Am Samstag (28.02.) war ich in Hildesheim. Ich konnte an der Bischofsweihe von Martin Marahrens zum Weihbischof teilnehmen. Mit ihm habe ich mehrere Jahre zusammen in Frankfurt und Rom studiert. Und so wurde die Bischofsweihe auch ein kleines „Klassentreffen“. Ich traf viele Studienfreunde aus vergangenen Tagen, Priester aus verschiedenen Bistümern, aus Osnabrück, Magdeburg, Berlin, Trier, Erfurt, Münster und Paderborn. Alle heben ein wenig von sich erzählt. In den kurzen Gesprächen ging es natürlich auch um die Schwierigkeiten unserer Zeit. Die Situation der Katholischen Kirche n Deutschland ist eigentlich überall gleich: Zu wenig Berufungen, Strukturveränderungen, unklare Wege in die Zukunft. Die Kirche steht als Sanierungsfall da. Auch der neue Weihbischof nahm dies in seinen Dankesworten auf: Wir stehen am Grab einer bestimmten Kirchenepoche und wissen noch nicht genau, wie es weitergeht.
Aber dann war da eben auch noch die „andere“ Kirche. Der festliche Gottesdienst, der Gesang, der geschmückte Dom. In der Weiheliturgie wird die Allerheiligenlitanei gesungen. Wir knieten gemeinsam auf dem harten Steinboden. „Herr, erbarme dich“ – und dann: Die Lange Liste der Heiligen von den Aposteln bis zu Mutter Teresa und Johannes Paul II – die Bitten und der Lobpreis Gottes. In dem Moment hatte ich einen guten Gedanken. Ich hatte das Gefühl, wieder zu wissen, warum wir eigentlich hier im Dom waren. Der Gottesdienst mit all seinen Bestandteilen, die ganze Feier, sie ist nur ein Hilfsmittel, ein Symbol, ein Verweis auf das Eigentliche: Es geht darum, die Präsenz Gottes zu bekennen, sich in die Jahrhunderte der Glaubensgeschichte einzufügen, damit Gottes Lob nicht verstummt.
Das II. Vatikanische Konzil hatte es so gesagt: Die Kirche ist ein Werkzeug, um das Dasein Gottes präsent zu machen. Sie ist ein ständiger Verweis. Das ist ihr Daseinszweck. Bei all den Debatten um Finanzen, Strukturen, Gebäude und Personal gerät das manchmal aus dem Blickfeld. Es scheint manchmal, als ob die Kirche in sich das Wichtigste wäre. Das ist ein Fehler. Die Theologie spricht von ihr als „Sakrament“. Das Sakramentale bedeutet: Das Weltliche, Sichtbare wird auf die verborgene Gegenwart Gottes hin durchsichtig.
Das Evangelium des Sonntags von der Verklärung Jesu macht das deutlich. Jesus nimmt einige seiner Jünger mit auf einen Berg. Die Jünger kennen Jesus bereits eine ganze Weile. Sie sind mit ihm unterwegs gewesen, haben seine Worte gehört und seine Taten gesehen. Sie haben ihn mit ihren irdischen Sinnen erfasst und beurteilt. Und auf dem Berg ist dann auf einmal Licht da, strahlendes Licht. Es treten die großen Glaubenszeugen der Vergangenheit auf. Die Wolke, die im Alten Testament die Gegenwart Gottes verbirgt überschattet die Szene. Die Wolke öffnet sich und die Stimme Gottes ist zu hören. Die ewige Dimension Jesu wird sichtbar. Er verweist auf die göttliche Wirklichkeit, die in und hinter ihm liegt. Das wird mit einem Mal durchscheinend. Und die Jünger? Sie fallen zu Boden, sie können nicht hinschauen, sie haben Angst. Das Evangelium ist so komponiert, dass die wahre Erkenntnis dieser sakramentalen Dimension Jesu ihnen erst nach Ostern bewusst wird. Der Raum der Gnade hat sich geöffnet – aber sie denken in ihren irdischen Kategorien. Wir könnten jetzt drei Hütten bauen. Das ist der irdische Versuch, das Glänzen der Herrlichkeit zu bergen, ihm eine dauerhafte Präsenz zu geben.
Wir werden Gott so nicht gerecht. Wir sollten das Sakramentale nicht vergessen. Wir sehen die Welt vor uns, wir sehen uns selbst und die anderen Menschen. Mit den Augen des Glaubens kann all dies sakramental sein. Hinter der Schöpfung steht der Schöpfung. Das Sichtbare ist geschrieben worden auf den Hintergrund des goldenen Lichtes. Alles ist Verweis auf die unendliche Liebe und Herrlichkeit.
Wie sähe eine kirchliche Reform aus, die sich allein diesem Gedanken verpflichtet wüsste, alles zu tun, damit die Kirche für möglichst viele ein Verweis wäre auf die größere Wirklichkeit, die sie ausdrücken möchte, eine Kirche des Lobpreises, des knienenden Gebetes und der tätigen Liebe?
Nach der Allerheiligenlitanei folgte die Weihe des neuen Bischofs. Er kniet unter dem aufgeschlagenen Evangelienbuch, ein Diener des Wortes. Er wird gesalbt und die bischöflichen Insignien werden ihm übergeben: Du bist selbst ein Werkzeug, hineingenommen in die geschichtliche und überzeitliche Wirklichkeit des Wirkens Gottes in dieser Welt. Für einen Moment ein Hauch von Tabor, eine verklärte Wirklichkeit. Der Moment geht vorbei, aber die Wirklichkeit, die er bedeutet, ist geblieben.