Hässliche Kirchen? – Ein paar Empfehlungen zum Besuch moderner Gotteshäuser

Auf Reisen gehört der Besuch von Kirchen für die meisten selbstverständlich dazu. In ihnen spiegeln sich Geschichte und Kultur eines Ortes oder einer Region. Die Kirchen sind neben ihrer geistlichen Funktion Orte der Architektur und Kunst. Die berühmten Kathedralen, Wallfahrtskirchen und Klöster stehen bei Besuchern an erster Stelle. Weniger Beachtung finden „moderne“ Kirchen. Dabei ist das 20. Jahrhundert sicher das Jahrhundert in dem zahlenmäßig die meisten Kirchen gebaut wurden. Als die Metropolen sich erweiterten und um die alten Stadtkerne herum neue Viertel entstanden, war es bis vor Kurzem selbstverständlich, diese auch mit neuen Gotteshäusern auszustatten. Bis in die 20er Jahre hinein galt dabei für den Kirchenbau das Schönheitsideal der Gotik und Romanik. Man kann sicher von der größten architektonischen Retro-Welle in Europa sprechen, in der ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Eindruck von Romantik und Nationalismus das „ursprüngliche“ Christentum in seiner mittelalterlichen Ausprägung das ästhetische Empfinden weiter Teile der Kirchenleitungen prägte. Viele Kirchen, die heute in unseren Städten zu sehen sind, sind viel jünger, als man auf den ersten Blick vermutet. Neue Kirchenbauten, die sich einer veränderten Architektur verschrieben hatten, kamen erst langsam hinzu. Der Jugendstil, vor allem aber die Bauhaus-Bewegung (die zeitlich auf kirchlicher Seite mit der sogenannten Liturgischen Bewegung korrespondierte) brachten neuen Schwung in die sakrale Architektur. Daneben etablierte sich ein neoklassischer, sachlicher Stil. In Köln, Frankfurt oder im Ruhrgebiet entstanden riesige „Arbeiterkathedralen“ im neuen Stil, die heute zur klassischen Moderne zählen.

Klosterkirche von Meschede (Sauerland)

Der nächste große Wandel erfolgte mit der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils in den 60er und 70er Jahren. Die katholischen Kirchen wurden den neuen Gegebenheiten angepasst. Man entfernte zum Teil die alte Kirchenausstattung, errichtete die freistehenden Volksaltäre und schuf neue Prinzipalien: Ambonen, Tabernakel, Priestersitze. Es galt, den liturgischen Raum auf die gemeinschaftliche Feier der Eucharistie hin auszurichten. Unter dem Leitbild der „Gemeinde“ wurde der „Communio-Raum“ populär, in dem die Bänke oder Stühle um die Altarinsel herum gruppiert wurden. Kirchen erhielten so eher den Charakter von sakralen Versammlungsräumen. Es entstand eine zeitgemäße Kirchenkunst. Fenster, Kruzifixe, Wandteppiche, Heiligenfiguren und liturgische Geräte wurden neu gestaltet. Was heute manchen als „hässlich“ oder „langweilig“ gilt, war im Sinne eines „modernen“ Kirchen- und Liturgieverständnisses damals zum Teil spektakulär. Besonders der Baustoff Beton ermöglichte eine neue Formgebung und gab Raum für Experimente. Ab den 90er Jahren folgte der Kirchenbau meist dem Ideal der Postmoderne. Der Kirchenbau war ähnlich wie der Museumsbau davon geprägt, „transzendente“ Räume zu schaffen – viel Licht und viele weiße Wände, abstrakte Formen und die Baumaterialien Holz, Glas und Stein prägen seither den Kirchenbau.

Wer ein wenig Freude am Kirchbau hat, sollte sich auch die „modernen“ Kirchen anschauen, auch wenn ihr Schatz an Kunst und Geschichte selbstverständlich noch nicht so alt und „etabliert“ ist. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass auch hier mit der Zeit ein Ausleseprozess erfolgen wird. Jede Epoche bringt große und durchschnittliche, zuweilen sicher auch misslungene Architektur hervor. Ich möchte im Folgenden ein paar moderne Kirchenbauten vorstellen, die aus meiner Sicht einen Besuch wert sind und bei dieser Gelegenheit ein wenig über die Ideengeschichte der neueren Kirchbauepoche ab Mitte des 20. Jahrhunderts berichten. Leider habe ich nicht zu allen der beschriebenen Kirchen eigene Fotos. Eindrücke lassen sich aber über eine einfache Suchmaschineneingabe leicht gewinnen.

Wallfahrtskirche Ronchamp, Frankreich (1950)

Die Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut im Burgund ist noch heute ein Pilgerort, allerdings weniger aus religiösen, als aus architektonischen Gründen. Sie wurde vom Architekten Le Corbusier entworfen, der in Architektenkreisen eine fast heiligenmäßige Verehrung genießt. Corbusier war ein radikal moderner Denker. Seine Gebäude sind meist aus Beton, hart und kantig. Berühmt wurde er für seine Ideen zum neuen Wohnen, für hohe, sachliche Wohntürme aus Glas und Beton. Dabei war Corbusier ein Anliegen, eine Verbindung zwischen Gebäude und Umgebung zu schaffen. Die Höhe seiner Gebäude war z.B. eine Antwort auf den Flächenverbrauch moderner Städte. Corbusier strebte eine Kompaktheit an, in der durch kurze Wege Wohnen, Arbeit und Freizeit möglichst optimal miteinander verbunden werden sollten. Die von ihm entworfene Kirche in Ronchamp liegt auf einer kleinen Anhöhe inmitten der Natur. Corbusier war es wichtig, die Sichtachsen in die Natur hinaus zu wahren. Auf der Ostseite befindet sich ein gestalteter Freiplatz für Gottesdienste, von dem aus man einen schönen Ausblick in die Landschaft erhält.

Das Gebäude selbst war zu seiner Zeit allerdings eine echte Neuheit. Corbusier verzichtete auf fast alle Standards des Kirchenbaus. Er konstruierte ein Gebäude auf asymmetrischem Grundriss, ohne Apsis. Die Dachkonstruktion aus geschwungenem Beton, die nach den Erkenntnissen der Flugzeugsbaus als dünne Schale konzipiert wurde, zeigt eine organische Form. Corbusier hatte sich Zeit seines Lebens mit Naturformen, vor allem Muscheln und Versteinerungen beschäftigt. Im Inneren schaut der Besucher nach Eintritt auf eine durchbrochene Betonwand. In sie hat Corbusier kleine farbige Fenster mit marianischen Symbolen eingelassen. Das Licht gibt dem nüchternen, unverputzten Betoninnenraum eine sakrale Atmosphäre und vor allem Farbe. Weite Teile des Innenraums sind leer. Der kleine Altarraum an der Ostseite fügt sich bescheiden in den Raum ein. Der eigentliche liturgische Bereich ist also nur ein Teil des Ganzen. Die Kirche wirkt so weniger als ein Gottesdienstraum als wie ein Schutzraum zur persönlichen Einkehr.

Mariendom Neviges (1968)

Der kleine Ort Neviges in der Nähe von Bochum ist seit 1680 aktiv. Dort wurde ein kleines Marienbild in einer kleinen Barockkirche verehrt. Als die Pilgerströme noch in den 50er und 60er Jahren so groß wurden, dass die eigentliche Pilgerkirche sie nicht mehr bewältigen konnte, beschloss das Erzbistum Köln 1965 den Bau einer neuen, riesigen Wallfahrtskirche. Im Architektenwettbewerb setzte sich Entwurf durch, der allerdings offensichtlich nicht den Beifall des Kölner Kardinals Joseph Frings fand. Er beauftragte stattdessen den Kölner Baumeister Gottfried Böhm mit der Bauausführung.

Das heutige Gebäude ist im Stil des Brutalismus gebaut (von „beton brut“ – gemeint ist ein roher, unverputzter Beton). Er konstruierte ein wahres Gebirge aus Beton, das sich an seiner höchsten Stelle bis auf 34 Meter erhebt. Die Kirche fasst etwa 3000 Menschen. Der zentrale Kirchraum ist von mehreren Emporen umgeben. Bei Tageslicht schaut man nach oben in ein mystisches Dunkel, welches die obere Decke verbirgt. Mehrere großflächige Buntglasfenster mit abstrakten Motiven geben, ähnlich wie Ronchamp dem Raum eine eigene Farbgebung.

Das Gnadenbild selbst befindet sich an einer hohen Säule in einem abgegrenzten Kapellenraum neben dem Hauptschiff. Ein solcher Raum ist auch für den Tabernakel geschaffen worden. Durch Treppen gelangt man in einen Unterkirchenbereich, in dem sich eine weitere Kapelle und die Beichträume befinden. Die Kirche ist in ihrer Anmutung eine Mischung aus Kathedrale und Bergwerk. Der Architekt selbst assoziierte die Kirchengestaltung mit einem Zelt. Dies ist eine typische Deutung der nachkonziliaren Zeit. Sie knüpft an das Bild des „wandernden Gottesvolkes“ an, das alttestamentlich auf der Wüstenwanderung im Offenbarungszelt ein mobiles Heiligtum mit sich führte.

Der riesige Raum ist für Gottfried Böhm damit auch eine Symbol für die Welt. Er umfasst die ganze Lebenswelt der Pilger. Und tatsächlich lassen sich im Mariendom einige lange Wege zurücklegen. Die Kirche wird hier zu einem Komplex von Räumen, die die Begegnung mit Gott in unterschiedlicher Weise zum Inhalt haben.          

Klosterkirche Nütschau (1974)

1960 wurde in Schleswig-Holstein ein neues Benediktinerkloster in der Nähe von Bad Oldesloe gegründet. Die Nebengebäude für den Gästebetrieb und auch die Klosterkirche wurden in den 70er Jahren von Eduard Frieling gestaltet. Er entwickelte eine Architektur aus Holz und Glas, die sich fast unauffällig in das Klostergelände hineinduckt. Die Kirche selbst ist von außen kaum als solche zu erkennen. Sie ist kein himmelstürmendes Bauwerk, sondern eine fast fragile Konstruktion mit menschlichem Maß. Die Außenwände bilden Glasfenster, die in abstrakten organischen Formen das ganze Farbspektrum widerspiegeln und zudem den Blick nach außen, in das Freigelände zulassen. Im Geist der 70er Jahre ist hier alles auf die Gemeinschaft hin ausgelegt, die sich um den zentralen Altar versammelt. Bewusst hat man auf eine räumliche Abtrennung zwischen dem Chorraum der Mönche und der Gemeinde verzichtet. Alle sitzen in den gleichen gebogenen Bankreichen, die einen nach vorne offenen Kreis bilden. Die Altarwand aus einem transparenten Kunst- oder Verbundstoff geschaffen, zeigt die zentrale Anordnung der Apokalypse, in der Mitte den auf dem Regenbogen thronenden Weltenrichter Christus. Der eingelassene Tabernakel ist ebenfalls transparent und lässt den Blick auf das Allerheiligste zu. Im Grunde präsentiert die Kirche den Grundgedanken der gotischen Basilika, Abbild des künftigen Jerusalem zu sein – allerdings tut sie das in der Bildsprache ihrer Zeit. Die Glasfenster verweisen dann auf die aus Edelsteinen gestalteten Mauern des neuen Jerusalem, das die Heimat der Erlösten sein möchte, in diesem Fall der in der Kirche versammelten Gemeinschaft.

Autobahnkirche Baden-Baden (1976)

An der Raststelle Baden-Baden an der A 5 findet sich ein eindrucksvolles Werk der Kirchenkunst der 70er Jahre. In der kirchlichen Ideenwelt dieser Zeit findet sich der Impuls wider, den das II. Vatikanische Konzil für das Selbstverständnis der Kirche gegeben hatte: eine starke biblische Neufundierung, den zentralen Gedanken des wandernden Gottesvolkes und eine neue Öffnung für die weltlichen und geschichtlichen Fragen der Zeit. Das Zeltdach, das schon für den Mariendom in Neviges eine prägende Idee war, taucht in den 70er Jahren immer häufiger auf. Die Kirche ist gottesdienstlicher und geistlicher Rastort des immer noch durch die Zeit wandernden Volkes Gottes. In Baden-Baden fügten der Architekt Friedrich Zwingmann und der Künstler Emil Wachter diesem Zelt eine zweite, etwas ungewöhnliche Ebene hinzu. Die Kirche in Pyramidenform mit vier Wegen, die auf sie zuführen erinnert an ein antikes Heiligtum. Dazu tragen die kleinen Türmen und Tore außerhalb der Kirche bei, die zwar auf biblische Figuren verweisen, aber zugleich auch in ihrer Formgebung und Bildgestaltung an Ruinen von Maya-Tempeln oder babylonische Kultstätten erinnern. Alles hier ist zugleich ganz modern und uralt. Emil Wachter strich die Aktualität der biblischen Botschaft heraus: „Die Gestalt des Menschen und der Welt haben wir nicht erfunden. Ignorieren und zerstören wir sie, so begehen wir die Sünden der Genesis. Adam und Eva sind wir. Die Sintflut findet heute statt; wir wohnen mitten in Babel.“ Die Grundkonstellation der Bibel zwischen Schöpfungsgeschichte und Apokalypse (die in Glasfenstern der Kirche illustriert wird) bilden so etwas wie einen stets gültigen Rahmen der menschlichen Gesellschaft, die sich in immer neue Katastrophen verstrickt. Die Kirche versteht sich hier als kritische Instanz gegenüber der Welt, als eine Alternativgesellschaft, die sich aus der guten Botschaft der Versöhnung, der Gerechtigkeit und des Friedens speist. Die Kritik vollzieht sich auch in das Innere. So versteht man in den 70er Jahren auch das Neue Testament als institutionskritische Schrift und beruft sich aus ein kirchliches Ideal der Urgemeinde. Die Kirche, so sagt man, müsse sich von ihren Verfremdungen frei machen und zu ihren Ursprüngen zurückkehren. In Baden-Baden ist alles Ursprung. Die reichen Bilder an den Türen und in den umlaufenden Buntglasfenstern erzählen biblische Geschichte. Der Kirchraum selbst ist ein Zentralraum. Der Altar steht in der Mitte der gottesdienstlichen Versammlung. Unter dem quadratischen Gottesdienstraum haben Architekt und Künstler eine Krypta geschaffen. Hier begegnen die archaischen Bildwelten der Außenskulpturen wieder. Die Krypta wird zu einer Art Katakombe, einem Ursprungsort des Christentums und erinnert wieder an alte Tempel und Heiligtümer.[1]

Edith-Stein-Kirche, Hamburg-Neuallermöhe (1992)

Ab den 80er Jahren entstanden entlang der Hamburger S-Bahnlinie 2 zwischen Bergedorf und der Innenstadt neue Wohngebiete. Zu den Neuzugezogenen gehörten viele Aussiedler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Man entschied sich wegen des relativ hohen Katholikenanteils zum Neubau einer Pfarrkirche. Damals gehörte Hamburg noch zum Bistum Osnabrück. In Neuallermöhe entstand ein zeitgemäßer Raum, der neue Ideen des Kirchbaus berücksichtigte. Zur gleichen Zeit wurde im Pariser Vorort Evry eine neue Kathedrale gebaut, ein Entwurf des Schweizer Architekten Mario Botta, dessen Bauidee die neue Pfarrkirche beeinflusste. Botta wählte für Evry einen Ziegelbau auf einer runden Grundfläche und verzichtete auf einen Glockenturm. Die Edith-Stein-Kirche tat es ihm nach. Die kreisrunde Kirche aus Ziegelsteinen verfügt über ein zur Altarseite hin ansteigendes Dach, das durch ein durchsichtiges Fensterband durchbrochen ist. Der Altar selbst steht auf einem kreisrunden Podest im hinteren Drittel der Kirche. Der runden Formgebung folgt auch die aus Beton gestaltete Orgelempore. Besonders ist die Ausgestaltung, die durch den Kölner Künstler W. Gies realisiert wurde. Gies arbeitet mit viel Farbe. Er fügte an der Stirnwand ein großes gelb-weißes Fenster ein, dessen schwarze Innenrahmen ein großes Kreuz bilden. Das Gelb findet sich als Leitfarbe auch im Ambo und in den kleinen Seitenfenstern wieder. Die großen Eingangstüren in kräftigem Rot, geben die Zugang zu einem angebauten Gemeinderaum frei, so dass sich die Kirche bei Bedarf erweitern lässt. Der Raum erhält durch Material, Form- und Farbgebung eine warme, geborgene und frohes Prägung. W. Gies gestaltete ein hölzernes Vortragekreuz, das je nach liturgischem Anlass eine gelbe oder schwarze Seite zeigt, außerdem passende farbige Messgewänder. Die Kirche ist in einen kleinen Gebäudekomplex eingefügt, der neben Sakristei und Gemeinderaum auch Büros, Wohnungen, Beratungsräume und einen Kindergarten enthält. So ist auf überschaubarer Fläche ein zugleich geistlicher wie auch sozialer Ort inmitten eines neuen Stadtzentrums entstanden.

Kapelle im Exerzitienhaus Hoheneichen, Dresden (1998)

Am Dresdner Elbhang liegt das Exerzitienhaus Hoheneichen. Es diente bereits in DDR-Zeiten als Haus für Besinnung und Geistliche Tage. In den 90er Jahren wurden ein neuer Seminartrakt und eine neue Kapelle gebaut. Bei dieser handelt es sich um ein sehr schlichtes, rechteckiges Gebäude, das auf einer tragenden Holzkonstruktion aufbaut. Der Raum erinnert an eine Scheune. Über einen Steg gelangt man in das Innere, das sich durch große Schlichtheit auszeichnet. Im Geist der inneren Einkehr verzichtet die Kapelle fast auf jegliches Dekor und präsentiert lediglich die für den Gottesdienst notwendigen Ausstattungsstücke. Diese nehmen den umliegenden Wald auf. Der Künstler Klaus Simon hat aus alten Eichenstämmen den Altar und eine als Raumteiler dienende Holzskulptur gestaltet. Er verwendet dabei das Kreuz als Gestaltungssymbol, das als Negativform (also ausgeschnitten) in der Skulptur zu finden ist. Für den Altar wählte Simon einen dreistrahligen Ausschnitt, der auf das Wesen Gottes verweist.

Die Kapelle konzentriert auf das Wesentliche und versinnbildlicht damit den Zweck der Exerzitien, die Abgeschiedenheit zum Zweck der persönlichen Begegnung mit Gott. Baulich entspricht sie dem ab den 90er Jahren sehr populären Transzendenz-Raum, in dem die helle Architektur durch Licht und Form Raum für die Begegnung mit dem Jenseitigen Gottes schaffen soll. Zugleich sind die Räume dieser Epoche wenig explizit christlich oder katholisch sondern lassen eine bewusste Öffnung für eine individuelle Spritualität.

Bruder-Klaus-Kapelle, Mechernich (2007)

Der vielleicht spektakulärste Kirchbau der letzten Jahre in Deutschland bietet kaum 5 Personen Platz. Als Dank für ein erfülltes Leben ließ ein Ehepaar auf seinem Feld mitten in der Eifel in der Nähe von Mechernich eine Privatkapelle erbauen. Als Architekt konnte der Schweizer Architekt Peter Zumthor gewonnen werden. Gewidmet ist die Kapelle dem Schweizer Heiligen Klaus von der Flüe, der als Einsiedler gelebt hatte. Zumthor ließ zunächst ein Tipi aus Fichtenstämmen errichten. Um die Stämme herum wurde dann nach traditionellem Handwerk und in Handarbeit die Außenwand aus Stampfbeton errichtet. Die Wände werden durch eingelassene Glasstäbe unterbrochen, die neben der Öffnung im Dach ein wenig Außenlicht in den Raum bringen. Der Boden wurde ebenfalls von Hand aus Zinn gegossen. Nach Aushärten des Betons wurde durch ein Feuer die innere Holzstruktur verkohlt und herausgeholt, so dass sich die verrußten Abdrücke der Baumstämme den Innenraum strukturieren. Eine kleine dreieckige Tür führt in den Innenraum und damit in eine meditative Abgeschiedenheit. Einige wenige Gestaltungselemente, unter anderem das Meditationszeichen des Klaus von der Flüe, sowie eine kleine bronzene Abbildung des Heiligen. Die Kapelle ist so etwas wie eine geistliche Schutzhütte, ein sehr archaischer, naturnaher Raum, Ausdruck einer inniglichen Gottessuche und spirituellen Auseinandersetzung.

Ich habe hier nur einige wenige Kirchen vorstellen können, die bei mir persönlich einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Sie stellen nur ein paar Beispiele aus der Fülle moderner Kirchbauten dar. Wer mehr Interesse hat, kann auf der Seite des Projekts „Straße der Moderne“[2] weitere Beispiele anschauen oder auf gut Glück bei seinem nächsten Ausflug oder Urlaub selbst auf Entdeckungstour gehen.       

Beitragsbild: Aufgang von der Unterkirche in der Pfarrkirche Herz Jesu, Lissabon    


[1] Für einen visuellen Eindruck bietet die Autobahnkirche einen virtuellen Rundgang an: Rundgang

[2] Straße der Moderne – Startseite

Ein Kommentar zu „Hässliche Kirchen? – Ein paar Empfehlungen zum Besuch moderner Gotteshäuser

  1. Ja, es ist wohl zutreffend, dass mancher moderne Architekt es geschafft hat, seine philosophische Weltsicht meisterhaft in Beton zu gießen. Und doch denke ich, dass beinahe  alle (post-) modernen Architekten ein zentrales Ziel des Kirchenbaues verfehlt haben: einen Raum zu schaffen, der den Menschen in einen Modus der andächtigen Stille versetzt.

    Man kann auch heute noch beobachten, dass kleine romanische oder gotische Dorf- oder Wallfahrtskirchen auf aufgewühlte Schulklassen einen beruhigende Wirkung ausüben können und dass sie viel eher einzelne Beter anzuziehen vermögen als Bauten der Nachkriegszeit.

    Der Baumeister des Mittelalters hatte nicht so sehr die zur Schaustellung der eigenen Weltsicht zum Ziel. Er strebte vielmehr „Soli Deo Gloria“ an und konnte darauf vertrauen, dass gegebenenfalls nachfolgende Generationen das Bauwerk auch in diesem Sinne vollenden würden. Es war wohl das nachhaltigere Vergehen.

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