Kennen Sie noch Peter Zwegat? Peter Zwegat wurde vor etwa 20 Jahren im Fernsehen bekannt. Er war der Hauptakteur in der RTL-Show “Raus aus den Schulden”. Darin ging es um Menschen, die die Kontrolle über ihre Finanzen verloren hatten. Es waren ganz unterschiedliche Fälle, die dort gezeigt wurden. Mal kamen Menschen vor, die einfach über Jahre über ihre Verhältnisse gelebt haben und nun nicht mehr wussten, wie sie die ganzen Forderungen bedienen sollten. Es gab aber auch tragische Fälle, eine Familie etwa, die ein Haus gekauft hatte und auf einmal kam ein Unglück, eine Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Scheidung oder etwas ähnliches. Die Schulden wuchsen den Leuten mit einem Mal über den Kopf, die Kredite wurden durch neue Kredite bedient, Verwandte oder Freunde wurden angepumpt und es entstand ein Netz aus Schulden. Zum Schluss wurden Mahnbriefe nicht mehr geöffnet, die Schulden wurden ignoriert, bis es irgendwann nicht mehr ging.
Man mag von solchen Formaten des Reality-TV nicht viel halten. Zu leicht werden dort Menschen öffentlich vorgeführt. Diese Sendung allerdings hatte einen Vorteil. Sie zeigte die Arbeit der Schuldnerberatung. Peter Zwegat, der Schuldnerberater, begann damit, dass er alle Unterlagen der Schuldner sichtete und eine Aufstellung der Schulden vornahm. Damit konfrontierte er seine Kunden. Es zeigte sich, dass es bei der Beratung um mehr ging, als bloß um finanzielle Fragen. Um dem Schuldensumpf zu entkommen, brauchte es zunächst eine wirkliche, realistische Einsicht in die eigene Situation, einen Schockmoment, der dazu führen sollte, einen Sinneswandel, man könnte glatt sagen, eine Bekehrung herbeizuführen. Erst, wenn der feste Vorsatz gefasst war, die eigenen Probleme anzugehen und etwas dagegen zu tun, konnte die Arbeit weitergehen. Die finanziellen Schulden hatten häufig andere Probleme mit sich gebracht: Streit und Probleme in der Beziehung und in den Familien. Verzweiflung, Depression oder Krankheiten, zerrüttete Verhältnisse zu Freunden oder Bekannten, die Geld geliehen hatten, zerstörtes Vertrauen zu Firmen und Institutionen, Gerichtsprozesse, die angestoßen worden waren. Der Weg “raus aus den Schulden” musste alle diese Komponenten mitbedenken. Es ging bei den Schuldnern häufig um einen Wechsel in den Lebensverhältnissen. Sie mussten ihre Kaufgewohnheiten verändern, sich von ihrem Auto oder ihrem Haus verabschieden, bescheidener leben und zudem vor allem immer wieder bei den anderen um Vertrauen werben. Neben dem Girokonto musste meist ein ganzes Leben wieder ins Lot gebracht werden.
Vom Begriff “Schulden” zu “Schuld” ist es im Deutschen nicht weit. Es ist kein Wunder, dass Jesus im Evangelium (Mt 18, 21-35) ein Beispiel verwendet, dass von finanziellen Schulden ausgeht, um etwas über die moralische Schuld und die Notwendigkeit zur Vergebung zu sagen. Denn die moralische Schuld hat ganz ähnliche Dynamiken, wie die finanziellen Schulden. Wer Schuld auf sich lädt, hat zunächst meist gute Chancen, den entstandenen Schaden schnell wieder aus der Welt zu schaffen. Ein einzelner Kredit, gerade, wenn er nicht so hoch ist, lässt sich leicht wieder zurückzahlen. Eine einzige Verfehlung kann mit der nötigen Entschuldigung und Vergebung schnell wieder ins Lot gebracht werden. Schwierig wird es, wenn die Schuld liegenbleibt und nicht bearbeitet wird. Dann steigert sie das Misstrauen der anderen, schädigt die Beziehungen. Denken Sie an öffentliche Skandale, wie etwa den um den Präsidenten des spanischen Fußballverbandes. Ein Fehlverhalten, das durch die Einsicht, ein Schuldeingeständnis und eine Wiedergutmachung hätte überwunden werden können. Stattdessen: Ausflüchte, Schutzbehauptungen, öffentliche Debatten, Beschuldigung anderer, eine große Diskussion und schließlich ein riesiger Schaden. Die Schuld birgt die Gefahr, sich in ihr zu verstricken, sie größer werden zu lassen, bis sie dauerhaften Schaden anrichtet.
“Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?” – Diese Frage stellt Petrus. Und Jesus antwortet ihm: “Nicht siebenmal sondern siebenundsiebzigmal”. In dieser Antwort steckt die Komplexität des Schuldengeschehens. Eine Vergebung, das heißt eine Aussöhnung und Wiedergutmachung muss sich durch die verschiedensten Schichten der Schuld hindurcharbeiten. Nicht nur das ursprüngliche Verschulden muss aus der Welt geräumt werden, sondern zugleich muss das Vertrauen wieder hergestellt, die Beziehung geheilt und zu einem echten Neuanfang gebracht werden. Das Vergeben ist ein mühsamer Prozess. Die Botschaft Jesu ist ja, dass wir an der Vergebungsbereitschaft Gottes Maß zu nehmen. Diese Vergebungsbereitschaft ist eine Herausforderung. Sie zielt auf eine Neuschaffung des Verhältnisses von Gott und Menschen oder auch von Menschen untereinander. Erst in diesem Sinn ist die Versöhnung vollständig. Es ist der mühsame Weg “raus aus der Schuld”, der die Fähigkeit zur Einsicht in das eigene Versagen und den Willen zur Umkehr voraussetzt. Und dennoch lohnt sich der Weg. An seinem Ende soll das versöhnte Miteinander stehen, das ohne Makel und Lasten neu aufgebaut und gelebt werden kann.
Klasse entfaltet!
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