Gerade hat das Tauwetter eingesetzt. Die langen Wochen von Schnee und Eis sind vorbei. Auf der einen Seite merke ich eine gewisse Erleichterung. Die Straßen sind wieder frei und das wärmere Wetter macht vieles leichter. Auf der anderen Seite ist es auch ein wenig schade. Der Winter ist in vielen Facetten schön. Die Landschaft ist hell und freundlich und das Spazierengehen auf den zugefrorenen Seen war in diesem Jahr eine echte Sensation.
Am Aschermittwoch, also zum Start der Fastenzeit schaute ich morgens aus dem Fenster. Über Nacht war frischer Schnee gefallen und die Schneedecke lag noch unversehrt auf dem Hof. Es gibt in der Natur nichts was heller und reiner ist als frischer Schnee. Das Weiß des Schnees wurde daher immer wieder als Bild für die größtmögliche Reinheit verwendet.
Mit Blick auf diese reinweiße Schneedecke vor mir fiel mir plötzlich Michael Wüstenberg ein. Sie werden ihn wahrscheinlich nicht kennen. Wüstenberg ist ein Priester aus Hamburg, der die meiste Zeit seines Dienstes in Südafrika gelebt hat. 2007 wurde er dort zum Bischof des kleinen Bistums Aliwal im Zentrum des Landes ernannt. Er wählte sich zur Bischofsweihe einen ungewöhnlichen Leitspruch. Er lautete: „Red as scarlet, white as snow“ – „Rot wie Scharlach, weiß wie Schnee“. Als ich diesen Spruch das erste Mal las, konnte ich damit gar nichts anfangen. Später wurde mir klar, dass es sich hier um ein Zitat aus dem Buch Jesaja handelt. Dort heißt es:
„Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen! Kommt doch, wir wollen miteinander rechten, spricht der HERR. Sind eure Sünden wie Scharlach, weiß wie Schnee werden sie.“ (Jes 1,16-18)
Michael Wüstenberg hat mir erklärt, warum es dieses Wort für seinen Auftrag in Aliwal ausgesucht hat. Er sagte mir sinngemäß: Wir leben hier in Südafrika in einer Situation, in der wir die Folgen des Bösen und der Sünde besonders merken. Wir sehen, wie korrupte Politiker das Volk im Stich lassen, wie große Wirtschaftsunternehmen Menschen und Natur ausbeuten, wie aber auch die Menschen untereinander den Kompass für das Gute häufig verloren haben. Unser Dienst muss ein Dienst an der Versöhnung sein, ein Dienst im Kampf gegen die Sünde, ein Kampf gegen das Böse.
Was das Bibelwort sagt ist, dass Gott uns zu Mitarbeitern eines eigentlich unmöglichen Vorhabens macht. Dass aus dem dunklen Rot ein reines Weiß wird, ein „Weiß wie Schnee“ ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Es deutet an, dass das Werk der Versöhnung und der Gerechtigkeit Gottes etwas Gewaltiges ist, nämlich den Menschen eine ursprüngliche Gutheit zurückzugeben. Der Kampf gegen das Böse ist biblisch nicht einfach nur eine Behandlung von Symptomen, sondern eine substantielle Veränderung.
„Red as scarlet, white as snow“ – dieses Zitat passt damit genau in die Fastenzeit und zum heutigen Evangelium von den Versuchungen Christi. Die liturgischen Gebetstexte der Fastenzeit greifen das Motiv immer wieder auf: „Bekehrt euch!“, „Lasst euch versöhnen!“, „Lass uns die List des Feindes durchschauen!“, „Hilf uns, das Böse zu bekämpfen!“. Solche Worte sind wir eigentlich nicht mehr gewohnt. Wahrscheinlich empfinden viele sie als veraltet oder unpassend. Das Evangelium von den Versuchungen, in dem Jesus mit dem Teufel streitet – es hat etwas Märchenhaftes. Ich glaube, wir sollten uns von den Worten nicht irritieren lassen. Es geht in der Sache um etwas sehr Wichtiges.
Jesus widersteht der Versuchung und dem Bösen. Wie macht er das? Zunächst ist auffällig, dass der Teufel Jesus anstiftet, Dinge zu tun, die sich später ohnehin für ihn erfüllen werden. Jesus soll aus Steinen Brot schaffen, um seinen Hunger zu stillen. Er wird bei der Speisung der 5000 Brot für die Menschen schaffen und ihren Hunger stillen. Jesus soll sich vom Tempel stürzen, damit Gott gezwungen ist, ihn zu retten. Er wird sich in den Tod geben und von Gott gerettet werden. Jesus soll sich mit Hilfe des Teufels zum Herrscher über die Reiche der Erde machen. Er wird von Gott zum Herrscher erhoben werden. Am Ende des Evangeliums sagt er: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18).
Der Teufel nimmt also einen Teil dessen voraus, was ohnehin geschehen wird. Er versucht allerdings, Jesus dahin zu bringen, dass dieser ihm, dem Teufel, als Auftraggeber folgt und nicht Gott. Es geht also darum, „wes Geistes Kind die Mission Jesu ist“, wem Jesus gehorsam ist. Der Teufel versucht, den unverbrüchlichen Gehorsam Jesu gegenüber dem Willen seines Vaters aufzubrechen und ihn für Einflüsse anderer Art zu öffnen: Eigennutz, Hochmut und Machtstreben.
Hier möchte ich ein wenig Theologie ins Spiel bringen und einen zentralen Gedenken von Hans Urs von Balthasar nennen, einem einflussreichen Theologen des 20. Jahrhunderts. Balthasar ist der Aspekt des Gehorsams Jesu besonders wichtig. Er sagt: Jesus handelt nie aus eigenem Antrieb, sondern immer aus dem Willen Gottes. Das unterscheidet ihn von allen anderen Menschen, denen dies in dieser Ausdrücklichkeit so nur zum Teil möglich ist. Balthasar schreibt:
Die paulinischen und johanneischen Aussagen über diesen Gehorsam [Jesu] schließen eindeutig aus, dass Jesus einen anderen Willen erfüllt als den des Vaters. Weder gehorcht er „seinem Gewissen“, „seiner Überzeugung“, noch folgt er als Mensch dem Willen seiner eigenen Gottheit; solche Aussagen, selbst wenn sie sich als theologische Folgerungen gäben, würden die Hauptaussage verdunkeln, die nur durch eine trinitarische Voraussetzung durchgehalten und erhellt werden kann: dass der Eine, der nun in Jesus Christus als Mensch vor uns steht, den Willen des Andern tut […].[1]
Es geht also nicht darum, einer bestimmten Weisung oder bestimmten Regeln zu folgen, um das Gute zu tun und das Böse zu erkennen und zu vermeiden. Für Balthasar ist Jesus in der Weise gehorsam, dass er von Gottes Wort und Willen so erfasst ist, dass zwischen ihm und dem Vater kein Unterschied mehr besteht. In dieser tiefen Verbundenheit ist somit auch die Provokation des Teufels für Jesus leicht zu durchschauen. An einer anderen Stelle weist Balthasar darauf hin, dass das Erkennen des Bösen eben nur möglich ist, wenn es einem klaren Hintergrund gibt, von dem es sich abhebt.[2] Wir Menschen können diese Klarheit des Willens Gottes nicht in gleicher Weise haben, aber in der Sicht Balthasars ist das christliche Lebensprojekt natürlich dann (gut jesuitisch) davon geprägt, sich in die Gestalt Christi und in seine Form des gehorsamen Tuns und Redens hineinzumeditieren.
Das sind etwas komplizierte Gedanken. Ich möchte daher ein Bild verwenden, das mir gerade das schöne Winterwetter zur Verfügung gestellt hat. Am Freitag machte ich nämlich einen Spaziergang auf dem zugefrorenen Schweriner See. Ich ging vom Schlossgarten über das Eis hinüber in Richtung Franzosenweg. Auf dem Weg dahin passierte ich eine Boje. Sie markiert sonst die Fahrrinne für die Boote, die aus der Schlossbucht auf den See fahren. Die Boje war im See festgefroren. Sobald das Wasser Eis wird, gibt es keine Fahrrinne mehr. Die Boje hatte ihre Funktion verloren.
Im normalen Zustand betrachte ich das Wort Gottes oder die Gebote als eine Art Boje, die den richtigen Weg markiert. Ich kann mich an diese Hinweise für mein Leben halten und hoffen, dass sie mich schon den richtigen Weg führen. Balthasar würde sagen: Für Jesus verlieren diese Signale eigentlich ihre Bedeutung, weil in einem anderen Modus, in einem anderen Zustand unterwegs ist. Er kann überall sicher gehen, weil er nicht auf schwankendem Wasser, sondern auf festem Untergrund unterwegs ist. Für uns normale Menschen allerdings kann es in der Nachfolge und Sendung Jesu aber auch solche Phasen geben, in denen uns der Untergrund fest ist, wir also eine klare Vorstellung von Gottes Willen für unser Leben haben können. Solche Episoden können vielleicht nur kurz sein, aber es gibt sie tatsächlich (man denke an Petrus, dem es gelingt, für einen kurzen Moment Jesus auf dem See entgegengehen zu können). Es gibt für die Fastenzeit zwei Möglichkeiten, sie zu betrachten: Die Besinnung auf das Gute kann verstanden werden als „Korrektur“ oder „Neuausrichtung“ auf schwankender Fahrt. In einem umfassenderen Sinn kann sie aber auch bedeuten, die eigene Sendung, den eigenen Auftrag, die eigene Nachfolge neu in den Blick zu nehmen, nach Gottes Willen zu suchen im Sinne einer echten Veränderung, im Sinne eines Einstimmens in sein großes Veränderungswerk, in das Werk der Versöhnung und Gerechtigkeit, dass mich selbst und die Welt transformieren soll.
[1] Aus einem Artikel Balthasars über den Gehorsam von 1969, hier im Ganzen zu lesen: geist-und-leben.de/archiv/archiv-gul/gul-42-1969/heft-3-mai-juni-52/abhandlungen-hans-urs-von-balthasar-christologie-und-kirchlicher-gehorsam-185−203/?layout=file
[2] Hans Urs von Balthasar, Theodramatik, Bd. III, 146ff.