Die Wunde, die sich nicht schließt

Müssen wir wirklich den Karfreitag feiern? Angesichts des Krieges und der vielen schrecklichen Dinge in der Welt würde es uns doch vielleicht ganz gut tun, uns mit etwas Schönem zu befassen, ein wenig aus dem Trübsinn herauszukommen. Gibt es nicht schon genügend schlimme Nachrichten über das Leiden und Sterben in der Welt? Warum müssen wir uns dann auch noch die Passion anhören, den Bericht über das Leiden und Sterben Christi? Werden am Karfreitag nicht unnötig alte Wunden aufgerissen? Ist es nötig, über die alten Wunden zu hören, wenn es so viele neue gibt? Verstärken wir durch den Karfreitag nicht einfach nur den Schmerz, mit anderen Worten: Quälen wir uns hier vielleicht unnötig?

Ich habe mich erinnert an eine Silberhochzeit, zu der ich eingeladen war. Es war ein schönes Fest mit vielen Gästen, einem reichhaltigen Essen, Spielen, kleinen Darbietungen, Musik und Tanz. Zu dem Fest war auch eine ältere Dame eingeladen, eine Verwandte des Silberpaares, von der ich wusste, dass sie zu diesem Zeitpunkt einen tiefen Schmerz in sich trug. Ihr Mann war schwer erkrankt. Seit vielen Monaten kümmerte sie sich um die Pflege und war eigentlich rund um die Uhr bei ihm gewesen. Das feiernde Silberpaar hatte es sehr gut gemeint. Es hatte die Verwandte ausdrücklich und mehrfach zur Feier eingeladen und dafür gesorgt, dass der kranke Ehemann zu Hause an diesem Tag gut versorgt war. Die Fröhlichkeit des Festes, so war die Hoffnung, sollte die Frau einmal auf andere Gedanken bringen. Nach den langen Tagen der Pflege sollte sie nun einmal etwas Schönes erleben, einmal aus dem tristen Alltag herauskommen, einmal die Sorgen zu Hause lassen. Während des Festes kam ich mit der Frau ins Gespräch. Ich fragte sie, wie es ihr gefalle. Darauf wurde sie traurig. Ja, sagte sie, es sei wirklich ein schönes Fest, aber sie könne sich nicht daran freuen. Die wichtigste Person würde schließlich fehlen. Ohne ihren Mann konnte das Fest für sie nicht gelingen. Sie wartete darauf, dass es vorbeigehe und sie endlich wieder zu ihm zurückkönne. Das Fest hatte die Wunde nicht geschlossen, sondern nur neue Schmerzen verursacht.

Vielleicht kennen Sie eine ähnliche Geschichte oder haben es selbst so erfahren. Eine Krankheit, ein tiefer Kummer, Gewalt, ein Verbrechen, eine tiefe innere Verletzung, die Trauer über den Tod graben sich in das Herz der Menschen ein. Die Wunden scheinen unheilbar. Gerade bei Trauernden oder bei Menschen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben, kann die Wunde auch nach Jahren plötzlich noch wieder aufreißen und es hilft keine Ablenkung, kein „Darüber-Hinweggehen“, kein „Nicht-dran denken“.

Richard Wagner hat in seiner Oper „Parsifal“ eine solche Leidensgestalt erschaffen, einen Ritter, dessen einmal geschlagene Wunde nicht heilt, sondern immer wieder aufreißt. Während die anderen um ihn herum im Fest Stärkung erfahren, treibt es ihn immer wieder in das Leiden zurück. Die Wunde wurde im Kampf durch eine Lanze geschlagen. Es gibt nur ein Mittel zur Heilung: Die Wunde muss mit der gleichen Lanze, die damals im Kampf entwendet wurde berührt werden. Bei Wagner ist das ein künstlich erschaffener Mythos, aber ich glaube, dieser Mythos sagt etwas Wahres. Die Wunde wird durch das geschlossen, was sie verursacht hat. Die Wiederkehr des Schmerzes von einst ist das Mittel zur Heilung.

Bei der Frau, von der ich erzählt habe, war die Krankenpflege der Weg, mit dem Schmerz fertig zu werden. Sie wollte sich dem Leiden aussetzen, um damit fertig zu werden und sich später vielleicht damit versöhnen zu können. Oder, wie ich es in einem anderen Fall erfahren habe: Ein alter Herr, der seine erwachsene Tochter begraben musste und über den Schmerz zunächst nicht hinwegkam, sich ebenfalls davon nicht ablenken konnte. Er kam aus seiner Trauer heraus, indem er sich mit der Familie traf, um sich an die Tochter zu erinnern. Dieses Gedenken, das Fest zu ihrer Ehre ließ langsam seine Wunde verheilen.

So hat der Karfreitag beides. Er ist eine Erinnerung an das Sterben und zugleich ein Weg, den Schmerz zu überwinden. Das Kreuz ist das Leidens-Werkzeug aber zugleich das Gegenmittel zur Überwindung des Leidens. „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, in Kreuz ist Hoffnung“. So heißt ein Liedruf dieses Tages. Auf dieses Kreuz, das Erinnerungszeichen an Jesu Tod, legen wir das Leiden unserer Tage. Es hält den Schmerz wach, nicht um uns zu quälen, sondern will zugleich ein Zeichen des Heiles, der Heilung und Stärkung sein. Als solches wird es verehrt, im Vertrauen, dass der Gekreuzigte auch unser Leiden tragen kann und sich in seinen Wunden auch unsere Wunden einbergen, die auch beim Auferstandenen noch sichtbar sind, aber nicht mehr schmerzen.

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