Wanderer unterm Genderstern – Teil 2

Romantik und Identität

Es ist, glaube ich, nicht verwunderlich, dass der romantische Roman und das Identitätsdenken enge Verwandtschaften zeigen. Sie folgen in gewissem Maße ähnlichen Grundideen. Die Romantik, die als Bewegung Anfang des 19. Jahrhunderts aufkam, verstand sich zu einem gewissen Teil als Gegenentwurf zu herrschenden Gesellschafts- und Denkmustern. Das 18. Jahrhundert stand unter dem Vorzeichen der „Aufklärung“. Mit diesem Begriff verbindet sich (ganz grob gesagt) der Leitgedanke der Vorherrschaft der Vernunft. Das rationale Denken förderte auf der einen Seite die Bildung und Wissenschaft, brachte aber auch einschneidende Veränderungen im Staatswesen mit sich. Zwischen Kirche und Staat legte sich ein zunehmender Abstand, der die Souveränität des Staates stärker betonte. Der aufklärerische Impetus brachte zudem den Gedanken der Toleranz, vor allem in religiösen Fragen mit sich und hob die Bedeutung der Bildung hervor. Charakteristisch ist zum Beispiel das Aufkommen der Freimaurerbewegung, die sich als säkularer Kult der menschlichen Vernunft, Tugend und Wissenschaft verstand. Neben dem Ausbau des allgemeinen Schulwesens vollzog sich auch der Aufbau einer effektiven staatlichen Verwaltung. Das Beamtentum wurde eine immer wichtigere gesellschaftliche Größe. All dies ist immer mit Einschränkungen zu lesen. Aufklärerische Ideale spielten keinesfalls in allen Staaten eine Rolle und auch die stärkere „Verbürgerlichung“ der Gesellschaft war ein Phänomen vergleichsweise kleiner Gruppen. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte die Aufklärung allerdings auch einen fatalen Misserfolg. Als sich im Anschluss an die französische Revolution ein atheistisches Terrorregime im Namen der Vernunft und der revolutionären Werte etablierte und das Land mit ideologischen Prozessen und Hinrichtungen überzog, zeigte sich, dass sich auch das friedliche Ideal der Aufklärer zur Ausbildung von Schrecken und Vernichtung verzerren konnte.

Die Romantik entsteht in einem kleinen Kreis von „jungen Wilden“ (Männern und Frauen), die nach anderen Idealen streben. Ihnen geht es um eine neue Weltsicht. Gegen den Rationalismus, also die Vorherrschaft der Vernunft als Quell der Erkenntnis, setzen sie eine ganzheitliche Wahrnehmung der Welt. Wilhelm Tieck und Heinrich Wackenroder, Romantiker der ersten Stunde, schreiben in ihrem Buch „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“:

„Die Lehren der Weisen setzen nur unser Gehirn, nur die Hälfte unseres Selbst in Bewegung, aber die zwei wunderbaren Sprachen [die Kunst und die Natur] […] rühren unsere Sinne sowohl als unseren Geist; oder vielmehr scheinen dabei […] alle Teile unseres (uns unbegreiflichen) Wesens zu einem einzigen neuen Organ zusammenzuschmelzen, welches die himmlischen Wunder auf diesem zwiefachen Wege fasst und begreift.“[1]

Die Deutung und Betrachtung der Welt ist für die Romantik unvollständig, wenn sie nicht auch das Gefühl, die Empfindung, das Fremde und Geheimnisvolle umfasst. Die Welt passt nicht einfach in Systeme oder Enzyklopädien, sondern ist reicher. Die Natur ist nicht ein katalogisiertes Sammelwerk von Arten und Gattungen, sondern vor allem ein wunderbarer Organismus. Aus dem gleichen Ursprung erwachsen die unterschiedlichsten Formen und Wesen, gehalten lediglich von einem alles harmonisierenden Geist. Die Natur wird so ein Kunstwerk, in dem Individualität immer wieder neu entsteht. Das Prinzip des Lebens manifestiert sich etwa in der Philosophie Schellings in den stets neuen Einzelformen der Natur.[2] Suchte die wissenschaftliche Biologie also anhand der konkreten Pflanzen oder Tiere nach abstammungs- und gattungsmäßigen Gemeinsamkeiten und kategorisierte die Natur, wird sie in der Romantik eher ästhetisch zu einem freien Spiel des Geistes. Der Romantiker lernt die Welt also nicht (nur) aus gelehrten Büchern kennen, sondern erschließt sie sich in der eigenen Erfahrung, auch in der Erfahrung ihrer Fremdheit. Die romantische Idealgestalt ist der Wanderer, der aus den gewohnten Bahnen und Zwängen aufbricht, um das Leben zu erkunden. Was er sieht und erlebt, formt sein Weltbild viel mehr als ein schulisch oder universitär erworbenes Wissen. Das eigene Weltbild entsteht aus existenzieller Erfahrung. Wilhelm Tieck wird mit dem Satz zitiert: „Naturgesetze sind Gewohnheitsgesetze“.[3] Caspar David Friedrich malt einen „Wanderer im Nebelmeer“, der eine Welt betrachtet, die sich ihm noch nicht erschlossen hat, sondern geheimnisvoll verschlossen und zugleich offen für eine eigenständige Erfahrung vor ihm liegt. Die romantische Literatur strotzt von ziellosen Irrfahrten, in denen die Heldinnen und Helden unterschiedlichste Abenteuer erleben, die sich im Nachhinein gerne zu einem großen Panorama zusammenfügen (so etwa in Eichendorffs „Franz Sternbald“). Die Romantiker sind „der Welt abhandengekommen“, haben die vertrauten und geregelten Bahnen verlassen, die alten Denkschemata und gesellschaftlichen Zwänge. Sie sind freie Geister im Spiel zwischen ästhetischer Erfahrung, dichterischer Freiheit und philosophischer Reflexion. Eine andere Welt ist möglich und sie entsteht auf der Grundlage von Erfahrung und Verstehen, unabhängig von vorherbestimmten Bildungsidealen oder Normen. Wie in der Natur erwächst der individuelle Mensch fernab von Kategorisierungen und Lehrbüchern. Die Welt soll als „Anders-Ort“ erfahren werden. Dieser Ort hat in der romantischen Literatur häufig den Namen „Italien“. Die Erfahrung der südlichen europäischen Gefilde verheißt eine neue gesellschaftliche Ordnung, die von Freiheit, Abenteuer, Kunst und landschaftlicher Schönheit geprägt ist. Dem Grau des mitteleuropäischen Durschnitts weicht die neue Welt der explodierenden Ästhetik, in der das wahre Leben stattfinden kann.

Toni Morrison, die als erste Afroamerikanerin 1993 den Literaturnobelpreis erhielt, schildert in einem ihrer Essays den Moment, in dem sich ihr eine solche neue Weltsicht eröffnete. Sie war der Frage nachgegangen, wie schwarze Personen in der amerikanischen Literatur geschildert und beschrieben werden. Lagen, so ihr Verdacht, in vielen der literarischen Zeugnisse nicht noch Stereotype und versteckte Hinweise aus der Sklaven- und Rassentrennungs-Vergangenheit der Geschichte der USA vor? Hatte sich der Blick auf afroamerikanische Menschen eigentlich wirklich verändert? „Es war als blickte ich in ein Goldfischglas“, so schildert Morrison ihren Gedankengang. Sie habe auf die vielen Einzelheiten im Glas geschaut und versucht, sie genau zu beschreiben, „und plötzlich erfasste ich das Glas als Ganzes, das Gehäuse, transparent und unsichtbar, das es dem geordneten Leben, das es enthielt erst erlaubte, in einer größeren Welt zu existieren.“[4] Diese Überlegung brachte sie dazu, die Bedingungen zu analysieren unter denen die von ihr untersuchten Texte geschrieben wurden, die gewissermaßen die Schaffung eines Goldfischglases erst ermöglichten. Der Versuch der Beobachtung und Kategorisierung einzelner Phänomene, hier potentiell rassistischer Inhalte in der literarischen Darstellung schwarzer Protagonisten, führt zu einem Aha-Erlebnis. Die Weltsicht formt sich neu. Aus der Sensibilität für das Thema entsteht ein Übersprung von einer theoretischen auf eine meta-theoretische Ebene. Es geht jetzt nicht mehr darum, einzelnen Autorinnen oder Autoren einen voreingenommenen Blick auf einen bestimmten Sachverhalt nachzuweisen. Vielmehr geht es um das große Ganze. Auch die Autoren sind Teil eines größeren Diskurses, einer Denkbewegung, die vorgefertigte Straßen angelegt hat, auf denen sie unterwegs sind. Sie sind gewissermaßen unbewusste oder bewusste Opfer einer kulturellen Vorprägung und Weltsicht. Am Ziel ihrer Wanderung blickt Toni Morrison vom Gipfelpunkt auf eine Welt, die sich für sie neu sortieren muss. Die Veränderung dieses Blickwinkels ist ein charakteristisches Motiv der Identitätsdiskurse. Was hier entdeckt wird, ist etwa der „strukturelle Rassismus“. Wenn ich davon ausgehe, dass sich ein bestimmter weißer und westlicher Blick auf afrikastämmige Menschen über die Jahrhunderte der Sklaverei und Diskriminierung verfestigt hat, werde ich die Spuren dieses Denkens immer wieder entdecken. Es äußert sich häufig unbewusst als Teil einer internalisierten Denkweise, die ererbt und gesellschaftlich vorgeprägt ist.

Forscherinnen der „African studies“ oder „Post colonial studies“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen aus ihrer Sicht versteckten und häufig unreflektierten Rassismus sichtbar zu machen. Die Diskussion wird durchaus kontrovers geführt, wie die Umbenennung der Berliner U-Bahn-Haltestelle „Mohrenstraße“ oder die Entfernung einer Krippe aus dem Ulmer Münster zeigte, die einen der Könige in kolonialistischer Prägung abgebildet hatte. Der versteckte Rassismus ist dabei unabhängig von den persönlichen Einstellungen der jeweiligen Protagonisten zu verstehen. Die jüngste Aufregung um eine Textnachricht des ehemaligen Fußballtorwarts Jens Lehmann, der den TV-Experten Dennis Aogo als „Quotenschwarzen“ bezeichnete, hat dies noch einmal deutlich gemacht. Auch in dieser Frage ging es weniger um die persönliche Haltung Lehmanns zum Rassismus. Vielmehr sieht man in solchen Äußerungen Symptome eines strukturellen Rassismus, also einer allgemeinen Denkrichtung, die aus dem heutigen Diskurs verbannt werden soll. Dass Lehmann sich vielleicht noch nie über strukturellen Rassismus Gedanken gemacht hat, spielt dabei keine Rolle. Die Beweislast hat sich umgekehrt. Wichtig ist nicht die „objektive Tatsache“ „Lehmann wollte Aogo rassistisch beleidigen“ sondern die subjektive Empfindung: „Ich fühle mich von Lehmann rassistisch beleidigt“. Die Hoheit über das Weltbild liegt im identitären Diskurs beim Rezipienten, der aus der Sicht der marginalisierten, diskriminierungsgefährdeten Minderheit alle Rechte für sich beanspruchen kann. Diese romantische Idee der Welterschließung aus eigenem Empfinden hat weitreichende Folgen. Sie setzt die Vorstellung einer normativen Ordnung auf bestehender gesellschaftlicher Basis außer Kraft. Gerade diese normative Ordnung, so hat der Blick auf das Goldfischglas gezeigt, ist schließlich Ursache der Diskriminierungszusammenhänge. Die Welt besteht, im Bild der Romantik, aus den vielfältigsten Lebensformen, die aus der einen umfassenden Lebenskraft entstehen und auf uns wirken. Die formale Bestimmung und Kategorisierung ist zweitrangig. Die Welt wird so, wie ich sie sehe. Zwischen den Weltsichten steht das Diskriminierungsverbot. Dass eine solche Weltsicht wenig praxistauglich ist spielt dabei keine Rolle. Hier geht es um Ideale.


[1] Wackenroder / Tieck, Herzensergießungen, Stuttgart 2005, 59.

[2] S. hierzu z.B. Sibille Mischer, Der verschlungene Zug der Seele, Würzburg 1997, 142.

[3] Zitat ohne Quellenangabe bei Riccarda Huch, Die Romantik, Berlin 2017 (original 1899), 128.

[4] Toni Morrison, Selbstachtung, Ausgewählte Essays, Fischer-e-book.

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