Sakramente – Teil 6: Ausblick

Was sollen wir tun?

Was sollen wir also tun? Im Kern haben wir es derzeit mit einer „Individualisierung“, „Entmystifizierung“, „Entkirchlichung“ und vielleicht auch „Ent-Katechesierung“ der Sakramente zu tun. Die Sakramente werden unter den Gegebenheiten der heute vorherrschenden Kultur auf die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse hin betrachtet. Ihre Zeichen sprechen nicht mehr mit der sakramentalen Tiefe, mit der sie eigentlich gemeint sind. Dies hat eine gewisse Logik, wenn die These Cassirers stimmt, dass jede Kultur ihre eigenen Rituale als Ausdruck ihrer inneren Verfasstheit gestaltet. Wie die Kultur, so der Ritus, könnte man sagen. Und unsere Kultur ist im Kern derzeit individualistisch und religiös agnostisch geprägt.

Ich beobachte drei Varianten des Umgangs mit den Sakramenten. Die erste Variante ist die, den mystagogischen Aspekt besonders hervorzuheben, also die Anstrengungen der christlichen Glaubensbildung und Lebensführung zu intensivieren. Diese Linie hat vor allem Papst Benedikt XVI. verfolgt.[1] Dazu gehört auch, die sakramentalen Feiern selbst so zu gestalten, dass sie auf das „Mysterium“ stärker verweisen und von allzu viel Hinzufügungen und gemeindlicher Sondergestaltung bewahrt werden. Man versucht also, die Implikationen des Konzils umzusetzen.

Die zweite Variante des Umgangs mit den Sakramenten ist ein pastoraler Pragmatismus. Aufgrund erfahrungsbasierten Wissens um die Vergeblichkeit vieler katechetischer Prozesse beschränkt man sich in der Vorbereitung auf die Sakramente auf die nötigsten Punkte und hofft, dass der Ritus schon von sich aus sprechen wird und Gottes Gnade auch ohne allzu viel menschliches Zutun wirken kann.

Die dritte Variante ist eine schleichende Entgrenzung der Sakramente. Man versucht hier, möglichst inklusive Riten zu entwickeln, die auf die persönlichen Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten sind und so den vergleichsweise engen Rahmen der Sakramente aufbrechen.[2] Im Ergebnis werden dann liturgische Vorlagen für die Segnung von Paaren vorgelegt, die nicht kirchlich heiraten können, die sich möglichst nah am Trauritus orientieren. Bei Beauftragungsfeiern für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden plötzlich Formulierungen oder Zeichenhandlungen verwendet, die aus dem Ritus der Priesterweihe genommen sind. In ähnlicher Weise gibt es Kindersegnungen, die von der Taufe nur eine Spur unterschieden werden können, oder „Mahlfeiern“, die sich als Eucharistiefeiern ohne Priester und Messbuch inszenieren. Der Unterschied zum „offiziellen“ Sakrament wird hier verschleiert.

Ich selbst kennen alle drei Varianten auch aus eigener Praxis und Anschauung. Die letzten beiden bleiben unbefriedigend, die erste Variante („Mystagogie“) ist schwer umzusetzen. In der Praxis bewegen wir uns immer in einem Mix aus dem was wünschenswert und dem was machbar ist, aus dem, was uns die theologische Redlichkeit abfordert und dem, was dem Menschen einen guten Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, zwischen dem, was pastoral gewünscht und dem was rechtlich erlaubt ist. Ich möchte daher abschließend ein paar bescheidene praktische und auch umsetzbare Schwerpunkte skizzieren, die im Umgang mit den Sakramenten hilfreich sein können.

  1. Die „Mystagogie“ stärken. Sakramentenkatechese und -vorbereitung sollte nicht voraussetzen, dass wir es bei denen, die nach den Sakramenten fragen, mit gläubigen Christen zu tun haben. Die Katechese hat den Hang, auf ein bestimmtes Sakrament hin vorbereiten zu wollen, also ein zusätzliches Wissen weiterzugeben. Ich denke, wir müssen in der Katechese vor allem etwas tun, um den persönlichen Glauben, die Spiritualität und das Glaubensverständnis in den Vordergrund zu stellen. Zudem sollten auch in Predigten und Vorträgen in der Gemeinde immer wieder einmal die „Basics“ der Sakramentenlehre bekannt gemacht werden, ohne voreilig den sperrigen theologischen Inhalten aus dem Weg zu gehen.
  2. Den seelsorglichen Bedarf nach Sakramenten hoch schätzen. Die Hürden für den Sakramentenempfang dürfen nicht zu hoch gesetzt werden. Schließlich glauben wir, dass sich in den Sakramenten Gnade vermittelt. Allzu gewissenhafte Prüfungen der „Disposition“ der Menschen, die nach Sakramenten fragen, dürfen dem Gnadenhandeln Gottes nicht im Weg stehen. In ähnlicher Weise hat sich Papst Franziskus auch immer wieder geäußert. Zudem können die Sakramentalien eine große Hilfe sein, wo explizit eine „Zusage Gottes“ nachgefragt wird.
  3. Die Tiefendimension des Glaubens nicht verlieren. Dazu gehört für mich die eigene Einordnung in das Gesamthandeln der sakramentalen Gestalt der Kirche. Die Riten sollen so gefeiert werden, wie von der Kirche vorgesehen, ohne sie vorschnell von möglicherweise „schwierigen“ Passagen zu reinigen. Ein solches Handeln führt gerne zu einer „Verflachung“ der theologischen Tiefe und kann den Sakramenten manche Sinnspitze nehmen. In der liturgischen Gestaltung ist darauf zu achten, dass die eigentliche sakramentale Handlung nicht zur Nebensache wird (worauf man gerade bei Erstkommunion- oder Firmfeiern durchaus achten muss).  
  4. Den Umgang mit der kirchlichen Zeichensprache nicht verlieren. Wo vorschnell auf das Kreuzzeichen, auf das Händefalten, die Kniebeuge, das Weihwasser, den Messkelch etc. verzichtet wird, wird der Glaube schnell zur reinen Kopfsache. Die Impulse, die etwa Romano Guardini gesetzt hat, sind auch heute noch wertvoll. Der Glaube braucht einen sinnlichen und auch körperlichen Ausdruck, um in einem nicht-intellektuellen Sinn auch verstanden zu werden.
  5. Die prägende Bedeutung des sakramentalen Geschehens betonen. Wenn es gerade für die jüngere Generation ein besonders wichtiges Thema gibt, dann ist es das der „Identität“. Ich glaube, dass die Sakramentenlehre hier zum Teil anknüpfen kann. Ernst Cassirer verweist in seinem Werk auf den allgemeine kulturelle Praxis des ritenbegleiteten Übergangs eines Menschen in einen anderen Lebens-„Status“.[3] Diese Übergangsriten sind auch säkular durchaus bekannt und werden gefeiert. Bei den Sakramenten spricht die klassische Theologie von einem „unauslöschlichen Prägemal“ („character indelebilis“), der durch die Sakramente der Taufe, Firmung und Priesterweihe verliehen wird.[4] Bei diesen Sakramenten handelt es sich also um eine sakramentale „Identitätsbildung“, die man in schwächerem Maße auch aus dem Eheritus entnehmen kann („Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“). Die Sakramente können also als Symbole der von Gott geformten Ausbildung der christlichen Identität verstanden werden, in der der Mensch im Zusammenwirken mit Gottes Geist seine eigene Gestalt, Würde und Bestimmung ausprägt.

Zum Schluss

Wir sind einen langen Weg gegangen und trotzdem nur einen kurzen. Über eine Einführung zur Sakramentenlehre ist dieser Text nicht hinausgekommen. Vielleicht kann zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ein Blick auf die einzelnen Sakramente geworfen werden. Ein kleiner, hilfreicher Text dazu ist unter dem Titel „Zeichen des neuen Lebens“ 2017 im Johannes-Verlag erschienen. Der Band enthält eine Sammlung von Predigten Joseph Ratzingers zu den einzelnen Sakramenten.

Der vorliegende Text hatte mit einer allgemeinen Abhandlung über Zeichen und Symbole begonnen und von dort die Sakramente als „starke“ Zeichen gedeutet. Anschließend folgte eine Einführung in die Idee der „Sakramentalität“ als Grundbestimmung der Schöpfung und des menschlichen Daseins (Boff, Rahner). Von dort ging es zur klassischen (scholastischen) Sakramentenlehre, die durch den theologischen Aufbruch des 20. Jahrhunderts und im II. Vatikanischen Konzil eine wichtige Veränderung erfuhr. Die derzeitigen Schwierigkeiten bei der Vermittlung der Sakramentenlehre und die daraus resultierenden praktischen Probleme ließen sich auf dieser Grundlage gut und hoffentlich verständlich darstellen.

Im Kern geht es bei den Sakramenten um den Glauben und die Hoffnung, dass unsere Welt und unser Leben nicht „gottlos“ sind, sondern sich seiner liebenden Gegenwart sicher sein dürfen. Die Sakramente versinnbildlichen diesen Glauben und geben ihm in der liturgischen Feier Ausdruck. Ich hoffe, dass ich ein wenig Interesse wecken konnte, sich mit diesen Wesensvollzügen der Kirche ein wenig vertiefter auseinanderzusetzen.


[1] S. z.B. Sacramentum Caritatis: Nachsynodales Apostolisches Schreiben über die Eucharistie – Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche (22. Februar 2007) | BENEDIKT XVI. (vatican.va), Nr. 64.

[2] S. z.B. Markus Weißer, Mysterium und Medium, in: Wirksame Zeichen, 117-136, 118ff.; auch: Benedikt Kranemann, Sakramentliche Liturgie, Ebd, 139-154, 149ff.

[3] Cassirer, Bd.2, 50f.

[4] KKK 698.

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