Wanderer unterm Genderstern – Teil 3

Die Wiederkehr des Weltgeists als Diskurs

Die Welt ist ein großer Organismus und das Einzelwesen eine seiner Erscheinungen. Diese Erkenntnis wurde von Ricarda Huch als Kernsatz der romantischen Weltanschauung identifiziert.[1] Es war besonders Schellings und Hegels originelles Verdienst, diesen Grundgedanken auf die Geschichte anzuwenden. Hegels Grundannahme war die eines absoluten Geistes, der in, unter und über der menschlichen Geschichte wirkt. Mit Blick auf vergangene Epochen lässt sich in langen Zyklen das Wirken dieses Geistes erkennen, der sich in den konkreten Sitten und Kulturen der Menschen objektiviert. Die Aufgabe des Menschen ist es, in seiner Autonomie dem Anspruch des absoluten Geistes zu entsprechen. Dies gelingt mal mehr, mal weniger. Die Geschichte ist entwickelt sich dialektisch, d.h. in Gegensätzen. In einigen Phasen kommen sich absoluter, objektivierter und subjektiver Geist nahe, in anderen Phasen weichen sie gegensätzlich voneinander ab. Das Ziel der Geschichte ist die endgültige Versöhnung des Geistes mit sich selber, in dem eine neue Einheit gefunden wird. Dieser eigentlich sehr abstrakte Gedanke hatte in der Spätphase der Romantik gewaltige Auswirkungen. Er bot die Versatzstücke zu Denkfiguren, die sich im Kern gleichen, wenn sie auch in der Konsequenz voneinander abweichen. Die Grundeinsicht war: Es gibt so etwas wie ein unsichtbares Prinzip, das allem Handeln in einem bestimmten Bereich zugrunde liegt. Alles Reale kann als Erscheinung dieses Prinzips gedeutet werden, sei es, dass es diesem Prinzip entspricht oder ihm widerspricht. Alle Erscheinungen (oder „Phänomene“) verweisen auf eine tiefere Ebene. Sich dem ursprünglichen Geist, der ursprünglichen Idee anzunähern gilt als erstrebenswert und führt zur „Erlösung“ oder „Versöhnung“. In einem dauernden Zwiespalt zur tieferen Ebene zu leben, führt zur „Entfremdung“ und damit in einen Zustand, der überwunden werden muss.

Die klassische romantische Spukgeschichte funktioniert nach diesen Prinzipien. In E.T.A Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“ muss die Hauptfigur den Prozess der Entfremdung durchleben. Es geht um den Mönch Medardus, der in einem Kloster in nahezu paradiesischer Umgebung lebt. In einem Anfall von Schwäche trinkt er von den Elixieren des Teufels, die in der Reliquienkammer des Klosters aufbewahrt werden. Von da ab stürzt er von einem bedrohlichen Abenteuer in das nächste. Auf der Suche nach einer schönen Frau begegnet er allen möglichen Gestalten, die ihm feindlich zu sein scheinen, zuletzt sogar einem geheimnisvollen Doppelgänger, einer durch und durch bösen Gestalt, mit der immer wieder verwechselt wird. Eine Versöhnung gelingt nicht mehr. Medardus stirbt unerlöst. Erst im Nachhinein stellt sich heraus, dass Medardus mit allen anderen Protagonisten verwandt ist. Die Welt ist ein Ganzes, in dem alles mit allem verbunden ist. Die Gemeinschaft des Lebens könnte nach paradiesischer Ordnung wunderbar, erlöst und harmonisch sein. Doch das Gift des Teufels bringt die Entfremdung mit sich, die Verkehrung der Verhältnisse in ihr Gegenteil. Im bösen Doppelgänger begegnet Medardus dem Zerrbild seiner selbst, dem Menschen im völlig entfremdeten Zustand. Ziel wäre eine Versöhnung der Gegensätze gewesen, die allen Protagonisten den ursprünglichen erlösten Zustand wiederbringen könnte.

Es ist etwas vermessen, in einem kurzen Absatz alle Variationen des romantisch-idealistischen Entfremdungsprinzips darstellen zu wollen. Einige sind Ihnen vielleicht schon in den Sinn gekommen. Karl Marx gründet seine Theorie auf diesen Grundsätzen. Die Versöhnung besteht bei ihm in der Bewusstwerdung der Arbeiter über ihren entfremdeten Zustand, der schließlich zum Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse der Unterdrückung führen. Man hilft dem Weltgeist revolutionär gewissermaßen auf die Sprünge. Auf der anderen Seite steht der Nationalismus. Die Identifikation eines „Volksgeistes“, der ein Volk geheimnisvoll auf eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Grundgefühl oder auch einen „Volkscharakter“ zurückführen möchte, ist Mitte des 19. Jahrhunderts eine beliebte Denkfigur. Die „Entfremdung“ besteht in der Beherrschung eines Volkes durch ein anderes, aber natürlich auch in dessen „kultureller Unterwanderung“ durch andere „Volksgeister“, die den ursprünglichen Charakter zerstören wollen. Es ist sicher auch kein Wunder, dass Siegmund Freud gerade im ideengeschichtlichen Umfeld des angehenden 20. Jahrhunderts das „Unterbewusstsein“ als zentrale Triebkraft unserer Psyche identifiziert. Unsere Handlungen und Verhaltensweisen sind Ausdruck einer verborgenen psychischen Kraft, die aber das eigentlich leitende Prinzip unseres geistigen Menschen ist. Philosophisch entwickelt sich die „Phänomenologie“, welche die Dinge der Welt als Erscheinungen tiefer liegender Prinzipien deutet. Schließlich kann noch auf die Anthroposophie und allerhand esoterische Theorien verwiesen werden. In der Lehre Rudolf Steiners geht es um die Erlösung des Menschen durch die schrittweise Aufhebung seines naturhaften Daseins in einen höheren geistigen Stand, in die Vereinigung mit dem wahren geistigen Wesen aller Dinge.

Die Grundstruktur des romantisch-idealistischen Denkens ist in all diesen so unterschiedlichen Bewegungen festzustellen. Immer geht es um ein grundlegendes Prinzip, den Zustand der Entfremdung und die Verheißung der Versöhnung durch die Überwindung des entfremdeten Zustand. Dieser lange Anweg führt nun wieder zum heutigen Identitätsdiskurs zurück. Das Musterbeispiel findet sich in der „sexuellen Befreiung“. Herbert Marcuse verwendete in seinem Essay „Triebstruktur und Gesellschaft“[2] von 1957 Versatzstücke von Freud und Marx und attestierte der Gesellschaft den Zustand der Entfremdung. Das Aufbrechen in eine neue, versöhnte Gesellschaft beginnt für ihn mit der Deregulierung und damit Befreiung der Sexualität aus ihrer bürgerlichen Moral. Der Mensch kehrt zu seinem ursprünglichen Wesen zurück, zu seiner freiheitlichen Bestimmung. Tatsächlich verfolgte die „sexuelle Revolution“ der 60er/70er Jahre im Kern politische Ziele. Das Fallen der bürgerlich-sittlichen Regeln in der sexuellen Selbstverwirklichung ist der erste Ansatz zur Heilung einer im Kern durch die Obrigkeit unterdrückten, also repressiven gesellschaftlichen Ordnung. Der Mensch kommt wieder zu sich selbst, entflieht dem Zustand der Entfremdung, um eine neue freiheitliche antikapitalistische Gesellschaft aufzubauen.[3] Heute ist die beherrschende Denkfigur nicht mehr die der Sexualität als solcher, sondern der sexuellen Identität. Der zentrale Vorwurf der Gendertheorie[4] ist ja, dass die Klassifizierung der menschlichen Identität in „Mann“ und „Frau“ im Grunde eine gesellschaftliche Konstruktion ist. Die biologische Einordnung von Menschen in die binäre (zweiseitige) Geschlechtlichkeit habe im Grunde so etwas wie einen ethischen Fehlschluss bewirkt. Das Schema „männlich/weiblich“ gebe, so die Annahme, noch keine Vorgabe für das psychische und damit „wahre“ Geschlechtsempfinden eines Menschen. Zudem habe die unhinterfragte gesellschaftliche Akzeptanz des biologischen Schemas verheerende Folgen gehabt, indem etwa die Heterosexualität zur Norm erhoben worden sei oder Frauen und Männer auf spezifische Geschlechterrollen festgelegt wurden. Kurz: Die wahre geschlechtliche Identität eines Menschen sei eigentlich nie eine wirkliche Frage gewesen. Vielmehr hätten sich über Jahrhunderte alle Menschen dem biologischen und heteronormativen Grundverständnis unterwerfen müssen. Was bei den Gender-Theorien erst einmal als weiterer Schritt zur Emanzipationsgeschichte der Frauen begann, ist heute viel grundsätzlicher gedacht. Im Grunde erzeugt die „klassische Auffassung“ der menschlichen Geschlechtlichkeit einen Zustand der Entfremdung, in der eine wahre freiheitliche sexuelle Identitätsfindung unterdrückt wird.

Die Philosophin Judith Butler macht dies am Beispiel der Intersexualität deutlich. Menschen, die aufgrund ihrer biologischen Merkmale nicht eindeutig als „weiblich“ oder „männlich“ identifiziert werden konnten, wurden lange Zeit auf eine feste geschlechtliche Rolle hin erzogen. Sie sollten also zu „Männern“ oder „Frauen“ werden. Die Intersexualität zeige aber, dass es neben diesen beiden Möglichkeiten offenbar andere Formen der sexuellen Identität gebe. Was in diesen seltenen Fällen gelte, könnte daher ja auch für eine größere Zahl von Menschen angenommen werden. Die Geschlechterrolle brauche nicht auf zwei Möglichkeiten reduziert zu werden. Dabei geht es Butler nicht um die Einführung eines „dritten Geschlechts“, wie gerne falsch angenommen wird, sondern um die prinzipiell unbegrenzte Vielzahl sexueller Identitäten, die zwischen „männlich“ und „weiblich“ existieren könnten, ebenso wie zwischen „homo“- und „heterosexuell“. Die Selbstidentifikation mit einer „authentischen“ Geschlechtlichkeit wird als Akt der Befreiung aus dem Zustand der Entfremdung und als Versöhnung mit der eigenen ursprünglichen Persönlichkeit verstanden. Neuerdings soll dieser sexuelle Selbstfindungsprozess in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen bewusst gefördert werden. Das verborgene Leitprinzip einer solchen Entwicklung ist das der „Freiheit“ und „Authentizität“, das eine gesellschaftliche De-Regulierung und damit Befreiung und Versöhnung des Individuums mit sich selbst bewirken soll. Wer seine Identität gefunden hat, ist wirklich frei – allerdings natürlich erst dann, wenn alle anderen diese Identität auch anerkennen.

Wie der sexuelle Identitätsdiskurs dem Paradigma von der „freien Entfaltung“ folgt, folgt der postkoloniale Diskurs einem anderen. Unter dem Stichwort „race“ (das deutsche Wort „Rasse“ wird tunlichst nicht verwendet, ebensowenig wie „farbige Leute“ für das englische „people of colour“) behauptet dieser Diskurs eine kulturelle Verbundenheit durch Hautfarbe und Abstammung. Das Moment der „Entfremdung“ findet sich hier in der aus Kolonial- und Apartheitsgeschichte nachwirkenden systematischen Diskriminierung von Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Der von der gegenwärtigen Gesellschaft angebotene Ausweg ist der der Assimilation. Im Roman „Der menschliche Makel“ von Philip Roth[5] gerät ein Literaturprofessor wegen einer vermeintlich rassistischen Äußerung unter Druck. Später kommt heraus, dass der Professor selbst als Afroamerikaner geboren wurde und sich, um seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen zu verbessern, als Weißer ausgegeben hat. Der gegebene Entfremdungszustand, der ihn als Schwarzen nicht die gleichen Möglichkeiten gegeben hatte, wird hier durch die „Selbstentfremdung“ beantwortet. Nur wenn Schwarze so werden wie Weißem haben sie eine Chance. Diese Vermutung gewinnt in der Diskussion um die Gleichwertigkeit von Kulturen zusätzlich an Gewicht. Müssen alle Kulturen in ihrer Entwicklung und Ausgestaltung dem westlich-europäischen Vorbild folgen oder kann es etwa genuin asiatische, arabische oder afrikanische Gesellschaftsmodelle geben?

Ähnlich wie im idealistischen Denken meldet sich in der Identitätsdebatte der Weltgeist in Form des herrschenden Diskurses zu Wort. Es gehört zum Repertoire dieses Denkens, Menschen eben nicht als Individuen zu verstehen, sondern als soziale Gruppen, die aufgrund bestimmter Labels voneinander unterschieden werden können („people of colour“, „queer“, „Menschen mit Behinderung“, „Menschen aus bestimmten sozialen Klassen, „alte weiße Männer“). Jeder Gruppe wird eine bestimmter Rang und Status in der Gesellschaft zugewiesen. So repräsentieren „Weiße“ unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung eine potentiell dominante, kolonialistisch-rassistisch vorgeprägte europäisch-amerikanische Mehrheitsgesellschaft. „Schwarze“ (bzw. „people of colour“) sind Vertreter*innen einer marginalisierten und tendenziell kulturell diskriminierten Gesellschaftsgruppe im Kampf um volle gesellschaftliche Gleichberechtigung. Es scheint mir, als würde man voraussetzen oder erwarten, dass sich die so Klassifizierten auch entsprechend der zugewiesenen Rollen zu verhalten haben. Im idealistischen Sinn werden die Gruppen zu Vertretern einer bestimmten Geistesströmung, eines bestimmten Diskurses. Im politischen Streit geht es um die Veränderung, teilweise auch Umkehrung des bisherigen Gesellschaftsnarratives. Die bislang unterdrückten Gruppen machen (teils völlig zurecht) auf ihre Rechte aufmerksam. Die Gleichberechtigung hört aber bei der Einräumung gleicher Rechte und Chancen nicht auf. Vielmehr soll der Diskurs sich grundsätzlich ändern, so dass gesellschaftliche Regeln und Traditionen sich wandeln. Im „Gender-Diskurs“ wird die besonders deutlich. Judith Butler macht deutlich, dass es ihr nicht allein um eine Neuregulierung der bisherigen (heterosexuell ausgelegten) Rechtsfragen geht, also um mehr gesellschaftliche Rechte für z.B. homosexuelle oder transsexuelle Menschen. Vielmehr soll ihr Konzept von „Gender“ die Norm verändern, auf der solche Rechtssetzungen basieren. Mit anderen Worten: Unser ganzes Denken und Verstehen von Geschlechtlichkeit soll sich verändern. Die Akzeptanz einer nicht männlich/weiblich normierten sexuellen Rolle oder Zuschreibung als allgemeiner Grundsatz würde eine völlig neue Form der Rechtssetzung hervorrufen.[6] Der „Weltgeist“, d.h. der gesellschaftliche Diskurs würde in ein ganz neues Stadium eintreten. Dies ist übrigens auch der Grund, warum gerade in diesem Bereich der Kampf um die Sprache so erbittert geführt wird. Sprache ist Mittel des Diskurses und wirkt auf diesen zurück. Mit einer Veränderung der Sprache, etwa dahingehend, dass wir mit Gendersternchen oder Unterstrichen die klar männlich/weiblich konnotierte Zuschreibung von Personen aufheben, lässt sich auch die gesellschaftliche Norm verändern. Daher ist der Sprachenstreit keine Frage der sprachlichen Ästhetik (also, ob es schöner oder eleganter ist, in grammatisch klaren Formen zu sprechen), sondern eine Frage des Weltbilds. Der dialektische Kampf um das grundlegende Verständnis der Gesellschaft, Kultur und Welt ist hier in vollem Gang. An der Sprache lassen sich die Gesinnungsgenossen und Kampfgefährten sehr leicht identifizieren (ungeachtet dessen, ob diese sich dessen bewusst sind oder nicht). An der Sprache erkenne ich, „wes Geistes Kind“ du bist.

Rechte und nationalistische Identität

Als Anfang des 19. Jahrhunderts Napoleon geschlagen wurde, traten viele europäische Staaten in eine Phase der nationalen Selbstfindung.[7] Gerade die Romantik setzte mit ihrer Suche nach alternativen Identitätserzählungen gegen die zuletzt eher universalistischen, paneuropäischen Tendenzen im kulturellen Leben auf die Idee des „Volksgeistes“. Auf der Suche nach den Quellen einer deutschsprachigen Leitkultur belebte man etwa die Tradition deutscher Volkslieder und Märchen wieder. Das Mittelalter galt, wie ein berühmter Aufsatz von Novalis zeigt, als Referenzpunkt der europäischen, insbesondere deutschen Geschichte.[8] Aus seinem Geist sollte die deutsche Nation mit ihren eigenen Werten, ihrer eigenen Kultur und Lebensart wieder neue Kraft schöpfen. Achim von Arnim gründete 1808 die „Zeitung für Einsiedler“, in der er sich der Erforschung der deutschen Volkspoesie verschrieb. Diese Versuche wurden von den Altvorderen, unter ihnen Goethe und Schiller argwöhnisch beobachtet. Im Kampf gegen die napoleonischen Truppen schlug die Stunde der politischen Romantik. Rüdiger Safranski resümiert dazu:

„Die Arbeit am deutschen Identitätsbewusstsein mit der Beschwörung der Volksgeister und der germanischen Mythologie, die Sammlung der Volkspoesie, die nationalen Erziehungsvisionen Fichtes – das alles kann jetzt zusammenströmen und eine öffentliche Stimmung schaffen, die auf aktive Teilnahme der nationalen und patriotischen Kräfte dringt.“[9]

Vor dem politischen steht der kulturelle Nationalismus. Mythischer Bezugspunkt und zur Geburtsstunde des deutschen Volkes stilisiert wurde nun die Schlacht am Teuteburger Wald, in der der germanische Feldherr Arminius (oder „Hermann“) die Römer um das Jahr 9 n.Chr. geschlagen haben soll. Heinrich von Kleist setzte diesem Ereignis in seinem Drama „Hermannsschlacht“ von 1809 ein literarisches Denkmal. Der Kampf der wackeren Germanen gegen die scheinbar übermächtigen äußeren Feinde wurde zur Chiffre für die Befreiung der deutschen Nation zur eigenständigen kulturellen und politischen Macht.[10] In ähnlicher Weise etablierte Richard Wagner Mitte des 19. Jahrhunderts das Nibelungenlied in seiner eigenen philosophischen und politischen Deutung als deutschen „Urmythos“ wieder neu. Sein „Ring des Nibelungen“ erzählt den Kampf um die Entstehung eines wirklich freien Menschengeschlechts und lässt die Wohnstatt der Götter und deren Macht am Ende untergehen.

Was hier in Deutschland und anderen europäischen Staaten im 19. Jahrhundert entstand, kann durchaus als die Prozess zur Ausbildung eines national-identitären Diskurses gedeutet werden. Identität wird hier über kulturelle, sprachliche und nationale Zugehörigkeit geschaffen. Die Etablierung eines solchen nationalistischen und der Folge häufig fremdenfeindlichen ideologischen Konstrukts, das sich gegen globalistische und universalistische Entwicklungen wendet, ist in verschiedenen Staaten immer wieder versucht worden. Heute erscheint dieses Modell, etwa in Rußland, Ungarn oder der Türkei als Gegenentwurf auch zum linksidentitären Diskurs. Zuweilen wird dieser bewusst und aggressiv zum ideologischen Feind erkoren. So betont etwa der russische Präsident Putin die grundsätzliche Toleranz seines Landes gegenüber Homosexuellen, führt zugleich aber einen ideologischen Kampf gegen deren Lobbyverbände der LGBTQ-Bewegung, denen er „Schwulenpropaganda“ vorwirft. Hier treffen wahrscheinlich nicht bloß politische Meinungen, sondern Weltbilder aufeinander, in denen die Regenbogenfahne als Symbol einer propagandistischen Unterwanderung gilt.[11]

Auch in Deutschland liegen die identitären Bewegungen von rechts und links im Streit miteinander. Eine neurechte Jugendbewegung, die genau diese „identitäre Bewegung“ in ihrem Namen führt, hat in den letzten Jahren die verstärkte Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen.[12] Hier handelt es sich um eine weltanschaulich modernisierte Form des national-rechten Diskurses, der vordergründig nicht eindeutig rechtsradikalen politischen Positionen vertritt, sondern zunächst scheinbar harmlos auf die Bedeutung der eigenen schützenswerten Kultur verweist. Ihre Kernüberzeugung ist, dass Menschen im Grunde nur in ihren eigenen Kulturräumen leben sollten. Der Weg zur Fremdenfeindlichkeit, auch zum Antisemitismus ist von hier allerdings kurz. Es ist zu befürchten, dass der weltanschauliche Streit zwischen rechts und links in den folgenden Jahren an Schärfe gewinnen wird.


[1] Ricarda Huch, Die Romantik, Berlin 2018 (Original 1899/1902), 413f.

[2] Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt 1969 (original 1957).

[3] S. hierzu: Eberhard Schockenhoff, Die Kunst zu lieben, Freiburg 2021, 22-31.

[4] Hierzu z.B. Nina Degele, Gender/Queer Studies, Freiburg 2008, 57-77.

[5] Philip Roth, Der menschliche Makel, Reinbek 2003.

[6] Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt 2011, 71-76.

[7] S. zum Folgenden: Rüdiger Safranski, Romantik – eine deutsche Affaire, München 2007, 172-192.

[8] Novalis, Die Christenheit oder Europa (1799), in Werke, München 2001, 499-518.

[9] Safranski, Romantik, 185.

[10] Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, 169ff.

[11] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/lgbt-symbol-in-der-kritik-wie-russland-gegen-den-regenbogen-kaempft/25984188.html.

[12] S. hierzu z.B. die sehenswerte Dokumentation des SWR aus diesem Jahr: https://www.youtube.com/watch?v=IWlGDbMEtxM.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s