Gottes Wort – menschliches Wort

Wie teilt sich Gott der Welt mit? In den griechischen Theatern der Antike gab es dafür eine Vorrichtung. Sie verfügten über eine Art Kran, an dessen Ende eine Plattform angebracht war. Auf ihm stand ein Schauspieler, als Gottheit verkleidet. Wo es verlangt wurde, schwenkte der Kran während der Vorführung nach vorne. Auf sinnfällige Weise wurde so das Niederschweben des Gottes oder Göttin aus den himmlischen Sphären des Olymps inszeniert. Die Erscheinung des Gottes, auf Griechisch: seine Epiphanie, brachte gegen Ende des Theaterstücks eine oft ungeahnte Wendung. Die Schauspiele zeigten oft Menschen, die sich in ausweglose Situationen gebracht hatten. Ein Konflikt hatte sich aufgeschaukelt, eine tragische Liebesgeschichte die Liebenden entzweit, ein Familiendrama die handelnden Personen an den Rand der Verzweiflung oder gar des Mordes gebracht. Der einschwebende Gott konnte diese Situation lösen. Mit aller Autorität verkündete er den Ratschluss der Götter, vermittelte zwischen den zerstrittenen Parteien oder verhinderte im letzten Moment die drohende Katastrophe. Ein Gott teilt sich mit. In seinem Niederschweben und seiner Verkündigung und ordnet er den Gang der Welt neu.

Der „Deus ex machina“, der Gott aus der Maschine ist aus dem heutigen Drama verschwunden. Wir sind es gewohnt, die Lösung unserer Dramen aus eigener Kraft herbeiführen zu müssen. Auch die Kanzel in der Kirche, die am ehesten diesen dramatischen Eindruck reinszeniert hatte, indem der Priester mit göttlicher Autorität von ihr sprach, um seine Zuhörer wieder auf den richtigen Weg zu führen, wird nicht mehr verwendet. Zitate der griechischen Bühnenvorrichtung sind noch am ehesten auf großen Bühnenshows zu finden. So stieg Michael Jackson bei seiner History World Tour 1996 während des „Earth songs“ auf eine Kranbühne und schwebte in grellem weißen Licht rund 10 Meter über dem Publikum. Den Schrei der gequälten Erde erhob er so zu einer donnernden Predigt, in der der „King of Pop“ seinen Jüngern die Erlösung der Erde aus der Knechtschaft der Menschen durch eine neue Kultur der Hoffnung und des Friedens verkündete. Das herabschwebende Wort sollte so die erhabene Autorität letzter Weisheit bekommen.

Gottes Wort schwebt zur Erde? Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgekehrt. Als 1977 die Raumsonde Voyager 1 ins All startete, führte sie einen goldenen Tonträger mit sich. Auf ihm waren 55 Grußbotschaften in 55 verschiedenen Sprachen eingebrannt, dazu Naturgeräusche von der Erde. Sollten Außerirdische diese Töne einmal hören können, würde sie die Botschaft der Innerirdischen erreichen. Sie hätten ein Klangbild des irdischen Lebens. Damit verließ die irdische Botschaft ihren Planeten und führte das menschliche Wort in die Weiten des Weltraums hinaus. Das menschliche Wort erreichte die außerweltliche Wirklichkeit, den „outerspace“ den vermutlich nie ein Mensch erreichen wird. Ein gewagtes Experiment der Kommunikation über alle Grenzen hinweg. Der Mensch spricht sein Wort ins All.

Das weihnachtliche Geschehen ist in gewisser Weise noch einmal viel innovativer. Wenn es bei Johannes heißt, das Wort Gottes sei Fleisch geworden, liegt darin ein ungeheuerlicher Anspruch. Gottes Wort teilt sich anders als bei einem Schauspieler nicht durch einen Boten mit, wie es bei Mose oder den Propheten der Fall war. Es inkarniert sich selbst, ist selbst ein Mensch unter Menschen. Dass dieser Mensch die Niedrigkeit der menschlichen Wesen teilt und als Kind in Windeln in einem Stall erscheint, wäre für einen antiken Hörer kaum als mit dem göttlichen Wesen vereinbar empfunden worden. Es war eine Provokation. Was hier, im weihnachtlichen Geschehen wegfällt, ist die Hebebühne, die auf der einen Seite das innerweltliche Erscheinen des Gottes ermöglicht, auf der anderen Seite den göttlichen vom menschlichen Bereich weiterhin im gebührenden Abstand voneinander trennt. Hier betritt Gott den Boden des menschlichen Dramas mit eigenen Füßen. Gottes Weisheit wird zum „Earth song“ im wahrsten Sinn, zu einem irdischen Lied, zu einem irdisch begreif- und fassbaren Menschen. Gott gibt die Distanz auf.

Darin besteht die große Weisheit aber auch ein großes Geheimnis des christlichen Glaubens. Die Inkarnation ist das vollendete Zusammentreffen von Gott und Mensch. Sein Wort wird in Jesus Christus, sozusagen im Menschen von Nebenan hör- und sichtbar. Seine Lehre ist einfach. Sie lehrt den Glauben in irdischen Worten und Gleichnissen, sie verdeutlicht ihre Botschaft in einfachen Zeichen der Zuwendung, Heilung, Vergebung und Hingabe. Und unser irdisches Wort braucht keine weiten Reisen ins Weltall zu machen, sondern darf von Mund zu Ohr, von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. In diesem Wort Gottes, so das Johannesevangelium liegt das Leben und Leben ist das Licht der Menschen und dieses Licht leuchtet in der Finsternis. Das Wort, das Leben gibt, spricht somit in meine Wirklichkeit hinein, weitergeben und ausgelegt über Jahrhunderte und doch gleichfalls so nah, dass es im Zweifel diese Vermittlung gar nicht braucht. Gottes Sohn ist „Immanuel“, Gott mit uns. Sein Wort hat unter uns Wohnung genommen.

3 Kommentare zu „Gottes Wort – menschliches Wort

  1. ZITAT : Es ist das Ziel jeder Herrschaft, sich und die Stützen ihrer Macht zu festigen, sie zu «naturalisieren» […], sie ihrer geschichtlichen Gewordenheit zu entkleiden und «natürlich» erscheinen zu lassen. Also zu verschleiern, dass sie ein künstliches Produkt von Menschenhand ist. ZITAT ENDE

    QUELLE : Die Wahrheit über Eva — Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern | Carel van Schaik und Kai Michel; Rowohlt

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  2. Klasse! Ihr Blog hat mich über die Feiertage insgesamt sehr ermutigt,
    Dankeschön für diese neue Form!
    Das unaufgeregt fokussierte und geschmackvolle Design spricht mich ebenso an wie der Duktus der Predigten. Von jeder einzelnen bislang fühlte ich mich berührt und zum Nach-Denken eingeladen. Und obwohl es theologisch ja nicht zuerst um Geschmacksfragen geht,
    ist es sehr sehr tröstlich für den Leser, wenn Fragen und Antworten so oft zusammen passen und die Sprachbilder zu nächsten Schritten inspirieren.
    Ein echter Ausweg aus dem coronabedingten Mangel an Begegnungen, hat daher sofort ein „Zum Startbildschirm hinzufügen“ nach sich gezogen.
    Feinschwarz war auch eine feine Sache.
    Be blessed, take care, stay healthy please.

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