Die Karwoche in Zeiten des Kriegs

Um die Fassade eines unserer Einkaufszentren in Schwerin hat sich ein lila-grünes Band gelegt. Die pastellfarbene Dekoration verweist auf das bevorstehende Osterfest und richtet den dringenden Apell an die Kunden, nun noch schnell etwas für ihre Liebsten zum Fest zu kaufen. In den Supermärkten stehen in den sonst schon engen Gängen riesige Aufsteller mit Schokolade und Marzipan. Es ist müßig, sich über die Kommerzialisierung eines ursprünglich sehr nicht-kommerziellen christlichen Festes zu beklagen. Der Markt hat seine eigenen Gesetze und eines davon heißt, vor kulturell-ideologischen, gar religiösen Einwänden mitleidig mit den Achseln zu zucken. Allerdings stellt sich dieses Jahr auch der christlichen Rest-Community die Frage, wie das Osterfest angesichts des grausamen Krieges in der Ukraine in diesem Jahr gefeiert werden soll. Blickt man oberflächlich auf das österliche Festgeheimnis, hat man den Eindruck, einer großen Relativierung beizuwohnen. Sagt die Botschaft der Auferstehung (und so manche Osterpredigt) nicht, dass das Böse letztlich keine Realität hat? Wird nicht die Kreuzigung Jesu zu einem Vorspiel, das angesichts der überwältigenden Nachricht von der Auferstehung vergessen werden kann? Wie kann die Grausamkeit des Leidens eines im Krieg zerstörten Landes und seiner gemarterten Bevölkerung in angemessener Weise in das Osterfest einbezogen werden, ohne vorschnell über den Sieg des Lebens und die künftige Herrlichkeit zu sprechen?

Das Buch der Stunde ist für mich Michail Bulgakovs Roman „Die weiße Garde“ von 1923. Bulgakov stammte aus Kiew und schildert die Zeit des Bürgerkriegs in Rußland und der Ukraine, der im Zuge der russischen Revolution 1917/18 ausgebrochen war. Kiew ist eine von den Bürgerkriegsparteien umkämpfte Stadt. Die Bevölkerung lebt zwischen Bombendetonationen, Straßenkämpfen und Plünderungen an einem Ort der Verwundeten und Toten. Am Ende des Romans reflektiert einer der Soldaten das Geschehen des Krieges:

„Wozu war es dagewesen? Niemand kann das sagen. Wird jemand für das vergossene Blut zahlen? Nein. Niemand. Der Schnee wird tauen, das grüne ukrainische Gras wird wachsen und die Erde bedecken, die Saaten werden üppig aufgehen, darüber werden Hitzewellen flimmern und kein Blut wird zu sehen sein. Das Blut ist billig auf diesen rotgoldenen Feldern und niemand wird dafür zahlen.“[1]

Bulgakov beschreibt hier die Auferstehung des Landes. Nach dem Krieg wird das Leben neu erstehen und nichts wird an den Krieg erinnern. „Kein Blut wird zu sehen sein.“ Diese Vision ist dem Soldaten allerdings alles andere als tröstlich. Wie kann die Verheerung des Krieges einfach so hingenommen werden? Wie kann die schmerzhafte Erinnerung bewahrt bleiben? Wie kann sichergestellt sein, dass die Opfer vergessen oder übergangen werden?

Kirchlich geht es also um die Frage einer glaubhaften Feier des Osterfestes. Der Theologe Johann Baptist Metz hat hier von der „Memoria passionis“, also dem „Gedächtnis an das Leiden“ als Gunddimension des Christlichen gesprochen. Man darf, so Metz’ Forderung, an Gott nicht denken, ohne das Leiden der Vielen mit einzubeziehen. Metz schreibt:

„Das Versagen der religiösen Institution – der Kirche – besteht in meinen Augen heute vor allem darin, dass sie ihr dogmatisches Gottesgedächtnis zu sehr vom Leidensgedächtnis der Menschen abgehoben hat.“[2]

Bezogen auf die bevorstehenden Festtage: Ein Osterfest ohne Karwoche macht keinen Sinn. Und: Eine Karwoche, die das Leiden der anderen nicht in das Leiden Jesu hineinnimmt, ist defizitär.

Die Botschaft des Auferstandenen enthält daher immer das Gedächtnis an das Leiden und den Tod. Bildhaft ist das in den Wunden ausgedrückt, die auch dem Leib des Auferstandenen leibhaft eingeprägt sind. Der Philosoph Tamas Halik hat daher für sich festgelegt:

„Für mich gibt es keinen anderen Weg, kein anderes Tor zu Ihm, als dasjenige, das von einer verwundeten Hand und einem durchstochenen Herzen geöffnet wird. Ich kann nicht ‚Mein Herr und mein Gott‘ rufen, wenn ich nicht die Wunde sehe, die bis ins Herz trifft. Wenn ‚credere‘ (glauben) von ‚cor dare‘ (das Herz geben) abgeleitet ist, dann muss ich bekennen, dass mein Herz und mein Glaube nur dem Gott gehören, der seine Wunden zeigen kann.“[3]

In welcher Form, können diese Wunden, die stellvertretend für den Schmerz und das Leiden der ganzen Welt stehen können, in das Osterfest einfließen? Reicht es, einfach im Zuge der Liturgien in den Fürbitten oder den Liturgien daran zu erinnern? Geht es um Aufrufe oder Appelle zum Frieden? Alle diese Formen haben sicher ihre Berechtigung. Im Kern fragt Ostern aber nach dem Glauben. Ist das Leiden Christi nur ein Beispiel für das Leiden auf der Welt, oder hat es substantiell etwas mit diesen Leiden zu tun? Kann ich also an einen Gott glauben, der am Kreuz die Erlösung für alle erwirkt (ohne, dass damit das Leid einfach relativiert würde)? Ist das Leiden Christi also auch für heute bedeutsam?

Unter den vielen theologischen Ansätzen, die dieses Thema zu fassen versuchen, möchte ich hier nur auf den besonders eindringlichen und für unsere Zeit vielleicht angemessenen des südamerikanischen Theologen Ignacio Ellacuría verweisen.[4]

Die Kirche, oder besser das Volk Gottes sind für Ignacio Ellacuría „Verleiblichungen“ des historischen Jesus in der Geschichte. Jesus inkarniert sich in gewisser Weise durch das Leben Handeln derjenigen, die ihm nachfolgen immer wieder neu. Diese sakramentale „Darstellung“ seines Lebens vollzieht sich nicht nur im Einsatz für die Befreiung der Armen, im Kampf gegen das Reich der Sünde, sondern auch im Nachvollzug seines Leidens und Sterbens. Die Ergänzung dessen, „was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24) bedeutet mehr als ein spirituelles Programm, sondern zeigt sich ebenso in einem „realen“ Mitsterben und Auferstehen des Volkes.  Im Sinne der einen geschichtlichen Wirklichkeit lässt sich auch hier das mystisch-sakramental vermittelte Handeln Gottes nicht von der gesellschaftlich-politischen Vermittlung trennen. In Ellacurías Lesart ist der Tod Jesu Folge seines Einsatzes für das Reich Gottes und des Kampfes gegen die Sünde. Er wird Opfer der strukturellen Sünde, die sich in der Ordnung der Welt seiner Zeit etabliert hat. Die Auferstehung bezeugt die Heilsbedeutung seines Lebens.  Sie ist kein individuelles Ereignis, sondern bezieht sich auf die Wirklichkeiten dieser Welt. Die Wirkmächtigkeit der Sünde kann trotz des Scheiterns an ihr geschichtlich durchbrochen werden. Der Glaube an die Auferstehung bringt die Hoffnung auf eine Welt ohne Sünde und Tod. 

Die Tatsache des unter der strukturellen Sünde leidenden irdischen Volkes lässt Ellacuría nach der Heilsbedeutung dieses Faktums fragen. Kann es sein, dass die Existenz seines Leidens als Versichtbarung des Leidens Christi deuten lässt? Kann die Kreuzigung Christi sich im „gekreuzigten Volk“ widerspiegeln und so als sakramental verstandene „Inkarnation“ des Gekreuzigten für die Welt heilsbedeutsam sein? Ist das Volk in dieser Weise nicht gerade „Volk Gottes“, das die Bedingungen und Härten der Nachfolge Jesu in seiner Zeit lebt? Das Leiden des Volkes ist gewissermaßen der Ernstfall für die Bezeugung des geschichtlichen Jesus. Der lebensbringende Tod Jesu vollzieht sich gewissermaßen auch heute noch. Die Passion als brutales geschichtliches Faktum ist durch die Tatsache der Auferstehung nicht einfach aufgehoben. Sie ist Durchgang, Wegbereiterin für den kommenden Triumph des Reiches Gottes und damit heilsnotwendig. Die fortgesetzte Passion durch das Leiden des Volkes bleibt im Kampf gegen die immer noch allgegenwärtige Macht der Sünde Zeichen dieses Weges Jesu und die Fortsetzung der geschichtlichen Erlösung. Das Reich Gottes ist eben kein rein geistliches, sondern auch gesellschaftlich-politisches Ziel. Es ist ohne die Veränderung der realen Verhältnisse nicht zu haben. Da der Tod Jesu für Ellacuría zunächst als irdische, unbewusst heilsbringende Konsequenz des Lebens Jesu verstanden wird, lässt sich für das gekreuzigte Volk das scheinbar sinnlose Leiden im Glauben an Gott als Hoffnungszeichen der kommenden Erlösung begreifen. Hier realisiert sich weiter, was Jesus realisiert hat, seine Geschichte durchquert die Geschichte der Welt. Das „gekreuzigte Volk“ wird „gerade in seiner Kreuzigungssituation, Prinzip von Heil und Erlösung für die ganze Welt“.

In Ellacurìas Version der Erlösungslehre werden so gerade die heutigen Leidenserfahrungen als fortgesetzte Passion Christi in das Ostergeschehen mit einbezogen. Das Leiden Christi ist das Leiden unserer Zeit und umgekehrt. Die Erlösung ist immer schon da und steht immer noch aus. Der Friede und die Auferstehung decken daher nicht einfach alles zu. Es ist an Ostern nicht einfach „alles wieder gut“. Allerdings verweist das Osterfest auf die Dimension der Hoffnung und auch des positiven Lebensantriebs. Die Vollendung der Schöpfung steht noch aus, aber sie ist angestoßen und realisiert sich auch unter den irdischen Bedingungen jetzt schon und hoffentlich immer wieder. Das Leiden wird nicht verdrängt. So dürfen wir auch unter den Zeichen des Krieges Ostern feiern.    


[1] Bulgakov, Die weiße Garde, München 1992, 326.

[2] Metz, Memoria passionis, Freiburg 2006, 194f.

[3] Halik, Berühre die Wunden, Freiburg 2013, 14f.

[4] Ich beziehe mich hier auf: Bergner, Volk Gottes, Würzburg 2018, 260-271 (alle Einzelnachweise dort).

2 Kommentare zu „Die Karwoche in Zeiten des Kriegs

  1. Alles schöne Worte und Formulierungen. Welche Systeme tun dem Menschen gut? Ist es die ausgelebte Demokratie? Sind es die vielen
    Hierarchien? Wir nehmen im eigenem Leben wahr, dass alles nicht so recht hinhauen will.
    Erlösung tut not. Die Fähigkeit
    zu Trauer und Freude sind himmlische Gaben, die im ausgewogenen Verhältnis schon hier Gutes erahnen lassen.

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  2. „Das Versagen der religiösen Institution – der Kirche – besteht in meinen Augen heute vor allem darin, dass sie ihr dogmatisches Gottesgedächtnis zu sehr vom Leidensgedächtnis der Menschen abgehoben hat.“ Der Satz hat es leider in sich!

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