Eine Bekannte erzählte mir die folgende Begebenheit aus ihrem Freundeskreis: Ein Mann geht mit seiner kleinen Tochter in eine Kirche. Er erklärt ihr, dass dies ein Ort ist, an den die Leute zum Beten kommen. Vor dem Kreuz bleiben die beiden eine ganze Weile stehen. Der Vater erzählt von Jesu Tod, der hier zu sehen ist. Dann gehen sie weiter. Kurz bevor die beiden die Kirche verlassen, läuft das Mädchen auf einmal zu einer Frau die sich hingekniet hat und betet. Das Mädchen tippt sie an und sagt: „Du brauchst nicht zu ihm beten, er ist tot.“
Mit dieser ganz kindlichen Logik hat das Mädchen die Stimmung des Gründonnerstags unbewusst gut eingefangen. Es geht um den Abschied, es geht um den Tod. Die Feinde Jesu haben sich gegen ihn zusammengefunden. Der Verrat ist bereits verabredet. Ihre Hoffnung ist: Wenn wir Jesus loswerden, dann werden wir auch den Glauben an ihn los. Alle, die, die ihn für den Messias, für den Sohn Gottes, ja vielleicht für Gott selbst gehalten haben, werden verstummen. Der Tod wird sein Scheitern offenbar machen – ein Scheitern auf ganzer Linie. Wenn Jesus tot ist, dann ist Ruhe und alles bleibt, wie es war. Die Hoffnung der einen ist zugleich die Befürchtung der Jünger. Sie stellen sich schon jetzt die Frage, was werden wird. Im Johannesevangelium schließt sich an das Fußwaschung und das Mahl eine lange Rede Jesu an, in der er sie auf sein Fortgehen vorbereitet. Er spricht von der Liebe zu ihnen, die seinen Tod überdauern wird. Er spricht vom Leben, dass ihnen durch die Verbindung mit ihm geschenkt ist. Er spricht von seinem Tod als einem Heimgang zu seinem Vater – dorthin, wo die vielen Wohnungen sind, die einmal auf die Jünger warten werden. Zugleich weiß er: Die Jünger können das alles noch nicht verstehen. Jesus spricht vom Geist, den er ihnen senden wird und der ihnen die Augen für seine Wahrheit öffnen wird. Diese Wahrheit heißt: Jesus ist nicht tot, er ist erhöht, er ist in ein neues Leben gegangen.
Es war bekanntlich Friedrich Nietzsche, der den Tod Gottes ausgerufen hatte. „Gott ist tot – und wir haben ihn getötet“, so schreibt Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft“. Er meinte damit nicht das Kreuz als reales Geschehen. Er meinte den modernen Menschen, der sich von Gott losgesagt hat. Gott spielt keine Rolle mehr. Wir brauchen nicht mehr zu ihm beten. Wir brauchen uns vor ihm nicht rechtfertigen. Er wird uns auch nicht helfen. Wir können ihn vergessen. Von nun an muss der Mensch selbst klarkommen. Aus seiner eigenen Kraft kann er die Welt gestalten, und die eigenen Maßstäbe zu den verbindlichen Maßstäben machen. Es bricht das Zeitalter des Menschen an, des mächtigen Menschen.
Ich denke, wir können diesen Gedanken nachvollziehen. Was es aber heißt, wenn der mächtige Mensch sich an keine andere Instanz mehr gebunden führt als seinen eigenen Willen und seine eigene Wahrheit – davon hören wir in den Nachrichten jeden Tag. Wenn kein Gott mehr da ist, kann sich der Mensch zu Gott machen.
Glauben wir an den toten Gott oder an den lebendigen? Was feiern wir in der Heiligen Messe? Was feiern wir in der Eucharistie? Die Erinnerung an einen guten Menschen, der irgendwann einmal gelebt hat und der uns heute noch wie ein großer weiser Mann ein paar Ratschläge für unser Leben hinterlassen hat, ein paar Tipps fürs Zusammenleben? Oder feiern wir den lebendigen Gott unter uns, wirklich präsent, verborgen in der symbolischen Gestalt des Brotes und Weines? Feiern wir, dass Gott auch heute noch da ist, dass wir von ihm wirklich noch etwas erhoffen, erbitten und erwarten oder hören wir heute einfach eine alte Geschichte?
Ich erinnere mich daran, wie ich einmal mit Kindern in der Kirche war. Es waren zwei Kinder, die mit den Eltern zum Taufgespräch zu mir gekommen waren. Am Ende unseres Treffens habe ich ihnen gesagt: „Kommt ich zeige euch einmal unsere Kirche.“ Wir gingen durch die Tür. Und dann im Eingang blieben die Kinder plötzlich stehen. Das Mädchen, etwa acht Jahre alt drehte sich zu mir und sagte: „Ich habe Angst“. „Wovor hast du Angst?“ „Ich habe Angst, denn hier wohnt doch Gott.“ Mit dieser ganz kindlichen Logik hatte das Kind erfasst, was ich manchmal vergesse. Es stimmt, dies ist ein Ort, um sich in die Präsenz Gottes zu stellen. Das ist etwas Großes, vielleicht sogar Unheimliches. Ich hielt einen Augenblick inne. Dann habe ich versucht, es zu erklären: „Ja, hier wohnt Gott. Aber wir brauchen keine Angst zu haben. Gott ist nicht furchtbar. Er freut sich, wenn wir zu ihm kommen. Er mag uns. Er hat uns lieb. Wir sind seine Freunde.“ Dann gingen wir weiter in die Kirche hinein. Die Kinder haben sich gefreut.
„Weil er die Seinen liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ – damit beginnt der Abendmahlsbericht im Johannesevangelium. Es sind die beiden Zeichen des Gründonnerstags. Das Zeichen der Gegenwart in der Eucharistie und das Zeichen der dienenden Liebe in der Fußwaschung. Es ist der liebende Gott, der sich uns offenbart – und der lebendige.