jesus geht mit ihnen. Er erläutert ihnen die Heilige Schrift. Es ist eine Versicherung: Ihr könnt hoffnungsfroh sein. Das Ende ist nicht das Ende. Und schließlich kommt die österliche Erfahrung dazu. Die Jünger kehren mit Jesus im Dorf Emmaus zum Mahl ein. Jesus bricht ihnen das Brot und sie erkennen ihn wieder. Diese Szene ist auf dem Tabernakel unserer Kirche festgehalten, am Ort der eucharistischen Gaben. Hier, in der Feier seines Gedächtnisses ist die Begegnung mit Christus immer wieder gegeben. Der Ort mag sich verändern, ich selbst mag mich verändern, aber Christus bleibt. Wir haben hier in Lankow viele Jahre das Fronleichnamsfest gefeiert, das genau diese Wirklichkeit ausdrückt. Jesus mit uns auf dem Weg, immer an unserer Seite.
Wann sind Sie das erste Mal in St. Martin gewesen? Ich habe dazu in den vergangenen Monaten immer wieder Erfahrungen gehört. Einige waren schon dabei, als die Kirche damals vor 50 Jahren gebaut wurde. Andere sind später nach Lankow gezogen und haben sich der kleinen aber lebendigen Gemeinde angeschlossen. Einige werden vielleicht zu einem der Anlässe im Erzbischöflichen Amt das erste Mal hier gewesen sein, oder bei einem der Mitarbeitergottesdienste der Caritas, Bernostiftung und des Amtes. Andere waren zum Kinderkreuzweg am Karfreitag hier oder zu einer Taufe, Hochzeit oder Trauerfeier oder bei einem anderen Anlass, etwa dem jährlichen Gottesdienst der Telefonseelsorge, der Malteser oder bei einem Adventskonzert des Collegium Musicum.
Ich war das erste Mal hier vor fast 20 Jahren. Ich war in meinem ersten Jahr als Kaplan in Hamburg. Wir fuhren mit 90 Jugendlichen unseres Firmkurses mit der Straßenbahn hierher und trafen Weihbischof Werbs, der uns hier in der Kirche empfing. Mir fiel damals gleich die ungewöhnliche Bauweise auf. Eine Kirche ohne Turm und Glocken, ein schlichter heller Raum. Der Altar nicht in der Mitte, sondern leicht versetzt auf der Seite, in einer Linie mit Ambo und Tabernakel. Der Weihbischof hat uns dann diesen Ort erklärt. Er erzählte, wie sein Vor-Vorgänger Bischof Heinrich Theissing hier in bleierner Zeit der DDR auf diesem Grundstück ein Haus für die Kirche in Mecklenburg geplant hatte. Eigentlich hätte Theissing wohl gerne auch eine repräsentative Kirche gebaut. Aber das war nicht möglich. Genehmigt wurde immerhin der Bau eines Versammlungsraums, der sich dann allerdings als Kirchraum entpuppte. Den Altarraum hatte man so gestaltet, dass man ihn durch einen Vorhang abtrennen konnte. So entstand kein großer Sakralbau, sondern ein nüchterner Raum, dessen Vorzüge ich übrigens schnell schätzen gelernt habe. Wenn wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, treffen wir uns in einer familiären Atmosphäre. Wir sitzen dicht beieinander. Der Raum ist hervorragend zum Sprechen und Singen geeignet. Er braucht keine Mikrofone. Ich habe es über die Jahre sehr schätzen gelernt, hier die Sonntagsmesse zu feiern. Es ist die kleine familiäre Messe gewesen, schlicht und unkompliziert, getragen durch einen festen Stamm von Besuchern, auch immer einigen Familien mit kleinen Kindern und mit einer festen liturgischen Mannschaft, die die Dienste als Messdiener, als Lektoren und Kommunionhelfer übernommen hat. In St. Martin war ich hier vorne nie allein und das war schön so.
Zwei Aussagen sind mir in den letzten Wochen des Umzugs und des Aufräumens im Erzbischöflichen Amt nachgegangen. Nach meinem ersten Gottesdienst als Pfarrer in Schwerin sprach mich ein Herr aus dem Gemeindeteam an und fragte mich: „Na, wie lange gibt es St. Martin wohl noch?“ Es war damals schon bewusst, dass im Zuge der großen kirchlichen Veränderungen wohl dauerhaft der Erhalt von drei katholischen Kirchen in Schwerin nicht sicher war. Die zweite Äußerung stammte von Diakon Kurowsky, der viele Jahre mit seiner Familie hier gewohnt hat. Er sagte mir damals: „Ich beneide Sie nicht. Die Schweriner Gemeinden sind sehr unterschiedlich. In St. Anna wäre ich nie klargekommen. Hier aber konnte ich immer gut sein. Das ist eine gute Gemeinde.“ Ich würde ihm mit Blick auf St. Anna nie zustimmen. Aber was er meinte war wohl: Hier ist es nicht so kompliziert, nicht so offiziell. Wir halten zusammen, als kleine Gemeinschaft. Und das habe ich auch so erlebt. In St. Martin gab es immer ein aktives Gemeindeteam, das ein realistisches, aber herzliches Jahresprogramm auf die Beine stellte: Die Organisation des Fronleichnamsfestes und eines Gemeindefestes, die Maiandacht in Groß Brütz, den Osterlauf, ein kleines Fest zum Patrozinium, zuletzt auch mit einem Flohmarkt, ein gemeinsames Grillen zu Himmelfahrt, einen Gemeindevormittag mit Vortrag, früher auch weitere Veranstaltungen zu Fasching, für die Senioren oder die Kinder. Es gab auch die Zeiten einer lebendigen Jugendgruppe, auch wenn die damaligen Jugendlichen teilweise heute schon Großeltern sind. Die Gemeinde hat selbstständig über die Jahre den Kirchenputz organisiert und den Kirchenschmuck.
Und noch eine dritte Äußerung ist mir nachgegangen. Vor fünf Jahren habe ich hier in St. Martin meine Nichte getauft. Als ich ihr von der Schließung der Kirche erzählte sagte sie: „Nein, das darf aber nicht sein.“ Und auch damit hat sie recht. Nein, das darf eigentlich wirklich nicht sein. Wir schließen diese Kirche nicht, weil es hier kein Leben mehr gäbe, auch nicht, weil es personell nicht mehr möglich wäre, hier Gottesdienste zu feiern, wenn auch vielleicht nicht mehr jeden Sonntag und jeden Mittwoch. Wir schließen die Kirche, weil das Erzbischöfliche Amt schließt und wir nicht Eigentümer dieses Gebäudes sind. Ich will diese Entscheidung des Erzbistums nicht beurteilen. Sie ist in der heutigen Zeit rational sicher nachvollziehbar. Aber diese Entscheidung ist nicht schön und fühlt sich am heutigen Tag auch nicht gut an.
Und damit sind wir wieder bei den Emmausjüngern. Wir brechen heute auf mit der Erfahrung der Trauer. Es geht ein Ort verloren, für einige von uns ein ganz wichtiger Ort. In ein paar Wochen beginnen die Umbauarbeiten im Gebäude des Erzbischöflichen Amtes. Die Kirche wird für den Umbau vorbereitet. Die Orgel ist bereits verkauft. Sie wird demnächst in einer Gemeinde in Polen spielen. Von der Ausstattung der Kirche werden wir einiges in unseren Schweriner Gemeinden und in anderen Gemeinden des Bistums weiterverwenden. Das Fronleichnamsfest feiern wir in diesem Jahr in St. Andreas.
Und dann, nächstes Jahr kommt neues Leben an diesen Ort. Die Kirche wird zu dem, als das sie ursprünglich gebaut wurde, ein Versammlungsraum. Sie wird als Aula und als Bewegungsraum für die Grundschüler dienen die hier zusammenkommen. Sie schreiben die Geschichte neu. In ein paar Jahrzehnten werden die ehemaligen Schüler vielleicht hier sitzen, und sich an ihre Einschulung erinnern, an eine Theateraufführung, bei der sie mitgespielt haben, an ein Schulkonzert oder an die Nachmittage, die sie hier mit Spielen und Sport verbracht haben. „Erinnerst du dich noch – damals?“ Vielleicht werden sie auch wissen, dass dies einmal eine Kirche war – und wer weiß – vielleicht wird es in 50 Jahren auch wieder eine werden. So wollen wir hier am Altar jetzt die Erfahrung der Emmausjünger aufnehmen. Aus der Trauer in die Begegnung. Jesus ist mit uns. Er zeigt sich im Brotbrechen. Überall, wo wir dies tun, wird er an unserer Seite sein. Heute hier in St. Martin und bald an einem anderen Ort. Machen wir uns auf den Weg.
Oh, das wusste ich noch nicht…
Ich werde es vermissen. Ich denke gerne an die Abiturfeiern der Stensenschule dort und Mitspielen in Kuttis Bläsergruppe zu Fronleichnam oder Weihnachten.
Auch wenn ich jetzt in Warendorf wohne – ich werde es vermissen.
Frohe Ostern allen,
Susanne Petermann
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