Geist und Technik [zum Pfingstfest]

Ich möchte Ihnen zu Beginn den Anfang des Pfingstberichts in einer etwas anderen Version vorlegen:

„Und als der fünfzigste Tag kam, versammelten sich die Brüder an einem Ort. Und plötzlich kam ein Brausen vom Himmel, als ob ein starker Wind wehe, und erfüllte das Haus, in dem sie saßen. Da erschienen ihnen die Zungen wie aus Feuer, das sich verteilt hatte und auf jeden von ihnen fiel. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu sprechen, wie der Geist ihnen gegeben hatte. Und Jerusalem war zu jener Zeit von frommen Juden überfüllt, die von Heiden dorthin gekommen waren. Und als das Geräusch zu hören war, kam die Volksmenge zu ihnen und sie waren bestürzt, weil sie alle tot waren.“

Was sagen Sie zu dieser Übersetzung? Sie ist dadurch entstanden, dass ich den Bibeltext in einer mir völlig fremden Sprache, dem Arabischen, in den Google-Übersetzer eingegeben habe. Es handelt sich also um eine rein technische Übersetzung, erstellt von einer Maschine. Ich finde erst einmal erstaunlich, wie gut der Übersetzer funktioniert. Der Sinn des Textes lässt sich aus der Übersetzung gut entnehmen. Und doch gibt es einige Fehler, die zustande kommen, weil der Computer zwar übersetzt, den Sinn aber nicht versteht. Da steht zum Beispiel, die Juden seien „von Heiden“ nach Jerusalem gekommen. Gemeint ist, „aus allen Völkern“. Oder es heißt „Sie waren bestürzt, weil sie alle tot waren“. Das macht keinen Sinn. In der Einheitsübersetzung steht dort: „Sie waren bestürzt, denn jeder hörte sie in der eigenen Sprache reden.“ Wie die Übersetzungsfehler passieren, müsste man nun analysieren. Und tatsächlich arbeiten die Entwickler der Sprachprogramme immer weiter an Verbesserungen.

Wir sehen also mit Staunen den fortgeschrittenen Stand der Technik und wissen aber, dass sie nicht ganz, sondern nur bis zu einem gewissen Grad funktioniert. Man muss vorsichtig sein. Ich würde vermuten: Je mehr wir in den zwischenmenschlichen Bereich kommen, desto unzuverlässiger wird die Technik.

Es gibt so etwas wie eine „technische Versuchung“, also die Tendenz, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen durch bestimmte Kommunikationstechniken beherrschen zu können. So verwenden wir in Mails, Postings oder Kurznachrichten Emojis, um zu markieren, wie eine bestimmte Botschaft zu verstehen ist, also etwa, dass es sich hier um einen Scherz handeln soll, eine Information oder den Ausdruck eines tiefen Missfallens. Eine der modernen Kulturtechniken ist heute z.B. der Heiratsantrag geworden, bei dem es darauf ankommt, durch einen möglichst originellen Zugang und einen hohen Aufwand, die Liebe zwischen zwei Menschen in Bilder und Worte zu übersetzen. Ob die Zustimmung zum Heiratsantrag dann allerdings aus schlichter Überwältigung erfolgt oder aus tiefer innerer Überzeugung, lässt sich nicht sicher sagen. Oder es gibt die Sitte, sich per SMS für etwas zu entschuldigen, so, als wäre nur die richtige Wortwahl wichtig. Ob eine Bitte um Vergebung allerdings aufrichtig ist, lässt sich aus ihrer technischen Übermittlung nicht ersehen. Vor allem braucht die Vergebung eine wirkliche Überzeugung auf der Seite des Vergebenden. Auch Frieden (das müssen wir jetzt gerade wieder schmerzhaft erfahren), lässt sich technisch nur äußerlich erzeugen oder vielleicht sogar erzwingen, durch Waffeneinsatz, Sanktionen und Wirtschaftsdeals. Das ist sicher in bestimmten Situationen auch nötig. Ein wirklicher Friede bräuchte allerdings mehr, ein gegenseitiges Verständnis, eine neue Basis der Kommunikation, vor allem aber einen echten Willen zur Beendigung der Gewalt.

Es wäre daher falsch, den Pfingstbericht so zu lesen, als würde der Geist so etwas wie ein technisches Medium sein, ein Übersetzer, der die Botschaft der Apostel einfach nur getreu an die Menschen der verschiedenen Sprachen damals in Jerusalem weitergibt. Offenbar übersetzt der Geist ja technisch gar nicht. Die Menschen hören die Apostel in ihren eigenen Sprachen reden. Der Geist wirkt anders. Er sorgt dafür, dass die Botschaft, die in fremder Sprache gesprochen wird, sich in den Verstand und die Herzen der Menschen einsenkt. Die Menschen verstehen, dass sie gemeint sind, dass die Worte der Apostel für sie wichtig sind, dass sich Gott in diesen Worten zeigt. Der Geist bewirkt ein tiefes Verstehen jenseits der reinen sprachlichen Übermittlung. Zur Technik der Sprache kommt also etwas hinzu. Technik und Geist müssen zusammenklingen.

Das ist sicher keine neue Einsicht. Denken sie an eine Therapeutin oder Ärztin. Sie verfügt über ein bestimmtes Wissen, über Methoden und Medikamente zur Heilung. Mit diesen wird sie viel erreichen. Noch besser allerdings wird die Heilung, wenn sich der Patient von seinem Gegenüber verstanden und angenommen führt, wenn er ein Vertrauen zu ihm aufbauen kann. Ein guter, oder sagen wir ruhig ein „geistvoller“ Arzt versteht die Heilung in einem umfassenden Sinn. Er ist in der Lage, sein Handwerk, seine Techniken anzupassen, zu variieren und manchmal auch zu überschreiten, wenn es die Situation erfordert.

Denken Sie an einen guten Redner. Auch er verfügt über ein Handwerk, über ein Erfahrungswissen und über gute Quellen, um seine Zuhörer zu überzeugen. Aber ein „geistvoller“ Redner ist mehr. Er weiß um die Situation seiner Zuhörer, er ist umso besser, je mehr er aus eigener Überzeugung und mit eigenen Worten spricht. Das ist (nebenbei bemerkt) auch der Grund, warum das Ablesen fremder Predigtvorlagen fast nie wirklich funktioniert, selbst wenn sie noch so gute „Gedanken“ enthielten.

Denken Sie schließlich an einen Vermittler. Nicht umsonst gibt es die hohe Kunst der Diplomatie. In ihr geht es nie bloß um das Übermitteln und Aushandeln bestimmter Positionen. Ein guter Diplomat weiß genau, wer sein Gegenüber ist, er wird ihm bis zu einem gewissen Grad Sympathie und Verständnis entgegenbringen. Er weiß, wie er mit dem anderen sprechen muss, welche Worte er wählen darf und welche nicht. Eine gute Diplomatie gelingt nur mit geistvollen Diplomaten. Vom Heiligen Geist wird genau das gesagt. Mit Blick auf die Apostelgeschichte, die ja so etwas wie ein „Evangelium des Geistes“ ist, lässt sich zeigen, wie der Geist wirkt. Er bewirkt den Mut und die Überzeugungskraft der Rede, er ist in der Lage, den Streit zu überwinden und vermittelt die Gabe zur Aussöhnung und Vergebung. Der Geist ist therapeutisch, indem in seiner Kraft Krankheiten, aber auch menschliche Zerwürfnisse geheilt werden können. Der Geist kann „Gut“ und „Böse“ unterscheiden. Er wirkt als versöhnende Kraft der göttlichen Liebe, die alle Menschen umfasst. Er bringt Gott und Menschen, aber auch die Menschen untereinander wieder zusammen. Unsere Zeit braucht das Wirken des Geistes, dessen Kommen wir am Pfingstfest feiern. Das Fest fordert uns auf, selbst für das Wirken des Geistes durchlässig zu werden, zu Mitwirkenden zu werden im Werk der Versöhnung, des Verständnisses, der Erkenntnis und der Verständigung. In diesem Sinn lassen sie uns immer wieder um diesen Geist beten und um geistvolle Menschen, für uns, unsere Familien, unsere Kirche, vor allem aber auch für unsere zerrissene Welt.

Ein Kommentar zu „Geist und Technik [zum Pfingstfest]

  1. „Auch Frieden (das müssen wir jetzt gerade wieder schmerzhaft erfahren), lässt sich technisch nur äußerlich erzeugen oder vielleicht sogar erzwingen, durch Waffeneinsatz, Sanktionen und Wirtschaftsdeals. Das ist sicher in bestimmten Situationen auch nötig. …“ Ist das Ihr Ernst? In der „Talk im Hangar 7“ Sendung „Kirche und Krieg – Gewalt im Namen Gottes?“ wurde das Thema diskutiert (obwohl es sich mir nicht erschließt, warum man Muslime ausschließt und stattdessen eine Vertreterin einer muslimischen Sekte einlud). Ist nicht die einzig mögliche christliche Botschaft jene des pazifistischen Lehrers Klaus Heidegger in der „Talk im Hangar 7“ Sendung „Krieg, Flucht, Zerstörung: Kein Ausweg in Sicht?“? Die Sendung endet wunderbar mit einem Chorlied der Schüler Heideggers: „Give Peace a Chance“. Ich wünsche allen Schülern einen solchen Lehrer und uns auch.

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